Ausgabe 01/2017 - Markenkolumne

Gollnest & Kiesel

Die Eigensinnigen

• Gerhard Gollnest hat ein Marx-Porträt in seinem Büro hängen und redet gern über das Große und Ganze. Er wettert ­gegen die Monopolisierung des Handels, besonders im Internet, und formuliert schöne Sätze wie: „Gewinn ist das Abfallprodukt guter Arbeit.“ Nebenbei ist der 60-Jährige Mitinhaber des Spielzeugherstel­lers Gollnest & Kiesel ein cleverer Geschäftsmann. Die Firma mit den Marken Goki, Heimess und Holztiger zählt zu den drei größten Holzspielzeugherstellern Europas und wurde 2015 vom Branchendienst »Markt intern« als „Fachhandelspartner Nummer 1“ ausgezeichnet.

So vertreibt das Unternehmen aus dem schleswig-holsteinischen Güster seine Mar- kenprodukte nur über den Fachhandel. Und hilft diesem auch bei der Suche nach Ladenlokalen sowie mit Konzepten. Nina Claus ist angetan. Sie führt mit ihrem Mann in Hamburg und im benachbarten Norderstedt zwei Spielwarengeschäfte, die den Namen Peggy Diggledey tragen – eine Kinderbuchfigur, die Gollnest & Kiesel mit der Verlagsgruppe Oetinger entwickelt hat. Man werde bei Bedarf von Gollnest & Kiesel unterstützt, sagt Claus, in ihr Geschäft mische sich das Unternehmen nicht ein.

Die Sympathie für kleine Händler ist auch familiär bedingt. Sowohl die Eltern von Gollnest als auch die seines Kompagnons Fritz Rüdiger Kiesel betrieben Tante-Emma-Läden: „Wir wissen, was es bedeutet, 60 Stunden in der Woche im Laden zu stehen.“ Das Konzept der beiden besteht darin, in der Nische Holzspielzeug – die drei bis vier Prozent des gesamten Spielzeugmarktes ausmacht – dank einer eigenen Fertigung in China mit Qualität und Preis zu punkten. „Wir wollen, dass sich Otto Normalverbraucher unsere Produkte leisten kann“, sagt Gollnest.

Das Geschäft betreiben er, Kiesel und der umtriebige Pressemann Helmut Roloff mit Chuzpe. So informierten sie einmal den Fachhandel per Rundschreiben darüber, welcher große Hersteller einen Discounter zur Weihnachtszeit mit einem Spielzeug zum Kampfpreis beliefert hatte. Der so angeprangerte Konkurrent schäumte, es gab Post vom Bundeskartellamt, und die Norddeutschen hatten mal wieder von sich reden gemacht.

Den Handel versorgen sie mit 250 bis 300 Neuheiten pro Jahr, was „betriebswirtschaftlich eigentlich unsinnig“ sei, wie der Chef sagt. Andererseits regt das die Kreativität der Mitarbeiter an, die für ihre Entwicklungen regelmäßig ausgezeichnet werden, jüngst für das Geschicklichkeitsspiel „Kubb“ mit dem Publikumspreis „Das goldene Schaukelpferd“.

Allerdings glückt auch dem erfolgsverwöhnten Unternehmen nicht alles. Im Jahr 2009 etwa übernahm es die Thüringer Firma Anker Steinbaukasten, den Hersteller des ältesten Systemspielzeugs der Welt. Bei der Kundschaft kommt das aber bislang nicht so recht an und gilt als Sorgenkind von Gollnest & Kiesel. Nun wird es unter Goki-Stone angeboten – die neue Marke soll der alten auf die Sprünge helfen. ---

Gerhard Gollnest und Fritz Rüdiger Kiesel gründen die Firma 1981 in Hamburg-Wilhelmsburg. Sie ­importieren Waren aus China: von Kokosfußmatten bis zu Blechfröschen zum Aufziehen. Am Spielzeug finden sie Gefallen, es verkauft sich gut. Bald zieht die Firma nach Güster, wo Gollnests ­Schwiegervater ein Kieswerk betrieb. Im Jahr 2005 wird der Händler zum Hersteller mit eigener Pro­duktion in Jiaxing, rund 100 ­Kilometer westlich von Schanghai. Die Kontrolle über den Wertschöpfungsprozess empfiehlt sich, weil die Sicherheits­anforderungen an Spielzeug immer strenger werden. Die Firma betreibt auch geschickte Öffentlichkeitsarbeit. So pflanzt sie für jedes in Schleswig-Holstein geborene Kind dort einen Baum (bislang 314 000). Gerhard Gollnest denkt aktuell darüber nach, einen Teil der Produktion nach Güster zu holen. Dass es ein paar Kilometer weiter, in Meck­lenburg-Vorpommern, dafür sehr viel höhere Subventionen gäbe, ist für ihn Teil des „ökonomischen Wahnsinns“.

Gollnest & Kiesel
Mitarbeiter: 500
Umsatz (2016): rund 28 Millionen Euro
Gewinn: „auskömmlich“

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