Ausgabe 01/2017 - Schwerpunkt Offenheit

In offener Gesellschaft

1. Die Epidemie

Die Welt ist voller Defizite. Da gibt es Leute, die sehen schlecht und hören wenig. Sie merken praktisch nichts und verstehen fast alles falsch. Doch dieses traurige Leben im Reich der Seh- und Hörgestörten ist ein selbst gewähltes Schicksal. Die armen Menschen leiden unter dem Wahrnehmungs-Defizit-Syndrom (WDS). Das ist eine Zivilisationserkrankung, und sie verbreitet sich epidemisch. Vor allem Leute mit einem Hang zur Selbstreferenz sind die Opfer. Der Betroffene umgibt sich nur mit Menschen, die seine Meinung teilen. Daraus bezieht er eine Art Scheinsicherheit. Die Welt scheint in vollster Harmonie mit ihm zu sein.

Aber das ist falsch. Die Patienten leben in ­einer Blase, einer Filter Bubble, wie man auf Englisch sagt. Sie schirmt die Welt hermetisch ab. Dringt dennoch etwas durch die blick- und schalldichte Membran, dann wird es vom ideologischen Immunsystem vernichtet. Das andere wird nicht geduldet. Weist man den Patienten auf seine Lage hin, wird er aggressiv. Für ihn sieht die schlimme Erkrankung ganz anders aus, er nennt sie Haltung, Überzeugung und schließlich die Wahrheit. Die Verrückten sind immer die ­anderen.

Natürlich gibt es Leute, die dafür eine einfache Erklärung haben, etwa dass WDS die logische Folge einer neoliberalen, viel zu schnell sich verändernden Welt sei. Man kann es auch kürzer sagen: Die Wirklichkeit passt mir nicht – ich mache dicht. Die Welt ist eine geschlossene Anstalt.

Das ist nichts Neues und bleibt so, bis man den schlimmsten Feind der Abschottung, den Krankheitsauslöser, erkennt: sich selbst.

2. Die Burg

Vergesst Facebook und Twitter. Bevor es all das gab, hatte man zum Beispiel im Mittelalter sehr dicke, hohe Mauern. Auch damals schien alles in Bewegung zu sein. Man strebte nach Harmonie. Nach einer von Widersprüchen freien Welt, in der man tat, was Gott gefällig war, und den Rest dem Teufel zuschrieb. Man zog sich zurück und wollte recht haben. Die meisten Leute waren ­damals arm. Das ist heute nicht mehr so. Dem üblichen Sündenbock, dem ausufernden Materialismus, kann man also die Wahrnehmungsstörung nicht anhängen. Das geistige und politische Zentrum des Mittelalters ist ein Art kontempla­tiver Knast, das Kloster. Das Wort stammt vom lateinischen claustrum, was so viel heißt wie verschlossener Ort. Der einflussreichste Orden des Abendlandes, die Benediktiner, verlangten von ihren Mitgliedern die Einhaltung der Stabilitas loci, der Ortsgebundenheit. Man musste bleiben, wo man war. Mobilität, die Schwester der Offenheit, galt als Frevel. Die Gesellschaft, die dabei herauskam, war statisch, selbstbezogen und selbstgerecht. Unbeweglich im eigentlichen Sinn.

Die weltliche Variante eines geschlossenen Systems war die Burg. Im Feudalismus des Hoch- und Spätmittelalters, vom 11. bis zum 15. Jahrhundert, hatte sie ihre Blütezeit. Gab es die Burgen nicht wegen der Fremden, der Ungarn und später Türken, die gegen das Abendland anrannten? Einige ja. Die meisten aber hatten einen weitaus grausameren Gegner zur Ursache: die Bürokratie.

Denkt bloß nicht an Ritter, Pferde und Minne­sänger. Die Burg war ein Verwaltungszentrum, eine Mischung aus Finanzamt und Gerichtsvollzieher, eine Behörde, ein Amt.

In ihr herrschten Ministeriale, also kleine, zuvor selbstständige Adelige, die sich vom jeweiligen Fürsten verbeamten ließen und das Feudalsystem verwalteten. Der eigentliche Zweck der Burg war der Schutz geraubter und erpresster Güter vor denen, die sie erzeugt hatten. Aufstände gab es oft. Die Staatsbeamten missgönnten einander Amt und Einkünfte und belagerten die Burgen ihrer Nachbarn. Der Obrigkeit war das egal. Hauptsache, es wurde abgeliefert. Seit dem 11. Jahrhundert wuchs das Ministerialensystem stark an.

Der feudale Staat wurde tiefer, das heißt so viel wie: Er durchzog immer mehr Lebensbereiche, regelte und forderte die Zeit und Energie der Menschen. Je mehr man verwaltet, desto teurer wird es. Eine Reaktion darauf war die ständige Entwicklung neuer Abgaben, Zölle, Steuern und Wegegebühren. Ein Teufelskreis. Die Folge war noch mehr Geschlossenheit, denn unter den Wegzöllen litt die Mobilität stark, der Handel und der Wissenstransfer gerieten ins Stocken. Neue Grenzen, Territorien, Verwaltungseinheiten entstanden. Die Freiheitsberaubung nahm ihren Lauf. Es wurde finster. Dann krachte es.

3. Die Stadt

Der Ministerialenstaat implodiert gegen Ende des Mittelalters unter seinem eigenen Gewicht. Wer kann, verlässt die Burg und ihr Feudalsystem und geht in die Stadt.

Die mittelalterlichen Städte sind Zufluchtsstätte und Inkubatoren in einem. Ihr Herz ist eine funktionierende Marktwirtschaft, ein moderates Wirtschaftswachstum, das Expansion erlaubt und attraktiv macht. Stadtluft macht frei. Innerhalb der Stadtmauern herrscht Sicherheit. Es gibt klare Regeln. Sie gelten für die Bürger, wie man die Stadtbewohner nach dem althochdeutschen Wort burga nennt, das so viel bedeutet wie Schutz. Den braucht auch die neue Klasse der Bürger, die die Neuzeit gestalten und die Freiheit und Offenheit gegen deren Feinde verteidigen. Das sieht auf den ersten Blick nicht so aus. Auch die Stadt des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit ist von einer dicken Mauer umgeben und ähnelt darin der Burg des Feudalsystems. Doch der Zweck der Mauer ist gänzlich verschieden.

Die Burgmauer verteidigt die Unfreiheit. Die Stadtmauer die Freiheit. Das wichtigste Element der Burg ist der Verteidigungsgang, die Zinnen, von denen aus man Aufständische und Belagerer beschießt. Das wichtigste Bauteil der Stadtmauer ist das Tor. Für den österreichischen Philosophen Konrad Paul Liessmann, dessen Buch „Lob der Grenze“ sich der Dialektik von Offenheit und ­Begrenzung widmet, ist das der Inbegriff der modernen Gesellschaft: „Die Mauer schützte die Fortschritte, die die Stadtbürger erzielt hatten, und das Tor, durch das man hin- und hergehen konnte, sicherte zu, dass man auch weiterhin solche Fortschritte machen konnte“, sagt er.

Durch diese Öffnung betritt man die Stadt und ihre Regeln, und man verlässt sie, um Neues kennenzulernen und Fremdes zu verstehen. Historische Stadtwappen zeigen bis heute zuweilen die Tore. Je prächtiger sie sind, desto mehr Freiheit und Möglichkeiten bietet die Stadt dahinter und davor. Das Tor ist die Antithese zur Bubble, zur Blase. Es steht für Austausch, für Wahlmöglichkeiten, etwa jene, die Stadt zu betreten und die von ihren Bürgern gewählten Regeln zu akzeptieren, aber auch jederzeit aufbrechen zu dürfen, wenn man etwas Neues entdecken will.

Auf alten Darstellungen ist das Stadttor der Hansestadt Hamburg offen. Dieser Geist ist nicht ausgestorben. Er findet sich etwa bei Karl Lagerfeld, der über seine Geburtsstadt und seinen Aufbruch bemerkte: „Hamburg ist das Tor der Welt. Aber eben nur das Tor.“ Der offene Geist bewegt sich. Er bleibt nicht sitzen.

4. Geschlossenheit

Deshalb ist Offenheit der Garant für die großen Erfolge der Kulturgeschichte. Austausch und Kommunikation, Entdecken und Versuchen sind die Grundlagen der modernen Welt. Kaufleute, Wissenschaftler, Künstler und Forscher gehen seit Jahrhunderten durch das Stadttor, um die Welt neu zu vermessen. Das nützt allen Generationen, auch wenn sie diese Grundlagen vergessen haben. Offenheit ist pure Nachhaltigkeit.

Daneben gab es immer Interessen, die einer offenen Gesellschaft zuwiderlaufen. Die Neuzeit bringt nicht nur die Stadtfreiheit und den ihr ­folgenden Aufbruch. Sie führt auch zum absolutistischen Staat, der alles kontrollieren will, eine Feudalgesellschaft 2.0 sozusagen, deren Betreiber allerdings einiges dazugelernt haben. Im 16. Jahrhundert beginnt der Aufstieg des Absolutismus und Merkantilismus, einer geschlossenen Vorstellung von nationaler Wirtschaft. Der Staat und seine Institutionen sollen dem Wohl der Nation dienen, sie errichten Monopole und unterscheiden von nun an zwischen einer eigenen und einer fremden Ökonomie.

Das ist absurd. Die Grundprinzipien des Marktes bestehen in Offenheit gegenüber Risiken, Neuem und Unbekanntem. Der Markt kommt ohne Offenheit, die man für Innovationen braucht, nicht aus.

Der Merkantilismus und seine zahlreichen Mutationen, die es bis heute gibt, hat aber keine wirtschaftliche Entwicklung, sondern Verwaltung im Sinn. Dafür braucht man eine geschlossene Nationalökonomie und eine starke Bürokratie, die deren Interesse durchsetzt. Bis zum Beginn der industriellen Revolution bleibt das in den meisten Ländern Europas so. Offen ist der ab­solute Staat nur dort, wo es dem Erhalt seiner Bürokratie und Macht dient, bei der aggressiven Kolonialisierung anderer Länder und Völker etwa. Da geht es nicht um Handel, es geht um Ausbeutung und Transfer, um Raub, wie einst in der Burg.

Der industrielle Kapitalismus, der auf der bürgerlichen Idee der Stadt baut, braucht allerdings eine ganz andere Offenheit. Das werfen ihm seine Gegner von Anfang an vor. Das bedeutendste historische Dokument dazu ist der Archetyp der Kapitalismus- und Offenheitskritik, Das Kommunistische Manifest aus dem Jahr 1848, verfasst von Karl Marx und Friedrich Engels. Die Autoren räumen darin zwar ein, dass der Bürger, der freie Stadtmensch, die Enge des Landes und des Feudalsystems überwunden hat und den Menschen von der „Idiotie des Landlebens“ befreit habe. Aber die „Bourgeoisie“, wie sie das Bürgertum verächtlich mit seinem französischen Namen ­rufen, sei nun zu ewiger Unrast verurteilt, denn sie müsse für den „ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte (…) über die ganze Erdkugel jagen. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.“ Man könnte so viel kosmopolitische Praxis ganz anders inter­pretieren, nämlich als weltoffen, anschluss- und kommunikationsfähig, alles Tugenden, die heute hoch im Kurs stehen.

Doch bei den Glaubensstiftern gelten sie als verwerflich. „An die Stelle der alten, durch Landeserzeugnisse befriedigten Bedürfnisse treten neue, welche die Produkte der entferntesten Länder und Klimate zu ihrer Befriedigung erheischen. An die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander. Und wie in der materiellen, so auch in der geistigen Produktion.“ Das ist ein unverhohlenes Lob für die alte feudale Geschlossenheit, die Blase, den Geist der Burg.

Die Folgen sind Marx und Engels durchaus klar: „Die nationale Einseitigkeit und Beschränktheit wird mehr und mehr unmöglich (…) die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schießt, mit der sie den hartnäckig­sten Fremdenhass der Barbaren zur Kapitulation zwingt.“

Man könne es drehen und wenden, wie man wolle, so Marx und Engels, am Ende zwinge der Bourgeois, der Kapitalist also, alle Barbaren „die sogenannte Zivilisation bei sich selbst einzuführen“.
Das ist natürlich ein Skandal.

Der Kapitalismus ist schlecht, weil er maximale Offenheit erzwingt, die Enge des Nationalstaats überwindet, Mauern einreißt und die Zivilisation verbreitet. Klar, dass man da etwas machen muss.

5. Glasnost

Es kommt eben darauf an, von welcher Seite man auf die Stadt guckt und was man dann sieht: die Mauer oder das Tor. Selbst einige der politischen Erben von Marx und Engels haben das besser verstanden als viele westliche Wohlstandserben. Sie initiierten in den letzten Jahren der Sowjet­union einen Prozess namens Glasnost, also Offenheit, der ab dem Jahr 1985, in dem der neue Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, sein Amt übernahm, massiv verbreitet wurde. Glasnost bedeutete, so Gorbatschow in seiner Rede auf dem 27. Parteitag im Februar 1986, die Grundlage aller Freiheiten: „Ohne Glasnost gibt es keine Demokratie.“

Glasnost definierte sich als offenes Gespräch über die Verhältnisse. Offenheit ist, wenn man sagen kann, wie es ist. Das ist, Gorbatschow wusste das, nicht nur für die unterdrückte Seele gut, für die mentale Verfassung – was ja schon durchaus genug wäre. Ein offener Umgang miteinander bedeutet auch schnelleres, direkteres Entscheiden und Handeln. Hidden Agendas, die überall existieren und natürlich auch in kapita­listischen Systemen, zeigen immer an, wie geschlossen die dazugehörige Gesellschaft ist. Codes, geheime Sprache, Signale und Symbole verhindern die Durchlässigkeit. Offenheit ist eine Methode, um die Welt schneller und effizienter zu verbessern. Offenheit ist keine moralische ­Dimension. Offenheit ist eine Kulturtechnik.

Deshalb gibt es dort, wo sich die Lage verbessern soll, auch kein Entrinnen vor ihr. Ideologie schafft Bürokratie, und die kostet viel Geld. Wer also als Bürokrat überleben will, muss sich einer offenen Ökonomie stellen. Genau das trieb Glasnost an, und nichts anderes erkannten zuvor schon die Machthaber in der Volksrepublik China. Es ist kein Widerspruch, dass sich geschlos­sene gesellschaftliche Systeme ökonomische oder technologische Subsysteme leisten, in denen relativ offen agiert werden darf, um ihr eigenes Überleben zu sichern.

Aus dieser Perspektive ist die Marktwirtschaft in China machterhaltend. Ideologie reicht zum Überleben eben nicht aus, auf Dauer nicht mal für Ideologen. Tyrannen hassen die Offenheit, aber nicht deren Erträge. Wie vieles auf dieser Welt ist das ein Spiel auf Zeit. Denn dort, wo der Materialismus zur Selbstverständlichkeit geworden ist, werden andere Fragen gestellt, nach persönlicher Freiheit und Beweglichkeit.

Diktaturen sind der Inbegriff der geschlossenen Gesellschaft, also der ganz großen Blase. Ihre Vorurteile und ihr Widerwillen, offen zu denken, tragen auch zu ihrem Untergang bei. Niemand mag sich vorstellen, was geschehen wäre, wenn die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg über eine Atombombe verfügt hätten. Dabei ­waren deutsche Kernforscher – viele davon jüdischer Herkunft – vor dem Krieg eindeutig die, die der Lösung der komplexen technischen Probleme am nächsten kamen. Wo aber Albert Einsteins Relativitätstheorie als „jüdische Irrlehre“ behandelt wurde, nützte all das Wissen nichts. In der offenen Gesellschaft der USA, dem Land, das von sich selbst als dem der unbegrenzten Möglichkeiten sprach, gab es diese – und eine Vielzahl weiterer – Beschränkungen nicht. Man konnte den Talent- und Wissenspool aller nutzen, ohne ideologische Immunreaktion. Deshalb sind und bleiben offene Gesellschaften geschlossenen Anstalten überlegen.

6. Das Stückwerk

Das bedeutet nicht, dass die Offenheit automatisch gewinnt, immer und mit Leichtigkeit. Sie hat, darauf muss man hinweisen, einige erhebliche Nachteile gegenüber des geschlossenen Blasendenkens: Offenheit weiß nicht alles, Offenheit kann nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt die ganze Welt erklären, Offenheit ist nicht einfach, sondern komplex. Damit macht sie sich von ­jeher Feinde. Es ist eine Binsenweisheit, dass ­Diktaturen auf Vereinfachung setzen.

Politik ist, wo sie Populismus ist, intellektueller Minimalismus. Wer die Welt und die Probleme am einfachsten erklären kann – und nicht etwa lösen – der gewinnt bei jenen, die nie gelernt haben, dass nicht alles mit allem auf schlichte Weise zusammenhängt. Der Wunsch, geführt zu werden, zu tun, was andere sagen, ist ein ebenso starkes Bedürfnis wie das nach freier Lebens­gestaltung, und wenn die Zeiten unsicher sind, dann kann es übermächtig werden.

Im Jahr 1945, in dem der Zweite Weltkrieg endete, erschien in London das Buch des damals bereits 43-jährigen österreichischen Emigranten Karl Popper, der die Kriegsjahre als Dozent für Philosophie in Christchurch in Neuseeland überlebt hatte. „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ wurde zu einem der wichtigsten politischen Bücher des 20. Jahrhunderts. Popper ist nicht konziliant, kein versöhnlicher Denker. Als junger Mann geht er als Kommunist auf die Straße. Als er den totalitären Machtanspruch des Bolschewismus erkennt, trennt er sich rigoros von seinem bisherigen Freundeskreis und wird Hilfs­arbeiter beim Straßenbau. Er lernt den Beruf des Tischlers, studiert aber letztlich nach vielen Anläufen doch Philosophie und wird, zum Brot­erwerb, Lehrer.

Karl Popper ist kein Angepasster, kein Karrierist, sondern sucht die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die Praxis des Wortes Offenheit also. „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ geht keine Konzessionen ein. Sie wendet sich ebenso gegen den Totalitarismus von Faschismus und Kommunismus wie gegen die vermeintlich so nette abendländische Denktradition Platons. Platon, Hegel und Marx, so Popper, seien gleichsam dessen größtes Problem, denn sie stünden nicht für Offenheit, sondern für das Konzept des Historizismus, also der Vorstellung, dass die Welt und ihre Bewohner festen Gesetzen unterliegen, einem zwangsläufigen Ablauf. Die Geschichte ist nicht offen, sie ist festgelegt. Die ganze Menschheitsgeschichte ist ein Programm, das abgespult wird. Es kommt, wie es kommen muss.

Die Folge sind Ideologien, also geschlossene Weltbilder, die die scheinbare Folgerichtigkeit der Abläufe erst produzieren, jene innere Logik also, von der so oft die Rede ist. Offenheit hingegen ist, wenn man auch anders kann, in Alternativen und im Plural denkt.

Warum machen die Leute zu? Weil sie Angst haben. Weil sie unsicher sind. Und weil ihnen die geschlossenen Gesellschaften die Wahrnehmung vermitteln, dass alles geordnet ist, also nach Plan läuft, so wie es mehr als 2000 Jahre Geistesge-schichte immer wieder behauptet haben.

Am Ende winkt allen „das Himmelreich auf Erden“, sagt Popper, und damit droht großes Unheil: „Wenn wir die Welt nicht (…) ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben“, befand er.

Die offene Gesellschaft ist nicht harmonisch, nicht widerspruchsfrei, in ihr fügt sich nicht alles scheinbar ins andere. Man muss was aushalten – vor allen Dingen die anderen. Das ist ihr Preis.

Poppers wichtigster Rat ist, sich von den großen Würfen zu entfernen, von den Utopien und den Utopisten. Die offene Gesellschaft entspricht dem Individuum, die geschlossene Gesellschaft der Zwangskollektivierung. Wer Offenheit will, muss ins Detail gehen, immer wieder. Bei Karl Popper heißt das: Die offene Gesellschaft geht in kleinen Schritten, sie produziert „Stückwerk“. Das ist nicht sehr attraktiv, wenn man allen alles versprechen will, wenn man sämtliche Probleme lösen und das Gute und Schöne schlagartig verbreiten möchte. Genau das aber macht die Feinde der offenen Gesellschaft aus. Sie nehmen sich zu viel vor, sie sind nicht nüchtern, sie sind für die Freiheit nicht bescheiden genug.

Poppers offene Gesellschaft setzt auf Institu­tionen, die sich kritisch kontrollieren lassen, auf Selbstkritik, ständiges Hinterfragen der eigenen Positionen. Sie ist von Helden und Anführern befreit. Die wahren Troubleshooter sind ganz normale Leute, die Bürger der Zivilgesellschaft, nichts Spektakuläres. Die Demokratie ist kein Pathos, sondern ein Werkzeug, das nicht dazu da ist, alle glücklich zu machen, sondern schlicht die Leiden so klein wie möglich zu halten. Sie bringt unterschiedliche Interessen in Konsensform und bildet damit die Vielfalt ab. Sie ist keine „Volksherrschaft“, warnt Karl Popper, denn die „Mehrheit kann auch die Tyrannis stützen.“ Wahlen haben in seiner Sicht der Dinge eine ­simple Funktion. Sie sollen für den unblutigen Machtwechsel sorgen.

Die offene Gesellschaft reißt die Mauern nicht ein, sie zeigt nur, dass die Tore offen sind. Es herrscht Bewegungsfreiheit. Nicht Bewegungspflicht. Im Vergleich zu geschlossenen Weltbildern und ihrem Pathos ist das recht wenig Lametta. Aber genau betrachtet ist es menschengerechter als alles, was Ideologien anzubieten haben. Es geht nicht um die große Utopie, sondern den eigenen Traum.

7. Die Grenze

Weil das so ist, hat es die offene Gesellschaft ­immer wieder so schwer, gerade dann, wenn Veränderungen anstehen, die sich nicht einfach erklären lassen. Die Kritik am sogenannten Establishment hat immer Gründe, auch gute, aber sie übersieht etwas ganz Entscheidendes: Niemand weiß, was kommt, und niemand weiß, wie es geht, auch wenn ständig Leute auftauchen, die etwas anderes behaupten. Die offene Gesellschaft ist ein offenes Spiel. Unser Problem ist, dass wir nicht gelernt haben, damit richtig umzugehen.

Dazu gehört, meint der Philosoph Konrad Paul Liessmann, auch der Umgang mit den Grenzen der Offenheit. Sein Buch „Lob der Grenze“, erschienen 2012, ist keineswegs eine Aufforderung zur Beschränktheit, sondern zum reifen Umgang mit der Offenheit. In Zeiten, in denen alle beteuern würden, wie offen sie seien, wie grenzenlos ihr Denken, „muss man sich natürlich schon fragen, was Offenheit eigentlich ohne ­Unterscheidungskraft sein soll?“, sagt Liessmann. „Wer für Unterschiede ist, für Vielfalt, der muss akzeptieren, dass eine funktionierende Gesellschaft aus einem Wechselspiel von Inklusion und Exklusion besteht. Jede Gruppe, auch eine, die ständig totale Offenheit fordert, grenzt sich von der anderen ab, um erkennbar zu sein – etwa von denen, die angeblich oder wirklich einem geschlossenen, beschränkten, provinziellen Weltbild verhaftet sind.“

Offenheit, die zu etwas führe außer zur völligen Beliebigkeit, bestehe immer auf ihrer Kenntlichkeit. Das müsse ja nicht bedeuten, sagt Liessmann, „dass man den anderen gleich alle Rechte aberkennt, ihm nicht zuhört, seine Argumente nicht aufnimmt – im Gegenteil. Es geht um offene Diskussionen, nicht um Sprechverbote.“ Aber Grenzen, auch der eigenen Kultur und der eigenen Identität, seien einfach elementarer Teil des Menschseins. Da ist das Tor der mittelalterlichen Stadt wieder.

Poppers offene Gesellschaft, sagt Liessmann, „war ein Appell für eine geistig offene Gesellschaft, in der es keine dogmatischen Wahrheiten, sondern nur diskutierbare Hypothesen und Theorien gibt, in der man also offen ist für das Neue und für alternative Denkwege, aber keineswegs so, dass man das Unbekannte gleich in den Himmel erhebt“. Zu Poppers Werk gehört auch der kritische Umgang mit scheinbaren Gewissheiten. Die Vorstellung, dass das Neue besser sei als das, was man kennt, erweist sich so als eben jenes Vorurteil wie das Gegenteil. Der Sinn und Zweck von Offenheit ist nicht, die Katze im Sack zu kaufen, sondern den Sack aufzumachen und nachzusehen, was drin ist.

Das Lob der Grenze der Offenheit, das Liessmann singt, ist der Vernunft verpflichtet, der ­Kritikfähigkeit und der Unterscheidungskraft. Dazu muss man natürlich auch hören, was einem nicht gefällt.

Dafür stehen weder die Filter Bubbles von heute, so Liessmann, noch die Political Correctness, die „nichts Korrektes will, sondern einfach nur Redeverbote erteilt, also nichts anderes hören will als das, was sie selbst erzeugt – das ist die Antithese von Offenheit.“ Es gehe heute darum, dem Entweder-oder von „grenzenlos“ und „beschränkt“ zu entgehen: „Grenzen können auch positive Unterschiede markieren. In der EU lebt, denkt und handelt man anders als in anderen ­Regionen dieser Erde. Es ist gut, wenn man das merkt, wenn das kenntlich gemacht ist“, sagt Liessmann. Dabei geht es ihm nicht ums Mauern, sondern um „kontrollierte Durchlässigkeit. Es geht um Unterschiede. Und dabei muss man auch die Fähigkeit bewahren, Grenzen überschreiten zu wollen. Darin liegt jeder Fortschritt, unsere Beweglichkeit.“

Offenheit ist vom Ergebnis nicht festgelegt, das stimmt, aber sie ist deshalb keineswegs beliebig und unverbindlich. „Wir müssen weg von der Meinung, der Willkür, der Beliebigkeit, dem Postfaktischen, hin zu den Fakten, dem Beweisbaren, dem Nachvollziehbaren, dem Argumentierbaren. Das ist das Wichtigste. Denken kann nicht durch Emotion ersetzt werden. Denken setzt aber den Emotionen Grenzen.“ Es geht um eine Bestandsaufnahme, eine faire Bilanz dessen, was uns die Offenheit bisher gebracht hat.

8. Die Oma aus dem Pott

Der Sozialpsychologe Harald Welzer, Mitbegründer und Direktor der Futurzwei-Stiftung, ist dabei an seiner Seite. Im vergangenen Jahr hat er mit Andre Wilkens, einst Koordinator der Aktivitäten des Karl-Popper-Anhängers George Soros in Europa, und dem Geschäftsführer der Denk­fabrik Adelphi in Berlin, Alexander Carius, die Ini­tiative „Die Offene Gesellschaft“ gegründet (die-offene-gesellschaft.de).

Sie stellt in ihrer Beschreibung folgende Frage: „Wollen wir eine offene Gesellschaft sein, geleitet von Freiheits- und Menschenrechtsidealen, oder eine exklusive Gesellschaft, die ihre Identität vor gefühlten äußeren Bedrohungen sichert? Und wenn wir eine offene Gesellschaft sein wollen: Was sind wir bereit, dafür zu tun?“

Dabei gehe es darum, sagt Welzer, „deutlich und erkennbar zu machen, was an einer fried­lichen Normalität eigentlich erkennbar gut ist“, was einfach klingen mag, es aber nicht ist, denn – wir erinnern uns an weiter oben – wir alle leiden ein wenig unter dem Wahrnehmungs-Defizit-Syndrom. „In der BRD kennt man seit drei, vier Generationen nichts anderes als einen selbstverständlichen Wohlstand, der das Produkt der offenen Gesellschaft ist. Das ist irgendwann wie das Brötchen beim Bäcker – nichts Besonderes. Aber das ist ein Irrtum“, sagt Welzer: „Wir müssen faktisch zeigen, an Beispielen, warum die ­offene Gesellschaft attraktiv ist. Was tragen wir dazu bei, um sie nicht zu verlieren?“

Das ist eine Anlehnung an Poppers Politik der kleinen Schritte, des „Stückwerks“, bei dem nahezu unmerklich Gutes geschieht, ohne dass groß darüber geredet wird. Das Endprodukt der Offenheit ist die Verbesserung, und ihr einziger Makel ist es, dass dieser Fortschritt nicht in großmäuligen Versprechen, sondern ruhiger Realität besteht.

Mehr Demokratie wagen? Prima. Dann gleich mal selber damit anfangen und vor allen Dingen: Augen auf, Ohren auf. Das hilft gegen Bunkermentalität, Bubble-Irrtümer und Blasenerkrankungen aller Art.

Welzer hat einen Vorschlag, an wem man sich dabei orientieren kann, er verweist auf die Mitte der Gesellschaft: Er denke beispielsweise an „die ältere Dame, die sich 50 Jahre nach ihrer Einreise nach Deutschland immer noch darüber freut, in einer freien Gesellschaft zu leben – und das mit ihrer Familie und all ihren Freunden feiert.“

Offene Gesellschaften, offene Organisationen, offene Gemeinschaften – die Zivilgesellschaft – sie alle sind, sagt Welzer, immer nur „die Summe der eigenen Initiative. Offenheit kann uns niemand vorschreiben. Die Offenheit sind wir selbst.
Da wären wir wieder. Macht auf. ---

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