Ausgabe 01/2017 - Schwerpunkt Offenheit

Open University of Israel

Uni für alle

• Ramon Snir hasste die Schule. Die Worte der Lehrer schienen ihm belanglos und unerträglich langweilig, er ließ sie vorbeirauschen, während er in seiner eigenen Welt versank. In der zehnten Klasse bekam er einen Laptop, von da an programmierte er ­während des Unterrichts Software; er hatte sich das selbst beigebracht. Seine Lehrer verzweifelten. Seine Eltern auch. Als Snir 16 war, gaben sie den Kampf auf: Sie ließen ihn die Schule abbrechen. „Dieses Klassenraum-Modell passte einfach nicht zu mir“, sagt der heute 22-Jährige. „Ich konnte es nie leiden, wenn Lehrer mir vorschrieben, was ich zu tun hätte.“

Dass Ramon Snir ohne Schulabschluss im Alter von gerade mal 19 Jahren einen Bachelor-Abschluss als Informatiker machen konnte, verdankt er einer ungewöhnlichen israelischen Universität. Normalerweise muss man in Israel das Bagrut vorweisen, das israelische Pendant zum Abitur, um an einer der acht traditio­nellen Universitäten studieren zu können. Doch in Snirs Heimatland gibt es noch eine neunte Universität: die Open University, in die sich jeder einschreiben kann, ohne jede Zulassungsvoraussetzung.

Die Lehre basiert auf „distance learning“, Lernen aus der Dis­tanz. Vorlesungen, Diskussionen, alles findet online statt; die ­Studenten bestimmen selbst, wann und wie viel sie lernen. Einzig für Prüfungen müssen sie in einem von 60 Zentren anwesend sein. „Die Open University löste mein Problem“, sagt Snir. Er schrieb sich für Informatik ein. Heute arbeitet er in einer IT-Firma, derzeit von New York aus. Mit 22 Jahren darf er sich Senior Developer nennen.

Es wäre übertrieben zu sagen, Ramon Snir wäre ohne die Open University auf der Straße gelandet. Er hätte sich wohl auch als Autodidakt durchgeschlagen. Doch das System des unbeschränkten, selbstbestimmten Lernens gab ihm die Chance, sein Talent in Bahnen zu lenken.

Israel hat andere Universitäten, die im Ausland mehr Renommee haben: die Hebräische Universität von Jerusalem, die Universität von Tel Aviv. Doch mit rund 47 000 Studenten ist die Open University die größte Hochschule des Landes. Ob Rentner oder Teenager, Hausfrau oder Hilfsarbeiter, jeder kann sich hier an ­einem Bachelorstudium versuchen, man braucht nur einen Computer mit Internetzugang, Hebräischkenntnisse und die finanziellen Mittel, rund 500 Euro für ein Seminar zu bezahlen, was im israelischen Vergleich nicht teuer ist.

Meist leer: Der Hauptcampus der Open University liegt in Ra’anana, einer Kleinstadt nördlich von Tel Aviv

„Im System der höheren Bildung nimmt die Open University eine wichtige Stellung ein, weil sie Chancengleichheit schafft“, sagt Moshik Lavie, der 41-jährige Dekan der Universität. Für den Ökonomen dient das Prinzip der offenen Bildung nicht der sozia­len Gerechtigkeit allein, sondern folgt einer wirtschaftlichen Logik; es korrigiert eine Fehlfunktion des Marktes. Um an einer traditionellen Universität aufgenommen zu werden, müssen Israelis nicht nur den Schulabschluss vorweisen, sondern auch einen aufwendigen Einstufungstest absolvieren. „Aber wie jemand bei diesem abschneidet, hängt immer auch von der wirtschaftlichen Stellung der Eltern ab“, sagt Lavie. „Auf diese Weise bestätigt man das sozioökonomische Muster der Elterngeneration. Das ist nicht effektiv, so geht Potenzial verloren. Wenn ein Staat sich weiterentwickeln will, dann muss er seine wichtigsten Ressourcen nutzen und jedem gute Bildung ermöglichen, der die nötigen Fähigkeiten hat.“

Obwohl die meisten Studenten von zu Hause aus lernen, hat die Universität mehrere Gebäude im Land, vor allem zu Verwaltungszwecken. Der Hauptcampus, in dem Lavie sein Büro hat, steht in Ra’anana, einer Kleinstadt nördlich von Tel Aviv: schlichte Sandsteingebäude mit viel Glas, umgeben von Grünflächen. Ein normales, modernes Hochschulgelände, könnte man denken – mit einem Unterschied: An einem Wochentag zur Mittagszeit ist es hier beinahe gespenstisch still. Zwar finden tagsüber Vorlesungen statt. Doch die Dozenten stehen dann nicht in gefüllten Hörsälen, sondern sitzen in kleinen Aufnahmestudios vor grünen Wänden und sprechen in Kameras.

Miteinander zu lernen lernen

„Eine Universität für alle“, so lautete das Motto, mit dem die Hochschule 1974 gegründet wurde, die Anregung kam vom damaligen israelischen Bildungsministers Jigal Allon. Das Konzept stammt aus Großbritannien, auch andere Länder haben es inzwischen übernommen. In Israel erfüllt die Universität allerdings eine einzigartige Funktion. Denn so klein das Land auch ist, so tief und zahlreich sind seine gesellschaftlichen Brüche: Sie trennen nicht nur Juden und Araber, sondern auch Säkulare und Religiöse, europäisch- und orientalischstämmige Juden, das reiche Landeszentrum und die arme Peripherie.

Die zwei ärmsten Minderheiten des Landes, Araber und Ultraorthodoxe, haben ihr eigenes Schulsystem: Letztere etwa lernen in ihren religiösen Schulen nur ein Minimum an säkularen Inhalten. Die Hälfte aller ultraorthodoxen Familien lebt in Armut. Die Schulen der arabischen Minderheit wiederum schneiden in Vergleichstest weit schlechter ab als reguläre jüdisch-israelische Schulen. Zudem wird auf Arabisch unterrichtet, weshalb manche jungen Araber später am Hebräisch-Sprachtest scheitern, den traditionelle Universitäten von ihnen verlangen. Manchen bietet die Open University eine zweite Chance.

Da ist zum Beispiel die 45-jährige Naila Abu Shakra aus Umm Al-Fahm, einer fast ausschließlich von Arabern bewohnten Stadt im Norden Israels. Wie in der arabischen Gesellschaft üblich, ­heiratete sie früh. Sie bekam vier Kinder, blieb erst zu Hause, ­arbeitete später als Assistenzlehrerin. Mit 32 Jahren schrieb sie sich für einen Soziologie-Bachelor an der Open University ein, „wegen der zeitlichen Flexibilität und weil es keine Anwesenheitspflicht gibt“. Anschließend absolvierte sie einen Master-Studiengang; gerade arbeitet sie an ihrer Dissertation an der Bar-Ilan Universität bei Tel Aviv; an der Open University ist keine Promotion möglich.

Vorlesungsraum der etwas anderen Art: Aufnahmestudio der Open University

Derzeit studieren 6600 Araber und knapp 600 Ultraortho­doxe an der Open University. Ihr Anteil an der gesamten Studentenzahl ist zwar gering, steige aber jedes Jahr deutlich, sagt Lavie. Daneben spricht die Universität noch andere Menschen an, die nicht zum klassischen Studentenklientel gehören: Zehn Prozent sind 45 Jahre und älter, darunter Lavies Vater, der kürzlich mit mehr als 70 Jahren einen Master-Studiengang abgeschlossen hat. Rund 1000 Studenten leben nicht einmal in Israel; sie verfolgen die Vorlesungen aus dem Ausland und legen die Prüfungen in ­israelischen Botschaften ab. Auch Häftlinge studieren an der Hochschule; in manchen Gefängnissen sind es so viele, dass die Universität einmal pro Woche einen Dozenten vorbeischickt.

Seit drei Jahren können sich sogar Menschen für Kurse ein-schreiben, die in Ländern leben, für die Israel offiziell gar nicht existiert. Im Jahr 2013 entwickelte die Universität fünf sogenannte MOOCs, Massive Open Online Courses, kostenfreie Online-Kurse zu Themen, die kein großes Vorwissen benötigen und in die sich jeder weltweit einschreiben kann. Es gibt für diese Kurse keine Credits und kein Zeugnis, wer teilnimmt, tut dies aus ­purem Interesse. Manche US-Universitäten erreichen mit ihren MOOCs Zehntausende Zuhörer weltweit.

Mit solchen Zahlen kann Israels Open University nicht konkurrieren. Doch bemerkenswert ist nicht, wie viele sich eingeschrieben haben (einige Hundert pro Kurs), sondern wer. Einer der fünf Kurse, Thema pädagogische Psychologie, wurde auf Arabisch angeboten. Zur Überraschung des Dozenten meldeten sich Dutzende Menschen aus Ländern an, die mit Israel verfeindet sind: Libanon, Marokko, Algerien, Sudan, selbst Syrien. „Wir hatten einen jordanischen Studenten, der sagte: Ich lehne Israel ab, aber ich interessiere mich für das Wissen, das der Kurs vermittelt“, erinnert sich der Kursleiter Ibrahim Abu Jaber. „Das ist in Ordnung: Hauptsache, die Menschen kommen ins Gespräch. Das bringt sie einander näher.“

Will Chancengleicheit für alle: Universitäts-Dekan Moshik Lavie
Sieht die Hochschule kritisch: Dozentin Tamar Hermann

Unter seinen Studenten war die 38-jährige Nejoud Hassan aus dem Sudan. Derzeit lebt sie in Moskau, wo sie kürzlich eine ­Doktorarbeit in Archäologie abschloss. Auf den Kurs der Open University war sie durch Zufall gestoßen, während einer Online-­Recherche zum biblischen Israel. „Zuerst war ich besorgt, dass die Universität mich ablehnen würde, aber es gab keine Probleme. Eigentlich gibt es nichts, was den Sudan und Israel trennt.“ In ärmeren Ländern wie Hassans Heimat könnte schrankenlose Bildung noch ganz andere Hürden aus dem Weg räumen. „Für ­viele Menschen in Entwicklungsländern ist es schwer, sich weiterzubilden, weil ihnen Zeit und Geld fehlen“, sagt Hassan. „Offene Kurse machen die Menschen unabhängig.“

Es klingt so wunderbar: eine Universität, die Grenzen zwischen Völkern und Staaten überwindet, die alle Hürden abräumt, die ein traditionelles Bildungssystem den Menschen in den Weg stellt. Doch wie die meisten Ideen, die betörend simpel klingen, hat auch diese einen Haken. Denn auch folgende Zahl gehört zu dieser Geschichte: Nur ein Viertel aller Studenten beenden die Open University mit einem Abschluss. Das heißt nicht zwingend, dass die übrigen drei Viertel scheitern; manche belegen Kurse aus reiner Lust am Lernen und streben gar keinen Titel an. Dennoch dürfte der Anteil der Abbrecher an der Open University weit ­höher sein als an traditionellen Universitäten. Denn das System des offenen Lernens, ohne Kontrolle, ohne Druck, auch ohne Mittagspausen in der Mensa, in denen man mit Kommilitonen den Stoff bespricht, verlangt den Studenten ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Organisation ab.

Profitieren die Falschen?

„Es ist viel schwerer, hier zu studieren als an anderen Universitäten“, sagt Tamar Hermann, Dozentin für Politikwissenschaft an der Open University und Forscherin am Israel Democracy Institute, einem Thinktank in Jerusalem. „Und oft sind es gerade die Menschen aus sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen, die ­einen festeren Rahmen und engere Begleitung brauchen.“ Dazu kommt: Wer sich an der Open University einschreibt, braucht eine gewisse technische Ausstattung – mindestens einen eigenen Computer mit gutem Internetzugang – und das Know-how, ­damit umzugehen. „Für ein Beduinenmädchen aus der Negev-Wüste kann das ein Problem sein.“

Hermann ist der Ansicht, dass nicht die Abgehängten, sondern die Überflieger am stärksten von dem Modell der offenen Bildung profitieren. „Früher war es üblich, dass junge Menschen mehrere Jahre ihres Lebens allein akademischen Studien widmeten“, sagt sie. „Aber insbesondere jemand, der im IT-Sektor Fuß fassen will, sollte sich früh in den Arbeitsmarkt integrieren. Die Open University bietet die Möglichkeit, akademische Studien auf hohem Niveau mit einem Job zu vereinbaren.“ Wer es ganz eilig hat, muss nicht einmal bis zur ersten Stelle warten: 750 Studenten der Open University gehen noch zur Schule. Die Universität erlaubt es besonders talentierten Schülern, sich schon im Teenager­alter einzuschreiben. So haben manche mit 18, 19 Jahren den ersten Abschluss in der Tasche.

Eher Eliteschmiede also statt Universität der zweiten Chance? Vielleicht ist sie auch ein bisschen von beidem. Auf paradoxe Weise schafft die Open University einen besonderen Raum sowohl für die Überflieger als auch für die Benachteiligten; für den hochbegabten Schulabbrecher Ramon Snir ebenso wie für die vierfache Mutter Naila Abu Shakra.

Auch Moshik Lavie, der Dekan, räumt ein, dass die Open University gesellschaftliche Unterschiede nicht nivellieren könne. „Natürlich ist es leicht, zu sagen: Wir stehen allen offen, also bieten wir Chancengleichheit“, sagt er. „Aber das allein reicht nicht, manche Menschen brauchen besondere Unterstützung. Doch ­zumindest geben wir allen eine Chance. Für manche ist es die letzte Chance. Es klappt nicht bei jedem. Aber wenn es klappt, dann verändert es Leben.“ ---

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