Ausgabe 01/2017 - Schwerpunkt Offenheit

Richard Baldwin im Interview

Die Welt ist eine Fabrik

• Es lief schon mal besser für den Kapitalismus. Der designierte US-Präsident Donald Trump will das Transpazifische Freihandelsabkommen (TPP) kippen, den Handelsvertrag mit Mexiko (Nafta) neu verhandeln und die einheimische Industrie vor Importen schützen. Er ist nicht der Einzige, der sich von der Welt abschotten möchte. Die Briten besiegelten in einem Referendum ihren Austritt aus der Europäischen Union und damit womöglich auch aus dem europäischen Binnenmarkt. Ähnliches droht Frankreich, wenn Marine Le Pen Präsidentin werden sollte.

All das kommt zu einer Zeit, da der Welthandel in der Krise steckt. Seit 2008 ist der Warenaustausch zwischen den Nationen nicht mehr gewachsen. Das ist die längste Stagnationsperiode seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Internationale Währungsfonds nennt dafür in seinem jüngsten Bericht drei Gründe. Das Wachstum der Weltwirtschaft hat sich verlangsamt; seit der Finanzkrise investieren die Unternehmen weniger; und bei vielen Regierungen kommt der Protektionismus wieder in Mode.

brand eins: Professor Baldwin, lässt sich die Globalisierung aufhalten?

Richard Baldwin: Nein, keineswegs.

Was macht Sie so sicher?

Die Länder sind heute mehr miteinander verflochten als früher. Das, was bislang erreicht wurde, lässt sich nicht rückgängig machen. Seit den Neunzigerjahren erleben wir eine zweite Welle der Globalisierung. Bis dahin bedeutete Globalisierung, dass Waren weltweit verkauft wurden: Ein Unternehmen stellte in einem Land eine Ware her und verkaufte sie in einem an­deren Land. Die zweite Welle wird von der Informa­tionstechnik begünstigt. Dinge werden nicht mehr allein deshalb um die Welt transportiert, um sie an ihrem Bestimmungsort zu verkaufen. Sondern auch, um damit dort Waren zu produzieren. Das hat zur Folge, dass wir auch Wissen exportieren. Und der Austausch von Wissen ist viel schwieriger zu kontrollieren als der von Waren.

Warum sollte eine Regierung keine Maßnahmen treffen können, um dies zu verhindern?

Wir haben zwei Methoden, um Märkte zu schützen: Quoten und Zölle. Beides greift nicht mehr, weil man keine Mauern in einer Fabrik errichten kann. Der Protektionismus der alten Welt beruhte darauf, dass man in Form von Zöllen oder Quoten Mauern zwischen Fabriken baute. Das können Sie heute nicht mehr, weil die Welt in gewisser Weise eine Fabrik ist: Sie können nicht exportieren, ohne zu importieren. Nehmen Sie zum Beispiel die Automobilindustrie: Die Stoßdämpfer kommen aus Kanada, die Fensterheber aus Mexiko, das Getriebe aus Tschechien, und montiert wird das Fahrzeug in Detroit. Wenn Sie dieses weltweite Produktionsnetz schädigen, schaffen Sie damit mehr Probleme, als Sie zu lösen vorgeben. Selbstverständlich ist es immer irgendwie möglich, das zu tun. Aber neue Barrieren, die den Warenhandel erschweren, werden diesen Prozess nicht stoppen.

Aber einige Regierungen versuchen das doch. Wenn Großbritannien den europäischen Binnenmarkt verlässt, ist die dortige Automobilindustrie von diesen Wertschöpfungsketten abgeschnitten.

Deshalb sollte man sich genau ansehen, was passiert. So konnte das Nissan-Werk im britischen Sunderland im Falle eines Brexit eine Sonderbehandlung bei Premierministerin Theresa May aushandeln. Denn die britischen Hersteller können keine Fahrzeuge bauen, ohne dafür Bauteile aus der Europäischen Union zu importieren. Wir kennen die Zugeständnisse der Regierung nicht genau. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass immer mehr Unternehmen aus immer mehr Branchen bei der Pre­mierministerin vorstellig werden, je weiter die Austrittsverhandlungen fortschreiten.

Regierungen haben also heutzu­tage keine Möglichkeit mehr, ihren einheimischen Markt zu schützen?

So pauschal kann man das nicht sagen. Bei Endprodukten funktioniert das sehr wohl. Also bei Stahl oder bei Agrarerzeugnissen. Aber bei Maschinenbau, Mechanik, Elek­troartikeln, Kleidung, Pharmaprodukten oder Chemieerzeugnissen verhält es sich anders. Das ist der Unterschied zu früher. In den Achtzigerjahren litt die US-Auto­industrie unter der Konkurrenz aus Japan. Die japanischen Hersteller bauten gute, preiswerte Wagen. Sie wurden komplett in Japan gefertigt und dann nach Kalifornien verschifft. Damals hat US-Präsident Ronald Reagan reagiert und Importquoten erlassen. Diese Quoten haben in der Tat amerikanische Fabriken und Arbeitsplätze geschützt. Heute ist das aber anders. Die Unternehmen sind längst anders aufgestellt. Daimler produziert in den USA, und General Motors produziert in Deutschland – und beide brauchen Teile aus der ganzen Welt. Deshalb ist es auch nicht möglich, mexikanische Importe mit hohen Zöllen zu belegen, wie es der gewählte US- Präsident Donald Trump vorschlägt. Die amerikanische Automobilindustrie würde darunter leiden.

Inwiefern?

Die Autohersteller müssten für die Einfuhr der Teile, die sie brauchen, Zölle bezahlen. Nach den schrecklichen Attentaten vom 11. September 2001 haben die USA sofort ihre Grenzen geschlossen. Es dauerte nur wenige Tage, bis die amerikanischen Autohersteller in Washington vorstellig wurden und darum baten, die Grenzen nach Kanada wieder zu öffnen. Nach zwei Wochen baten sie auch darum, die Grenze zu Mexiko wieder zu öffnen. Sie konnten keine Autos mehr bauen, weil sie keine Teile mehr hatten.

Stellt sich Donald Trump die Welt zu einfach vor?

Nicht nur er, auch die drei Minister, die in Großbritannien für den Ausstieg des Landes aus der EU zuständig sind. Sie glauben, die Welt sei noch immer so, wie sie im 20. Jahrhundert war, als Protektionismus tatsächlich funktioniert hat. Damals konnte man mit Zöllen und Quoten Arbeitsplätze und Fabriken schützen. Im 21. Jahrhundert geht das nicht mehr, die Produktionsketten erstrecken sich über die ganze Welt. Aber glauben Sie mir, Trump und die anderen werden bald herausfinden, was eine wissensbasierte Globalisierung ist.

Inwiefern ist Wissen dabei wichtig?

Bleiben wir beim Beispiel der Automobilindustrie. Die Manager müssen wissen, welche Teile wann wie hergestellt werden. Wenn Sie die Herstellung von Stoßdämpfern auslagern, können Sie morgen nicht einfach irgendwo Stoßdämpfer bestellen. Die Produkte, die Sie brauchen, müssen exakt in das Fahrzeug passen, das Sie bauen. Dazu gehört auch das Wissen über die Qualitätskontrolle, damit die Stoßdämpfer von der gleichen Güte sind wie das Fahrzeug. Dafür braucht man gut geschulte Mitarbeiter. Auch für das Management ist das ein wichtiger Aspekt: Es muss dazu in der Lage sein, die weltweite Produktion zu organisieren, sodass Fabriken in der Türkei, in Polen, Mexiko und Kanada mit der in Deutschland zusammenarbeiten – das macht die zweite Welle der Globalisierung aus. Diesen Prozess zurückzudrehen wäre für die einzelnen Volkswirtschaften schädlich.

Diese Analyse scheinen aber viele Menschen nicht zu teilen. Nur unter erheblichen Anstrengungen konnte Ceta, das Frei­han­dels­abkommen zwischen der EU und Kanada, doch noch unterzeichnet werden. Und das Transatlantische Freihandels­abkommen TTIP scheitert wohl an Widerständen in Europa und in den USA.

Sicher, TTIP ist tot, aber das ist nicht ­besonders dramatisch. Die transatlantische Kooperation ist das Ergebnis von 60 Jahren intensiver Zusammenarbeit. Die wichtigsten Handelshemmnisse zwischen den USA und Europa wurden schon lange beseitigt. Geblieben sind politisch sensible Produkte, etwa aus der Landwirtschaft. Aber bei den meisten Produktgruppen sind die Barrieren sehr niedrig. Ich glaube nicht, dass TTIP viel ändern würde. Ich sehe es als Beitrag zu einem weltweiten Regelwerk für globale Wertschöpfungsketten und internationale Produktion. TTIP oder Ceta sind weniger Handelsabkommen, sondern der Versuch, den internationalen Produktionsnetzen Regeln zu geben. Es gibt in diesen Verträgen Kapitel über Patente, zum Investorenschutz, zur Infrastruktur. Das bedeutendste dieser Abkommen war die Transpazifische Partnerschaft (TPP) zwischen den USA und zahlreichen asiatischen Ländern. Doch auch dieses Abkommen ist tot, seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt wurde. TPP hätte weltweit Standards gesetzt, und TTIP wäre die europäische Antwort darauf gewesen. Dass TTIP jetzt nicht in Kraft tritt, bedeutet, dass die weltweiten Produktionsnetze nicht noch dichter werden. Aber wir haben schon viel erreicht.

Donald Trump will amerikanische Arbeiter vor Importen schützen. Was brächte es, wenn er die Einfuhr von Produkten aus China, Japan oder Deutschland erschwerte?

Es brächte kaum etwas. Die Frage ist doch, ob Einfuhrbeschränkungen dazu führen, dass die Fabriken wieder als Einheit zurück in die USA kommen. In der Tat glaube ich, dass einige das tun werden, damit sie in den USA ihre Produkte verkaufen können. Aber das würde die USA zu einem sehr teuren Produktionsstandort machen. Die Fertigung von Fensterhebern für Autos wurde doch deshalb ausge­lagert, weil sie in Mexiko billiger herzustellen sind. Diese Produkte in den USA zu produzieren käme ungleich teurer. Mit der Folge, dass in den USA Produkte für den US-Markt hergestellt würden. Aber Produkte für andere Märkte würden niemals dort gefertigt werden, weil sie zu teuer wären. All das würde keine Arbeitsplätze schaffen. Wenn man Jobs, die von Geringqualifizierten ausgeführt werden, in ein Hochlohnland holt, werden diese Tätigkeiten dort von Robotern übernommen. Wenn Fabriken zurück in die USA verlagert würden, hätte das also zur Folge, dass Jobs für Roboter geschaffen würden, aber nicht für Arbeiter.

Trotzdem spricht Donald Trump damit die Sorgen der Menschen an. Die bilden sich ja nicht ein, dass ihre Jobs bedroht sind.

Selbstverständlich nicht. Aber man muss sehen, dass diese Entwicklung auch Chancen bietet. Jobs wandern nach China und Mexiko ab. Aber das bedeutet auch, dass die Menschen dort mehr verdienen und mehr Geld ausgeben können. Man kann ihnen also etwas verkaufen, man kann sich spezialisieren.

Aber man kann nicht leugnen, dass es auch Verlierer bei diesem Prozess gibt.

Die Sorgen, die sich viele Menschen machen, sind berechtigt. Doch man kann diesen Prozess nicht aufhalten. Die amerikanischen, aber auch die deutschen Arbeiter konkurrieren mit China im Ausland und mit Robotern zu Hause. Wenn man den Wettbewerb mit China aushebelt, bleiben immer noch die Roboter. Wir müssen ganz klar sagen, dass viele abgewanderte Jobs für Geringqualifizierte nicht mehr zurückkommen werden. Im Übrigen sind auch Jobs von Hochqualifizierten betroffen, da ganze Abteilungen ausgegliedert werden.

Wie kann man das Problem lösen, dass Menschen abgehängt werden?

Die Lasten und Gewinne der Globalisierung müssen gerechter geteilt werden. Man muss den Menschen helfen, etwa mit Umschulungsprogrammen, mit Sozial­hilfe, mit Wohngeld, man muss Beihilfen für den Umzug geben, wenn es woanders Jobs gibt. Man sollte die Menschen unterstützen und nicht versuchen, mit Maßnahmen aus dem 20. Jahrhundert die Probleme des 21. Jahrhunderts zu lösen. Anders gesagt: Die amerikanische Mittelschicht hat ein gebrochenes Bein, und Donald Trump will es mit Antibiotika behandeln. Das ist zweifellos eine gute Medizin. Nur hilft sie bei Knochenbrüchen nicht.

Mehr geht nicht, Umverteilung und Sozialhilfe?

Man muss die Realität akzeptieren. Und wir brauchen ein System, in dem Gewinner und Verlierer Gewinne und Verluste teilen. Das gilt nicht nur für den Prozess der Globalisierung. Das gilt auch für die Folgen des technischen Fortschritts, die Alterung der Gesellschaft, den Klimawandel. Alle diese Themen bringen Verän­derungen mit sich. Der nordeuropäische Wohlfahrtsstaat wäre ein gutes Modell. Dort gibt es auch Verlierer, aber sie wissen: Der Staat kümmert sich um uns. ---

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