Ausgabe 10/2017 - Markenkolumne

Brooks

Voll die Härte

• Die rindsledernen Fahrradsättel made in England haben zwei Eigenarten: Erstens kommen sie bretthart in den Handel. Man muss sie über Hunderte Kilometer einfahren, damit sie sich der eigenen Anatomie anpassen – was idealerweise zu einer engen Kundenbindung führt (oder zur Verzweiflung). Zweitens werden die Teile gern geklaut; es gibt einen florierenden Markt für Brooks-Sättel mit Patina. Für dieses Problem kann Bregan Koenigseker, der Marketingmann des Unternehmens, in seinem Büro in Berlin-Pankow immerhin eine Lösung präsentieren: eine von einem Start-up entwickelte Diebstahlsicherung namens Hexlox für knapp 20 Euro. Womöglich lohnend bei Sätteln, die mindestens 70 Euro kosten und bei guter Pflege ein Leben lang halten.

Der 43-jährige Koenigseker stammt aus den USA, hat als Fahrradkurier gearbeitet und Rennen organisiert. So kam er vor acht Jahren in Kontakt zu Brooks; die Firma sponsert solche Events. Deutschland ist der wichtigste Markt, Bregan Koenigseker beackert ihn fleißig. Er erzählt stolz, dass sich der weltweite Umsatz von Brooks von 2002 bis heute auf 15 Millionen Pfund verzehnfacht habe. Die Marke passt sowohl zum Retro- als auch Designtrend und spricht eine Klientel an, die Wert darauf legt, stilvoll zu radeln. Koenigseker sieht die Produkte am liebsten in Geschäften, die sie schick präsentieren, wie eines in Berlin-Mitte, das tatsächlich Prêt À Vélo heißt.

Das größte Pfund, mit dem die Marke wuchern kann, ist die Fabrik in Smethwick in den West Midlands, wo die Ledersättel nach wie vor auf traditionelle Weise hergestellt werden, obwohl Brooks mittlerweile dem italienischen Unternehmen Selle Royal gehört. Neben klassischen Produkten wie Sätteln, Griffen und Werkzeug sind neuerdings auch Reisetaschen und Jacken im Angebot.

Brooks orientiert sich in Richtung Mode und stellte 2010 erstmals bei der Streetwear-Messe Bread & Butter aus. „Wir wollen nicht nur retro sein, sondern immer wieder etwas Neues bringen“, sagt Koenigseker. Dazu zählen Sättel, die mit vulkanisiertem Gummi überzogen sind und nicht eingefahren werden müssen. Ob sie der Kundschaft auch so an den Allerwertesten wachsen werden wie die traditionelle Ware, muss sich noch zeigen. ---

John Boultbee Brooks gründet 1866 in Smethwick bei Birmingham ein Geschäft für Sättel, Zaumzeug und andere Lederwaren, mit dem er nicht allzu erfolgreich ist. Als zwölf Jahre später sein Pferd stirbt, leiht er sich ein Fahrrad, um zur Arbeit zu kommen – und ist angetan von dem neuen Fortbewegungsmittel. Nur der hölzerne Sitz quält ihn, sodass er kurzerhand einen eigenen entwickelt. Eine Decke aus Rindsleder wird über einen Stahlrahmen gespannt, kann frei schwingen und Erschütterungen auffangen. Dank dieser später patentierten Erfindung wächst Brooks’ Firma gemeinsam mit der Fahrrad- industrie. Sie liefert bald allerhand Zweirad-Zubehör, darunter Lederholster für Zigarren, Kameras, Golfschläger, Säbel und Gewehre. Die Firma engagiert sich auch im Radsport, die frühen Cracks der Tour der France fahren auf Brooks-Sätteln. Zu ihren besten Zeiten in den Fünfzigerjahren steigt das englische Unternehmen zum größten Fahrradsattelhersteller weltweit auf. Danach geht es abwärts. Die Gründe sind die Automobilisierung und das Aufkommen pflegeleichter Kunststofffahrradsättel. 1962 wird die Firma von der Raleigh Cycle Company übernommen. Als diese 1999 in Schwierigkeiten gerät, retten zwei Investoren Brooks und reichen die Marke 2002 an den italienischen Sattelhersteller Selle Royal weiter – unter der Bedingung, dass die Produktion in den West Midlands bleibt. Dort stellen 40 Mitarbeiter rund 175 000 Sättel pro Jahr her.

Selle Royal S. p. A.
Mitarbeiter: 300
Umsatz: rund 120 Mio. Euro
Exportanteil: 95 Prozent
Marktanteil bei Fahrradsätteln in Deutschland: 40 Prozent

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