Ausgabe 01/2017 - Kolumne

Was war noch mal … die Gig Economy?

• Die Gig Economy bezeichnet einen vergleichsweise neuen Teil des Arbeitsmarktes. Kleine Aufträge, die kurzfristig an eine Vielzahl von unabhängigen Freiberuflern vergeben werden. So wie Musiker von ­einem bezahlten Auftritt (Gig) zum nächsten hangeln sich beispielsweise Uber-Fahrer oder Deliveroo-Boten von einem Auftrag zum anderen. Auf Plattformen wie Myhammer oder Taskrabbit werden Handwerks- oder Putztätigkeiten vermittelt. Bei Twago oder Upwork können Firmen einzelne Aufträge oder Projekte an Designer, Übersetzer oder Texter vergeben.

Von der klassischen Freiberuflichkeit, die in vielen Branchen seit Langem üblich ist, unterscheidet sich die Gig Economy dadurch, dass meist eine Onlineplattform als Mittler zwischen Auftraggeber und dem Auftragnehmer steht. Diese kassiert eine Provision und diktiert die Spielregeln. Oft wird deshalb auch von einer „Plattformisierung der Arbeit“ gesprochen. In der Gig Economy spielen langfristige Festanstellungen keine Rolle. Für gesuchte und spezialisierte Fachleute, die global tätig sein können, führe sie zu einer Blütezeit der flexiblen und unabhängigen Arbeit, so die Optimisten. Auf der anderen Seite ­befürchten Kritiker die Ausbeutung von Menschen, die auf dem klassischen Arbeitsmarkt keinen Platz (mehr) finden.

Wer hat’s erfunden?

In den USA wurde der Begriff Anfang 2009 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise geprägt. Für viele, die ihre Anstellung verloren, war eine Kombination aus vielen kleinen Jobs die einzige Alternative. Durch das Aufkommen von Onlineplattformen wie Uber (ebenfalls 2009 gegründet) oder Lyft (2012) in den folgenden Jahren etablierte sich der Begriff. Gleichzeitig stellte sich immer häufiger die Frage, ob die vermittelnden Firmen tatsächlich nur als neutrale Vermittler zwischen Auftraggebern und Auftragnehmern fungieren. Oder ob sie stattdessen weitergehende Verantwortung haben – sowohl für die Freelancer als auch für die Kunden beziehungsweise Auftraggeber. In Deutschland verboten die Richter des Landgerichts Frankfurt 2015 der Firma Uber, mit Fahrern ohne behördliche Beförderungserlaubnis der traditionellen Taxibranche Konkurrenz zu machen. In Großbritannien wurden im Oktober 2016 die Rechte der Fahrer gestärkt, als ein Gericht in einem Präzedenzfall entschied, dass sie als Angestellte zu behandeln seien und somit Anspruch auf Mindestlohn und Urlaubsgeld hätten. Uber will Rechtsmittel gegen die Entscheidung einlegen. Andere Plattformen versuchen derweil, durch freiwillige Leistungen die öffentliche Meinung, Gerichte und die eigenen Arbeitskräfte milde zu stimmen. So hat der Uber-Konkurrent Lyft beispielsweise eine Rentenversicherung für seine Fahrer eingeführt. Menschen, die über Airbnb privat ihre Unterkunft vermieten, sind seit Kurzem über die Plattform haftpflichtversichert.

Wo stehen wir jetzt?

Die Zahlen zur Verbreitung der Gig Economy gehen weit auseinander. So spricht eine Studie des McKinsey Global Insti­tutes beispielsweise von 20 Prozent der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, die sich in den USA und Europa inzwischen außerhalb klassischer Angestelltenarbeit bewegten. Die Hälfte davon hauptberuflich. Doch das müssen nicht zwangsläufig Gig Worker sein: Darunter fällt auch der freiberufliche Architekt oder Grafikdesigner, der mit seinem festen Kundenkreis ­direkt und dauerhaft verhandelt. Den Anteil der tatsächlichen Gig Economy, die auf Onlineplattformen fußt, sehen Experten deutlich geringer. „Empirisch ist die Bedeutung der Gig Economy viel kleiner als die Debatte darüber“, sagt beispielsweise Holger Bonin. Er ist Chefkoordinator für arbeitsmarktpolitische Forschung am privaten Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit und Professor für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Arbeitsmarktpolitik an der Universität Kassel. „Es ist nicht einfach, an präzise Daten zu kommen, aber wir gehen davon aus, dass in den USA die Gig Economy nur 0,5 Prozent der Jobs ausmacht“, sagt Bonin. „In Deutschland sind es noch weniger.“

Die Betreiber der Plattformen betonen, dass sie vor allem neue Nebentätigkeiten ermöglichen. Etwa für den Familienvater, der sich per Uber etwas dazuverdient, ­indem er im Berufsverkehr einen Fahrgast mitnimmt, oder für den Rentner, der ein leer stehendes Zimmer per Airbnb vermietet. Bonin widerspricht: „Zu einer Marktdurchdringung, wie Uber sie hat, kommt man nicht allein mit Hobbyfahrern.“ Sondern mit klassischen Solo-Selbstständigen. Viele von ihnen seien nicht gut abgesichert und sorgten nicht für die Rente vor. „Aber dieses Problem war schon vorher da, das hat nicht allein mit der Gig Economy zu tun.“

Was kommt als Nächstes?

Nahezu überall auf der Welt sehen sich die Vermittlungsplattformen derzeit mit zunehmender Regulierung konfrontiert. Das könnte das Wachstum deutlich bremsen. Gleichzeitig wäre es denkbar, dass einige der Sicherungs- und Schutzmechanismen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in klassischen Arbeitsmodellen entwickelt wurden, auf die Branche übertragen werden.

In London streikten im Sommer die Fahrer des Essensdienstes Deliveroo gegen ein neues Verdienstmodell. Das Unternehmen wollte den Stundenlohn von 7 Pfund streichen und dafür pro gelieferter Mahlzeit 3,75 Pfund statt 1 Pfund bezahlen. Nach den Protesten lenkte Deliveroo zunächst ein. Nun will eine Gruppe von Fahrern sogar eine eigene Gewerkschaft gründen. Der Arbeitsmarkt-Experte Bonin ist allerdings skeptisch: „An einem dezentralen Arbeitspatz ist es sehr viel schwieriger eine schlagkräftige Gewerkschaft zu gründen. Die Arbeiter kennen einander ja meist gar nicht.“

Er sieht die Lösung eher darin, die Auftragnehmer zu einer vernünftigen sozialen Absicherung zu verpflichten. „Wenn die Tätigkeit dadurch finanziell unattraktiv wird, dann finden die Plattformen eben so lange keine Arbeitskräfte mehr, bis sie bessere Bedingungen schaffen.“ Amerikanische Verhältnisse sieht er auf Deutschland aber ohnehin nicht zukommen: „Die Folgen der großen Rezession und der Abstieg der Mittelschicht sind in den USA sehr viel massiver.“

Potenzielle Uber-Fahrer seien Menschen, die keine Perspektive haben, auf den normalen Arbeitsmarkt zurückzukehren. „Von denen“, sagt Bonin, „haben wir in Deutschland dank höherem Bildungs­niveau und anderen Produktionsweisen deutlich weniger.“ ---

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