Ausgabe 06/2017 - Was Wirtschaft treibt

Kölner Zoo

Ein Tierpark ist kein Ponyhof

• An einem Tag im Februar haben die Malaienbären im Kölner Zoo nur einen Zuschauer: Christopher Landsberg. Eigentlich wollte er zu den Elefanten, vor dem Bärengehege ist er stehen geblieben, weil ihn der Anblick so ärgerte. „Da sieht man einfach, dass Beton in den Siebzigerjahren nichts gekostet hat“, sagt der Kaufmännische Direktor des Kölner Zoos. Er würde die Anlage am liebsten neu bauen. Doch das Geld ist knapp.

Einen Zoo in der heutigen Zeit rentabel zu betreiben ist nicht leicht. Wer das Geschäft mit den Tieren verstehen will, muss mit Landsberg zu den Elefanten gehen.

Vorbei also an Löwen, Zebras und Affen ins Elefantenhaus. Das Gebäude und das daran anschließende Freiluftgehege sind mit rund 20 000 Quadratmetern fast so groß wie drei Fußballfelder. Die größte Anlage Europas nördlich der Alpen ist Landsbergs Stolz. Von der Aussichtsplattform in der Halle schaut er auf die mampfenden Dickhäuter: „Die Leute denken immer, dass das Futter am teuersten sei.“ Doch im 18-Millionen-Euro-Etat der gemeinnützigen Aktiengesellschaft Zoologischer Garten Köln sind Materialkosten mit 15,5 Prozent ein eher kleinerer Posten. Futter macht davon nur knapp ein Viertel aus. Der Rest entfällt auf Arznei, Wasser, Wärme und Strom.

„Man kann dem Elefanten nicht erklären, dass er die Tür hinter sich zumachen muss“, sagt Landsberg, „und eine Tür, durch die ein Elefant passt, ist schon relativ groß.“ Der 52-Jährige wirkt in diesem mächtigen Gebäude ein bisschen verloren. Die Luft ist so feucht und warm, dass den Besuchern die Brillen beschlagen. Die Tiere können jederzeit ins Freie – was die Energiekosten in die Höhe treibt.

 

 

 

Alle paar Meter begegnet Landsberg einem der Mitarbeiter: Tierpfleger, Gärtner, Handwerker. Insgesamt 160 Menschen arbeiten hier und stellen mit knapp 48 Prozent den größten Posten im Budget des Kölner Zoos. Gut 13 Prozent sind Abschreibungen und Zinstilgungen. Etwas mehr als ein Viertel des Budgets wird für Reparaturen, Einlasspersonal, Verwaltung und Marketing aufgewendet.

„Wir brauchen Personal und Radiergummis wie jedes andere Unternehmen auch“, sagt Landsberg und schaut empor zur hölzernen Kuppel der Halle, „ich habe nur Angst, dass irgendwann jemand sagt, das Dach ist undicht.“

Denn der Umsatz aus dem laufenden Geschäft lässt größere Ausgaben bei kaum einem Zoo in Deutschland zu. Der in Köln ist da typisch für die Branche. In den vergangenen Jahren erwirtschaftete Christopher Landsberg gerade genug, um die laufenden Kosten zu decken. Das liegt nicht zuletzt an jenem Artenschutz, den die Direktorengeneration vor ihm einst erstritt, doch dazu später.

Am meisten verdient der Zoo an den Eintrittskarten der Besucher. Sie tragen gut 66 Prozent zum Gesamtetat von knapp 18 Millionen Euro bei. So besuchten im Geschäftsjahr 2015 gut 1,1 Millionen Menschen mit knapp 797 000 Tages-Tickets und 34 000 Jahreskarten den Kölner Zoo. Erwachsene zahlten 19,50 Euro, Kinder 9 Euro. Dauerkarten rechnen sich ab 5 Besuchen im Jahr. Der Tierpark liegt mit seinen Besucherzahlen und Preisen in den Top Ten.

Mit kleinen Verbesserungen versucht Landsberg, seine Einnahmen zu erhöhen: Als er im Jahr 2004 Passfotos auf den Jahreskarten einführte, konnte er im Folgejahr fast anderthalbmal mehr davon verkaufen. Zuvor hatte man die Karten offenbar großzügig geteilt. Kürzlich hat Landsberg prüfen lassen, ob sich eine Biogasanlage mit Elefantenmist betreiben ließe. Das hat zwar nicht geklappt (zu weich, zu feucht), dafür stellt er nun die gesamte Beleuchtung auf energiesparende Leuchtdioden um.

Eine weitere, wichtige Attraktion befindet sich in einem Haus direkt am Ausgang, hinter den Gorillas, Leoparden und Okapis. Dort stapeln sich Stofftiere in Regalen bis unter die Decke. Landsberg breitet die Arme aus: „Souvenirs und so’n Zeug, die Leute wünschen sich das.“

Elefanten kennen keinen Sonntag

 

 

Hat keine Berührungsängste mit seinen Mitarbeitern: Christopher Landsberg

 

 

Als einer der ersten Zoos in Deutschland habe man in Köln die Gastronomie in Eigenregie übernommen. Gegenüber den Kartenverkäufen fallen die Pachteinnahmen für die Zoo-Shops und die Restaurants mit zusammen gut drei Prozent an den Gesamteinnahmen jedoch kaum ins Gewicht. „Natürlich kann ich damit den Betrieb nicht finanzieren“, sagt Landsberg, „aber ich kann damit Dinge mitfinanzieren, die ich mir sonst nicht leisten könnte.“

Weitere drei Prozent der Einnahmen sind Erbschaften und Spenden. Zwei Prozent sind kleinere Beträge von Fotogenehmigungen und einer Sponsoring-Vereinbarung mit einem regionalen Energieversorger. Wichtiger ist der laufende Zuschuss zu den Betriebskosten durch die Stadt Köln. Dessen Anteil am Gesamtbudget beträgt 20 Prozent. Investitionen in neue Gehege müssen zusätzlich bezuschusst werden. „Natürlich könnte man den Kölner Zoo komplett ohne Fördergelder führen“, sagt Landsberg, „dann aber zu einem Eintrittspreis, den sich vermutlich nicht jeder leisten kann.“

Stefan Zaubitzer berät mit seiner Firma Pluswerte Tierparks in Deutschland, Österreich und der Schweiz in betriebswirtschaftlichen Fragen. „Den Kommunen ist es wichtig, einen Zoo im Umkreis zu haben“, sagt der 37-Jährige. Und dann referiert er über Zahlen. Der Verband Zoologischer Gärten zählt 69 wissenschaftlich geführte deutschsprachige Tierparks. Insgesamt empfingen die Mitglieder im vergangenen Geschäftsjahr rund 40 Millionen Besucher. Für einen Tagesausflug geben sie bis zu 30 Euro pro Kopf aus – die Bundesliga als zuschauerstärkste Fußball-Liga der Welt verzeichnete im selben Jahr nur 13 Millionen.

Trotzdem sind die Zoos je nach Größe stark auf Zuschüsse angewiesen. Zaubitzer schätzt deren Anteil an den Erlösen kleinerer Tierparks auf bis zu 70 Prozent. Doch die finanzielle Situation der Kommunen wird zunehmend schlechter. Auch im Kölner Zoo wurde der Zuschuss daher zuletzt 2009 um fast 30 Prozent auf rund 3,5 Millionen Euro gekürzt. Für das Gesamtbudget bedeutete das damals einen Verlust von knapp 6 Prozent.

Tierparks müssen wie Museen zunehmend darauf achten, rentabel zu arbeiten. Doch anders als Kunstsammlungen haben sie das ganze Jahr über geöffnet. Die Tiere müssen ja ohnehin jeden Tag versorgt werden.

„Der finanzielle Druck steigt allein durch die Kürzungen enorm“, sagt Stefan Zaubitzer. Bevor er sich Ende 2014 selbstständig machte, arbeitete er erst als Controller, später als Prokurist im Leipziger Zoo. Davor war er Controller in einem Unternehmen, das Munition entsorgte.

 

 

Achten nicht auf ihre Heizkosten: Elefanten im Kölner Zoo

 

 

Die Gastronomie selbst in die Hand zu nehmen, wie in Köln, ist ein Rat, den er häufig erteilt. In den vergangenen Jahren beschlossen zudem immer mehr Tierparks eine Spezialisierung. So legte man beispielsweise in Köln den Schwerpunkt auf Tiere aus Südamerika. „Moderne Zoos müssen sich strategisch ausrichten wie Themenparks“, sagt Zaubitzer.

Schon in seiner Zeit in Leipzig sei ihm aufgefallen, dass der Anspruch der Besucher steigt. Die Menschen wünschen sich, dass die Tiere artgerecht gehalten werden. Zunehmend fragt man auch nach mehr Service, Souvenirläden und Restaurants statt Pommes. Zusätzlich erwarten die Zuschauer alle zwei Jahre neue Gehege, eine neue Attraktion. Auch das haben zoologische Gärten mit Freizeitparks gemeinsam.

Investitionen in neue Anlagen sind laut Zaubitzer der beste Weg, Besucher anzulocken. In Leipzig erreichte man 2011 mit einer neuen Tropenhalle 34 Prozent mehr Besucher. Doch nur die wenigsten Kommunen und Zoos können sich eine 67 Millionen Euro teure Investition wie in Leipzig leisten.

Einen der wohl entscheidendsten Faktoren für Besucherzahlen haben die Direktoren indes nicht in der Hand: das Wetter. Für einen Zoobesuch darf es nicht zu kalt und nicht zu heiß sein. Sonst gehen die Menschen ins Museum oder ins Freibad.

Und die naheliegendste Methode, Leute anzuziehen, ist heute laut Zaubitzer nicht mehr angesagt: „Auf die Idee, Besucher mit besonders beliebten Arten anzulocken, würde heute niemand mehr kommen.“

Tausche Malaienbär gegen Okapi

Tatsächlich werden die Tiere in den großen Zoos schon lange nicht mehr nach dem Publikumsgeschmack ausgesucht. Man versteht die Tiere heute als Botschafter für den Natur- und Artenschutz. Das vorrangige Ziel ist es, bedrohte Arten vor dem Aussterben zu retten, ohne weitere Tiere aus der Wildnis zu fangen. Daher werden fast alle Tiere in zoologischen Gärten koordiniert gezüchtet. Das System dahinter hat gewaltige Ausmaße, aber wie funktioniert es genau? Und welchen Preis zahlt man etwa für einen Malaienbären?

Wenn Gunther Nogge von seiner Zeit als Kölner Zoodirektor erzählt, gestikuliert er wie ein Staatsmann. Den rechten Mittelfinger verlor er einst bei einem Zwischenfall mit einem Schimpansen. Kaum einer weiß besser, wie die Tiere in die Parks kommen als Nogge. Der 75-Jährige hat das heutige System mit aufgebaut.

Für fast jede bedrohte Tierart, die man in modernen Zoos weltweit findet, gibt es heute ein Zuchtbuch. Dort sind alle Exemplare einer Art mit Geschlecht, Standort und Stammbaum aufgeführt. Dieses Verzeichnis wird von den Kuratoren in Tierparks auf der ganzen Welt verwaltet.

 

 

Berät Deutschlands Zoodirektoren: Stefan Zaubitzer

 

 

Wer etwa Malaienbären in Europa halten will, muss sich an die zuständige Kuratorin im Kölner Zoo wenden. Wenn die Voraussetzungen für die artgerechte Haltung erfüllt sind, wählt sie zwei erwachsene Malaienbären aus zwei unterschiedlichen Zoos zur Paarung aus. Die Betriebe geben dann ihre Exemplare zur Gründung einer neuen Population ab. Beschließt ein Betrieb, künftig keinen Nachwuchs einer Spezies mehr zu wollen, gibt er ein paar geschlechtsreife Tiere zur Besiedlung neuer Stätten ab. Das oberste Kriterium lautet: Inzucht vermeiden. Damit bestimmt auch der Artenschutz über den Bestand eines Tierparks.

Verkauft werden bedrohte Tiere nicht mehr. Für den Malaienbären aus Köln zahlt der Empfänger keinen Cent. Heute werden die meisten Zootiere nur noch unentgeltlich getauscht. Das war nicht immer so.

Lange bevor Gunther Nogge Zoodirektor in Köln wurde, hatten exotische Tiere noch ihren Preis: „Damals war der Markt für Tiere noch emotional geprägt.“ Man bezahlte für Nashörner, Elefanten und Giraffen nach Beliebtheit, Größe und Nachwuchs. Und wer es sich leisten konnte, bestellte bei den Tierhändlern Eisbären- oder Löwenbabys.

Doch im Jahr 1962 begann der internationale Dachverband (World Association of Zoos and Aquariums), auf Wildfänge der besonders bedrohten Tierarten wie Orang-Utans zu verzichten. Elf Jahre später wurde der kommerzielle Handel mit bedrohten Tierarten durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen offiziell reguliert.

Tierparks standen damit vor einem Problem: Ohne Nachschub aus der Natur wären die Gehege bald leer. Die Zoodirektoren hatten sich mit dem freiwilligen Verzicht und dem folgenden Abkommen selbst zur bedrohten Art gemacht. Gemeinsam mit einer Handvoll Kollegen aus ganz Europa organisierte Nogge deshalb Mitte der Achtzigerjahre Zuchtprogramme, um die Tierbestände in europäischen Zoos miteinander zu paaren und so zu erhalten. Die Programme gibt es immer noch.

Zunächst wurden die Tiere mit aufwendigen Verträgen verliehen. Es war der Zoodirektor des Tierparks in Rotterdam, der als erster damit aufhörte. „Ich erinnere mich noch genau“, sagt Nogge. Sein erstes Bauprojekt als Direktor des Kölner Zoos war ein Haus für Menschenaffen. „Und dann stand da Dick van Dam vor mir mit einem Gorilla auf dem Arm.“ So begann die Kölner Gorillapopulation mit einem Geschenk.

Nach und nach setzte sich das Tauschen durch. Wer sich nicht beteiligte, dem gingen bald die Tiere aus. Gunther Nogge sagt: „Nach rund zehn Jahren hatte es auch der Letzte begriffen.“ Seitdem sind geschützte Arten wie Gorillas und Okapis auf dem Papier wertlos – oder unbezahlbar, so könnte man es auch sehen. In jedem Fall sind sie für Geld legal nicht mehr zu beschaffen.

Weil sich Tiere nur vermehren, wenn es ihnen gut geht, stieg auch der Anspruch an die artgerechte Haltung. Nogge verabschiedete sich als Direktor der Kölner Zoos von Pinguinen, Flughunden und Eisbären. Auch Landsberg verzichtet heute auf manche Arten, die sich seine Besucher wünschen, darunter Delfine und Kängurus.

 

 

Hat den Artenschutz ins deutsche Gehege gebracht: Gunther Nogge

 

 

Auf dem Weg zurück in sein Büro kommt Christopher Landsberg im Kölner Zoo noch einmal an allen Gehegen vorbei: an Affen, Zebras, Gorillas, Leoparden, Löwen und Okapis. Vor einem Gehege kurz vor dem Haupteingang bleibt er stehen. Davor drängen sich so viele Familien, dass man die Tiere kaum erkennen kann. „Wenn es mir nur ums Geld ginge“, sagt der Zoodirektor, „würde ich die gesamte Anlage wohl einfach mit Erdmännchen pflastern.“ ---

 

 

Fühlt sich zu unrecht unbeobachtet: Erdmännchen im Kölner Zoo

 

 

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