Ausgabe 07/2017 - Schwerpunkt Wettbewerb

Plattform-Kapitalismus

Im goldenen Käfig

• Was haben Sie heute online getan? Bei Google eine Adresse gesucht, mit dem iPhone gemailt, Musik gehört und Fotos gemacht? Bei Facebook Klatsch gelesen? Bei Airbnb ein Zimmer gebucht? Bei Amazon ein Buch bestellt und in einem seiner Whole-Foods-Märkte eingekauft?

Falls Sie mehrere dieser Fragen mit Ja beantwortet haben, bedeutet das: Sie sind ein mehr oder weniger zufriedener Gefangener der Plattform-Ökonomie, von Konzernen also, die inzwischen die Infrastruktur der vernetzten Welt stellen. Ihre Produkte und Dienstleistungen sind so breit und tief gestaffelt, dass man die jeweilige Plattform bequemerweise so gut wie nie gegen die Dienste eines anderen Anbieters eintauschen muss.

Die Realität: Die Welt ist platt

Die Bequemlichkeit hat Folgen. Wer all seine Dokumente, Musik und Fotoalben in Apples iCloud ablegt und sie dann auf iOS-Geräten aufruft, bindet sich an das Unternehmen aus Cupertino. Wer sich über Facebook, Messenger oder dessen Töchter Whatsapp und Instagram austauscht, lässt sein Sozialleben größtenteils über die Server eines anderen kalifornischen Giganten laufen. Und wer sich für ein Android-Smartphone entscheidet oder einfach nur mit Google Informationen im Netz sucht oder Routen plant, bewegt sich auf dem Territorium eines dritten. Im Zweifelsfall legt ein moderner Internetnutzer einen Großteil seines digitalen Lebens nicht nur in die Hände einer, sondern gleich mehrerer dieser Firmen.

Das Gleiche gilt für Firmen: Start-ups und Mittelständler verlassen sich auf die großen Plattformen, weil das praktisch ist. Sie mieten Zugang zu den Rechenzentren von Amazon, Microsoft oder Google, um Computerkapazitäten und sogar künstliche Intelligenz zu nutzen, die sie sich sonst nie leisten könnten.

Wer sich als Fahrer in der sogenannten Gig Economy verdingen will, muss sich in den USA zwangsläufig für einen von zwei Diensten entscheiden: Uber oder Lyft – wiederum zwei kalifornische Plattformen, die sich erbittert um das Taxi-Geschäft streiten. Wer sich bei ihnen anmeldet, ist in einer der größten Fahrerbörsen der Welt gelistet und gefangen. Ubers Algorithmen entscheiden, wer wann zu welchem Preis welche Fahrgäste befördert oder nicht, und die Firma kassiert nicht nur immer eine Provision, sondern hortet zugleich alle Daten aus dieser Logistikvermittlung für andere Geschäftszwecke. Nur mit den normalen Verpflichtungen eines Arbeitgebers will das Unternehmen nichts zu tun haben – man sei ja nur Makler.

Hat ein Fahrer am Ende der Schicht genug verdient, um sich auszahlen zu lassen, dann geschieht das nicht aufs Bankkonto, sondern über den Umweg von zwei anderen Plattformen, die einen Großteil aller Online-Bezahlungen abwickeln: entweder über Paypal für Uber- oder Stripe für Lyft-Chauffeure.

Auf verschiedenen Geschäftsfeldern haben Plattformen die überwiegende Mehrheit aller Transaktionen auf sich vereinigt und bauen ihre Macht stetig aus. Google etwa besitzt beim Anzeigengeschäft rund um die Web-Suche 88 Prozent Marktanteil. Das Imperium von Facebook (einschließlich Instagram, Whatsapp und Messenger) wickelt 77 Prozent aller mobilen Chats ab und entscheidet, welche Posts entfernt oder wessen Konto annulliert wird. Schätzungsweise jedes zweite Buch in den USA wird über Amazon verkauft. Wenn die Firma aus Seattle ein Werk aus seinem Katalog nimmt oder nach neuen Kriterien listet, heult die Verlagswelt auf.

Sieht man sich das Geschäft mit Rechenleistung aus der Steckdose an, ohne die Tausende Firmen gar nicht online wären, liegt Amazon Web Services (AWS) mit mehr als 40 Prozent Marktanteil unangefochten vorn, in weitem Abstand folgen Microsoft, Google und IBM. So stammt der Großteil von Amazons Gewinn nicht aus dem Versand – der ist seit mehr als 20 Jahren ein Verlustgeschäft, und dient dazu, eine dominante Plattform für alle möglichen Services zu entwickeln. Gewinn wirft die Vermietung der ungenutzten IT-Ressourcen an andere Firmen ab, die auf dieser Plattform operieren können, statt eigene Rechenzentren anschaffen und modernisieren zu müssen. Fällt AWS allerdings aus, was hin und wieder passiert, gehen in weiten Teilen des Netzes die Lichter aus.

Die Entschuldigung: Monopole sind gut

Die Macht einiger weniger Plattformen ist also erheblich. Aber das sei gar nicht schlimm, im Gegenteil, behauptet Peter Thiel. Wenn jemand weiß, wie man auf Gewinner in der neuen Wirtschaft wettet, dann er. Thiel wurde damit zum Multimilliardär, unter anderem mit Investitionen in Paypal und Facebook, zwei der ersten Plattformen.

Gemeinhin wird der Erfolg von Amazon, Apple, Facebook, Google und Co. mit dem harten Wettbewerb begründet, der ständig neue Ideen an die Spitze befördere und den Rest aussortiere. Allein die vier Großen hatten Mitte Juni einen Marktwert von rund 2,3 Billionen Dollar – was fast der Wirtschaftskraft von Frankreich entspricht.

Was aber hat die Riesen so erfolgreich gemacht? Nicht die Konkurrenz, stichelt Thiel in seiner Fibel für technophile Kapitalisten namens Zero to One: „Wettbewerb ist für Loser.“ Wer langfristig Wert schaffen und für sein Unternehmen erfolgreich abschöpfen will, sollte ein Monopolist werden. Also eine Marke schaffen, die allein auf weiter Flur steht und Emporkömm-lingen keine Chance lässt, außer vielleicht der Hoffnung, vom Monopolisten geschluckt zu werden. Das sei etwas Posi-tives, argumentiert Thiel, denn moderne Monopole seien keine Preistreiber mehr, sondern hätten sich geläutert. „Kreative Monopolisten geben Kunden mehr Auswahl, indem sie völlig neue Formen des Überflusses schaffen. Kreative Monopole sind nicht nur gut für den Rest der Gesellschaft. Sie sind gewaltige Triebkräfte, um sie zu verbessern.“

Diese These ist eine wohlkalkulierte Attacke auf die klassische Ökonomie, in der Handel und Wandel nach dem Gleichgewicht als Idealzustand streben. Ein völlig veralteter und damit falscher Ansatz für die digi-tale Ära, behauptet Thiel, der am liebsten mit provokativen Positionen aneckt – inklusive seiner öffentlichen Unterstützung für US-Präsident Donald Trump. „Wettbewerb ist nicht der Idealzustand“, behauptet Thiel, sondern „ein historisches Überbleibsel.“ Ökonomen hätten ihre Modelle von Physikern im 19. Jahrhundert abgeschaut. Der Gleichgewichtszustand des perfekten Wettbewerbs sei leicht mathematisch darzustellen, aber er sei kein Abbild des besten Geschäftsgebarens.

Folgt man Thiels Logik, führt ein Gleichgewicht zu Stillstand. Seine Alternative ist eine Art Wild-West-Logik fürs 21. Jahrhundert. Wer die Konkurrenz ausradiert, tut nicht nur Investoren (wie Thiel) etwas Gutes, die dank Plattformen ihre Rendite ins Astronomische erhöhen können: „Die Geschichte des Fortschritts besteht aus etablierten Monopolen, die von überlegeneren Monopolen abgelöst werden. Monopole treiben den Fortschritt an, weil die Aussicht auf Jahre oder sogar Jahrzehnte von Monopol-Gewinnen einen gewaltigen Anreiz bietet, innovativ zu sein.“

Diese Theorie vom guten Monopol passt perfekt zum Sendungsbewusstsein der Tech-Unternehmer, die die Welt mit neuen Diensten und Apps beglücken wollen. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg etwa verkauft die übermächtige Rolle seines Unternehmens als historischen Fortschritt. „Im Laufe unserer Geschichte haben wir gelernt, uns zu immer größeren Gruppen zusammenzufinden. Schritt für Schritt haben wir dabei die gesellschaftliche Infrastruktur wie Gemeinschaften, Medien und Regierungen geschaffen, um gemeinsam die Dinge zu erreichen, die uns allein verschlossen geblieben wären.“ Facebooks Plattform, die die Gedanken und Wünsche, Klatsch und Tratsch von Milliarden Menschen bündelt und ihnen permanent Werbung zuspielt, ist demnach ein kultureller Meilenstein.

Das Problem: Was ist ein Monopol?

Wettbewerbsschützer haben an dieser Umdeutung zu knabbern, denn früher erkannte man Monopolisten daran, dass sie ihre beherrschende Stellung ausnutzten, um die Preise nach oben zu schrauben. In einer Welt, in der Endverbraucher viele dieser Dienste entweder „gratis“ oder für geringe Gebühren erhalten und Rechenleistung immer billiger wird, greift diese Definition nicht mehr.

Kunden zahlen für die Dienste der Plattformunternehmen mit ihren Daten. Google & Co. sammeln diese, bereiten sie auf und verwandeln sie in Profit. Die gebündelten Informationen darüber, wer sich was wie lange ansieht oder anklickt, sind Milliarden wert: Allein Google wird in diesem Jahr knapp 74 Milliarden Dollar Umsatz mit seinem Anzeigengeschäft verdienen – das ist ein Drittel des globalen digitalen Werbemarkts.

Der britische Ökonom Nick Srnicek hält die Plattformen für eine logische Weiterentwicklung der Marktwirtschaft. „Der Trend zum Outsourcing und weg von menschlicher Arbeitskraft ist nicht neu. Aber da sich aus der Fertigung immer weniger Gewinn ziehen lässt, hat sich der Kapitalismus den Daten zugewandt, um eine neue Wachstumsquelle zu erschließen“, sagt er. „Eine Plattform ist ein neues Geschäftsmodell, mit dem sich gewaltige Datenmengen gewinnen und kontrollieren lassen.“ Er sieht darin die Fortsetzung eines altbekannten Systems von Ausbeutung und Wettbewerbsausschluss mit neuen Mitteln und neuen Parolen.

„In Zukunft sind nicht mehr die Verbraucher von den Monopolisten abhängig, sondern andere Firmen, die ohne diese Plattformen nicht auf den Markt kommen können“, sagt Nick Srnicek. Internetdienste und ihr Effekt auf Branchen wie das Verlagswesen sind für ihn nur der Anfang, denn früher oder später drehe es sich in der gesamten Wirtschaftswelt vorrangig um Daten und deren automatische Auswertung, zu der nur große Plattformen mit leistungsstarken Rechnern und Software für künstliche Intelligenz in der Lage seien. Jedes neue Gerät und jeder neue Sensor, den Unternehmen wie Amazon oder Google in einem Haushalt oder am Arbeitsplatz platzieren, diene vor allem diesem Ziel: engmaschig Daten zu sammeln und sie zur Auswertung in ihre Plattform zu kanalisieren.

„Egal ob es um die Landwirtschaft, Transport oder das Internet der Dinge geht – große Unternehmen wie Siemens oder General Electric investieren Milliarden in Plattformen und werden den Zugang dazu an andere Firmen vermieten“, sagt Srnicek. Wer fortan mit Sensoren und Software einer großen Plattform seine Fertigung überwachen, Mitarbeiterproduktivität optimieren oder seinen Ernteertrag steigern wolle, müsse sich für eines dieser Imperien entscheiden und werde an ihren Diensten nicht vorbeikommen. Die Kluft zwischen Firmen, die auf diesen Plattformen arbeiten, und denen, die es nicht tun, werde wachsen, erwartet Srnicek. „Die Unternehmen, die außen vor sind, werden den Druck auf Plattformen erhöhen, ihre Preise zu senken, und die Plattformen werden zurückschlagen, indem sie den Wechsel zu einem anderen Anbieter teurer und schwerer machen.“

Dabei ist eine moderne Plattform nicht per se fragwürdig. Sie entwickelt nur schneller denn je eine dominante Stellung, weil sie sich alle Hebelwirkungen moderner Technik zunutze machen kann. Wer genügend Kunden hat, lockt aufgrund des Netzwerkeffekts noch mehr an. Das schafft langfristige Bindungen und verhindert, dass jemand zur Konkurrenz wechselt – im Fachjargon Lock-in-Effekt genannt.

Michael Pachmajer von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers in Frankfurt am Main gibt Srnicek recht, dass wir in einer Welt des Plattformkapitalismus leben, aber er hält das nicht für grundsätzlich schlecht. „Die am höchsten bewerteten Unternehmen der Welt mit den größten Bargeldreserven sind heute Plattformunternehmen. Sie verfügen über sämtliche Kommunikations- und Transaktionsdaten, die auf ihrer Plattform erzeugt werden, und erlangen dadurch einen Wettbewerbsvorteil.“ Das Wissen über den einzelnen Kunden, so Pachmajer, sei der Schlüssel zum Erfolg.

Gehört den Plattformen also die Zukunft? Und welche Folgen hätte das?

Jede Firma, die auf einer bestehenden Plattform aufbaut oder andockt, um dort ihre Waren oder Dienste anzubieten, lässt sich auf einen gefährlichen Tauschhandel ein. In Googles Suchergebnissen aufzutauchen oder in Amazons Katalog gelistet zu sein, kann den kommerziellen Durchbruch bringen. Aber ein Start-up oder ein Mittelständler wird zugleich zum Werbeträger des Plattformbetreibers. Jeder neue Fahrer für Uber etwa erhöht die Anziehungskraft dieses Dienstes, ohne jedoch viel Einfluss auf die Rahmenbedingungen seiner Arbeit nehmen zu können.

„Die Dienste sind vom Kunden her gedacht und anwenderfreundlich. Nutzer bezahlen diese Vorteile mit Abhängigkeit und persönlichen Daten“, sagt Pachmajer. Im Extremfall können Plattformbetreiber den Kunden ihr Angebot diktieren. „Konsumenten müssen sich gut überlegen, auf welches digitale System sie setzen, ein Wechsel wird bei intensiver Nutzung immer schwieriger. Preis, Angebotsvielfalt und Servicequalität verschlechtern sich.“ Wer etwa sein Konto bei einem Streaming-Anbieter wie Netflix oder Apple Music kündigt, kann die über Jahre gepflegte Musik- oder Filmsammlung nicht einfach zur Konkurrenz mitnehmen. Und wer sich einmal ans Einkaufen bei Amazon gewöhnt hat, bemerkt in der Regel nicht, dass der Versandhändler keineswegs immer das billigste Angebot hat. Und welcher andere Einzelhändler kann es sich leisten, rund der Hälfte seiner Stammkunden eine Jahresgebühr abzuverlangen, um ihnen das Bestellen und Geldausgeben mit Amazon Prime schmackhafter zu machen?

Die Kombination aus Daten und Komfort hat weitreichende Konsequenzen, die sich anders als bei der klassischen Preistreiberei nur schwer beziffern lassen. Ein Anbieter wie Amazon oder Google kann bestimmte Produkte, etwa aus dem eigenen Sortiment, prominent präsentieren oder jedem Kunden einen anderen Preis anzeigen. So hat Amazons siebter stationärer Buchladen, der erste in Manhattan, weder Preisschilder noch eine traditionelle Bestsellerliste. Jeder Besucher muss diese Angaben mit einer App aufrufen – und sieht mit großer Wahrscheinlichkeit andere Informationen als der Kunde neben ihm.

Der Amazon-Gründer Jeff Bezos versuchte diese neue Marktmacht so schönzureden: „Nicht Amazon macht dem Buchgeschäft zu schaffen, sondern die Zukunft.“ Was allerdings von der Tatsache ablenkt, dass der datenbasierte Kapitalismus von den Plattformen geschaffen wird. Apple, Amazon, Facebook, Google und Microsoft werden in diesem Jahr rund 60 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung investieren – ohne Garantie, dass die daraus entstehenden Innovationen nicht nur ihrer Bilanz, sondern auch der Gesellschaft zugute kommen.

Die Macht der Plattformen hat auch handfeste Folgen für eine lebendige Demokratie, wie die anhaltende Debatte um Facebooks Einfluss als Nachrichtenquelle zeigt. Das Netzwerk entscheidet in oft nicht verständlicher Weise, welche Nachrichten wie platziert werden, was als Fake News gilt oder gar nicht erst sichtbar ist. Dieser Zensurinstanz liefert sich jeder aus, der seine Inhalte auf Facebook stellt. Ein Plattformbetreiber wie Apple kann Apps und andere Inhalte aufgrund von politischem oder wirtschaftlichem Druck entfernen, sodass sie plötzlich aus der persönlichen Sammlung verschwunden sind.

Der Standard: Start-ups lieben Plattformen

Für viele neu gegründete Firmen stellt sich die grundsätzliche Frage nach der Kontrolle gar nicht, weil sie keine Alternative haben, wenn sie schnell und mit begrenzten Ressourcen loslegen wollen. Wer sich mit seinen Mitarbeitern austauschen möchte, vernetzt sein Team auf Slack; wer die Besuche auf seiner Website verfolgen will, benutzt Google Analytics; wer Kundenkontakte verwalten will, setzt Salesforce ein. Die Liste lässt sich beliebig verlängern, aber die Kernaussage bleibt dieselbe: Für viele Gründer führt kein Weg an Plattformdiensten vorbei.

Als der Zahlungsdienst-Anbieter Stripe Anfang 2017 mehr als 200 Mitarbeiter und Programmierer von deutschen Start-ups befragte, auf welche Services von Dritten sie sich verlassen, sagten 90 Prozent, dass Plattformen die wichtigste Voraussetzung sind, um ein neues Geschäft zu beginnen. Zwei Drittel gaben an, dass es ihre Firma ohne Plattformen gar nicht gäbe.

An Stripe, 2010 in San Francisco gegründet, lässt sich gut beobachten, wie man eine moderne Plattform einführt, die rein technisch betrachtet zwar nach vielen Seiten offen ist, aber unterm Strich neue Abhängigkeiten schafft. Die Firma bietet die Infrastruktur, mit der jeder Gründer mit ein paar Klicks Zahlungen leisten und empfangen kann. Obwohl die wenigsten je von Stripe gehört haben, hat jeder zweite US-Bürger nach Unternehmensangaben im vergangenen Jahr etwas von einem Stripe-Kunden gekauft. In Deutschland nutzen bislang nur ein paar Testkunden den Dienst.

Mittlerweile ist Stripe in 25 Ländern aktiv und hat sich als Partner für andere Plattformfirmen etabliert – etwa für Lyft, das alle Fahrer automatisch mit einem Konto bei Stripe ausstattet, über das sie ihr Guthaben aufs eigene Bankkonto überweisen können. Wer die gesamte Zahlungsabwicklung seines Unternehmens auslagere, sagt die Stripe-Managerin Cristina Cordova, könne sich „auf sein Wachstum konzentrieren“ – und übernimmt nebenbei für Stripe die Rekrutierung neuer Kunden.

Mit einem Programm namens Atlas ist das Unternehmen noch einen Schritt weitergegangen und kümmert sich um (fast) alle Belange eines Start-ups. Das Ziel lautet, eine Art „Amazon Web Services für den Handel zu werden“, sagt Cordova. Ein Onlineformular genügt, und Stripe besorgt den Rest – von der Registrierung im Staat Delaware über die Beschaffung einer Steuernummer, die Vermittlung eines Anwalts und Steuerberaters bis zum Geschäftskonto bei der Silicon Valley Bank mit automatischer Verknüpfung eines Stripe-Kontos, versteht sich.

„Einfacher geht’s kaum. Wir haben dank Stripe mehrere Wochen gespart“, sagt Cat Noone, die gerade mithilfe von Atlas ihre zweite Firma gegründet hat. Deren Produkt ist die iPhone-App „Iris“, die durch Ortsdaten verfolgt, wo sich ein Nutzer gerade aufhält und automatisch nachfragt, ob alles in Ordnung ist, sobald man ein Krankenhaus betritt. Bleibt die Antwort aus, benachrichtigt die App automatisch zwei vorher definierte Angehörige oder Verwandte, verweist sie aufs Krankenhaus und zeigt auf dem Handy Patientendaten für die behandelnden Ärzte an.

Damit Iris wie geplant funktioniert, müssen Noone und ihr Team eine akkurate und aktuelle Datenbank aller Krankenhäuser anlegen – anfangs in mehreren amerikanischen Großstädten sowie in Berlin, wo die Gründerin vor ihrer Rückkehr in die USA lebte. Für alle anderen Aspekte ihres Geschäftes verlässt sie sich komplett auf Drittanbieter wie Stripe, von der Gründung und Zahlungsabwicklung über Landkarten von Apple und Google bis zur präzisen Lokalisierung jedes Kunden-Handys.

„Von Anfang an mit Stripe zu arbeiten war wie ein Extra-Mitglied im Team zu haben – ein verlässlicher Partner, den man kaum ersetzen kann“, sagt die Unternehmerin. Entsprechend schwer kann sie sich vorstellen, auf einen anderen Dienst umzusteigen. Ersatz für das finanzielle Herzstück ihres Start-ups zu finden würde „viel Recherche und Zeit kosten“. Dennoch hat Noone keine Angst, zur Geisel zu werden: „Plattformen sparen uns Zeit und Geld. Sie machen uns Kleine effizienter und nehmen etwas vom Druck raus.“ Über Monopol-Macht mache sie sich keine Sorgen, sagt sie. „In diesem Spiel gibt es so viele Teilnehmer, dass nie nur einer übrig bleiben wird. Die Kreativität der Start-up-Gemeinde ist ein eingebauter Kontrollmechanismus gegen übermächtige Firmen.“

Andere sind sich da weniger sicher. Amazon wird „die Welt verschlingen“, warnte der Serienunternehmer Zack Kanter jüngst in einem Gastbeitrag für den Branchenblog Techcrunch. Und zwar nicht wegen Amazons verheerender Auswirkungen auf den klassischen Einzelhandel, sondern weil seine Logistik- und IT-Plattform einen so großen Vorsprung aufgebaut habe, dass niemand den Konzern einholen könne – nicht einmal der Einzelhandels-Riese Wal-Mart.

„In den rund zehn Jahren seit dem Start von AWS hat Amazon systematisch jedes seiner internen Werkzeuge zu einem Dienst umgebaut, den Dritte nutzen können“, sagt Kanter. Das sorge nicht nur für Umsätze, sondern auch für Informationen darüber, ob es noch irgendeine Nische gibt, in der die Konkurrenz möglicherweise besser ist. Mit anderen Worten: Jedes Start-up, das auf Amazons Plattform seine Gehversuche macht, versorgt den Online-Versandhändler in Seattle mit kostenloser Marktforschung und zeigt ihm, Klick für Klick, wo er Nachholbedarf hat.

Sobald sich Amazon die Bio-Supermarktkette Whole Foods einverleibt hat, kann das Unternehmen seine Logistikplattform auf einen Schlag um mehr als 400 Ladengeschäfte in wohlhabenden Gegenden erweitern. Von diesen Standorten kann es zum allgegenwärtigen, privaten Kurierdienst für seine Kunden werden und gleichzeitig kleinteilige Daten über ihr Offline-Einkaufsverhalten sammeln. Wer sich in dieser geschlossenen Amazon-Welt bewegt, benötigt fortan weder die Post oder UPS noch die Dienste vieler Start-ups, die etwa frische Zutaten zum Kochen nach Hause liefern.

„Plattformen bringen jede Menge Nachteile mit sich“, räumt ein ranghoher Manager bei Amazon ein, der sich nur anonym äußern will. „Sie würgen die Innovation ab – es gibt unterm Strich weniger Neugründungen als noch in den Neunzigerjahren. Sie reduzieren die Auswahl für Kunden und können zu Missbrauch wie Preisabsprachen führen. Noch haben diese neuen Monopole zu viel durch Expansion zu gewinnen, als dass sie die Preise heraufsetzten. Das kommt noch.“

Ungeachtet rhetorischer Tricks von Männern wie Thiel oder Zuckerberg, die Plattformen zu etwas unerhört Neuem erklären, um sie aus der Schusslinie zu nehmen, gibt es eine klassische Waffe, um Monopole zu zerschlagen oder ihren Einfluss zu begrenzen. Mit Gesetzen lassen sich überhöhte Preise senken, Dienste auch für die Schwächsten der Gesellschaft sicherstellen sowie wichtige Innovationen dem Rest der Volkswirtschaft zugängig machen. Auch die Entscheidung der EU, Plattformen wie Uber nicht als neutralen Informationsdienst, sondern als ganz normalen Transportservice mit normalen Pflichten zu behandeln, weist in diese Richtung.

Der Kampf gegen scheinbar natürliche Monopole – Unternehmen, die sich weitgehend konkurrenzlos um die Grundversorgung einer Gesellschaft wie Telekommunikation, Strom oder Wasser kümmern – ist noch gar nicht so lange her.

So spaltete das amerikanische Telefon-Monopol AT&T Mitte der Zwanzigerjahre seine Forschungseinheit ab und wurde in den Fünfzigerjahren von der US-Regierung verpflichtet, seine alten Forschungsergebnisse frei zugänglich zu machen und künftige Patente gegen eine geringe Lizenzgebühr zu öffnen, statt sie zur Erhaltung der eigenen Macht zu horten. Bislang unterliegt keine der großen Plattformen solchen Auflagen, die Verantwortlichen können sich auf „Geschäftsgeheimnisse“ berufen, wenn Aufsichtsbehörden oder Konkurrenten Einblick in Prozesse verlangen, die wie Googles Suchalgorithmus oder Facebooks Newsfeed zu De-facto-Betriebssystemen der modernen Welt geworden sind.

Ein solcher vom Staat erzwungener Wettbewerb bedeutet keineswegs Stillstand. Die Öffnung von Bell Labs zum Beispiel sorgte für die Gründung vieler inzwischen legendärer Computer- und Telekom-Firmen, von Motorola bis Unix. Diese wiederum sind längst vom Wettbewerb hinweggefegt worden, doch auf ihren Ruinen ragen heute die Plattformen des modernen Silicon Valley auf. ---

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