Ausgabe 07/2017 - Artikel

Konkurrenzlos

„Die Umstände, die sich ändern,
sind die Beziehungen zwischen den Menschen selbst.“
Norbert Elias

1. Kalter Krieg

In Zeitlupe fliegt der große Knochen durch die Luft, rotiert und erreicht fast den Rand des Himmels, bis ihn die Schwerkraft nach unten zieht. Der große Affe hat sein Werkzeug gefunden. Es ist zuallererst eine Waffe.

Mit diesen Bildern führen Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke den Menschen in die Kulturgeschichte ein. Ein bis dahin hilfloses Tier, das sich ängstlich vor Raubkatzen versteckt, verwandelt sich in „Aufbruch der Menschheit“, dem Anfangskapitel von „2001: Odysee im Weltraum“, zum Herrn der Welt. Es entdeckt, was es kann, und damit sich selbst.

Das führt gleich mal zu Mord und Totschlag.

Der technische Mensch, der Homo faber, geht, kaum sich seiner selbst bewusst, auf den anderen los. Lateiner nennen das concurrere, auf Deutsch aufeinanderrennen – mit festem Kollisionskurs. Wir leben, solange wir uns erinnern können, unter solchen Konkurrenzverhältnissen.

Kubrick und Clarke beschrieben das als Ursprung des Menschlichen – und als Anfang von allem, was da noch kommen sollte. Sie legten mit ihrem Werk auch nahe, dass die Nachfolger des aufbrechenden Affen nicht viel weiter gekommen waren als ihre Ahnherren. Der Kinogänger des Jahres 1968 befand sich in einer Welt, deren wichtigstes Ordnungsprinzip das Konkurrenzdenken war. Man nannte das Kalter Krieg.

Dabei handelte es sich um die wohl bestorganisierte und stabilste Feindschaft aller Zeiten. Man war entweder „hier“ oder „drüben“ und rannte wegen allem und jedem aufeinander los: in der Wirtschaft, der Technik, der Kunst, im Sport, sogar im Weltall. Die große Konkurrenz zwischen West und Ost, den Anhängern des kapitalistischen und des kommunistischen Weltbilds, hat in den vier Jahrzehnten ihres Bestandes zweifelsohne ein historisches Rekordhoch an Wohlstand, Wachstum und Innovation ausgelöst. Hier beginnt der Aufstieg der Konsumgesellschaft und des Wohlfahrtsstaates, der Beginn der Digitalisierung, der Beginn der Transformation vom Industriekapitalismus zur Wissensökonomie.

Da haben wir es: Konkurrenz belebt das Geschäft. Es gibt nicht wenige, die diese Zeit seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ab 1989 schmerzlich vermissen. Das hat mit einem gnädigen, also schlechten Gedächtnis zu tun, dem Verdrängen der Bedrohungen und Freiheitsberaubungen dieser Zeit. Aber nicht nur. Es geht auch um eine tiefe Sehnsucht.

Im Kalten Krieg herrschten klare Verhältnisse. Alles war zwar lebensbedrohlich, aber dafür auch eindeutig. Selbst jene, die damals noch gar nicht geboren waren, reden davon, dass der Zusammenhalt und die Solidarität unter den Menschen damals größer gewesen sei. Heute, das will der Umkehrschluss uns sagen, gehe es härter zu. Jeder gegen jeden. Zu viele andere, die wollen, was wir haben. Der Zeitgeist lügt sich die Taschen voll, in denen Extremisten und Populisten ihr Nest bauen. Wir sind Affen. Die Konkurrenzkultur steckt uns in den Knochen. Wo nur über Gegensätze geredet wird, hat die Horde schon gewonnen. Und wer meint, auf der richtigen Seite zu stehen, hat nur den wichtigsten Grund für den Schlamassel wieder mal übersehen: sich selbst. Der Konkurrenzkampf ist ein Kalter Krieg, den wir gegen uns führen.

2. Sag mir, wo du stehst

In der Zeit, in der Kubrick und Clarke ihren Film machten, entstand in der DDR, einem Frontstaat des Kalten Krieges, der Soundtrack der Gesinnung, die uns bis heute gefangen hält: „Sag mir, wo du stehst“, für die FDJ-Combo „Oktoberklub“ frei nach dem amerikanischen Gewerkschafts-Hit „Which Side Are You On?“ aus den Dreißigerjahren komponiert.

Es ist eine dieser Fragen, bei denen die Antwort schon eingebaut ist, von der Sorte „Was hast du gesagt, Alter?“, die ein finsterer Typ nachts in der U-Bahn stellt. Sie lautet: Bist du ein Guter oder ein Böser, einer von uns oder von den anderen? Diese Frage kennt Fortschrittliche und Rückständige, Modernisierungsgewinner und -verlierer. Sie ist eine Androhung von Gewalt. Wer so fragt, will keine Antwort, sondern Unterwerfung. Konkurrenz ist Krieg.

Diese dumme Welt ist von gestern, aber noch lange nicht vergangen. Jeden Tag stellt sie uns ihre Frage, die keine ist: Which side are you on? Und wehe, du antwortest: „Auf meiner, wenn’s recht ist.“

Eine Welt, die vornehmlich solche Fragen stellt, hat ein großes Problem: Sie weiß nicht, dass das richtige Mittel zum Erfolg nicht die Konkurrenz ist, sondern der Wettbewerb. Da stöhnen jetzt nicht nur die Oktoberklub-Fans aller Lager auf. Konkurrenz, Wettbewerb – wo ist denn da der Unterschied? Er ist, vorweg, gut vernebelt.

Konkurrenz bedeutet, dass man will, was der andere hat. Und hat er mehr von etwas als ich, kann ich mir davon was holen? Wenn das nicht klappt, müssen die Unterschiede beseitigt werden. Notfalls durch Krieg. Ein Affenzirkus.

Wettbewerb ist etwas anderes. Es geht nicht um Vernichtung oder Sieg, es geht um eine offene Auseinandersetzung, an der man selber wachsen soll. Wer sich dem Wettbewerb aussetzt, muss sich selber definieren, kennen, wissen, was er kann und wohin er will. Vor allen Dingen auch: wofür er all das macht. Wettbewerb ist kein Zweikampf. Kein Duell. Wettbewerb, das sind die Rahmenbedingungen für dein eigenes Ding. Wettbewerb ist Demokratie. Konkurrenz Diktatur. Wie kann man das eigentlich alles verwechseln?

3. Animal Spirit

In einer Welt, in der die Ressourcen immer knapp sind und alle Werte, alles Denken auf dieser Ressourcenknappheit bauen, ist die Konkurrenz das normale Prinzip. Es ist, wie die Klagenfurter Wirtschaftspsychologin Linda Pelzmann sagt, „animal spirit, ein Urtrieb, der allen Lebewesen gemein ist. Es geht um den Zugriff auf Ressourcen aller Art. Der Ehrgeiz ist angeboren, eingeführt von der Natur als Grundlage der Evolution.“

Da haben wir es. Konkurrenzdenken ist älter, als uns Kubrick und Clarke weismachen wollten. Vielleicht haben sie zu viel Jean-Jacques Rousseau gelesen. Der Mensch, behauptete der, sei in seinem Naturzustand ein feiner Kerl. Gut und edel, versaut habe ihn bloß die Kultur. Deshalb müsse man, so der ihm zugeschriebene Schlachtruf, „Zurück zur Natur!“. Das kann man natürlich.

Allerdings nicht lange, weiß Pelzmann, denn dort herrscht das Faustrecht. „Der Normalzustand lautet: Es gibt Sieger oder Verlierer. Es geht um Macht, darum, das letzte Wort zu haben.“ In der Natur muss man das wörtlich nehmen. Solange man will, was der andere hat, gibt es kein Ende. The winner takes it all. „Die großen Sieger wollen ein Monopol, das ganze Revier, alle Ressourcen.“

 

 

 

Die bisherige Kulturgeschichte hingegen ist die Zeit, in der trotz aller heißen und kalten Kriege wenigstens versucht wurde, diesem Naturprinzip entgegenzutreten. Das ist eine enorme Leistung, und eines der Werkzeuge dieses Strebens ist der Wettbewerb, das Bemühen, Sieg und Niederlage nicht endgültig und gnadenlos zu halten. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das ist Wettbewerbskultur.

Dass wir Konkurrenz leicht mit Wettbewerb verwechseln, liegt daran, dass wir uns noch nicht daran gewöhnt haben, dass es auch anders geht. Wir leben erst relativ kurz in einer Zeit des Überflusses, des allgemeinen Wohlstands und der Vielfalt. Lange Zeit bestimmten Not und Knappheit die Regeln – und Konkurrenz war normal. In der Knappheit haben Krieg, Mord und Totschlag ihre Wurzeln. Ich oder du, das eingespielte Ritual ist stark geblieben. Wo aber Fortschritt, Wissensarbeit und Kultur die Not verdrängt haben, ist Konkurrenzdenken einfach nur verrückt. Eine schlechte Angewohnheit von gestern.

 

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