Ausgabe 07/2017 - Schwerpunkt Wettbewerb

Plötzlich Druck

• „In der dritten Klasse bin ich auf die Neue Schule Hamburg, die NSH, gewechselt. Wir waren 85 Schüler und hatten alle Freiheiten. Wir konnten selbst entscheiden, was wir tun und lernen mochten. Es gab keine Prüfungen, keine Noten, keinen Druck.

Am Anfang mussten wir erst einmal lernen, miteinander klarzukommen. Wir kamen ja aus ganz verschiedenen Schichten und Schulen. Das Alter reichte von Erstklässlern bis zu Teenagern. An meinem ersten Schultag habe ich ein paar Jungs kennengelernt, die wie ich Musik machen wollten. Also haben wir in der ersten Woche eine Band gegründet. Oft haben wir bis zu drei Stunden am Tag geprobt.

Wir haben aber auch Experimente im Labor gemacht, Tanzprojekte organisiert und Sport getrieben. Teilweise habe ich aber auch einfach in der Schule am Computer gespielt: „Second Life“ oder „Warcraft“. Wir hatten alle Freiheiten, und die haben wir auch genutzt. Durch das Computerspielen habe ich nebenher Englisch gelernt.

Meine Eltern haben mir sehr vertraut. Sie haben mich zwar gefragt, was ich den Tag über so mache, aber mir nie gesagt: Du musst dies tun oder jenes. Das hat gut funktioniert. Und irgendwann hat mir das Zocken auch nicht mehr so viel Spaß gemacht, und ich habe mich anderen Dingen gewidmet.

Ein Jahr vor den Prüfungen für den ersten allgemeinbildenden Schulabschluss habe ich dann ernsthaft angefangen zu lernen. Ich habe mich jeden Tag um halb zehn hingesetzt, bis zur Mittagspause gelernt, dann etwas gegessen, noch etwas gelernt, dann meine Freizeit genossen und bin am Nachmittag nach Hause gefahren. Nach einem Jahr habe ich dann die Prüfungen abgelegt und war für ein Jahr in Amerika.

Zwei Jahre später habe ich meinen mittleren Schulabschluss gemacht. In der Zeit habe ich all das aufgeholt, was andere in zehn Jahren lernen. Die Lehrer haben dabei natürlich geholfen, aber ich habe selbst entschieden, welches Fach ich wann und wie lernen mochte. Anfangs habe ich mich mit dem Schulstoff für die Prüfungen schwergetan. Aber es hat viel ausgemacht, dass ich es selbst lernen wollte. Und so stressig waren die Prüfungen dann am Ende auch nicht. Wir mussten uns sicher ein bisschen anstrengen. Aber an einer staatlichen Schule hat man das 12, 13 Jahre lang: diesen Druck, sich ständig beweisen zu müssen.

Klar, gab es auch an der NSH Wettbewerb, aber der hatte weniger mit der Schule zu tun. Da ging es eher um Sport. In der Pubertät wollten wir uns beweisen, wer der beste Skateboarder ist, der beste Fußballer, der beste Basketballer.

Nach dem mittleren Abschluss bin ich auf eine staatliche Schule gegangen, auf der ich im Moment meine Fachhochschulreife mache. Der größte Unterschied ist, dass die meisten nur für die Klausuren lernen und nicht, weil sie etwas interessiert. Im Unterricht sind ihnen die Themen eigentlich egal. Ich interessiere mich für das meiste wirklich. Ich merke auch, dass viele Schüler nie gelernt haben, selbstständig zu lernen.

Ich mag den Frontalunterricht. Das ist für mich ein Privileg. Ich genieße es sehr, dazusitzen und mir von jemandem Dinge erzählen zu lassen, die mich interessieren. Ich muss das jetzt nicht mehr alles selbst raussuchen oder recherchieren. Meine Noten sind auch sehr gut, obwohl ich gar nicht so viel dafür mache. Ich habe kürzlich meine Klausuren geschrieben. Die sind gut gelaufen. Ich werde mehrere Einsen im Zeugnis haben, viele Zweien, eine Drei. Jetzt muss ich nur noch meine Abschlusspräsentation halten, danach möchte ich gern studieren. Vielleicht Umweltwissenschaften. Ich habe viele Ideen.“ ---

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