Ausgabe 06/2017 - Schwerpunkt Umsonst

„Das kostet aber extra“

Luft: 1 Euro

Die Tankstellen Shell und Esso haben jüngst Automaten aufgestellt, an denen das Befüllen der Reifen nur noch nach Münzeinwurf möglich ist. Die Presseabteilung der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH, zu der die Tankstellen der Marke Esso gehören, begründet das so: „Für die Umstellung hat sich das Unternehmen entschieden, weil die älteren Geräte häufiger defekt waren oder gestohlen wurden. Das Prüfen des Luftdrucks bleibt aber weiterhin kostenfrei. Wer Luft aufpumpen möchte, muss dort, wo die neuen, modernen Automaten stehen, einen Euro einwerfen – nicht für die Luft, sondern für die Nutzung des Geräts, das wir lediglich mieten und für dessen Wartung wir ebenfalls Kosten zu entrichten haben.“

Der Autofahrer hat bei den mit den neuen Geräten ausgestatteten Esso-Tankstellen für die Reifenbefüllung sechs Minuten Zeit. Wer schneller fertig ist, kann das Gerät auf Staubsauger umschalten und für die Restzeit das Auto reinigen.

 

 

Spongiosa-Block (10 x 10 x 20 mm): 365,33 Euro 

Noch in den Neunzigern wurde das bei Operationen anfallende Knochenmaterial in Plastiktüten verpackt und im Gefrierschrank verwahrt. Benötigte ein Chirurg beim nächsten Eingriff Material, bediente er sich an den tiefgekühlten Vorräten. Gratis.

In den USA hatten Firmen bereits in den Achtzigern einen Markt für den Operationsabfall entdeckt. Sie nahmen das überschüssige Gewebe von den Patienten oder deren Angehörigen als Spende entgegen und stellten daraus Implantate her. Sie ließen sich bereits angewandte Verfahren zur Konservierung, Desinfektion oder Untersuchung der Spenden patentieren und professionalisierten die Abläufe. Am Ende stand ein kostenpflichtiges Produkt. Heute ist der Umgang mit dem Gewebe gesetzlich geregelt: wer das Knochenmaterial entnimmt, wer es verarbeitet, wie lange ein Arbeitsschritt dauert und wie viel er kostet. Im Jahr 2007 verschärfte das Gesetz über Qualität und Sicherheit von menschlichem Gewebe und Zellen die Anforderungen noch einmal deutlich. Nur noch große Kliniken können sie erfüllen. Den Großteil der Implantate liefern kommerzielle Anbieter.

 

 

Ein Arztgespräch: 3 D-Mark

Vom 18. März 1965 an konnten Ärzte abrechnen, was bis dahin als selbstverständlich galt: dass sie mit den Patienten reden. Ein Arztgespräch kostete nun drei D-Mark, zahlreiche Ausnahmeregelungen erlaubten auch mehr. Heute wird das Gespräch nicht mehr separat berechnet, sondern ist Bestandteil einer Behandlung, für die Ärzte eine Pauschale kassieren, die je nach erforderlicher Leistung und Region variiert.

 

 

Nagel einschlagen: 2 Euro

Wollten die Bewohner eines Seniorenpflegeheims in der Nähe von Schwerin ein Bild an ihrer Zimmerwand anbringen, baten sie den Hausmeister, einen Nagel einzuschlagen. Seit Januar ist aus der Gefälligkeit ein kostenpflichtiger Service geworden. Die Gebühr wird als Zusatzleistung in die Monatsabrechnung der Heimbewohner aufgenommen. Möglich macht dies eine Regelung im Sozialgesetzbuch XI, die den Einrichtungen erlaubt, Serviceleistungen, die nicht die Vereinbarungen mit den Pflege- und Sozialkassen betreffen, extra abzurechnen.

 

 

Streusel: 20 Cent

Bunte Streusel gab es für die Kinder früher immer „so“. Heute kosten sie je nach Geschäftstüchtigkeit der Eisdiele zwischen 20 und 90 Cent. Warum eigentlich?

Ein Kilogramm Zuckerstreusel ist im Großmarkt für 8,49 Euro zu haben. Ein paar davon auf das Eis zu streuen kostet also nur Bruchteile eines Cents. Die nette Geste sei aber von den Kunden zuletzt regelrecht erwartet worden, berichtet ein Eisverkäufer aus Münster. Richtig viele Streusel sollten es sein, am liebsten auch noch Krokant und Schokosplitter dazu.

Für die Eisverkäufer bedeuten die neuen Margen für die Streusel aber vor allem eine wichtige Querfinanzierung für das Eis. Die Kunden verlangen heute eine große Auswahl – nur Schokolade, Vanille, Erdbeer und Stracciatella, wie früher, reichen schon lange nicht mehr. „Heute fertigt jeder Eismeister Dutzende Sorten an, für die die Zutaten immer frisch vorhanden sein müssen“, sagt Annalisa Carnio von der Union der italienischen Speisehersteller. Einige Eissorten würden oft unter dem Herstellungspreis verkauft. Der Umsatz mit Streuseln kommt da sehr gelegen.

 

 

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