Ausgabe 10/2017 - Was Menschen bewegt

David Nutt

Professor Nutt erzählt einen vom Pferd

• David Nutt könnte jederzeit aufhören, wenn er wollte, aber er will nicht, sagt er. Keine unbedenkliche Aussage für einen, der seit vier Jahrzehnten hauptberuflich mit Sucht und Drogen zu tun hat. Doch seine Mission ist noch nicht beendet. Bevor er sich in den Ruhestand verabschiedet, will er die Alkoholindustrie trockenlegen. Zu diesem Zweck möchte er die Volksdroge durch ein selbst entwickeltes und gesünderes Rauschmittel ersetzen. Nun könnte man meinen, der Forscher hätte im Labor zu oft von den eigenen Proben genascht, doch das wäre voreilig.

Nutt ist Neurologe, Pharmakologe und Psychiater, er lehrt als Professor für Neuropsychopharmakologie am Imperial College London, einer Universität von Weltrang, ist Direktor des dorti-gen Fachbereichs, Präsident des European Brain Council und hat im Laufe seiner Karriere mehr als 400 wissenschaftliche Artikel, 8 Regierungsberichte sowie 27 Bücher veröffentlicht. Er mag ein exzellenter Wissenschaftler sein, doch ein Diplomat ist er nicht. Auch das ist ein Grund, warum er jetzt nicht aufhören kann.

Wie seine Patienten, die von ihrer Sucht nicht loskommen, kann David Nutt nicht stillhalten, wenn er mit Unwissenschaftlichkeit konfrontiert wird. Auch dann nicht, wenn es ihn seinen Job kostet, wie damals im Herbst 2009, als er sich als Leiter der britischen Drogenkommission in aller Öffentlichkeit von seinen Forschungsergebnissen distanzieren soll. Einen Teufel werde ich tun, denkt er sich, spricht es aus – und wird gefeuert. Nutt ist Wissenschaftler, die Sprache der Politik ist ihm fremd; er untersucht die Dinge und quantifiziert sie; das Gespür für die öffentliche Wirkung seiner Erkenntnisse fehlt ihm.

Kurz vor seinem Rauswurf aus der Regierungskommission hat er einen Artikel geschrieben, in dem er die Gesundheitskosten des Reitsports mit denen der Partydroge Ecstasy verglich – eine Polemik. Sein statistischer Befund: Das Risiko, beim Reiten durch Stürze ernsthaften Schaden davonzutragen oder zu sterben, sei deutlich höher als bei Einnahme der Pillen. Kurz gesagt: lieber ein Ecstasy-Trip als ein Pferdetritt. Dass die Boulevardblätter ihn daraufhin Professor Poison und Drogenzar nannten und sogar seine Kinder bei vermeintlichem Drogenkonsum fotografierten, macht ihn zwar wütend, aber es hält ihn nicht auf.

Auf seinem Londoner Arbeitsrechner führt der 66-Jährige Buch über die originellsten Schmähungen seiner Karriere. Und die Aufschrift auf dem Plastikschild neben der Tür zu seinem kleinen Büro im siebten Stock liest sich wie ein subtiler Protest dagegen. Denn hinter seinem Namen drängen sich so viele Abkürzungen, die von seinen akademischen Würden zeugen, dass es scheint, er wolle damit beweisen, dass er nicht jener durchgeknallte Drogenzar ist, als den ihn die Boulevardpresse darstellt.

Doch das Etikett „gefeuerter Drogenberater der Regierung“ begleitet ihn wie die Sorgenfalte über der Nasenwurzel. Kaum ein Zeitungsartikel beginnt ohne diese Kennzeichnung. Ihn kümmere das nicht, sagt der Mediziner, das sei ein guter Gesprächseinstieg und führe direkt zum Thema seines Lebens. Er ist nicht für die bedingungslose Legalisierung von Drogen, er kennt die dramatischen Folgen der Sucht aus seiner Praxis. Da jedoch weder Verbote noch Strafen das Problem bisher lösen konnten, fordert er ein faires Verfahren für jede Substanz. Eine wissenschaftliche Analyse, gefolgt von einer nüchternen Entscheidung. Eigentlich ist das kein frommer Wunsch, sondern Standard in der Wissenschaft. „Es gibt aber keinen rationalen Diskurs über Drogen, das musste ich erst Schritt für Schritt lernen“, sagt Nutt.

Erste Lektion: Eine Droge ist eine Droge ist eine Droge

Die erste Lehrstunde erhält David Nutt mit 15 Jahren. Damals liest er über den Schweizer Chemiker Albert Hofmann und dessen unfreiwilligen, ersten LSD-Trip der Welt. Welch mächtiges Werkzeug für das menschliche Denken muss das sein, sagt sich der Schüler und hält im Chemie-Unterricht ein Referat über den neuen Wunderstoff. Zu Hause bastelt er sich dafür eigens ein Molekülmodell. Heute steht es in seinem Büro auf der letzten freien Fläche vor dem Fenster, zwischen einem Fliegenpilz aus Holz und Türmen dicker Fachbücher. Er hat es mittlerweile neu zusammengesteckt, es stellt nicht mehr LSD dar, sondern seine Entdeckung: den Alkoholersatz namens Alcarelle. Für seinen Erfinder birgt dieser neue Stoff ein ähnliches Potenzial wie das vor knapp 80 Jahren entdeckte Halluzinogen.

Der Chemielehrer ist damals allerdings weniger erbaut über das Interesse seines Schülers an Bewusstseinserweiterung und weigert sich, das Thema im Unterricht zu behandeln. Es ist das Jahr 1966, und die Hippies, die im fernen San Francisco Drogen nehmen und den Kriegsdienst verweigern, sind dem Lehrer nicht geheuer. Nutt fragt, warum er diese Substanz, auf die führende Psychiater und Neurologen weltweit so große Hoffnung setzen, nicht besprechen will: weil es eine Droge ist. Warum kann man Drogen nicht besprechen? Weil sie illegal sind. Warum sind sie illegal? Weil es Drogen sind. Ein argumentativer Zirkelschluss, der Nutt verfolgen und ihn 40 Jahre später den Vorsitz einer Regierungskommission kosten soll.

Zweite Lektion: Die Grenzen der Wissenschaft

Weil ihm die Ablehnung des Lehrers widersinnig erscheint, bleibt er bei diesem Thema, studiert Medizin an der University of Cambridge, macht seine klinische Ausbildung am Londoner Guy’s Hospital, forscht in der Neurologie und wenige Jahre später in der Psychiatrie. Mit 32 Jahren lehrt er als Psychiater in Oxford, später zusätzlich als Neuropsychopharmakologe. Es folgen Auszeichnungen, Gastprofessuren und Veröffentlichungen. Sein medizinischer Blick richtet sich auf Drogen: Einerseits geht er gegen sie vor, indem er Kranken beim Kampf gegen ihre Sucht hilft, andererseits erforscht er ihre heilende Wirkung bei psychischen Leiden wie Depression, Angst und Schizophrenie.

Da auf dem Feld der Psychopharmakologie in den vergangenen Jahrzehnten – salopp gesagt – wenig Bedeutendes gewachsen ist, ruhen große Hoffnungen auf jenen Stoffen, die in kleiner Dosis großen Einfluss auf das Bewusstsein haben. Viele Präparate beziehen ihre Wirkung aus jahrzehntealten Wirkmechanismen und sind bisweilen in hohem Maße auf ihren Placebo-Effekt angewiesen. Seit einigen Jahren gelten Ketamin (ein medizinisches Anästhetikum) und Ayahuasca (ein psychedelischer Pflanzensud indigener Amazonasvölker) als Hoffnungsträger im Kampf gegen Depression. Die immense Heilserwartung gegenüber verbotenen Psychedelika zeugt von der Verzweiflung der Branche.

Doch die Forschung mit Drogen ist beschwerlich. In den Fünfziger- bis Siebzigerjahren gab es weltweit rund 6000 Studien zur Wirkung von LSD bei psychischen Erkrankungen. Seit Richard Nixons „War on Drugs“ im Jahr 1972 geht diese Zahl gegen null. Zur Stunde ist der Schweizer Psychiater Peter Gasser einer von weltweit zwei Menschen, die Patienten mit LSD behandeln dürfen. „Die Psychopharmakologie steckt seit Jahrzehnten in einer Sackgasse“, sagt er, „sie ist dringend auf innovative, streitbare Kollegen angewiesen. David Nutt ist nicht nur fachlich sehr renommiert, er ist auch open minded – das ist immens wichtig.“

Von der Pharmabranche ist jedoch wenig Unterstützung zu erwarten. Denn bereits bekannte Stoffe wie zum Beispiel das Psilocybin der Zauberpilze kann man nicht mehr patentieren. Das ist schlecht fürs Geschäft, schließlich kostet die Entwicklung eines Medikaments gegen Psychosen oder Depression aktuell schätzungsweise eine Milliarde Euro. Dazu macht die strenge Regulierung die Forschung mit verbotenen Substanzen absurd teuer, wenn nicht gar komplett unmöglich. „Eine einzige Dosis Zauberpilze für die Forschung kostet mich 1500 Pfund“, sagt Nutt. Als Arzt könne er problemlos Schmerzmittel verschreiben, die schnell abhängig machten, nicht aber die seiner Meinung nach weitaus harmloseren Pilze: „Das ist wie bei Kafka.“

Der rechtliche Hürdenlauf für seine Psilocybin-Experimente kostet Nutt 32 Monate Zeit, viel Geld und noch mehr Nerven. Jüngst hat er alle Auflagen für das Vorhaben erfüllt und die ersten Probanden, denen mit herkömmlichen Methoden nicht geholfen werden konnte, auf einen hochdosierten Pilztrip geschickt. Alle Patienten berichteten von einer unmittelbaren Linderung ihrer Symptome. Dieses Ergebnis wurde in der medizinischen Fachzeitschrift »The Lancet« veröffentlicht und in »Nature« als lang ersehnter Erfolg im Ringen um die Zulassung des Stoffes für die Forschung gefeiert. Robin Carhart-Harris, der Vorsitzende der Abteilung Psychedelic Research im Fachbereich Hirnforschung am Imperial College London, nennt die Ergebnisse im Vergleich zu den verfügbaren Behandlungsmethoden bemerkenswert. Für den Schweizer Psychiater Peter Gasser hat Nutt der Forschergemeinde damit einen großen Dienst erwiesen: „Er lässt einfach nicht locker – das rechnen ihm die Kollegen weltweit hoch an.“

Dritte Lektion: Die Bigotterie der Politiker

Trotz wissenschaftlicher Teilerfolge wird Nutt im Laufe der Neunzigerjahre klar, dass kein Weg an der Politik vorbeiführt, wenn er wirklich etwas ändern will. Da er immer häufiger Anfragen der Regierung bekommt, die vor jeder größeren Entscheidung Experten aus der Wissenschaft anhören muss, wird er 1998 schließlich ständiges Mitglied des Drogensachverständigenrats im Innenministerium der Labour-Regierung. Er ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, denkt er, und endlich im Kontrollraum der Entscheider angekommen. Er ist davon überzeugt, dass die aktuelle Einstufung von Drogen nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt und sieht darin einen Missstand, den er mit gewissenhafter Arbeit verbessern will. Wenn er erst bewiesen habe, dass es falsch ist, Pilze und LSD für ebenso gefährlich zu halten wie Heroin und Crack, dann müsste daraus logischerweise eine Gesetzesreform folgen, denkt er.

Seine Haltung ist die eines Wissenschaftlers: Die Drogengesetze sind gemacht, um das Volk zu schützen, sie teilen den Substanzen je nach Risiko entsprechende Verbote und Strafen zu – um sie korrekt einzustufen, muss man ihre Gefährlichkeit kennen und vergleichen. Er fragt die Kommission nach der zugrunde liegenden Skala. „Aber da war nichts. Gar nichts. Nicht mal ein Ansatz. Die haben jahrelang einfach drauflosdiskutiert, und am Ende hat der Lauteste bestimmt, was wie verboten wird. Das war die unwissenschaftlichste Runde, in der ich je war“, sagt Nutt. Er tritt der Kommission unter der Bedingung bei, dass sie die Ermittlung von Drogenschädlichkeit vereinheitlicht. Alle sind einverstanden. Er zieht sich mit den Kollegen zurück, erarbeitet ein systematisches Verfahren und veröffentlicht es in »The Lancet«. „Unglaublich, dass es das vorher nicht gegeben hat, aber es hatte einfach keiner die Eier dazu“, sagt Nutt.

Und die Folge? Keine. Wo immer er seine Erkenntnisse präsentiert, nickt man ihm höflich zu und kehrt zur Tagesordnung zurück. Das trifft ihn. Kollegen aus der ganzen Welt haben seine Forschung interessiert zur Kenntnis genommen, eigentlich müssten nun einige Drogengesetze umgeschrieben werden. Die Ergebnisse sind eindeutig, er hat es schwarz auf weiß bewiesen, denkt er. Doch es tut sich nichts.

Als er eine weitere Studie beginnt, soll ihm der zuständige Minister ins Gesicht gesagt haben, es sei egal, was er herausfände, man sei nur an Forschung interessiert, die den eigenen Kurs unterstütze. Nun nimmt Nutt die Sache allmählich persönlich. Er realisiert die Studie trotzdem. Jetzt erst recht. Gegen unwissenschaftliches Vorgehen hilft nur mehr Wissenschaft, denkt er.

Um die Debatte auf Trab zu bringen, veröffentlicht er im Januar 2009 im »Journal of Psychopharmacology« den Artikel zu den Gefahren der „Equasy“. Viele seiner Kollegen müssen bis zur zweiten Seite lesen, ehe sie verstehen, dass es sich bei Equasy nicht um eine neue Droge handelt, sondern um das von Nutt erfundene Equine Addiction Syndrome, die Reitsucht zu Pferde. Er vergleicht die Risiken und Gesundheitskosten beider Disziplinen und kommt zu dem Schluss, dass man beim Reiten schneller Schaden nimmt als beim Tablettenschlucken. Die Zahlen sind eindeutig, die Reaktion ebenso. „Das war schon eine brisante Aussage im pferdesportaffinen England“, sagt Gasser. Mit seinem Resümee greift Nutt direkt der reichen Briten liebsten Sport an. Wie zu erwarten, springen seine Gegner über dieses Stöckchen.

Diesmal weiß er, dass er provoziert. Er will jetzt die öffentliche Konfrontation. Er fühlt sich argumentativ gewappnet. David Nutt ist Vater von vier Kindern, die Aussicht auf lange Diskussionen mit störrischen Gesprächspartnern schreckt ihn nicht. Wenn er in den folgenden Tagen vor Journalisten und Moderatoren die Unfallstatistiken der Reitsportverbände herunterbetet und den Vorwurf der Polemik pariert, mischt sich eine schelmenhafte Freude am Pöbeln mit naturwissenschaftlicher Pedanterie und Faktentreue. Man könnte meinen, er führe einen Feldzug gegen den Reitsport. Doch das tut er nicht; es macht ihn nur wahnsinnig, wenn mit zweierlei Maß gemessen wird. Seine Kinder dürfen weiterhin reiten.

Vierte Lektion: Die Härte der Öffentlichkeit

Nutts Kalkül damals lautet: Die Öffentlichkeit müsste sehen, dass Reiten objektiv gefährlicher als Ecstasy ist. Weil sie Reiten nicht verbieten wollen, müssten sie die Strafen für Ecstasy entsprechend anpassen. Da sie auch das nicht tun werden, müssen sie ihre eigentlichen Vorbehalte offenlegen. Doch der Provokateur hat seine Wirkung unterschätzt. Statt eine Debatte auszulösen, wird der Drogenbeauftragte Nutt von der Boulevardpresse als gefährlicher Irrer dargestellt. „Die allermeisten Abgeordneten haben mir unter vier Augen recht gegeben, aber kein einziger öffentlich“, sagt Nutt über jene Zeit, in der seine Beziehung mit der Regierung in die Brüche geht, „die haben richtig die Hosen voll vor der Macht dieser Blätter.“

Nachdem die ersten Schlagzeilen über den Pferde hassenden Drogenprofessor gedruckt sind, fordert ihn die Innenministerin Jacqui Smith auf, sich für seinen Vergleich öffentlich zu entschuldigen. Am Telefon wiederholt sich jenes Gespräch, das Nutt einst mit seinem Chemielehrer führte: Man kann die Gefahr von illegalen Drogen nicht mit denen des legalen Reitens vergleichen. Warum nicht? Weil Drogen illegal sind. Warum sind sie illegal? Weil es Drogen sind, erinnert sich Nutt.

Einige Wochen später – er ist mittlerweile Vorsitzender der Kommission – fällt Nutt während eines BBC-Interviews eine folgenreiche Entscheidung. Er denkt bei sich: „Die Politik kümmert sich einen Scheiß um die Wissenschaft. Ich verkaufe hier meine Seele. Ab jetzt verpflichte ich mich nur noch der Wahrheit.“ Mitten im Gespräch wechselt er von einem vergleichsweise zurückhaltenden zu einem drastischen Stil. Live. Er sagt seine Meinung, erzählt von den Ergebnissen seiner Kommission und kritisiert die Drogenpolitik seines Landes.

Von diesem Interview bis zum Abend seiner unehrenhaften Entlassung sind es keine neun Monate mehr. Im Oktober 2009 hält er eine Vorlesung, in der er Alkohol und Tabak mit illegalen Drogen vergleicht. Am folgenden Morgen titeln die Gazetten, der irre Professor verharmlose Heroin. Es folgen fünf Fernsehinterviews am selben Tag. Das Forschungspapier dazu hatte er schon zwei Jahre zuvor veröffentlicht. Doch plötzlich wollen alle das Zitat von ihm, Alkohol sei schädlicher als Cannabis. Und er gibt es ihnen. Am 30. Oktober 2009 bittet ihn das Innenministerium unter Alan Johnson per E-Mail um Rücktritt. Nutt lehnt ab. Zehn Minuten später kommt die Antwort, er sei hiermit gefeuert.

Fünfte Lektion: Die Früchte der Arbeit

Bereits einen Tag nach der Entlassung legen zwei Wissenschaftler ihren Sitz im Drogensachverständigenrat nieder. In den folgenden Wochen fordern rund 3000 Forscher seine Wiedereinstellung. „Politisch war meine Entlassung nicht klug“, sagt Nutt, der erst durch sie jenes öffentliche Interesse bekam, das er bis heute hat. Üblicherweise werden Wissenschaftler von ihren Kollegen eher geächtet, wenn sie öffentlich polarisieren. „Bei Nutt ist das anders, er wird sowohl fachlich als auch für seine Öffentlichkeitsarbeit geschätzt. Man kann ihn nicht einfach als einen Durchgeknallten ablehnen. Er ist eine Autorität“, sagt Peter Gasser.

Noch am Wochenende nach seiner Entlassung erreicht ihn eine E-Mail von Toby Jackson, einem 32-jährigen Hedgefonds-Manager. Er schätze Nutts Arbeit und bedaure die Geschehnisse; er habe überschlagen, wie viel es koste, die Arbeit der Kommission für drei Jahre zu finanzieren. Wenn Nutt heute ein 20-köpfiges Team zusammenstelle, könne Jackson ihm morgen das Geld überweisen, ohne Gegenleistung oder Bedingung.

Sofort macht sich Nutt an die Gründung des Ausschusses, der heute Independent Scientific Committee on Drugs oder kurz Drugscience heißt. Vier aus Protest zurückgetretene Forscher schließen sich ihm sofort an, weitere stoßen dazu. Nutt knüpft da an, wo er mit der Kommission aufgehört hat, nur dass er es nun keinem Politiker mehr recht machen muss. Für das Forschergrüppchen folgen Jahre der Arbeit, Konferenzen und Publikationen. „Wäre das alles nicht passiert, wäre ich heute nur ein Psychiater in Rente“, sagt Nutt. Er hält heute noch so viele Vorträge, dass seine Mitarbeiter erschrecken, wenn sie ihn in seinem kleinen Londoner Büro mit Blick auf das Wembley-Stadion antreffen.

Er hat Drugscience zu einer globalen Institution ausgebaut, führt seine Psilocybin-Forschung weiter und hat im Frühjahr 2016 die weltweit ersten bildgebenden Verfahren mit Gehirnen unter LSD-Einfluss durchgeführt. Die Veröffentlichung der Ergebnisse im »Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America« wurde vielfach besprochen. Neben der erwarteten Hyperaktivität bestimmter, sonst unbeteiligter Hirnareale, entdeckten die Forscher auch die gegenteilige Wirkung. Dabei werden zwei Areale, die normalerweise eng vernetzt sind, getrennt. Die Studienleiter erhoffen sich davon neue Möglichkeiten für die Behandlung psychischer Leiden. Bahnbrechende Erkenntnisse haben die Hirnscans zwar nicht geliefert, da LSD bis in die Sechzigerjahre schon ausführlich erforscht worden war, aber für Gasser sei es immerhin ein wichtiges Mosaiksteinchen für die Forschung, das bisher gefehlt habe: „Außerdem leben wir in sehr bildergläubigen Zeiten, bildgebende Verfahren haben eine große Wirkung auf die Öffentlichkeit.“

Doch David Nutt wäre nicht Professor Poison, wenn er sich nun wieder in die akademische Welt zurückzöge. Sein neuer Feind ist die Alkoholindustrie. Im Kampf gegen sie verweist er auf seine Studien, die je nach Blickwinkel den Alkohol als größtes Gesundheitsrisiko der Welt (in absoluten Zahlen) oder als eine der gefährlichsten Drogen (in Relation zur Zahl der Nutzer) nennen.

Nutts Lösung liegt nicht im Verbot – die Geschichte der Prohibition war ihm Lehre genug –, sondern im Ersetzen von Alkohol. Er hat ein Büchlein voller selbst entwickelter Formeln von Stoffen, die ähnlich wirken, aber nur ein Hundertstel so schädlich sein sollen. Einer macht witzig und leicht, einer macht schläfrig und schwer, ein anderer lockert die Zunge und belebt das Tanzbein. Praktischerweise gibt es zu jedem Tröpfchen auch ein Gegenmittel, das den Rausch in wenigen Minuten beendet und weder Schwindel noch Kater hinterlässt.

Ende 2016 hat Nutt ein Start-up gegründet, mit dem er nach Investoren für seine Substanz sucht. „Wenn ich diese Stoffe auf den Markt bringen könnte, wäre allen geholfen“, sagt Nutt, der in seinem Labor schon einige Feste mit seinen Eigenkreationen gefeiert (und überlebt) hat. Seine liebste Substanz, mit der er eines Tages Alkohol zu vertreiben hofft, hat er Alcarelle getauft. Ihr zuliebe hat er sein 50 Jahre altes LSD-Molekülmodell, mit dem seine Karriere begann, neu zusammengesteckt. Die Idee, einen gefährlichen Stoff mit einem weniger gefährlichen zu ersetzen, klingt so pragmatisch wie verwegen. Es sei alles fertig, sagt Nutt, es fehle nur noch das Geld. Und wahrscheinlich auch ein paar verdammt gute Anwälte. ---

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