Ausgabe 06/2017 - Schwerpunkt Umsonst

Wolf Lotters Einleitung zum Schwerpunkt „Umsonst“

Wertsachen

 

 

 

You never give me your money
You only give me your funny paper
The Beatles, 1969

1. Der Scheinriese

Die Dinge sind nicht so, wie sie scheinen. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Im deutschen Sprachraum wird seit gut einem halben Jahrhundert das Wort Scheinriese benutzt. Die meisten Leute, die das tun, wollen damit sagen, dass etwas groß tut, tatsächlich aber – wenn man genauer hinguckt – ein paar Nummern kleiner ist.
Ein aufgeblasener Zwerg.

Ja, sagen dann viele, so sind die Zeiten. Hochstapler, wohin man sieht, Aufgeblasene, so weit das Auge reicht. Doch wie kommt es zu solch falschen Eindrücken, verworrenen Größenverhältnissen und aus dem Ruder gelaufenen Maßstäben? Die Ursache sind wir selbst. Die heiße Luft, die Kleines aufbläst, liefern stets jene, die vom Schein betrogen werden wollen.
Ein Jammer.

Dabei verband der Schriftsteller Michael Ende, der in seinem Bestseller „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ den Scheinriesen im Jahr 1960 ersann, mit dem Wort nur Gutes. Doch sein freundlicher und wohlwollender Scheinriese Tur Tur erscheint den Menschen als gefährlich, obwohl er das gar nicht ist. So was gibt’s nicht nur im Märchen, denn wer schaut schon hin? Oder rechnet nach?

Und so kommt es, dass die Scheinriesen erster Ordnung, die Aufgeblasenen, heute wieder Oberwasser haben. Sie versprechen den Leuten, dass es etwas umsonst gäbe. Kostenlos. Und dass den Leuten dies zustünde. Nach „Geiz ist geil“, dem Discountismus, bei dem es darum ging, die meisten Schnäppchen zu machen, haben sich die Scheinriesen erster Ordnung jetzt zu voller Größe aufgebläht. Wozu nur wenig bezahlen, wenn man es auch umsonst kriegt?
Am meisten spart, wer gar nichts gibt.

2. Die Logik des Pfaus

Sagen Sie jetzt nicht: Internet. Das wäre zwar nicht falsch, aber nur die halbe Wahrheit. Der Scheinriese der Umsonstkultur fühlt sich im Web wohl, aber seine Heimat ist es nicht. Der Aberglaube, es gäbe auf dieser Welt etwas geschenkt, also etwas, wofür man weder etwas tun noch bezahlen muss oder etwas hinnehmen – er ist uralt. Er lebt davon, dass Menschen gern glauben, was sie glauben wollen.

Der Scheinriese zweiter Ordnung, Tur Tur, steht für die Welt des Materiellen, des Reellen, der Wirklichkeit. In der kommt man am besten klar, wenn man sich keine Illusionen macht. Auch Respekt ist in dieser Welt nicht umsonst zu haben. Er beruht auf Gegenseitigkeit, auf Wertschätzung. Das ist der wahre Tur Tur.

Was nichts kostet, ist nichts wert. Das wussten nicht nur unsere Großmütter – im Grunde wissen wir das auch. Alles hat seinen Preis. Der amerikanische Ökonom Milton Friedman hat das in seinem berühmten Buch auf den Punkt gebracht: „There’s no such thing as a free lunch.“ Niemand schenkt dir was. Aber es gibt eine Menge Leute, die so tun. Warum?

Eine Antwort darauf bietet die Biologie. Auch in der Natur machen sich viele größer, als sie sind. Brüllen, kreischen, aufplustern – das gehört zum Alltag. Warum tun kleine oder schwache Tiere das?

Menschen, die an den Scheinriesen erster Ordnung glauben, würden sagen: Na, weil sie sich nicht alles von den Großen und damit Bösen gefallen lassen! Zeigen wir ihnen, dass man mit uns nicht so umspringen kann. Wer Respekt will, muss sich aufplustern! Nur wer laut schreit, kriegt auch was. Ist doch so.
Na ja. Die Wissenschaft sieht das anders.

Im Jahr 1975 hat das israelische Biologen-Ehepaar Avishag und Amotz Zahavi eine etwas differenziertere Analyse für das merkwürdige Verhalten kleiner und schwacher Tiere geliefert. Sie hilft zu verstehen, warum wir großmäuligen Scheinriesen mehr zutrauen als ruhigen, nüchternen und freundlichen Tur Turs. Die Großtuerei, so die Einsicht der Zahavis, versucht von einem Defizit, einem Handicap abzulenken. Pfauen beispielsweise haben gegen ihre natürlichen Feinde, große Raubkatzen wie Tiger und Panther, schlechte Karten. Der Hühnervogel hoppelt mehr, als er fliegt, und Männchen sind durch ihre langen Schwanzfedern besonders benachteiligt. Der Pfau ist langsam und unbewaffnet. Nüchtern betrachtet, beeindruckt das Tier vor allem durch seine Mängelliste.

Doch jeder weiß, wie sehr der Pfau sich aufbläst – sein Rad schlägt, kreischt und flattert – und damit auf sich aufmerksam macht. Doch der Vogel ist weder irre noch lebensmüde, er rechnet kühl. Bei der Balz imponiert er durch sein Verhalten den besten potenziellen Partnerinnen, denn er tut so, als könne er sich sein Tamtam leisten. Das führt dazu, dass nicht nur die Pfauenweibchen glauben, dass jemand, der sich so aufführt, noch jede Menge anderer guter Sachen draufhat, was die Attraktivität des Pfaus erhöht. Auch seine Fressfeinde sind oft verdutzt oder wenigstens lange genug überrascht, um dem Pfau Raum zum geordneten Abzug zu geben. Wer sich so viel Verschwendung leisten kann, muss Power ohne Ende haben. In einer Welt, in der fast alles knapp zu sein scheint, ist einer, der so handelt, der Held. Er hat so viel, dass er es verschenken kann.

So wird der Pfau zum tollen Hecht – bis man, meist zu spät, genau hinsieht. Auf diesen Trick fallen Mensch und Tier immer wieder rein. Aber die Handicap-Theorie der Zahavis zeigt, wie ein Nachteil in einen Vorteil verwandelt wird.

3. Die Gabe

Beim Pfau mag das Verhalten sympathisch wirken. Bei unsereins würde man es Betrug nennen, wenigstens Hochstapelei, Täuschung. Es ist nicht leicht, ihr auf die Schliche zu kommen.

Das Pfauenrad in der menschlichen Kulturgeschichte sieht nämlich immer ein wenig anders aus – es wahrt aber auch immer den Charakter, den es in der Natur hat. Man bläst sich auf. Und wer dann die Macht erlangt, zeigt das deutlich: Teure Stoffe, Schmuck, ein Thron, beeindruckende Architektur und „Repräsentation“ aller Art – das findet sich selbst in Stammeskulturen. Und wer Macht hat, zeigt das, lässt sich nicht lumpen, gibt einen aus – beim Chef gibt’s immer was umsonst.

Ein Beispiel für überbordende Geschenkkultur ist etwa der bei einigen indigenen Völkern der nordamerikanischen Pazifikküste verbreitete Brauch des Potlach, des „Geschenke-Fests“, wie die sinngemäße Übersetzung lautet. Dabei werden Gäste des Häuptlings mit Geschenken regelrecht überschüttet – je mehr, desto wichtiger der Geber. Das wiederum spricht sich natürlich rum. Der Dings hat uns Sachen geschenkt, man glaubt es nicht! Der muss es ja haben! Und über wen so etwas gesagt wird, den nimmt man ernst. Vor dem hat man Respekt. Wer so viel geben kann, dem kann man so leicht nichts abnehmen, denn er hat Macht.

Doch ist das für die Beschenkten wirklich ein „free lunch“? Ist der Potlach ein Teil, ja geradezu ein Beweis für die „Schenkökonomie“, die heute vielfach beschworen wird? Gibt’s was umsonst? Alles möglicherweise?

Natürlich nicht. Man tauscht, wie immer. Der ewige Markt. Das ist eine soziale und menschliche Konstante, sozialwissenschaftlich nennt man das Reziprozitätsprinzip.

Das dahintersteckende Modell kennen wir alle, aber wirklich beschrieben wurde es erstmals im Jahr 1923 vom französischen Soziologen Marcel Mauss. In „Die Gabe“ beschreibt er die Mechanik des Vorgangs: Man gibt was, wenn man etwas genommen hat. Warum tun Menschen das, ganz gleich, unter welchen sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen sie leben? Mauss’ Antwort ist beeindruckend: Das Geben und Nehmen stellt soziale Ordnung her. Gesellschaft, Gemeinschaft, kleinste und größte soziale Einheiten gehorchen diesem Muster. Wer etwas gibt, dem geben wir auch etwas. Jeder, der etwas bekommen hat, ist damit Schuldner – bis er etwas zurückgibt, das einen Wert hat –, direkt oder indirekt.

Der Satz „Ich stehe in Ihrer Schuld“ ist unausweichlich, ein Naturgesetz. Man kriegt nichts umsonst. Jeder Gabe, so weist Mauss nach, folgt eine Gegengabe – eine Rück-Gabe. Und es braucht für diesen Tauschvorgang klare Regeln, Maßstäbe, Werte. Jeder kennt das. Wenn man zum Geburtstag eine goldene Uhr kriegt, kann man beim Jubeltag des Schenkers nur schlecht mit Blumen von der Tanke ankommen. Für das Prinzip aber spielt es keine Rolle, ob man Geld gegen Ware oder Dienste tauscht, Naturalien oder einfach Ideen. Solange das Prinzip „Tit for Tat“ gewahrt bleibt, ist alles in Butter. Da haben wir es: There’s no such thing as a free lunch.

Die Umsonst- oder Schenkökonomie ist also gar keine, sie tut nur so. Wer keine unmittelbare Rückgabe erwartet, der verlangt wenigstens Wohlverhalten und Zustimmung, Anpassung, Gefolgschaft und Widerspruchslosigkeit. Man kann das am Beispiel des Wahlgeschenks dieser Tage wieder unmittelbar beobachten. Eine Partei „schenkt“ uns etwas, dafür beschenken wir sie mit unserer Stimme, die wiederum der Partei und ihren Funktionären den Zugang zur Macht über die öffentlichen Ressourcen freigibt und zu den damit verbundenen Privilegien. Das ist kein Geschenk. Das ist ein Deal. Und es geht um Interessen. Die sind nicht das Problem, der Umgang damit ist es. Umsonst ist eine Frage des Bewusstseins. Und hier ist oft viel Nebel im Spiel.

Im 19. Jahrhundert nahmen die Potlach-Feste der nordamerikanischen Pazifikstämme exzessive Ausmaße an. Die Regierungen der USA und Kanadas gingen in den 1880er-Jahren sogar so weit, diese alte Tradition zu verbieten. Der Potlach führe ins Verderben, hieß es. Das konnte man durchaus nachvollziehen. Etliche Häuptlinge hatten es mit ihren Geschenkorgien so übertrieben, dass nach den Festtagen ihr ganzer Stamm pleite war.

Eine wesentliche Rolle in der Lobby der Potlach-Gegner spielten allerdings die Vorbehalte christlicher Missionare, denen das Verhalten der Indianerhäuptlinge gegen ihre Moral ging. Das große Schenken sei nichts weiter als gotteslästerlich. Auch wenn das Potlach-Verbot längst aufgehoben ist – ist an der Kritik der Gottesmänner nicht auch was dran? Zahlen nicht andere die Rechnung für die Großzügigkeit des einen? Die, die die Geschenke finanzieren? Und fragt die jemand? Wer zahlt, schafft nicht immer an.

4. Brot und Spiele

Das Imperium Romanum verdankte seine ungeheure Ausdehnung und den relativen Wohlstand seiner Bürger der systematischen Ausplünderung seiner Nachbarn. Der römische Bürger war, insbesondere in der verhätschelten Hauptstadt Rom selbst, anspruchsvoll, bestechlich und an Geschenke von oben gewöhnt. Diese Anspruchshaltung hielt den Staat in seinem Inneren zusammen.

Bürger und Soldaten forderten unablässig Geschenke. Machthaber, die auf Mäßigung pochten, um die Ausgaben zu drosseln und die dadurch zwangsläufig notwendige Kriegs- und Raubpolitik zu verhindern, wurden meist durch einen Putsch beseitigt. Der Staatsbankrott war im alten Rom ebenso üblich wie in allen Zeiten seither, und die Folgen waren regelmäßig und im Wortsinn verheerend.

Als erste Maßnahme danach gab es erst mal ausgiebig Brot und Spiele – panem et circenses. Diese Phrase ist eine wichtige Formel der Umsonstkultur geworden. Der Römische Staat und seine Kultur sind auch hier die Vorlage für moderne Gemeinschaften. Erfolgreichen Anführern und Politikern im alten Rom gelang es stets, ihren Bürgern einen Scheinriesen erster Ordnung vorzugaukeln: Man schenkte den Leuten nur, was man ihnen vorher genommen hatte, man gab ihnen also bestenfalls Taschengeld. Die Umverteilung reichte nie aus. Deshalb wurden andere Völker ausgeraubt.

Der entscheidende Faktor dabei war die wachsende Zahl der römischen plebs urbana, der städtischen Unterschichten, für die man erhebliche Mittel aufwendete. Sie wurden mit Lebensmitteln – Getreideschenkungen, Brot, billigem Wein – und Gladiatorenspielen bei Laune gehalten. Die Politiker, die derlei taten, nannte man die Popularen. Wenn denen das Geld anderer Leute ausging, kam es unweigerlich zum Machtwechsel.

Das alte Rom kannte und fürchtete die Massendemonstrationen und Gewaltakte des plebs, wenn die schönen Geschenke ausblieben. Die umverteilende Klasse musste auf der Hut sein. Schließlich tauchte ein neuer Popular auf, der neue Wohltaten versprach, wenn man sich vom vorherigen Machthaber abwandte und keinen Ärger machte. Auch der Geist der „Revolutionen“ ist älter, als man denkt. Die vage Aussicht, zu den Gewinnern zu gehören, verdrängt die Realität.

Zur Umsonstkultur gehören Gier und Habsucht in ihrer alltäglichen Erscheinungsform. Das heißt in der Praxis: Her damit, aber dalli!

Man braucht es zwar eigentlich nicht, aber man will es haben. Zu Ostern versteckte die Stadt Bochum in diesem Jahr 5000 Eier in ihrem Stadtpark, um Kindern eine Freude zu machen. Doch die meisten Eier wurden schon in den frühen Morgenstunden von Erwachsenen geklaut, die mit Säcken und Taschen angerückt waren. So etwas geschieht, wenn Leute heutzutage für „Gerechtigkeit“ sorgen wollen: Kleinen Kindern werden die Ostereier geklaut. Es geht also um das verbreitete Gefühl der Benachteiligung, um wahre, oft aber auch bloß um gefühlte Ungerechtigkeit. Wird man übersehen? Werden andere bevorzugt? Bekomme ich „meinen Teil“? Oder reißen sich „die anderen“ alles unter den Nagel? Das sind die Ängste, die die Umsonstkultur mit Energie versorgen. Wenn sich alle bedienen, dann tue ich das auch. Ich bin doch nicht blöd. Wer so fühlt, hat nie genug.

Es geht nicht allein um Brot und Spiele, es geht immer um die Wurst. Der Publizist, Verleger und Theologe Alexander Görlach hat vor gut vier Jahren in dem von ihm mitgegründeten Magazin »The European« festgestellt: „Die Umsonstkultur ist der Todesstoß für Anstand, Moral und Sitte in einer Gesellschaft. Denn die Dinge, die man konsumiert, haben ihren Preis.“ Das wussten die Leute, die frühmorgens den Kindern die Ostereier klauten, nicht mehr.
Das Ergebnis ist eine Gesellschaft von Eierdieben.

5. Die Wert-Schätzung

In so einer Welt ist nichts mehr niet- und nagelfest. Die Umsonstkultur blüht, wo das Gefühl der Benachteiligung allgegenwärtig und längst zur klassenlosen Unsitte geworden ist – ganz unabhängig von den realen Einkommensbedingungen. Was treibt Leute dazu, in der Business-Class-Lobby am Flughafen regelmäßig die Kleiderhaken aus den Waschräumen abzuschrauben und einzustecken? Warum wandern in den Umkleidekabinen der Luxusboutiquen Hamburgs, Düsseldorfs und Münchens bei einigen sogenannten Herrschaften die Schuhlöffel ins Louis-Vuitton-Täschchen? Und wer klaut eigentlich in Hotels, deren Zimmer pro Nacht 300 Euro und mehr kosten, die Bademäntel, Handtücher und selbst Glühbirnen?

Leute, die glauben, dass es ihnen zustehe, wie das Mantra einer Gesellschaft lautet, in der sich so viele benachteiligt, verkannt und unterbewertet fühlen? Es geht – in jeder Hinsicht – um Wertschätzung, um mangelnde persönliche Aufmerksamkeit und zu wenig Respekt zum einen, aber auch, und das ist wichtig, um die Unfähigkeit, den eigenen Wert und den der Dinge richtig einzuschätzen. Es geht, einfach gesagt, um Realitäts-sinn, gekoppelt mit ökonomischer Vernunft. Das war mal eine wichtige bürgerliche Tugend.

Eines der bedeutendsten Projekte der Aufklärung und des bürgerlichen Selbstverständnisses, das die Moderne hervorgebracht hat, liegt in eindeutigen Preisen und klaren Werten. Für die bürgerlichen Aufsteiger war das spielentscheidend. Sie standen einer Welt von Privilegierten gegenüber, für die Geld keine Rolle spielte. Sie hatten es ja. Da waren die Adeligen, also Berufserben, die als gute Christenmenschen auch mal was springen ließen – und sich Mildtätigkeit, also eine moralisch bewegte Umsonstkultur, leisteten. Die kirchliche Caritas, ein Wort, das eigentlich Wertschätzung und Achtung bedeutet, unterschied sich nicht wesentlich davon. Die materiellen Güter waren so eindeutig zugunsten der alten Machtblöcke, des Adels und der Kirche, verteilt, dass das bisschen Almosen, das man fürs Seelenheil benötigte, locker drin war. Das bürgerliche Selbstverständnis hingegen forderte für gute Arbeit guten Lohn unter klaren, vertraglich und gesetzlich geschützten Bedingungen. Es ging eben nicht um freundliche Worte, um falschen Respekt, um Großzügigkeit oder Altruismus. Es ging um einen Deal. Ein Geschäft.

Wer sein Wissen, seine Arbeitskraft verkaufte – und sonst nichts besaß –, der sollte dafür einen angemessenen Preis erzielen können, der nicht vom Zufall abhängen durfte, sondern Ergebnis einer verbindlichen Vereinbarung war.

Wenn sich Gerechtigkeit definieren lässt, dann so: Ich tue was für dich, du tust was für mich – und zwar nach klaren Regeln und einer verbindlichen Preisliste. Das hat gegen Unterdrückung, Sklaverei, Ausbeutung und Gewalt mehr ausgerichtet als alle Sonntagsreden von Menschenfreunden und Politikern zusammen. Der gerechte Lohn und das gute Geschäft sind mit Tur Tur eng verwandt. Gut für alle. Und schwer unterschätzt.

Die frühe Arbeiterbewegung setzte auf diesen bürgerlichen Wertvorstellungen auf und fuhr damit sehr gut. Man wollte keine Almosen. Man wollte ein Geschäft. Einen Deal. No free lunch. Das ist eine emanzipierte Haltung.

Daran ändert sich übrigens auch nichts, wenn Arbeit nicht mehr die Existenzgrundlage bildet. Auch das bedingungslose Grundeinkommen hat eine nicht verhandelbare Bedingung: Wer es bekommt, muss herausfinden, was er mit seinem Leben wirklich anstellen will. Das ist mehr Arbeit, als sich die meisten heute noch vorstellen können.

Auch hier gibt es keinen „free lunch“. Ein Preis, ein klarer, definierter Wert, sorgt für Ordnung in den Beziehungen. Da wären wir wieder beim Sinn der Gabe unter klaren Regeln, wie sie Marcel Mauss erkannte. Sie erst bildet die Gesellschaft. Was nichts kostet, ist nichts wert – für Menschen gilt das genauso wie für ihre Güter.

6. Der Wert des Menschen

Das Moralisieren gegen das Materielle ist eine schlechte Angewohnheit. Sie lebt davon, dass die meisten Menschen nicht gelernt haben, ökonomisch zu denken.

In unserer Kultur ist Geld verdächtig. Viele schämen sich, ihren Preis zu nennen. Über Geld spricht man nicht, das heißt in unserer Kultur immer noch: Man denkt nicht über seinen Wert nach. Geld ist immer noch irgendwie schmutzig. Es verdirbt den Charakter.

Tatsächlich ist es umgekehrt. Ein selbstbestimmter, selbstständiger und selbstbewusster Mensch macht sich nicht von Almosen und guten Worten abhängig. Er nimmt nicht, was ihm zugestanden wird, sondern was er wert ist. Charakter formt sich durch Persönlichkeit, Selbstbewusstsein. Das Gegenteil aber, die buchstäblich falsche Bescheidenheit, führt nur in die Abhängigkeit und in den Opportunismus: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Der perfekte Untertan ist einer, der aus Überzeugung mitmacht. Dabei hilft Ahnungslosigkeit sehr.

Joseph Schumpeter hat 1939 die These formuliert, dass der Kapitalismus durch seine eigenen Erfolge untergeht. Die Leute wissen nicht mehr, woher ihr Wohlstand kommt. Die Scheinriesen der Sozialstaaten bieten eine solche Fülle an öffentlichen Gütern an, die scheinbar kostenlos angeboten werden, dass man zunehmend das und nicht die dahinterstehende Volkswirtschaft für die Ursache der Wohltaten hält. Preis und Wert sind entkoppelt.

Jahrzehnte nach Schumpeter ist die Prophezeiung Wirklichkeit geworden. Wer weiß, was Verkehr, Bildung, Verwaltung, Umwelt wirklich kosten? Wie teuer war meine Ausbildung wirklich? Die letzten fünf Jahre Gesundheitsversorgung? Da ist er, der wahre Verblendungszusammenhang. Wir halten vieles für selbstverständlich. Und das Selbstverständliche für kostenlos.

Kostenbewusstsein und Kostenwahrheit hat nichts mit Sparsamkeit zu tun, sondern mit Realitätssinn. Das Umsonstdenken hält uns von der Realität fern, weil es uns von der Einschätzung, welchen Wert die Dinge haben, abhält. Deshalb überlassen wir anderen die Kontrolle über unser Leben, statt selbst zu entscheiden.

Marx hatte recht, wenngleich auch anders als er meinte. Entfremdung gibt es. Sie bedeutet, nicht zu wissen, was man wert ist. Bewusstlosigkeit aber ist keine Tugend.

7. Wahrnehmungsillusion

Es geht also um Ethik, was nichts anderes ist als „das Handwerk, das vor dem Moralisieren warnt“, wie es der Hallenser Ökonom Ingo Pies sagt. Die Umsonstkultur des Internets habe ein klares Vorbild: die „Moral des Staates, der seinen Bürgern Kostenlosigkeit vorgaukelt“. Insofern sei das oft zitierte Bild, dass etwa Google oder Amazon auf dem Weg zu ihren natürlichen Monopolen einen „Staat im Staat“ errichtet hätten, gar nicht so falsch, findet der Wirtschaftsprofessor. Google etwa arbeite mit der gleichen „Wahrnehmungsillusion, der sich auch der komplexe Sozialstaat bedient. Der tut ja auch so, als ob er eine Reihe kostenloser Güter anbietet, die im Grunde aber steuer- und abgabenfinanziert sind.“ Pies glaubt, dass die Anspruchshaltung, dass im Netz alles oder wenigstens das meiste umsonst sein müsse, deshalb so schnell umgesetzt worden sei, weil die Menschen sich im modernen Staat bereits daran gewöhnt hätten.

Man kann das auch Anspruchshaltung nennen. Doch dabei gewinnen die, die glauben, nichts bezahlen zu müssen, rein gar nichts, im Gegenteil. „Das Problem ist natürlich, dass die Interessen nicht offen deklariert werden“, sagt Pies. „Im Internet gibt es so wenig umsonst wie im Staat. Aber in der Politik und in diesem Teil der Wirtschaft nutzen leitende Manager geschickt die vorhandene Kostenlos-Illusion dazu, soziale Akzeptanz herzustellen.“

So entstehen Scheinriesen erster Ordnung. Dass nur geben kann, wer zuvor genommen hat, weil er sonst ziemlich unselig endet, wird verdrängt. In der Umsonstkultur ist es vorteilhaft, sich als Institution und nicht als Unternehmen darzustellen. Niemand redet von Geschäften. Alle wollen nur was Gutes tun. Das Problem liege darin, findet Ingo Pies, „dass sich niemand mehr fragt, was diese Kostenlosigkeit uns kostet“. Damit meint er nicht allein den monetären Ausfall, sondern eben auch den zunehmenden Verlust an „Entscheidungsfähigkeit im eigenen Leben. Wer die Kosten seines Handelns nicht kennt, weiß auch nichts über dessen Folgen. Alles wird beliebig.“ Oder wie man es früher auch nannte: entwertet.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Wirtschaftsethik sei es, so Pies, „den Menschen die Kosten der Kostenlosigkeit klarzumachen“, nicht etwa, um damit, wie oft behauptet wird, das „Soziale aus dem Verkehr zu ziehen“, sondern um es „zu ermöglichen“.

Denn die Legende vom guten Umsonst diene nur sehr selten jenen, die es nötig hätten, sagt Pies: „In einem Land, in dem vor allem die Kinder begüterter Eltern studieren und die Studiengebühren lächerlich niedrig oder gar nicht existent sind, zahlt der Handwerker, der seine Ausbildung selbst finanziert hat, dem wohlhabenden Akademikerkind die Uni.“ Diese Ungerechtigkeit dient einer vermeintlichen Gerechtigkeit, einem bewährten Scheinriesen erster Ordnung. Man muss nur behaupten, dass Studiengebühren die Kinder armer Leute benachteiligten, obwohl man mit einem funktionierenden Gebührensystem deren Studium durch Stipendien hervorragend finanzieren könnte.

Das ist so wie in der Hochkultur. Die russische Sopranistin Anna Netrebko zum Beispiel, sagt Pies, „ist eine großartige Künstlerin, der ich von Herzen alles gönne. Aber zur Multimillionärin ist sie auch mit den Gagen von Musiktheatern geworden, die von Kommunen finanziert werden, die die Sozialhilfe kürzen müssen oder sich keine Kindergärten leisten können.“ Auch wenn die Preise für Operntickets hoch sind, kostendeckend sind sie praktisch nie. Ist das gerecht? Nein, natürlich nicht. Aber sind nicht alle, die das auch nur denken, Feinde der Kunst, der Kultur, der Künstler? Jedenfalls sieht man das dort meist so. Nur ein Beispiel.

Jede Gruppe, die sich Privilegien zugesteht, verfügt über ein Arsenal moralischer Begründungen zu ihrer Verteidigung. Sie alle hätten ein gemeinsames Ziel, sagt Pies: „Transparenz zu sabotieren, Offenheit zu verhindern. Es geht um soziale Bemäntelung.“

Da haben wir es. Wer genau hinsieht, der erkennt die Scheinriesen erster Ordnung leicht. Sie tragen des Kaisers neue Kleider.

Und nein, es liegt nicht an Tur Tur, dass sich die Leute vor ihm fürchten, es liegt an den Leuten selbst. Umsonst ist das Gegenteil von freundlich, sozial und großzügig, ein Wort, das man am besten mit der Formel „leben und leben lassen“ definiert. Damit meint man die anderen, aber immer auch sich selbst. Das ist ein guter Deal. Oder, wie man auch sagt, wahre Gerechtigkeit. ---

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