Ausgabe 07/2017 - Markenkolumne

Martinshorn

Tatütata!

• In der Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin in Philippsburg in der Nähe von Heidelberg hupt und trötet es unablässig, denn kein Produkt verlässt ungetestet das Haus. Martin Brender, der Geschäftsführer, nimmt diese Kakofonie gar nicht mehr wahr. Nur wenn er im Straßenverkehr unterwegs sei, registriere er selbstverständlich die Platz-da!-Signale von Feuerwehr und Rettungsdiensten – und freue sich, „wenn es sich um das Original handelt“. Damit meint der 60-Jährige die Technik, auf die sein Unternehmen seit je setzt: Luft wird komprimiert und durch verschiedene Schallbecher gepresst, sodass eine bestimmte Tonfolge wie Tatütata entsteht – 126 Dezibel laut.

Dass sich die Firma mit ihrem Traditionsprodukt halten konnte, hätten viele in der Branche nicht für möglich gehalten, erinnert sich Brender. „In den Achtzigerjahren hieß es: ,Mal gucken, wie lange es euch noch gibt.‘“ Damals glaubte man an den Siegeszug elektronisch erzeugter Warnsignale. Doch die kommen nicht an den durch Mark und Bein gehenden Trompeten-Ton der Philippsburger heran. Der Chef schwärmt von dem „großen Spektrum an Ober- und Untertönen, vom Tremolo-Effekt“, der auch die Ortung nahender Rettungsfahrzeuge erleichtere. „Man hört genau, von wo die Feuerwehr kommt und spürt körperlich, dass es an den Zeit ist, den Weg frei zu machen.“ Daher versorgt Brender mittlerweile auch Hersteller von elektronischen Anlagen mit seinen Martinshörnern – die dann genutzt werden, wenn die Einsatzkräfte unüberhörbar auf sich aufmerksam machen wollen. Sicher ist sicher.

Weil ihre Produkte bei jedem Notfall zuverlässig funktionieren sollen, stellen die Philippsburger fast alle Teile selbst her, auch die Elektromotoren, die für den nötigen Wumms sorgen. Die neu entwickelten Motoren tragen mittlerweile 85 Prozent zum Umsatz bei. Der sei in den vergangenen Jahren beständig gestiegen und bewege sich „noch im zweistelligen Millionenbereich“.

Mehr will Brender nicht verraten. Eine Anlage kostet 1000 bis 1300 Euro und sei, so Brender, sehr haltbar: „Wir reparieren welche, die 20 Jahre alt sind.“ Ebenfalls im Sortiment sind Warnsignale für Industrie- und Krananlagen, Fördertechnik, Nebelhörner für Schiffe sowie Signaltrompeten für die Deutsche Bahn und andere europäische Bahnen. Fußballfans zweckentfremden manch eine auch zum Anfeuern der eigenen Mannschaft.

Was wäre, wenn sich die Elektromobilität durchsetzte, alle Autos nur noch leise dahinsurrten und man keine Martinshörner mehr brauchte? Über solche Zukunftsmusik mache er sich keine Gedanken, sagt Brender. Derzeit haben seine Leute mehr als genug zu tun: Die Lieferzeit für Martinshörner liegt bei 26 Wochen. ---

Max B. Martin gründet 1880 in dem im vogtländischen Musikwinkel gelegenen Markneukirchen eine Fabrik zur Herstellung von Jagdhörnern und Kavallerietrompeten. Anfang des 20. Jahr- hunderts erfindet er ein Blechblasinstrument mit durchdringendem Klang, auch Schalmei genannt. Später profitiert die Firma von der Automobilisierung, produziert Hupen und Feuerwehrhörner. 1932 entwickelt man gemeinsam mit Polizei und Feuerwehr eine Apparatur, die den Einsatzkräften den Weg freimachen soll: „Warnvorrichtung mit einer Folge verschieden hoher Töne.“ Seitdem ist das „Martin-Horn“ als Wortmarke geschützt; umgangssprachlich setzt es sich als Martinshorn durch. Bis zum Zweiten Weltkrieg ist das Unternehmen mit seinem Produkt Monopolist. 1952 verlegt die Firma ihren Sitz nach Philippsburg und beliefert von dort die ganze Welt. Der Exportanteil liegt bei etwa 40 Prozent. Martin Brender tritt 1984, nachdem er die Urenkelin des Gründers geheiratet hat, in das Unternehmen ein. 1990 wird er Geschäftsführer. Neben den Signalhörnern hat er auch nach wie vor Musikinstrumente im Angebot: sogenannte Ballhupen, die unter anderem in George Gershwins berühmter Komposition „Ein Amerikaner in Paris“ eine tragende Rolle spielen.

Deutsche Signal-Instrumenten-Fabrik Max B. Martin KG

Mitarbeiter rund 40; Marktanteil in Deutschland: 95 Prozent

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