Ausgabe 06/2017 - Markenkolumne

Carl Gross

Ab durch die Mitte

• Zwei Ereignisse sorgten in jüngster Zeit für gute Stimmung in der Firmenzentrale im Städtchen Hersbruck bei Nürnberg. Erstens belegten die beiden Marken des Hauses – Carl Gross und Club of Gents – in der „Anzugstudie 2016“ der Fachzeitschrift »Textilwirtschaft« den ersten Platz in der Kategorie „Modeleistung“. Und dann holte ein Sportler Ende April dieses Jahres in Hamburg mit 2:42 Stunden für das Unternehmen den Weltrekord beim „Marathon im Businessanzug“ inklusive Weste und Krawatte – geschneidert aus speziellem, atmungsaktivem Tuch.

„Wir wollen mit unseren Marken mehr Aufmerksamkeit beim Endverbraucher erzeugen“, sagt Jürgen Putzer, 52. Der Marketingchef hat sich die öffentlichkeitswirksame Aktion ausgedacht. Sein Ziel ist es, die Bekanntheit von Club of Gents – derzeit 15 Prozent – bis 2020 zu verdoppeln. Bislang hat die Firma gute Geschäfte gemacht, obwohl sie beim Publikum wenig bekannt ist. Ein Anzug ist ein beratungsintensives Produkt, und Männer lassen sich gern von kompetenten Verkäufern überzeugen. Bei letzteren hat sich die Firma dank eines guten Preis-Leistungs-Verhältnisses und Liefertreue einen Namen gemacht. Wer im Kaufhaus oder Fachhandel einen Anzug mittlerer Preislage (249 bis 349 Euro) sucht, bekommt mit gewisser Wahrscheinlichkeit einen der Franken empfohlen. Sie schlagen sich gut im Wettbewerb mit anderen Mittelmarken wie Roy Robson oder Drykorn.

An diesem Prinzip soll sich nichts ändern, sagt Peter Gross, 61, geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. „Wir sind und bleiben Partner des Fachhandels.“ Daher werde man auch keine eigenen Geschäfte eröffnen, so wie andere Hersteller. Der Onlineshop trägt lediglich rund zwei Prozent zum Umsatz bei.

Die Firma zeigt, dass sich hierzulande in der Textilbranche – in der es in jüngster Zeit mit René Lezard, Roeckl und Wöhrl einige Pleiten gab – nach wie vor gutes Geld verdienen lässt. Der Umsatz von Création Gross ist in den vergangenen zehn Jahren beständig gestiegen, in manchen Jahren zweistellig. Über den Gewinn schweigt sich der Chef aus, aber das Unternehmen sei kerngesund und habe genug Mittel für die notwendigen Investitionen. Er führt durch sein Reich, in dem gerade ein Showroom für die Marke Club of Gents fertiggestellt wurde – mit Blick auf die Produktion, in der noch 25 Mitarbeiter tätig sind. Fast alle Anzüge, Sakkos, Mäntel und Westen werden zwar in Rumänien, Bulgarien und Bosnien hergestellt, aber die Franken wollen den Produktionsprozess weiter beherrschen und so ihr Know-how bewahren.

Gross gibt sein Wissen gerade an seinen Sohn sowie dessen Cousin und damit an die vierte Generation weiter. Mit Thomas Steinhart, der vor zwei Jahren von S. Oliver kam, ist mittlerweile auch ein externer Manager in der Geschäftsführung und an der Firma beteiligt. Der Senior sieht sein Haus, so sagt er zum Abschied, „gut bestellt“. ---

August Gross gründet 1925 in Neuhaus an der Pegnitz eine Textilfirma. Seine Söhne Karl und Waldemar verlagern sie 1965 nach Hersbruck und spezialisieren sich auf Herrenmode. Peter Gross tritt 1984 in das Unternehmen ein und wird 1991 Geschäftsführer; gemeinsam mit seinem Cousin Wolfgang, der stiller Gesellschafter ist, hält er die Firmenanteile. 1994 führt er die Marke Carl Gross ein, Club of Gents – für eine jüngere, modischere Zielgruppe – folgt 2003. Nach der Jahrtausendwende verlagert Gross die Produktion größtenteils ins Ausland. Als kluger Schachzug erweist sich die Einführung eines Baukastensystems: Man kann Sakkos und Hosen verschiedener Größen kombinieren. Das erfordert ein großes Lager, um jederzeit das Gewünschte liefern zu können; bis zu 170 000 Teile sind in Hersbruck vorrätig. Auch setzt die Firma früh auf Stretch, was gut zu den aktuellen, eng geschnittenen Anzügen passe, so Gross: Junge Männer wollten sich gern zeigen, „sich aber trotzdem bewegen können“.

Création Gross GmbH & Co
Mitarbeiter weltweit: 650
Umsatz 2016: 68,2 Mio. Euro
Exportanteil: 50 Prozent

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