Ausgabe 07/2017 - Schwerpunkt Wettbewerb

Behindertengerechte Fahrzeugumbauten

Arnolds Sinn für Autonomie

• An einem Abend im August 1996 fällt Roland Arnold die Entscheidung seines Lebens. Es gießt aus Kübeln. Er parkt seinen Wagen auf einer Raststätte bei Chemnitz. Möchte schnell und möglichst trocken auf die Toilette. Auf dem Rückweg sieht er eine Frau, die sich damit abmüht, ihren querschnittgelähmten Mann vom Rollstuhl auf den Beifahrersitz zu hieven. Beide sind schon durchnässt vom Regen. Arnold will schon losfahren, doch dann rutscht der Mann zwischen Rollstuhl und Beifahrersitz durch die Arme seiner Frau auf den nassen Asphalt. Arnold macht den Motor aus. Rennt hinüber. Zusammen helfen sie dem schweren Mann auf, der dazu noch von einer Spastik befallen wird.

Um sich abzutrocknen, geht Arnold mit der Frau in die Raststätte. Redet mit ihr. Erfährt, dass sie davon träume, dass nicht jede Autofahrt zu einem kräftezehrenden Abenteuer wird. Dann verabschiedet er sich von der Frau. Jahre später wird er sie und ihren Mann wiedersehen. Als seine Kunden.

Roland Arnold, 52, ist ein klein gewachsener Mann mit großem Selbstbewusstsein, seine 170 Mitarbeiter nennen ihn Role. „Ich sag’ es ehrlich“, sagt er im Dialekt der Schwäbischen Alb, mit dem er mit jedem redet, selbst mit Angela Merkel, „etwa Geileres, wie diesen Job zu machen, gibt es nicht für mich.“

Er ist Chef der Paravan GmbH in 72539 Pfronstetten-Aichelau, Paravanstraße 5–10, und damit nach eigenen Angaben Weltmarktführer einer Nischenbranche: behindertengerechte Umbauten von Fahrzeugen. 2016 rüstete die Firma mehr als 500 Autos um. Machte damit mehr als 20 Millionen Euro Umsatz.

Arnold schaut auf die Uhr. Es ist 9.30 Uhr. Um elf findet in der Produktionshalle die Übergabe eines fertigen Autos statt. Die Kundin heißt Anna Kuhn (Name geändert), Jahrgang 1983, aus Tübingen. Arnold will bei der Übergabe unbedingt dabei sein. Das sei immer ein magischer Moment, sagt er, weil das Auto für Menschen mit schwersten Behinderungen ein unfassbares Glück bedeute und die Übergabe ein Gefühl von zurückgewonnener Freiheit auslöse.

Jeder Kunde ein Schicksal

Anna Kuhns Krankengeschichte beginnt im Kindesalter. Sie fällt oft hin. Wirkt tollpatschig. Irgendwann vermuten die Eltern, dass da etwas nicht stimmt. In einem Wanderurlaub in Südtirol 1992 wird daraus Gewissheit. Sie sitzt auf einer Bank, sagt: „Ich komm’ nicht mehr hoch.“ Fünf Jahre später steht die Diagnose fest: Muskeldystrophie vom Typ LGMD 2D. Eine Erbkrankheit, die zu Muskelschwund führt. Mit 15 bekommt Kuhn ihren ersten Rollstuhl, nur für längere Strecken. Mit 19 macht sie Abitur, kann da kaum noch laufen. Fängt ein Psychologiestudium in Jena an. Die Eltern kaufen ihr ein Auto, lassen es umbauen, sodass sie mit den Händen bremsen kann. Gas gibt sie mit dem Fuß, dafür reichen die Kräfte gerade noch. Doch die Krankheit schreitet voran.

Als Kuhn 25 ist, kann sie nicht mehr fahren, noch nicht mal mehr selbstständig ein- und aussteigen. Am Ende des Studiums fahren die Eltern sie häufig nach Jena. Danach will sie eine Ausbildung zur Psychotherapeutin in Stuttgart machen und wünscht sich nichts so sehr, wie wieder Auto fahren zu können. Sie bekommt einen Tipp und fährt mit ihren Eltern und ihrem Lebenspartner im Januar 2010 nach Aichelau, zu Roland Arnold. Einer seiner Mitarbeiter ermittelt über zwei Tage in aufwendigen Tests, über welche Restkräfte in Händen, Armen, Beinen und Füßen Anna Kuhn noch verfügt. Weitere Spezialisten spielen durch, wie die Behinderung zu kompensieren ist, und kalkulieren, dass der Umbau des Autos etwa 85 000 Euro kosten wird.

Kuhn reicht einen Antrag auf Kostenerstattung bei der Agentur für Arbeit ein. Doch der wird umgehend abgelehnt. Erstens habe sie mit dem Studium schon eine Ausbildung absolviert, und Zweitausbildungen würden nicht gefördert. Außerdem sei völlig unklar, ob sie nach dieser Ausbildung überhaupt noch in der Lage sei, irgendein Fahrzeug zu lenken. Sie reicht Klage ein.

Nachdem diese abgelehnt wird, wendet sie sich an Paravan. Die Vertriebsmitarbeiter kennen sich mit dem Thema aus und helfen ihr, Rechtsmittel einzulegen. Das Unternehmen hat ein großes Interesse daran, dass die Kunden gefördert werden. Ein Großteil der Aufträge käme sonst nicht zustande. Dreimal reicht Kuhn Klage ein, zweimal zieht sie vor Gericht. Anfang 2016, sechs Jahre nach ihrem Antrag auf Förderung, erhält sie endlich das erlösende Urteil. Sie hat da ihre zweite Ausbildung bereits beendet und arbeitet als Psychotherapeutin.

Unmittelbar nach dem endgültigen Urteil beginnt in Aichelau der Umbau von Kuhns Wagen. Das Auto wird komplett entkernt und neu zusammengesetzt, es werden Kilometer von Kabel eingebaut, die die hochsensible Elektrik benötigt, Rampen verbaut und Schienen auf dem Fahrzeugboden verlegt. Neun Monate später kommt Kuhn zur Anpassung, wie man bei Paravan sagt. Das ist der finale Feinschliff, der eine Woche dauert und bei dem Kuhn die ganze Zeit vor Ort ist. Alles wird millimetergenau auf sie angepasst, jeder Hebel, jede Halterung und jede Fixierungshilfe für die von ihr nicht zu kontrollierenden Körperteile sowie der genaue Neigungswinkel der ausfahrbaren Rampe, die Platzierung der Spiegel, der Anzeigenelemente und der per Sprachsteuerung auslösbaren Sonnenblende. Gleich ist alles fertig, gleich darf Anna Kuhn den Motor anlassen und mit ihrem Auto nach Hause fahren.

Menschen wie sie wieder mobil zu machen, begeistert Roland Arnold. Allein der Gedanke hatte ihn sofort nach seinem Schlüsselerlebnis elektrisiert, im August 1996 auf der Raststätte bei Chemnitz. Als er sich damals auf den Weg zurück ins Schwäbische macht, arbeitet es in ihm, und zu Hause angekommen, steht sein Entschluss fest: „Das mach’ ich.“ Autos für Menschen mit Behinderung. Damit gutes Geld verdienen in doppeltem Sinne.

Kurz darauf fährt er quer durch die Republik. Schaut sich alles an, was es schon gibt auf dem ihm vollkommen unbekannten Markt. Wird fündig, indem er nichts findet. Zumindest nichts, was ihn zufriedenstellt. Nur kleine Lösungen. Da mal eine schmale Einstiegsrampe für Rollstühle. Dort mal eine Lenkhilfe. „Das war alles nichts Gescheites“, sagt Arnold. Dass er es besser hinbekommt, davon ist er damals überzeugt. „Ich wollte von Anfang an großes Kino.“

 

Mobilität dank Technik: Ein Knopfdruck genügt, schon wird der Rollstuhl automatisch ein- oder ausgeladen

 

Der Selfmade-Mann

In Aichelau, einem 300-Einwohner-Ort, kommt die Idee mit den Autos für Behinderte erst gar nicht so gut an. Der hat doch einen Vogel, sagen die meisten. Weil man hier, auf der Schwäbischen Alb, in der Regel eher mit einem recht pragmatischen Ansatz an die Dinge herangeht. Und hier gebe es doch gar nicht so viele Menschen mit Behinderung. Dass Arnold in dem Ort schon länger kritisch gesehen wird, kommt erschwerend hinzu. Er, der lispelnde Halbwaise, der sich wohl zu fein sei, um in irgendwelchen Vereinen zu sein („Ich war halt immer damit beschäftigt, mein Geschäft aufzubauen“), der gerade mal die Hauptschule schaffte und sich trotzdem mit dem Reifenhandel eine goldene Nase verdient hat, den er gleich nach seiner Automechanikerlehre eröffnete, ohne dass er selbst einen Meisterbrief hat. Das sei vielen ein Dorn im Auge gewesen. „Auf einem Dorf“, sagt Arnold, „war und ist halt auch immer Neid und Missgunst daheim.“

Neid müsse man sich erarbeiten, Mitleid kriege man geschenkt. Und Mitleid wollte er nie, dann doch lieber Neid. Am liebsten von denen, deren Eltern eine große Landwirtschaft hatten, die noch in den Siebzigern, in denen Arnold aufwuchs, quasi die Gutsherren des Dorfes waren. Deren Kinder 100 Mark in der Tasche hatten und er nur zehn. Die von ihren Eltern auf die höheren Schulen nach Reutlingen oder Tübingen geschickt wurden. Wo er nur die Hauptschule machen konnte.

„Obwohl i ja net uff dr Supp dahergschwomma bee“, sagt Arnold. Was auf Hochdeutsch bedeutet: obwohl ich ja nicht dumm war. Aber er musste eben seit Kindertagen schon auf dem heimischen Hof mit anpacken. Weil der Vater gestorben ist, 1971, bei einem Brand. „Da war ich dabei.“

Als Sechsjähriger sitzt er mit seiner zwei Jahre älteren Schwester zusammen mit dem Vater auf dem Traktor, unterwegs in das zum Arnoldschen Hof gehörende Waldstück. Die Mutter ist mit seiner anderen Schwester und dem Bruder beim Einkaufen. Während der Vater mit dem Frontlader Reisig zusammenschiebt, sitzen die Kinder 100 Meter entfernt auf einem Hochsitz und spielen. Der Traktor wirft einen Funken, und das Reisig gerät in Brand. Arnolds Vater will das Feuer mit einer Schaufel ersticken. Wird durch die Rauchentwicklung ohnmächtig und fällt in die Flammen. Die Kinder sehen erst nur den Rauch und denken, der Vater wolle Würstchen braten. Als sie hinüberrennen, ist er schon tot. „So einen Anblick vergisst man natürlich sein Leben lang nicht“, sagt Arnold. Die Mutter heiratet nicht mehr. Ist fortan allein mit dem Hof, acht Kühen und vier Kindern, von denen Roland Arnold das jüngste ist. „Vielleicht“, sagt er, „war dieses Erlebnis der Auslöser dafür, dass ich immer dieses Schaffer-Gen in mir hatte.“

 

Hat viele Jahre darauf gewartet, wieder Auto fahren zu können: Anna Kuhn

 

Mission Prototyp

Im März 1997 lässt er sein neues Unternehmen im Handelsregister eintragen. Auch um den Namen der neuen Firma zu schützen, an dem er wochenlang feilte: Paravan. Ein Akronym aus Paraplegie, dem medizinischen Begriff für Querschnittlähmung und Van, weil das damals wie heute die bevorzugte Fahrzeuggattung für behindertengerechte Umbauten ist.

Die Namensfindung aber ist nur der Anfang. Er kauft einen gebrauchten Van und beginnt mit seinem ersten Umbau. Allein. Abends, nach Geschäftsschluss. Wobei ihm zu Hilfe kommt, dass er seit eh und je ein Tüftler ist, der schon als Jugendlicher auf dem heimischen Hof Anbauten für den Traktor zusammenschweißte, weil das Geld für neue, teure Gerätschaften fehlte. Und dazu ein begnadeter Automechaniker, auch ohne Meisterbrief. Sagt der Bürgermeister der Gemeinde Pfronstetten, Reinhold Teufel, der ihn schon seit Kindertagen kennt. „Der hat in seiner Werkstatt Fahrzeuge wieder zum Laufen gebracht, die man eigentlich nur noch verschrotten konnte.“

Arnold schweißt, schneidet, fräst wie besessen an seinem ersten Prototyp. Schließt am Ende seine Werkstatt zwei Wochen zu, um zusammen mit seinen drei Mitarbeitern den Feinschliff hinzubekommen. Die Pläne für den Umbau sind im Grunde eine Zusammenfassung aus allem, was er auf seinen Reisen bei der Konkurrenz gesehen hatte. Und dazu ließ er noch seine eigenen Ideen einfließen, die ein befreundeter Ingenieur für ihn zu Papier brachte, den er kannte, weil Arnold für einige Zeit einziger Reifenhändler der Region war und der Ingenieur sein Kunde. Und auch weil Arnold seit jeher ein Mensch ist, der schnell mit allen ins Gespräch kommt. Acht Monate und viele Hundert Stunden Arbeit später ist der Prototyp endlich fertig. Der Unterboden ist zehn Zentimeter tiefer als bei der Konkurrenz, dadurch die Einstiegswinkel der Rampen deutlich flacher. Und die Rampe, „das war unser eigentlicher Clou“, verschwindet in einem Schacht im Unterboden. Das gab es sonst nirgends. Bei allen anderen stand die Rampe irgendwie und irgendwo im Fahrzeug. Tropfte bei Nässe, stand immer im Weg.

Arnold geht auf jede Messe. Wird kritisch beäugt von der Konkurrenz. Was ihn bestärkt. Bekommt schließlich erste Aufträge. Bald schon ist seine Werkstatt fast nur noch mit Umbauten beschäftigt. Er schaltet Anzeigen, mit denen er Mechaniker und Ingenieure anwirbt. 1998 sind es sieben Umbauten. Ein Jahr später 18. Im Jahr 2000 dann schon mehr als 40. Da ist in der Werkstatt längst nicht mehr genügend Platz. Gegenüber liegt viel freie Fläche am Ortsrand. Die hätte er gern.

Der Arnold schon wieder, heißt es im Ort, in dem die meisten Leute es immer noch für keine gute Idee halten, mit behinderten Menschen Geld zu verdienen. „Das waren lange und lautstarke Sitzungen im Gemeinderat“, sagt Bürgermeister Reinhold Teufel. Eine Unterschriftenaktion gegen die Erschließung des Baugebiets durch Arnold wird gestartet. 80 Prozent der Dorfbewohner unterschreiben. Auch der Bürgermeister. „Aber je größer der Arschtritt, den ich kriege, umso stärker wird meine Motivation“, sagt Roland Arnold. Am Ende setzt er sich durch. Argumentiert damit, dass es doch vielleicht wünschenswert wäre für einen kleinen Flecken wie Aichelau, wenn jemand wie er ihn bekannt machen würde.

Ein Jahr später steht das erste Firmengebäude. Für das er das erste Mal im Leben einen Kredit aufnimmt. Um die Banken zu überzeugen, verzichtet er zunächst darauf, die Firma als GmbH eintragen zu lassen, sondern haftet persönlich. 2003 hat er erstmals mehr als 100 Aufträge und arbeitet fast rund um die Uhr. Er will sich absetzen von der Konkurrenz, die am deutschen Markt aus knapp 100 Firmen besteht. Die meisten sind kleine Werkstattbetriebe. Es ist ein relativ statischer Markt, jeder in seiner Nische. Arnold erfährt von einer Idee aus den USA: Drive-by-Wire. Lenken, fahren, bremsen, alles ohne mechanischen Aufwand. Das ist es, das will er in seinen Fahrzeugen haben. Damit könnte er sogar Menschen mit Schwerstbehinderung, von denen sich die Konkurrenz fernhält, wieder zu mehr Mobilität verhelfen.

Im Oberschwäbischen findet er in der Rafi GmbH den führenden Entwickler von Steuergeräten, unter anderem für Audi und Mercedes-Benz. Doch bei dem Chef, „einem Herrn Wasmeier“, bekommt er zunächst keinen Termin. Also lässt er noch mal anrufen. Und noch mal. Und ruft dann selbst an. „So bin ich halt, wenn es ums Geschäft geht“, sagt er, „freundlich penetrant.“ Am Ende entwickelt Rafi ein Drive-by-Wire-System bis zur Marktreife für Paravan. Zwei Jahre dauert das. Arnold zahlt fast zwei Millionen Euro dafür, die er wieder bei den Banken hart erkämpft.

Er nennt das System Space Drive und lässt es unter seinem Namen unter der Nummer 10-2004-051078 beim Patentamt eintragen. Mit dem System sind Umbauten für fast jeden Grad von Behinderung möglich.

Beim Umbau werden Gas- und Bremspedal zu einem Hebel vereint, der per Hand bedient werden kann. Drückt man ihn nach vorn, gibt man Gas, zieht man daran, wird gebremst. Bei Paraplegikern sind Arme und Hände funktionstüchtig, das Lenkrad bleibt daher mehr oder weniger unverändert. Anders sieht es bei einer Tetraplegie aus. Da Arme und Hände nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt bewegt werden können, braucht es eine spezielle Technik wie Space Drive. Oder dessen Weiterentwicklung, die Arnold ebenfalls als Patent anmelden lässt. Der Fahrer braucht nur noch minimale Restkräfte, um einen Impuls auszulösen und dann das Auto zu steuern mithilfe mikroprozessgesteuerter Eingabegeräte, die die Signale in Nanosekunden an zwei Servomotoren für Bremse und Gas sowie an einen weiteren Servomotor für die Lenkung übertragen.

Bevor die Kunden mit einem derart umgebauten Auto fahren dürfen, müssen sie ein medizinisches Gutachten beim TÜV einreichen, das ihnen Fahrtüchtigkeit bezeugt. Und eine Fahrprüfung ablegen. Geschäftstüchtig wie Arnold ist, bietet Paravan die Fahrschule gleich mit an.

 

Gefeiert und umgarnt

Anfang 2011 sitzt der Unternehmer Reinhold Würth auf einer Jubiläumsfeier eines großen Mittelständlers in einem Nachbarort von Aichelau neben Arnold und fragt: „Und was machen Sie so?“ Zehn Minuten später ist Würth begeistert. Das höre sich ja hervorragend an. Er wolle sich das mal anschauen. Nach dem Besuch eine Woche später macht Würth, mehrfacher Milliardär, das Angebot, Paravan zu übernehmen. Aber das kam Arnold ein bisschen zu früh. Man einigt sich auf den Verkauf von 25,1 Prozent der Firma. Inzwischen besitzt Würth 51 Prozent.

Läuft man in Aichelau den Flur des Verwaltungstraktes entlang, passiert man Wände, die vollgehängt sind mit gerahmten Auszeichnungen. Eine Urkunde für herausragende Verdienste um die Wirtschaft Baden-Württembergs, Entrepreneur des Jahres 2005, Querdenker-Award 2012, Bundessieger der Aktion Mutmacher der Nation 2010. Dazu Fotos von Arnold und dessen Frau Martina mit Dieter Zetsche, Reinhold Würth, Winfried Kretschmann, Angela Merkel. Lange schon ist Arnold im Ort keiner mehr, der aneckt. Die Missgunst hat sich längst gewandelt in Stolz auf das, was er mit Paravan geschaffen hat. Im Jahr 2005 benannte man den Straßennamen um in Paravanstraße.

Regelmäßig kommt Prominenz aus Wirtschaft und Politik „zom kloina Role nach Oichelau“. Meist mit Fotografen und zum Teil mit dem Helikopter, der auf dem kleinen Heliport im Garten von Arnolds großzügigem Haus schräg gegenüber des Firmengeländes landen kann. Was schön sei. Marketingtechnisch. Für die, die kommen. Und natürlich auch für Paravan. Sagt Arnold. Wichtiger und schöner aber sei, dass die Kunden kommen. Was sie tun. Vor Kurzem erst wurde eine zweite, noch größere Produktionshalle fertiggestellt.

Die Kunden sind alle anders. Manche sind bereits schwerbehindert auf die Welt gekommen. Andere hatten Unfälle, die das alte Leben schlagartig beendeten. Und manche sind irgendwann an neurologischen Krankheiten, Multipler Sklerose, Muskeldystrophie, Muskelatrophie erkrankt. „Das ist brutal, so ein Schicksal“, sagt Arnold. Worüber man als Gesunder sich da immer Gedanken mache, sei im Grunde ein Witz. Und seit er diese Firma habe, schätze er jeden Tag, an dem er gesund ist, noch viel mehr. „Ich war noch nie krank in meinem Leben.“ Habe eine Frau, zwei gesunde Söhne. Wahnsinn. „Da ist es einfach doppelt schön, wenn ich denjenigen, mit denen es das Schicksal nicht so gut gemeint hat, helfen kann.“

Es ist elf Uhr. Anna Kuhn ist mit ihren Eltern und ihrem Mann in die Produktionshalle gekommen, steht vor dem umgebauten Auto. Die Rampe fährt herunter. Kuhn steuert ihren elektrischen Rollstuhl darauf. Betätigt den Hebel, der die Rampe mit ihr hineinfährt. Den Rollstuhl auf die Schienen des neuen Unterbodens stellt. Sie startet den Motor mit einem großen Knopf rechts neben ihrer Hand. Der Motor läuft. Anna Kuhns Kinn beginnt zu zittern. Ihr Mann steht neben ihr. Sieben Jahre hat sie auf diesen Moment gewartet. Musste sich immer chauffieren lassen. Jetzt ist sie wieder mobil. Unabhängig. „Unfassbar“, sagt sie noch leise. Dann verschlägt es ihr die Sprache. ---

 

 

Aufwendiger Umbau: Der Innenraum wird komplett entkernt und der Unterboden herausgeschnitten, um ihn tieferzulegen und so mehr Platz zu gewinnen

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