Ausgabe 10/2017 - Schwerpunkt Strategie

Crowdinvesting bei Foodist

Jung und brauchte das Geld

• Elf Stunden dauerte der Notartermin im Sommer 2016 in Köln. Nachts um drei setzten Alexander Djordjevic und Ole Schaumberg ihre Unterschrift unter den Vertrag. Damit war der erste Exit eines crowdfinanzierten Unternehmens in Deutschland beschlossene Sache. Jubel? Eher nicht. Die beiden stiegen müde in ihr Auto und fuhren zurück nach Hamburg. „Gegen fünf Uhr morgens bin ich dann an eine Raststätte gefahren, und wir haben wenigstens mit einer Dose Bier angestoßen“, sagt Djordjevic. „Das war echt unfeierlich.“ Dabei hatten die beiden Gründer von Foodist echte Pionierarbeit geleistet. Der Weg dorthin war allemal beschwerlicher als die nächtliche Rückfahrt.

„Eure Idee ist scheiße“

Djordjevic und Schaumberg lernten sich während des Studiums an der Hamburg School of Business Administration kennen. Nach dem Bachelor rutschte Djordjevic in ALG II hinein, Schaumberg war zu stolz, um zum Amt zu gehen, und lebte von Ersparnissen. Jobangebote lehnten beide ab. Denn sie hatten eine Idee: Lebensmitteltrends aus den USA und Großbritannien aufgreifen und die Produkte in Deutschland online in einer Gourmet-Box anbieten. Im Oktober 2012 gründeten sie Foodist. Ihre Eltern schüttelten nur mit den Köpfen.

Für Investoren war das Geschäftsmodell wenig reizvoll. „Denen erschien die Zusammenarbeit mit vielen kleinen Manufakturen zu aufwendig und nicht skalierbar“, sagt Djordjevic. Zudem waren die beiden Gründer damals gerade mal 22 und 24 Jahre alt und hatten keine Erfolge vorzuweisen, kein Netzwerk und keine Vision. Am Ende der Gespräche hörten sie immer denselben Satz: „Eure Idee ist scheiße.“

Der Onlinehandel mit Lebensmitteln galt damals als unrentabel. Risikokapitalfirmen und Business Angels wollten sich nicht die Finger verbrennen. Aber das Crowdinvestment boomte während jener Zeit mit Wachstumsraten von annähernd 400 Prozent. Also drehten die Gründer ein Drei-Minuten-Video, stellten es auf die Crowdinvesting-Plattform Companisto und nahmen innerhalb weniger Tage rund 200 000 Euro ein. „Für junge Start-ups, die noch nicht auf dem Radar von Venture-Capital-Firmen sind, ist das natürlich verlockend“, sagt Alexander Djordjevic. „Aber es schwingt auch immer die Frage mit, warum denn kein VC und kein Business Angel in dich investiert? Was ist falsch mit dir?“

Foodist nahm an insgesamt drei Finanzierungsrunden auf der Plattform Companisto teil und bekam rund 1,5 Millionen Euro. „Was wir in Kauf genommen hatten, waren die Nachteile von Crowdinvesting“, sagt Djordjevic. „Es ist extrem teures Kapital. 10 bis 15 Prozent der Investmentsumme gehen direkt an das Portal. Dann musst du kleine Geschenke für größere Investments verteilen. Das summiert sich. Und nach acht Jahren musst du das Darlehen mit einem Prozent Zinsen zurückzahlen. Und zwar auf der Basis des dann aktuellen Unternehmenswertes. Wenn die Firma zu Beginn zum Beispiel fünf Millionen Euro wert ist und davon sind eine Million Euro Crowd-Anteile, also 20 Prozent, und nach acht Jahren wird die Firma von einem Wirtschaftsprüfer auf 20 Millionen geschätzt, dann zahlst du vier Millionen Euro zurück – plus Zinsen. Das kann sich kaum jemand leisten.“

Kannst du den Deal garantieren? Ja oder nein?

Foodist machte eine rasante Entwicklung und änderte mehrmals das Geschäftsmodell. Erst verkaufte die Firma nur die Gourmet-Box und verschickte Fragebögen zur Qualität der Produkte, die von den Kunden zahlreich und detailliert ausgefüllt wurden. Nach und nach erkannten die Gründer den Schatz, den diese Daten darstellen. Hoch bewertete Produkte werden im eigenen Onlineshop gelistet. Verkaufen sie sich dort gut, bietet Foodist sie Supermärkten an.

Dabei kann die Firma dank ihrer Daten für jedes Produkt die genaue Zielgruppe belegen. Im ersten Schritt stellt Foodist eigene Aufsteller in den Supermarkt. Läuft das Geschäft, räumt der Supermarkt seine Regalflächen für die Produkte frei. Momentan besetzt Foodist laut eigenen Angaben rund fünf Kilometer Regalfläche in deutschen Supermärkten. „Die beste Werbebande der Welt“, wie Djordjevic es nennt. 2015 machte das Unternehmen einen Umsatz von sechs Millionen Euro.

Um zu expandieren, brauchte man neues Kapital. Und plötzlich war Foodist auch für klassische Investoren interessant. „Ich habe damals acht Monate lang nur Funding gemacht. Es gab viele gute Gespräche bis zu dem Punkt, wo das Crowdinvesting zur Sprache kam“, sagt Djordjevic. „Wir haben erklärt, dass wir der Crowd ein Angebot machen müssten, dass dann eine Abstimmungsphase von zwei Wochen folgt, und wenn die Eigentümer von 75 Prozent des investierten Kapitals zustimmen, dann darf verkauft werden. Aber VCs haben keine Lust auf so etwas. Die wollen schnelle Entscheidungen. Ja oder nein. Das Buzzword war ,Dealsicherheit‘. Kannst du den Deal garantieren? Sonst sind wir raus.“

Ein Investor riet den Gründern, ihr Unternehmen einfach mit einer kontrollierten Insolvenz gegen die Wand zu fahren. Dann wäre die Crowd raus. Alles läge in Trümmern. Man könnte die Reste zusammenfegen und neu wieder aufbauen. Für Djordjevic und Schaumberg war das undenkbar. Zu viel hatten sie den Anlegern zu verdanken. Damit steckten sie in einem Dilemma.

Christian Nagel vom Frühphasen-Investor Earlybird bestätigt gewisse Vorbehalte. „Die Gesellschafterstruktur ist bei solchen Unternehmen meist nicht ideal“, sagt er. „Je kleinteiliger es wird, desto mühsamer.“ Foodist hatte 2399 Anteilseigner. „Das macht die Sache mitunter sehr komplex. Die Frage ist dann, wie setze ich Ziele durch? Muss ich eventuell einen Juristen involvieren? Wie schnell können Entscheidungen getroffen werden? Es muss daher viele gute Gründe für ein Start-up geben, die den hohen Verwaltungsaufwand rechtfertigen.“

Zudem ist Nagel der Ansicht, dass über Crowdfunding-Plattformen viele Geschäftsmodelle finanziert werden, die nicht tragfähig sind. „Die Crowd investiert irrational, weil sie das Produkt oder die Idee gut findet. Das bedeutet aber nicht, dass das Geschäftsmodell gut ist oder die Gründer in der Lage sind, es auch umzusetzen. So etwas muss man genau prüfen. Dazu braucht man Erfahrung. Das geht nicht so nebenbei.“

Irrationale Entscheidungen

Jonathan Becker vom Risikokapitalgeber Eventures nennt noch andere Gründe, warum er zu solchen Firmen Distanz hält. „Kommt es eines Tages zum Verkauf, erhält die Crowd immer als Erstes ihr Geld zurück. Andere Investoren, die später und zu höheren Bewertungen als die Crowd investiert haben, könnten dann schon mal leer ausgehen.“ Nach sechs bis acht Jahren muss der Crowd-Anteil zurückgezahlt werden. „Der Firmenwert bemisst sich dabei meist aus der Bewertung der letzten Finanzierungsrunde“, sagt er. „Dies ist aber ein Schätzwert für die Zukunft und entspricht nicht dem tatsächlichen Wert. Das Start-up hat plötzlich Zahlungsverpflichtungen, die es gar nicht einhalten kann.“

Zudem bekommt jeder Kleininvestor, der auch nur fünf Euro in eine Firma investiert hat, das Recht auf Einblick in die genauen Zahlen. „Das ist, milde formuliert, ungünstig“, sagt Becker. Auch er hält die Entscheidungen der Crowd oft für irrational: „Viele denken, sie hätten in das nächste Facebook investiert. Wenn sich ihr Einsatz nicht verhundertfacht, stimmen sie nicht zu und nehmen lieber eine Insolvenz mit Totalverlust in Kauf.“

Wie bei Protonet. Das über Seedmatch crowdfinanzierte Unternehmen aus Hamburg wurde Anfang 2016 in den US-amerikanischen Accelerator Y Combinator aufgenommen. Der bot 120 000 Dollar für sieben Prozent der Firmenanteile – weit weniger, als die Crowdinvestoren bezahlt hatten. Es kam zum Aufstand. Viele fürchteten um ihr Geld. Protonet war nicht liquide genug, um seine Kleininvestoren auszuzahlen. Anfang 2017 meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Tarek Müller, Geschäftsführer des Onlinemodehändlers About You, war selber Investor bei Protonet und hat damals nach eigenen Angaben ein „kleines Einfamilienhaus“ verloren. Ihn ärgert die vergebene Chance, die Protonet durch Y Combinator in den USA gehabt hätte. Schließlich wäre der Investor ein Türöffner ins Silicon Valley gewesen und hatte vorher bereits Airbnb und Dropbox gefördert. „Ich bin kein Experte für Crowdfunding“, formuliert er vorsichtig, „aber so wie die Verträge momentan aufgesetzt sind, haben Crowd-Plattformen zu wenig Interesse am Erfolg einer Firma. Und die Verträge sind zu unflexibel. Das schreckt professionelle Investoren in späteren Finanzierungsrunden teilweise ab.“

Müller investierte auch in das Start-up Eatclever, das im vergangenen Jahr 250 000 Euro über Companisto eingesammelt hat. In 17 deutschen Städten ist die Firma aktiv, hat in Wien gerade die erste ausländische Filiale eröffnet. Bei der Investorensuche trifft Geschäftsführer Mohamed Chahin nicht auf generelle Ablehnung. „Aber die Investoren hierzulande kennen die Vertragswerke oft nicht.“ Mit viel Kommunikation und Aufklärungsarbeit versucht er, die Bedenken aus dem Weg zu räumen. Einen größeren Investor hat Eatclever noch nicht gefunden. Eine weitere Crowd-Runde möchte die Firma aber auch nicht drehen.

Endlich raus mit Happy End

Den höheren Erklärungsbedarf gibt auch David Rhotert zu. Er ist einer der beiden Gründer von Companisto. Das Vertragswerk der Crowdinvesting-Plattform gilt als eines der kompliziertesten der Szene. Companisto will damit die Anleger schützen. Fragt man Rhotert, wer genau seine Kunden seien, die Anleger oder die Start-ups, sagt er: „Beide. Wir haben zwei Kundengruppen.“ Die Interessen beider müssen nicht zwangsläufig deckungsgleich sein.

Der große Hype um Crowdfunding ist mittlerweile vorbei. Die Investments in Start-ups stagnieren seit 2015. Wo früher junge Menschen 5 bis 100 Euro in coole Firmen steckten, investieren heute erfahrene Investoren in risikoärmere Projekte.

Der durchschnittliche Anleger bei Companisto ist laut einer firmeneigenen Umfrage männlich, 45 bis 49 Jahre alt, tätigt im Schnitt drei Investments zu jeweils knapp 600 Euro und erwartet nach fünf Jahren eine Rendite von 100 Prozent. Erleidet er Verluste, gibt er als Erstes dem Start-up die Schuld, danach sich selbst, aber auch der Plattform für zu ungenaue Prüfungen. „Wir treffen zwar eine Vorauswahl, welche Gründer zu uns passen“, sagt Rhotert, „aber wir können keine genauen Zahlen prüfen.“ Den Finanzierungsplan erstellen die Start-ups selbst. „Jeder Investor kann und muss sich selbst ein Urteil darüber bilden.“ Er betont, dass ein Investment eben immer auch ein Wagnis ist. „Unsere Plattform kann nicht die Sicherheit eines Geschäftsmodells garantieren.“ Laut »Gründerszene.de« sind die Renditen aller Crowdinvestments in deutsche Start-ups negativ: Seit 2011 sind 6,1 Millionen Euro verbrannt worden. Bei Companisto mussten bisher 14 Start-ups Insolvenz anmelden.

In naher Zukunft könnten noch weitere Pleiten hinzukommen. Alexander Djordjevic befürchtet, dass die Plattformen zu sehr auf ihre eigenen Einnahmen schauen und zu wenig auf die Tragfähigkeit der angebotenen Geschäftsmodelle. Für Foodist gab es am Ende nur eine Lösung: den Verkauf an das Werbeunternehmen Ströer. Das hat sich auch für die Anleger gelohnt: Sie bekamen je nach Finanzierungsrunde 20 bis 90 Prozent ihres Investments obendrauf.

Peter Möllmann von der Kanzlei SMP hat den Verkauf begleitet. „Eine der Herausforderungen war, dass wir es nicht mit einem einheitlichen Vertragswerk zu tun hatten, sondern mit Hunderten Verträgen und Vertragspartnern. Das hat die Komplexität der Übernahme erhöht.“ Zudem ist Ströer als börsennotiertes Unternehmen an kapitalmarktrechtliche Vorgaben gebunden, insbesondere im Hinblick auf die Weitergabe von Informationen.

Alexander Djordjevic ist jedenfalls „heilfroh, dass ich endlich aus diesen ganzen Finanzierungsrunden raus bin und nun einen echten strategischen Partner habe“. Dafür musste er zwar seine Firma verkaufen und ist nun nur noch Geschäftsführer. „Aber am Ende sind doch alle happy.“ Auf Crowdinvesting würde er nicht noch einmal setzen. ---

 

 

Crowdinvesting

ist eine Form des Crowdfundings. Private Investoren geben geringe Geldbeträge an Start-ups und erhalten dafür eine Erfolgsbeteiligung. Mittler sind Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter, Startnext, Seedmatch oder Companisto. Die vertraglichen Vereinbarungen sind so vielfältig wie die Plattformen selbst. Es gibt stille Beteiligungen mit Rückzahlungsanspruch, partiarische Nachrangdarlehen, Genussscheine mit relativ fester Verzinsung oder Aktien. Laufzeiten und Tilgungszeitpunkte sind ebenfalls unterschiedlich.

Crowdinvestments in Start-ups und in Immobilienprojekte im Vergleich:

2011: Start-ups 449.250 Euro / Immobilienprojekte 0 Euro
2012: Start-ups 4.041.919 Euro / Immobilienprojekte 981.500 Euro
2013: Start-ups 14.675.465 Euro / Immobilienprojekte 2.337.750 Euro
2014: Start-ups 14.400.248 Euro / Immobilienprojekte 3.121.000 Euro
2015: Start-ups 17.323.600 Euro / Immobilienprojekte 20.937.135 Euro
2016: Start-ups 17.250.932 Euro / Immobilienprojekte 40.242.252 Euro
2017: Start-ups 11.180.960 Euro / Immobilienprojekte 91.930.798 Euro

(Zahlen für Deutschland, Quelle: Crowdinvest.de, Stand 8.9.2017)

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