Ausgabe 07/2017 - Was Wirtschaft treibt

Blick in die Bilanz

Steter Tropfen

• Es waren zwei clevere Ideen, die der Gründung des norwe-gischen Government Pension Fund Global (GPFG) im Jahr 1990 vorausgingen: Zum einen wollte sich das Land, wo gut 20 Jahre zuvor die ersten Ölvorkommen entdeckt worden waren, unabhängig machen von den teilweise extremen Preisschwankungen bei dem Rohstoff. Zum anderen wollte es sicherstellen, dass die Erträge aus der Förderung – Steuern, Abgaben, Dividenden aus Staatsbeteiligungen an Ölfirmen – nicht komplett ausgegeben, sondern auch zum Wohle zukünftiger Generationen gespart werden (siehe brand eins 07/2006: Sparen für die Ewigkeit). Seither wird jedes Jahr der Teil der Einnahmen, der nicht benötigt wird, um den Staatshaushalt auszugleichen, an den GPFG überwiesen und von Norges Bank Investment Management, einer Tochter der heimischen Notenbank, an den internationalen Kapitalmärkten möglichst gewinnbringend angelegt. Das Resultat: Bis Ende 2016 haben sich in dem Fonds 7506 Milliarden Norwegische Kronen (830 Milliarden Euro) angesammelt.

Kein anderer Staat, nicht einmal China oder Saudi-Arabien, verfügt über einen größeren Fonds. Und auch in puncto Rendite liegen die Skandinavier bislang nicht schlecht im Rennen: Der Staatsfonds von Abu Dhabi etwa, der als gut geführt gilt und ebenso wie der GPFG Angaben zur Performance veröffentlicht, kommt langfristig auf 6,4 Prozent pro Jahr im Schnitt. Der GPFG schaffte seit 2012 durchschnittlich 9,2 Prozent.

Allerdings scheint der Reichtum die Norweger verschwenderisch zu machen. Seit der Finanzkrise steigt das Haushaltsdefizit. Jedes Jahr müssen mehr Öl-Einnahmen zum Ausgleich aufgewendet werden, jedes Jahr fließt weniger Geld in den GPFG. 2015 waren es noch 45,8 Milliarden Kronen, 2016 schließlich kehrte sich der Kapitalstrom um: Die Regierung zog gut 100 Milliarden Kronen ab. Das ist nicht verboten. Bis zu vier Prozent des Fondsvolumens darf der Staat jährlich entnehmen. Er soll der Regierung ja Spielraum verschaffen – vor allem mit Blick auf den Ölpreis, der in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich gefallen ist. Diesen Prozentsatz hatte man festgelegt, weil man glaubte, langfristig mindestens vier Prozent Rendite erwirtschaften zu können, sodass selbst bei einer Entnahme in dieser Höhe die Substanz nicht angegriffen würde.

Doch genau diese Gefahr besteht. Die Rendite von 6,92 Prozent aus dem Jahr 2016 ist in Wahrheit niedriger: Nach Managementkosten und Inflation bleiben noch 5,27 Prozent. Bereinigt man das Ergebnis um den Wechselkurseffekt, der dadurch entsteht, dass der Fonds zum großen Teil in Dollar oder Euro notierte Wertpapiere kauft und die Krone gegenüber beiden Währungen an Wert verloren hat, bleibt sogar nur eine Rendite von 1,95 Prozent. Die Zukunft wird kaum Besserung bringen: Immer mehr hoch verzinste Anleihen werden fällig, und das frei werdende Geld kann nur in sehr viel weniger profitable Papiere investiert werden.

Ausgerechnet die Notenbank hat nun einen riskanten Vorschlag gemacht, um das Problem zu lösen. Sie plädiert für eine Erhöhung der Aktienquote. Die liegt derzeit bei gut 60 Prozent. Die Währungshüter prognostizieren für Unternehmensanteile langfristig eine Rendite von sechs Prozent jährlich. Würde man die Quote auf 75 Prozent erhöhen, so ihre Argumentation, könnte man für die kommenden 30 Jahre den Wertzuwachs des Fonds von 2,6 auf 3 Prozent pro Jahr steigern. Angesichts der Schwankungen an den Börsen eine gewagte Strategie: Schon heute liegt die erwartete Volatilität bei 10,6 Prozent. Die Anlageexperten beim GPFG rechnen damit, dass der Fondswert in einem Jahr um bis zu 10,6 Prozent steigen oder fallen kann. Ein Einbruch um 10,6 Prozent würde aktuell einen Verlust von rund 800 Milliarden Kronen bedeuten – das entspricht in etwa dem norwegischen Bruttoinlandsprodukt eines gesamten Jahres. ---

Der 1990 gegründete norwegische Government Pension Fund Global (GPFG) wird von Norges Bank Investment Management verwaltet, einer Tochter der norwegischen Zentralbank. Weltweit 568 Mitarbeiter arbeiten mit Managementkosten von nur 0,05 Prozent pro Jahr überaus effizient. GPFG hält Aktien von knapp 9000 Firmen und ist der größte Aktionär Europas. In Unternehmensanteilen waren Ende 2016 62,5 Prozent des Kapitals angelegt, 34,3 Prozent in festverzinslichen Papieren und 3,2 Prozent in Immobilien.

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