Ausgabe 01/2017 - Editorial

Gabriele Fischer über Offenheit

Offen für das andere

• Offenheit ist für den aufgeklärten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Aber, wenn sie ernst genommen wird, ziemlich anstrengend. Nicht nur weil sich Politiker zur Wahl stellen, die mit dem eigenen Wertegerüst kollidieren, oder Trolle in den sozialen Netzwerken die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. Auch das Tempo der Veränderung lässt bisweilen den Wunsch aufkommen, die Schotten dicht zu machen.

Aber ist es wirklich eine Option, die Globalisierung zu stoppen, Roboter auf den Mond zu schießen und das Innovationstempo zu drosseln? Wir haben schon als Kinder gelernt, dass es nichts nützt, die Augen zu verschließen, wenn man nicht gesehen werden will.

Stattdessen hilft es, genauer hinzusehen. Und zu akzeptieren, dass die einfache Lösung oft keine ist. So mag es manchem verführerisch erscheinen, den Welthandel zu begrenzen: In einer wissensbasierten Ökonomie, so erklärt der Ökonom Richard Baldwin, ist das allerdings kein sonderlich Erfolg versprechender Plan. Man kann die Chinesen hindern, in deutsche Unternehmen zu investieren: Wem aber nützt das?, fragt Mischa Täubner in seinem Report. Und man kann fordern, dass sich die Deutsche Bank nach den vielen Skandalen von ihrem Investmentbanking trennt: Aber ist es wirklich besser, wenn deutsche Unternehmen bei größeren Transaktionen nur noch auf ausländische Banken angewiesen sind (S. 86, 48, 64)?

Es nützt nichts, zuzumachen – was nicht heißen soll, dass das Neue automatisch das Bessere ist. Karl Popper, der mit „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ das Standardwerk zum Thema schrieb, forderte zum kritischen Umgang mit Altem und Neuem auf. Und warnte vor der Hoffnung auf den ganz großen Wurf: „Wenn wir die Welt nicht (…) ins Unglück stürzen wollen, müssen wir unsere Träume der Weltbeglückung aufgeben (S. 30).“

Was bleibt, sind kleine Schritte und die Bereitschaft, mit Rückschlägen umzugehen. Das weiß, wer wie Herbert Demel als Vorstandsvorsitzender im Reich von Ferdinand Piëch die Verhältnisse ändern wollte. Das erlebt jeden Tag, wer wie die Marquardt GmbH seit 25 Jahren als deutscher Mittelständler in Tunesien produziert. Das musste lernen, wer wie der ehemalige US-General Stanley A. McChrystal im Irak gegen Terroristen kämpfte. Und auch Frank Piller kann ein Lied davon singen: Zehn Jahre später ist die von ihm propagierte offene Innovation über das Experimentierstadium nicht sehr weit hinausgekommen (S. 56, 68, 96, 72).

Das klingt nach Mühsal, und so ist es auch: „Die offene Gesellschaft ist nicht harmonisch“, schreibt Wolf Lotter in seiner Einleitung. „Man muss was aushalten – vor allen Dingen die anderen. Das ist ihr Preis.“ Der Lohn ist eine Zukunft. Denn wer sich wie die Papierindustrie existenzbedrohenden Veränderungen gegenübersieht, hat nur zwei Optionen: irgendwann zusperren oder weit aufmachen für jede neue Idee. Und auch wenn der Softwarekonzern Microsoft genug auf der hohen Kante hat, um mit den Folgen der lange verteidigten Abschottung zu leben: Das neue Management setzt auf Öffnung, mit gutem Grund (S. 78, 38, 44).

Wer noch nach Gründen sucht, warum der Preis der Offenheit gerechtfertigt ist, dem sei ein Besuch in Israel empfohlen. Dort gibt es seit mehr als 40 Jahren eine Open University, in der Juden und Muslime, Schulabbrecher und Rentner miteinander studieren. Konfliktfrei? Nein. Mit gleichen Chancen? Bedingt. Mit welchem Erfolg? „Die Menschen kommen ins Gespräch“, sagt einer der Kursleiter. „Das bringt sie einander näher (S. 90).“

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

 

Aus der aktuellen brand eins, Ausgabe 1/2017

Schwerpunkt: Offenheit

Weitere Themen u.a.: wie die Polizei Social Media lernt, warum man die Globalisierung nicht zurückdrehen kann und warum wir vielleicht besser losen statt wählen sollten.

Alle Inhalte finden Sie hier: https://www.brandeins.de/archiv/2017/offenheit/

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