Ein Blick ins Heft

brand eins Chefredakteurin Gabriele Fischer stellt einmal im Monat das neue Heft vor und schreibt über die Gedanken, die die Redaktion zum jeweiligen Schwerpunkt bewegen. Wenn Sie den Leser-Newsletter gerne empfangen möchten, melden Sie sich bitte hier an:

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Schwerpunkt: Umsonst

Lieber Leser,

das Thema ist keines, das uns Journalisten kaltlässt. Dass immer mehr Menschen erwarten, Nachrichten, Videos, Texte gratis geliefert zu bekommen, zielt geradewegs auf unsere Existenz. Mit einem trübsinnigen Schwerpunkt müssen Sie dennoch nicht rechnen. Zum einen geht es brand eins noch immer gut, vor allem aber hat uns die Vielseitigkeit des Themas schnell gewonnen: „Umsonst“ als ökonomisches Modell ist Kampfansage und cleveres Geschäftsmodell zugleich, stellt grundsätzliche Fragen und liefert erstaunliche Antworten. Wir hatten daher viel Spaß beim Blattmachen.

Läuft ohne Geld

Foto: Simone Scardovelli


Läuft ohne Geld

Um den hohen Wert unbezahlter und freiwilliger Arbeit zu ermessen, hätte es das Internet nicht gebraucht. Mehr als 30 Millionen Freiwillige im Ehrenamt belegen, dass sich Menschen einbringen wollen, auch wenn sie damit kein Geld verdienen. Auf unbezahltes Engagement baut Wikipedia, und darauf baut die Plattform Discogs, eine der größten Musikdatenbanken der Welt. Auch die Gründer des Hamburger Stadtmagazins »Stadtlichh« verzichteten auf Entlohnung. Und sie alle haben gute Argumente dafür. Schwierig wird die Sache erst, wenn andere an der freiwilligen Arbeit verdienen – oder wenn sie an Selbstausbeutung grenzt („Die tun was“; S. 90 / „Lass die Kunden das machen“; S. 46 / „Geschenkt“; S. 72 / „Die Bewegung“; S. 133).

Läuft mit Geld

Illustration: Ika Künzel


Läuft mit Geld

Nicht jeder, der Gratisleistungen anbietet, verzichtet auf Einnahmen. Moderne Geschäftsmodelle setzen auf Freemium: Sie verschenken Basisleistungen und lassen sich erweiterte Angebote bezahlen – wer ab und zu online spielt, der kennt das System. Bei Spielen allerdings geht nicht immer alles fair zu, wie Christoph Koch bei seinen Recherchen erfuhr. Überhaupt zeigt die Auseinandersetzung mit der Umsonst-Ökonomie, dass der Verzicht auf Geld und eine klar geregelte Austauschbeziehung tückisch sind. Nicht nur, dass mit der einst revolutionären Formel Geld gegen Leistung der Aufstieg des Bürgertums begann: Wer nicht klar sagt, was er will, kann leicht ausgebootet werden („Was nix kostet, wird was wert“; S. 142 / „Freispiel“; S. 74 / „Wertsachen“; S. 32 / „Pitch dich selbst!“; S. 42).

Läuft

Foto: Thekla Ehling


Läuft

Dass ausgerechnet die Lagerung von Geld nichts mehr einbringen soll, hätte sich im vergangenen Jahrhundert kein Bankier vorstellen können. Aber nun leben wir schon seit Jahren mit der Nullzinspolitik. Wie wirkt sich das auf die Unternehmen aus? Können sie mehr investieren, mehr Arbeitsplätze schaffen? Patricia Döhle hat sich darüber mit einem Mann unterhalten, der die Finanzen der Bayer AG verantwortet, also jenes Konzerns, der für 66 Milliarden Dollar Monsanto kaufen will. Seine Kalkulation ist überraschend („Wie rechnet Bayer?“; S. 54).

Läuft über

Foto: Oliver Helbig


Läuft über

Ist es überhaupt erstrebenswert, alles umsonst und im Überfluss zu haben? Alexander Krex hat Zweifel. Anfangs hat er sich über verschiedene Flatrates noch gefreut, inzwischen fühlt er sich von den unendlichen Angeboten wie erschlagen. Auch für Erben ist die Aussicht auf ein sorgenfreies Leben nicht unbedingt Erleichterung. Mancher sammelt so viel Kunst, dass er ein Teil davon gern an Museen und damit an die Öffentlichkeit weitergibt. Aber das sind Geschenke mit Folgekosten, wie Peter Laudenbach festgestellt hat („Eine Nacht in der Schokoladenfabrik“; S. 146 / „Vererben und erben“; S. 118 / „Teure Geschenke“; S. 62).

Umsonst ist ein Versprechen mit Nebenwirkungen. Wer lieber wissen möchte, worauf er sich einlässt, bezahlt.

Viel Spaß mit der neuen Ausgabe,
Gabriele Fischer

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