Ausgabe 07/2017 - Schwerpunkt Wettbewerb

Fiona Scott Morton im Interview

Mehr Wettbewerb!

• Fiona Scott Morton, 50, ist Inhaberin des Theodore Nierenberg Lehrstuhls für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. Sie forscht vor allem zu Themen wie Wettbewerb, Monopolisierung und Preisbildung. Während der Amtszeit von Präsident Barack Obama war sie Chefökonomin der Abteilung für Wettbewerbsaufsicht beim US-Justizministerium. Gegenwärtig ist sie im Beraterstab des Mannheim Center for Competition. Wir erreichen sie in Paris, wo sie zu einem Seminar über Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft eingeladen ist.

brand eins: Frau Scott Morton, in den USA teilen sich vier Fluglinien 80 Prozent des Luftverkehrsmarktes. Daher haben Sie für Ihr Ticket nach Paris wahrscheinlich zu viel bezahlt, wurden schlecht behandelt …

Scott Morton: … und aus dem Flugzeug gezerrt. Nein, das blieb mir erspart, ich bin mit einer europäischen Airline geflogen.

Täuscht der Eindruck, oder mögen Unternehmer freie Märkte nur so lange, wie sie selbst nicht in solchen operieren müssen?

Man muss in der Tat unterscheiden. Es gibt Leute, die von der Marktwirtschaft begeistert sind. Und andere, die zwar behaupten, den Wettbewerb zu lieben, sich aber tatsächlich nur für die eigenen Gewinne interessieren. Ein Markt diszipliniert die Anbieter: Wenn die Kunden ein Produkt nicht mögen, kaufen sie es nicht oder schauen sich woanders um. Deshalb müssen die Unternehmen, ihre Güter und Dienstleistungen in guter Qualität zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Diejenigen, die sich nur für den Profit interessieren, behaupten zwar meist, an den Markt zu glauben, fordern aber von der Regierung, vor Konkurrenz geschützt zu werden. Tatsächlich wollen sie keine Märkte.

Ist Profit nicht der Zweck eines Unternehmens?

Selbstverständlich sollen die Unternehmen Gewinne machen. Und nichts spricht gegen Gewinn, wenn ihn sich ein Unternehmen selbst erarbeitet hat. Wenn Sie ein Produkt anbieten, das so gut ist, dass ich es gern kaufe und dafür womöglich sogar bereit bin, mehr zu bezahlen als für Vergleichbares, dann haben Sie sich Ihr Geld wohlverdient. Aber es ist etwas anderes, wenn Sie von der Regierung fordern, den Marktzugang für Konkurrenten zu erschweren oder wenn Sie sich eine Fusion haben genehmigen lassen, die Ihnen eine dominante Stellung ermöglicht. Es gibt immer mehr Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass wir zu wenig Wettbewerb haben.

Warum ist das ein Problem?

Aus mindestens drei Gründen. Erstens weil Monopole unseren Lebensstandard bedrohen. Nehmen wir an, Sie haben ein Einkommen von einem Euro und geben fünf Cent davon monatlich für einen Mobilfunkvertrag aus. Dieser Preis ist das Ergebnis des Wettbewerbs unter den Anbietern. Gibt es keinen oder nur schwachen Wettbewerb, kostet Ihr Vertrag sechs oder sieben Cent. Jetzt legen Sie das auf alle Dinge um, die Sie kaufen, Ihr Auto, Ihre Bücher, Ihre Reisen, Ihre Musik …, dann bezahlen Sie Monopol-Preise und können sich weniger Dinge leisten. Zweitens ist es schlicht nicht effizient, wenn Unternehmen in die falschen Projekte investieren. Wenn also nur deshalb Geld in eine Branche fließt, weil dort gerade ein Monopolgewinn lockt und nicht ein Produkt entwickelt wird, das uns weiterbringt. Und drittens sorgen Monopolgewinne in der Regel für Ungleichheit: Sie fließen zu wenigen Aktionären, die reicher werden, während die Kunden zu viel bezahlen und damit weniger haben.

Wie viel Prozent Marktanteil muss ein Unternehmen haben, damit man von einem Monopol sprechen kann?

Leider ist es nicht so einfach, es gibt keine Kennzahl. Es gibt Produktmärkte, auf denen Konsumenten von einem Anbieter zum anderen wechseln und wo man nicht viele Verkäufer braucht, damit sie funktionieren, etwa Rohstoffmärkte für Getreide. Und es gibt Branchen, bei denen kleinere Marktanteile mit schwachem Wettbewerb einhergehen, etwa Finanzdienstleistungen. Das ist oft dann der Fall, wenn Kunden durch Verträge gebunden werden, die man nur schwer kündigen kann.

Wie ist das im Internet? Facebook, Amazon oder Google haben praktisch ein Monopol. Haben die Wettbewerbsbehörden die richtigen Instrumente, um die digitale Welt zu regulieren?

Ich würde auf einer anderen Ebene ansetzen. Nehmen wir das Beispiel Facebook. Viele Leute sagen, das Unternehmen habe den amerikanischen Wahlkampf beeinflusst, weil dort viele Unwahrheiten veröffentlicht wurden und nichts dagegen unternommen wurde. Wenn sich wirtschaftliche Macht in politische Macht verwandelt, muss man das genau beobachten. Aber ich glaube nicht, dass wir neue Gesetze zum Wettbewerbsschutz brauchen.

Warum nicht?

Wir müssen darüber nachdenken, was Wettbewerb in diesem Umfeld bedeutet. Bleiben wir bei Facebook. Die meisten Leute sind dort, weil ihre Freunde auch dort sind, es handelt sich um einen sogenannten Netzwerkeffekt, den gibt es in anderen Branchen nicht. Wenn alle meine Freunde BMW fahren, muss ich mir nicht auch einen kaufen. Aber wenn morgen plötzlich meine Freunde bei einem neuen Netzwerk sind, dann gehe ich auch dorthin, und Facebook hat ein Problem. Daher würde ich sagen, dass die Plattformen nicht stabil sind. Aufpassen muss man aber, wenn Facebook andere, kleine Firmen kauft. Da muss man fragen: Kaufen sie da gerade ihre zukünftige Konkurrenz und hindern diese daran, groß zu werden? Theoretisch hätte eine kleine Firma, die gerade neu aufmacht, einmal die Möglichkeit, Facebook zu ersetzen, wir wissen aber nicht welche. Einige der übernommenen Neueinsteiger sind komplementär, sie haben eine Technik, die Facebook zu einer besseren Plattform macht. Andere sind mögliche Konkurrenten. Die Wettbewerbsbehörden müssen sich jede Übernahme genau anschauen, und sei die Firma noch so klein.

In der digitalen Welt will jeder ein Monopol. Peter Thiel, der Investor und Mitgründer von Paypal, sagt sogar, Wettbewerb sei für Verlierer. Hat er recht?

Wenn die Dominanz eines Unternehmens daraus resultiert, dass es ein Produkt erfunden hat, das 99 von 100 Leuten kaufen wollen, dann ist nichts dagegen einzuwenden. Oder nehmen Sie den Tablet-Markt: Bevor Apple das iPad erfand, existierte der in dieser Art nicht. Ein Jahr später kontrollierte Apple ihn. War das ein Wettbewerbsproblem? Nein. Es war einfach ein gutes neues Produkt, das viele Leute haben wollten. Es ist nicht schlimm, wenn man ein Monopol auf diese Weise erlangt. Ein Problem gibt es, wenn Firmen, die diesen Erfolg hatten, versuchen, durch Lobbying anderen den Markteintritt zu erschweren. Wenn Peter Thiel aber behauptet, dass Monopole fast automatisch von der nächsten Generation beseitigt würden und dafür die Beispiele AT&T, IBM umd Microsoft anführt, dann vergisst er, dass diese drei zu den größten Wettbewerbsrechtsfällen des 20. Jahrhunderts gehören. Die Regierung hat tatkräftig mitgeholfen, diese Monopole zu beseitigen.

Thiel behauptet, extremer Wettbewerb sei schlecht fürs Geschäft. Kein Restaurant in Manhattan verdiene Geld.

Hier haben wir wieder einen solchen Fall: Ein Geschäftsmann liebt den Profit, und ein Ökonom den Wettbewerb. Extremer Wettbewerb ist in der Tat schlecht fürs Geschäft. Aber er ist großartig für die Kunden. Zudem gibt es viele erfolgreiche Restaurants in New York. Und diejenigen, die scheitern, zeigen, wie der Kapitalismus nun einmal funktioniert: Jeder, der will, kann ein Restaurant eröffnen. Und ja, es gibt Leute, die damit scheitern. Aber diejenigen, die erfolgreich sind, verdienen sehr wohl Geld. Das ist doch auch das Prinzip von Risikokapitalgebern. Viele Investitionen zahlen sich nicht aus, die erfolgreichen dafür umso mehr.

Thiel ist nicht der Einzige, der so argumentiert. Jack Welch, einst Chef von General Electric, riet Unternehmen, sich von Märkten zurückzuziehen, die sie nicht dominieren. Und der Großinvestor Warren Buffett liebt Firmen in geschützten Märkten.

Als Investor hat Warren Buffett recht: Dort, wo es hohe Einstiegshürden für die Konkurrenz gibt, locken auch höhere Gewinne, und es gibt einen Extra-Profit. Es ist kein Zufall, dass Buffett in alle vier großen amerikanischen Fluglinien investiert hat.

 

Die vier US-Fluglinien haben im Jahr 2015 rund 24 Milliarden Dollar Gewinn gemacht. Das ist mehr, als Alphabet Inc. verdient hat. Sind solche hohen Gewinne in Ordnung?

Selbstverständlich, vorausgesetzt, sie sind aus eigenen Anstrengungen entstanden. Aber gerade in der Luftverkehrsbranche der USA gab es in den vergangenen Jahren mehrere Konsolidierungsrunden. Auf vielen Strecken gibt es nur noch einen oder zwei Anbieter. Hinter den hohen Gewinnen steckt in diesem Fall eine gewaltige Marktmacht. Durch die Bonus-Programme entstehen für die Konsumenten Wechselkosten. Dann werden die Preise aufgesplittet, zuerst wird das Ticket angeboten, dann kostet die Sitzplatz-Reservierung und schließlich auch der Koffer extra. Des Weiteren werden den Konsumenten Informationen vorenthalten. Wenn ich bei den Reisesuchmaschinen Kayak oder Skyscanner nach einem Flug schaue, sind manche Verbindungen einfach nicht aufgeführt. So kann ich keine Preise vergleichen.

Wo sind da die Wettbewerbsbehörden?

Ich war damals nicht dabei, aber rückblickend muss man sagen, dass Fehler gemacht wurden. Als American Airlines im Jahr 2013 mit US Airways fusionierte, wollte die Behörde dagegen klagen, hat den Kauf aber schließlich gegen Auflagen genehmigt. Rückblickend sieht man, dass danach der Wettbewerb zurückgegangen ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es die letzte Übernahme in einer ganzen Reihe war. Delta hatte Northwest gekauft, United Airlines hatte Continental übernommen. Außerdem hat das Verkehrsministerium es ausländischen Fluggesellschaften erschwert, nationale Verbindungen anzubieten. Wo kriegen wir jetzt einen neuen Wettbewerber her?

Wer trägt die Schuld?

Die Geschichte scheint sich zu wiederholen. Vor einem Jahrhundert hatten wir in den Vereinigten Staaten sogenannte Räuberbarone: US Steel, American Tobaco Company, Standard Oil – gigantische Unternehmen, die die Konkurrenz aufgekauft hatten und so Monopol-Preise verlangen konnten. Diese Trusts wurden zerschlagen. Später bekamen wir einen Aktienmarkt, auf dem die Papiere der Unternehmen gehandelt wurden. Individuelle Investoren hielten Anteile von IBM, Exxon oder Pfizer. Irgendwann merkten die Investoren, dass es teuer ist, Einzelaktien zu halten, und so entstanden die Fonds. Man muss nicht dauernd handeln, das erledigen andere für einen, und das Portfolio ist besser diversifiziert. Doch heute halten institutionelle Investoren 70 Prozent des US-Aktienmarktes. Alle großen Fonds haben beispielsweise alle vier großen amerikanischen Fluggesellschaften in ihrem Portfolio, genau wie Warren Buffett. Wir sind also zurück bei dem Problem, das wir 1890 mit dem Sherman Antitrust Act (siehe Wirtschaftsgeschichte, S. 16) gelöst hatten: Wem alle Fluggesellschaften gehören, der will nicht, dass die gegeneinander konkurrieren.

Sind Fonds wie Black Rock die neuen Räuberbarone?

So weit würde ich nicht gehen. Es ist ihre Pflicht, für ihre Aktionäre die besten Ergebnisse zu erzielen. Also raten sie Fluglinien davon ab, ihre Kapazitäten zu erweitern, weil sonst ein Preiskrieg droht, von dem sie nichts haben. Wenn die eine der anderen Kunden abnimmt, ändert sich für mich als Aktionärin nichts. Für die Kunden aber folgt daraus, dass es kaum noch Wettbewerb gibt. Die Luftverkehrsbranche ist dafür nur ein Beispiel. Ich mache den Fonds daraus keinen Vorwurf. Ihre Gründung war eine gute Idee, als sie nur 20 Prozent des Aktienmarktes bestimmten. Wir haben ein Problem geschaffen, das wir nicht vorhersahen.

Sie beschäftigen sich jeden Tag als Wissenschaftlerin mit den Wettbewerbsbedingungen für Konsumenten. Wie gestresst sind Sie, wenn Sie einen neuen Mobilfunkvertrag suchen, einen neuen Kabelfernsehanbieter brauchen oder ein Flugticket buchen?

Ich versuche, so viel wie möglich zu experimentieren, und ich versuche, alle Möglichkeiten, die es gibt, auszuprobieren. Ich habe gerade meinem Kabelfernsehanbieter gekündigt, weil mir die angebotenen Programme nicht mehr gefallen haben. Jetzt teste ich einen Anbieter, der Kabel übers Internet anbietet. Ich bin etwas skeptisch, mal sehen, ob das eine echte Alternative ist. Ich will wissen, welche Angebote tatsächlich Wettbewerbsdruck ausüben. Seit Kurzem operiert eine Low-Cost-Airline an dem Flughafen bei uns in der Nähe. Im Sommer fliege ich mit meiner Familie damit in den Urlaub. Mein Beruf beeinflusst mein Leben als Kundin. Ich suche die Alternativen.

Das bedeutet, Sie sammeln auch keine Meilen bei einer Fluggesellschaft?

Doch, doch, ich bin Mitglied bei vielen Meilenprogrammen. Überall habe ich den niedrigsten Status. Ich fliege lieber billig und vermeide Wechselkosten. ---

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