Ausgabe 12/2017 - Editorial

Wenn es anders kommt

• Kinder lieben Überraschungen. Mit dem Alter nimmt die Begeisterung ab, auch weil man lernt, dass das Unerwartete nicht immer erfreulich ist. Und in der Wirtschaftswelt ist vieles darauf ausgerichtet, Prozesse plan- und die Zukunft mithilfe von Big Data berechenbar zu machen.

Doch eine Welt ohne Überraschungen ist nicht nur für Kinder ein Graus. Man denke nur an all die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die wir dem Unerwarteten verdanken. An Innovationen, die es nicht gäbe, hätten sich die Erfinder nicht auf eine Suche mit offenem Ausgang eingelassen. Das Oloid jedenfalls wäre unentdeckt geblieben, hätte Paul Schatz gewusst, worauf er sich einließ: Dass sein umgestülpter Würfel einen Sinn hat, ist inzwischen bewiesen. Warum, ist bis heute nicht ganz klar (S. 58, 120).

Wir brauchen das Unbekannte, Ungewisse – um uns zu entwickeln, aber auch zu erfreuen. Wundertüte, Überraschungs-Ei und die Variante für Erwachsene, die Geschenkbox, leben davon. Zwei schwäbische Tüftler haben das Staunen zu ihrem Lebensmotto erhoben: Seit 20 Jahren arbeiten sie zusammen, stets auf der Suche nach dem, was es noch nicht gibt. Und haben so der Uhrenindustrie zu einer echten Neuheit verholfen (S. 72, 107, 82, 90).

Warum aber versuchen Menschen, das, was kommen könnte, mit allen Mitteln vorherzusehen? Selbst für die Urlaubsreise liefern inzwischen unzählige Apps vorab jene Informationen, die früher erlebt wurden. Vielleicht ist die Angst vor unangenehmen Überraschungen zu groß, im Geschäftsleben gilt das auf jeden Fall. Und auch der Besitzer einer Immobilie im Landkreis Kleve hätte gern vorher gewusst, was ihm widerfahren würde (S. 62, 68).

Wenn es um Geld geht, um Arbeitsplätze und geschäftlichen Erfolg wollen wir auf das Unerwartete lieber verzichten. Deshalb wird der offene Raum mithilfe von Daten immer präziser vermessen. Doch die Datenrevolution, so gibt der Philosoph Julian Nida-Rümelin zu bedenken, macht ihn gleichzeitig immer komplexer. Was dabei herauskommt, wenn wir zum Beispiel dem Computer die wichtige Aufgabe der Bewerberauswahl überlassen, mag zwar nach Datenlage richtig sein. Aber ob es das Richtige ist (S. 64, 114)?

Da ist es schon besser, mit dem Unerwarteten leben und arbeiten zu lernen – das hat der Managementlehrer Peter F. Drucker schon vor fast 20 Jahren empfohlen. Wer daraus allerdings ein Management der Überraschungen abzuleiten versucht, kommt nicht allzu weit: Mit Tools ist dem von Nassim Nicholas Taleb beschriebenen Phänomen des schwarzen Schwans nicht beizukommen – eher schon helfen Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und Mut (S. 34).

Wie das in der Praxis aussehen kann, zeigt der Telefondienstleister Sipgate, der eine Menge Aufwand betreibt, um nicht in Routinen zu verfallen und wach zu bleiben. Und das gilt gewiss auch für die amerikanische Imbisskette Waffle House: Oberste Maxime der Gründer ist, stets offen für die Wünsche der Kunden zu sein – auch wenn Hurrikane toben oder den Leuten das Wasser bis zum Halse steht (S. 76, 46).

Die Überraschung auszuschließen ist in Zeiten wie diesen nahezu unmöglich. Sie anzunehmen und daraus neue Fragen und Lösungen zu entwickeln, die deutlich Erfolg versprechendere Idee. Der Rohstoffeinkäufer Ralf Kunert lebt ebenso davon wie der Kriminalbiologe Mark Benecke (S. 108, 128) – und beiden merkt man an: mit nahezu kindlichem Vergnügen. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

Mehr aus diesem Heft

Überraschung 

Störzonen

Überraschungen sind unvermeidlich. Wäre es nicht klug, aus ihnen gute Gelegenheiten zu machen?

Lesen

Überraschung 

Im Auge des Sturms

Wenn Hurrikane die USA verwüsten, ruft das Weiße Haus bei einer Fastfood-Kette an, um herauszufinden, wie schlimm es wirklich steht. Denn niemand kennt sich so gut mit solchen Ereignissen aus wie das für sein billiges Frühstück bekannte Waffle House.

Lesen

Idea
Read