Ausgabe 01/2017 - Schwerpunkt Offenheit

Chinas Firewall

Bitte draußen bleiben!

I. Prolog

Ende der Neunzigerjahre begann die chinesische Regierung, sich zunehmend für das Internet zu interessieren. Die Zahl der Nutzer war in dem Land dramatisch gestiegen, und die Führung in Peking reagierte. Sie erließ eine Reihe von Gesetzen und Regelungen, durch die sie die Infrastruktur und die Inhalte besser kon­trollieren konnte. Damit begann China, sich aus dem offenen, globalen Internet auszuklinken. Ein Gesetz stellte unter anderem alle Anbieter unter staatliche Kontrolle. Es folgte das Projekt „Goldener Schild“ – oft auch die „Große Firewall“ genannt –, der gesamte digitale Verkehr wird überwacht. Bestimmte IP-Adressen sind in China gesperrt, Suchergebnisse werden zensiert, Schlüsselbegriffe herausgefiltert und entsprechende Mitteilungen blockiert, Blogger überwacht.

In der reinen Lehre der Wirtschaftswissenschaft gilt es meist als Nachteil, wenn sich Länder vom Rest der Welt abschotten. Fortschritt, Handel und Wohlstand – so die Annahme – basieren auf einem möglichst freien Austausch von Ideen und Waren, Menschen und Dienstleistungen. Länder, die sich freiwillig isolieren, verlieren demnach an Innovationskraft und wirtschaftlicher Bedeutung. Das Internet war der bisherige Höhepunkt der globalen Vernetzung. Es galt bislang, dass ein freies, offenes Netz sinnvoll für alle ist, indem jedes Datenpaket gleichberechtigt und gleich schnell durchgeleitet wird. Diese sogenannte Netzneutra­lität ist die Voraussetzung für niedrige Markteintrittsbarrieren, schnelles Wachstum und somit auch wirtschaftlich sinnvoll.

So weit die Theorie. Chinas Internet ist das genaue Gegenteil dieses Ideals. Und trotzdem prosperiert die dortige Digitalwirtschaft. Die Politik der bewussten Abschottung zahlt sich also aus, zumindest für einheimische Unternehmen.

Schwieriger sieht es jedoch für ausländische Firmen aus, die in China digitale Geschäfte machen wollen. Viele von ihnen sind verboten, andere haben sich freiwillig zurückgezogen, weil sie sich der Zensur der Regierung nicht beugen wollen. Doch selbst wer weder eine politische Botschaft noch Berührungsängste hat, tut sich schwer: Sämtlicher Datenverkehr von oder nach China muss durch die Große Firewall, was die Verbindungsqualität und -geschwindigkeit drastisch verschlechtert. Für deutsche Firmen bedeutet das wiederum, dass ihre Websites von China aus meist nur extrem langsam aufgerufen werden können und die Verbindung oft ganz abreißt. Doch es gibt Dienstleister, die Hilfe versprechen.

II. Vor der Mauer

Eine dieser Firmen ist das Systemhaus Geißendörfer & Leschinsky GmbH, kurz G&L. Sie sitzt in einem Hinterhof im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Alles sehr unscheinbar. Dennoch: Wer schon einmal einen „Tatort“ oder die ZDF-Übertragung eines Länderspiels per Streaming auf seinem Rechner angesehen hat, hatte mit G&L zu tun, ohne es zu merken. Das Unternehmen ist für nahezu das komplette Digitalangebot des öffentlich-recht­lichen Rundfunks verantwortlich. Und mit derselben Technik, die dafür sorgt, dass der „Tatort“-Stream nicht abreißt, hilft G&L auch deutschen Firmen dabei, durch die Große Firewall zu gelangen.

„Je weiter entfernt sich der Server vom Empfänger befindet, desto länger braucht die Seite, und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit eines Ladeabbruchs“, sagt Alexander Leschinsky, Geschäftsführer bei G&L. „Es ist also wichtig, die Inhalte dort vorzuhalten, wo die Nutzer sind. In diesem Fall also auf dem ­chinesischen Festland.“ Das ist gar nicht so einfach. Denn wer Inhalte in China selbst bereithalten will, braucht eine ICP-Lizenz (für Internet Content Provider). Und um diese vom Ministerium für Industrie und Informationstechnologie zu bekommen, ist eine chinesische Tochtergesellschaft erforderlich. „Diese ICP-Lizenz muss am Fuß jeder einzelnen Website vermerkt sein“, sagt ­Leschinsky. „Außerdem ändern die chinesischen Behörden die Bedingungen oft und kurzfristig. Wir helfen unseren Kunden bei den bürokratischen Hürden. Denn die schnellste Übertragungsrate erreicht man natürlich durch einen Server in China.“

Damit unterwirft man sich jedoch auch der inhaltlichen Kontrolle durch China, denn systemkritische Inhalte werden unter der ICP-Lizenz nicht geduldet: „Die Deutsche Welle beispiels­weise könnte nicht in China hosten“, sagt Leschinsky, „da ihre Inhalte vom dortigen Regime vermutlich teilweise als system­kritisch eingestuft werden.“ Wer keine solche Lizenz bekommt (oder keine möchte), dem stellen G&L und sein Partner Akamai Server zur Verfügung, die sich möglichst nah an den 700 Millionen chinesischen Internetnutzern befinden: also beispielsweise in Hongkong, Macau oder Japan.

III. Durch die Mauer

Eine der Firmen, denen G&L durch die Große Firewall half, ist die Firma Flottweg aus dem bayerischen Vilsbiburg. Der mittelständische Hersteller von Industriezentrifugen fertigt in Deutschland, bietet in China jedoch Vertrieb, Beratung und Service an. „Beim Relaunch unserer Website im Jahr 2014 wurde deutlich, dass wir die Geschwindigkeit optimieren müssen“, sagt Christian Winter, Anwendungsentwickler bei Flottweg. „In China lagen die Ladezeiten bei deutlich über einer Minute. Das spiegelte sich auch im Ranking bei lokalen Suchmaschinen wider.“

In der Tat strafen Suchmaschinen, seien es nun Google oder das chinesische Pendant Baidu, gnadenlos Seiten ab, die zu langsam laden. Jede Sekunde, die eine Website länger braucht, kostet den Betreiber auf zwei Arten Nutzer: Er rutscht auf der Ergebnisseite weiter nach unten, wird also seltener gefunden. Klickt doch jemand auf die Seite, ist er oft gleich wieder weg, wenn diese sich nicht schnell genug öffnet. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass die Bereitschaft zu warten, bis sich eine Website aufgebaut hat, beständig abnimmt. Durch die Hilfe von G&L konnte Flottweg „die Ladezeiten unserer Website von China aus spürbar beschleunigen“, sagt Winter.

Das habe sich auch auf die Besucherzahl ausgewirkt: Im Mai 2016 hatten sich die Zugriffszahlen im Vergleich zum Vorjahresmonat in etwa verdreifacht. In vielen Firmen wird jedoch gar nicht bemerkt, wie quälend langsam sich die Internetpräsenz, die in der deutschen Zentrale so zackig lädt, in Guangzhou oder Shenzhen aufbaut: „Manchmal kommt das erst ans Licht, wenn die Geschäftsführung selbst in China ist und plötzlich merkt, dass die eigenen Websites dort kaum benutzbar sind“, sagt Alexander Leschinsky.

Aber nicht nur der klassische Online-Auftritt, der den Unternehmen als Visitenkarte dient, ist langsam. Auch die fir­meninterne Kommunikation wird auf dem Weg nach oder aus China ausgebremst. Das betrifft Warenwirtschafts­systeme, das Content-Management-System oder eine gemeinsam genutzte Datenbank.

Der deutsche Automobilzulieferer Brose merkte zum ­Beispiel, dass vor allem seine Jobbörse in China unter der lang­samen Website litt. Das Familienunternehmen mit Hauptsitz in Coburg macht mit mechatronischen Systemen für Fahrzeugtüren und -sitzen mehr als sechs Milliarden Euro Jahresumsatz. Auch in China hat die Firma mehrere Stand­orte – und rund 75 Prozent der Besucher suchen auf der Homepage nach Stellenangeboten. Durch eine Überarbeitung der Brose-Website konnte die durchschnittliche Ladezeit von mehr als zehn auf unter zwei Sekunden gesenkt werden. Gleichzeitig habe sich die Bounce-Rate (der Anteil der Nutzer, die nur eine einzige Seite aufrufen und das Angebot danach sofort wieder verlassen) von fast 40 Prozent auf knapp zehn Prozent reduziert, so der für den Relaunch zuständige Jörg Horn. Das schlägt sich auch in der tatsächlichen Arbeit nieder: Um 20 Prozent hat die Anzahl der Bewerbungen bei Brose seit der technischen Verbesserung zugenommen. Zusätzlich konnten die Wartezeiten beim Zugriff auf das weltweit genutzte Lieferantenportal reduziert werden.

IV. Hinter der Mauer

Die Nachteile der Internetmauer werden also auf die auslän­dischen Firmen abgewälzt, die bitte selbst investieren und sich darum kümmern sollen, dass sie innerhalb Chinas erreichbar sind. Und natürlich auch auf die eigene Bevölkerung, die nur eine begrenzte Sicht der Welt präsentiert bekommt (siehe „Hinter der großen Mauer“, brand eins 07/2012). Das hat Folgen. „Blogger und Menschenrechtsaktivisten leiden natürlich unter der Zensur“, sagt Brigitte Ott-Goebel. Die ehemalige Daimler-Managerin kennt das Land gut, sie lehrt an zwei chinesischen Universitäten und hat in ihrem Buch „Vom Drachen zum Panda“ die Dynamik des modernen China beschrieben. „Aber der überwiegende Teil der Bevölkerung ist damit beschäftigt, den Alltag in den Metropolen zu bewältigen. Es gibt diverse Tricks, die zwar verboten sind, mit denen man aber gesperrte Seiten aus dem Ausland aufrufen könnte – doch die meisten Chinesen haben gar kein Interesse daran.“

Ott-Goebel weiß, dass in China nichts ungeplant geschieht. Auch nicht der derzeitige Aufschwung der Onlinewirtschaft. Dessen Vorzeigeunternehmen ist der Onlinehändler Alibaba. „Die chinesische Regierung unterstützt solche Firmen und greift massiv in den Wettbewerb ein.“ So bekam Alibaba-Gründer Jack Ma beispielsweise eine gigantische staatliche Förderung, um für seinen Onlinemarktplatz Taobao Logistikzentren in der Provinz aufzubauen und somit den E-Commerce in ganz China zu stärken. Das enorme Wachstum der chinesischen Internetbranche ist jedoch nur möglich, weil ausländische Firmen, in diesem Fall vor allem amerikanische, systematisch ausgesperrt wurden.

Da Google beispielsweise die chinesische Zensurpolitik nicht mit­tragen und die eigenen Suchergebnisse nicht nach „system­kritischen“ Begriffen filtern wollte, entstanden chinesische Alternativen zu den sonst weltweit dominierenden US-Diensten. Statt Google benutzen Chinesen Baidu, Onlinevideos schauen sie statt auf Youtube bei Youku, statt Facebook nutzen sie Renren und statt Twitter Weibo. Diese Angebote, die anfangs nur als billige Kopien wahrgenommen wurden, gelten inzwischen als gleichwertig, wenn nicht sogar als besser. „Meine Studenten kennen beides, Facebook und Renren, aber viele finden die chinesischen Angebote inzwischen qualitativ besser“, sagt Ott-Goebel.

Dieses Wachstum im Verborgenen hat dafür gesorgt, dass das chinesische Internet manchmal mit einer Lagune verglichen wird, in der sich aufgrund der komplett unterschiedlichen Gegebenheiten ganz andere Tiere entwickeln als im restlichen Ozean. Das Spannende: Inzwischen blicken US-Firmen immer häufiger nach China, um nachzuvollziehen, welche Funktionen die beliebtesten Apps entwickelt haben.

Ein gutes Beispiel für chinesische Innovationskraft ist die App WeChat: Der Messenger-Dienst begann als einfacher WhatsApp-Abklatsch, hat sich jedoch inzwischen zu einem eigenen Betriebssystem für das Leben der chinesischen Internetnutzer entwickelt. Die mehr als 800 Millionen Kunden bezahlen mit WeChat inzwischen Rechnungen, buchen Arzttermine und Dienstleistungen, führen Videotelefonate und betreiben ihre Onlineshops. Eine Studie, für die Ende 2015 rund 1000 junge Chinesen befragt wurden, kam zu dem Ergebnis, dass jeder Einzelne von ihnen die App mindestens einmal täglich nutzt, die große Mehrheit sogar mehrmals pro Stunde. Websites, Bezahldienste und andere Apps sind nicht mehr nötig. Alles spielt sich in WeChat ab. Ein Ziel, das sich Facebook oder Google natürlich auch gesetzt haben – von dem sie aber noch weit entfernt sind. Tencent, die Firma hinter WeChat, will den Dienst nun auch außerhalb Chinas etablieren.

V. Fazit

Jedes Mal, wenn US-Firmen wie Facebook, Twitter oder Google wieder durch aus deutscher Sicht laxe Datenschutzbestimmungen Schlagzeilen machen, wird gefordert, es müsse endlich „eine europäische Suchmaschine“ oder „ein deutsches Facebook“ geben. Dabei wird verkannt, wie schwierig es ist, den Vorsprung der großen Plattformen aufzuholen. Chinas Rezept – die dominanten amerikanischen Marken auszusperren, um den eigenen Firmen ungehindertes Wachstum ohne Konkurrenz zu ermög­lichen, mag problematisch sein. Aber es hat funktioniert.

Mag sich der Rest der Welt einig sein, dass Offenheit und Transparenz unverzichtbare Tugenden sind. Mögen die Experten die Werte von Netzneutralität beschwören und die Bürgerrechtler die Zensur verdammen – ökonomisch hat sich Chinas Weg ausgezahlt: „Es mag uns vielleicht nicht gefallen, aber China hat ­bewiesen, dass Aufschwung und Wachstum möglich sind, ohne Werte wie Offenheit und Transparenz zu respektieren“, sagt Brigitte Ott-Goebel.

Auch die beiden Journalistinnen Natalie Mayroth und Sonja Peteranerl, die drei Monate für die Robert Bosch Stiftung in China waren und die dortige Medien- und Onlinewirtschaft analysiert haben, kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: „Der Kommunistischen Partei gelingt es trotz Zensur und autoritärer Politik erstaunlich gut, digitale Innovationen zu gestalten und davon zu profitieren. Entertainment und E-Commerce werden gefördert, Content kontrolliert.“

Und diese Entwicklung geht weiter. Anfang 2015 wurde im Auftrag der Regierung von acht chinesischen Internet-Riesen (darunter Alibaba und Tencent) ein System namens Sesame-Credit gestartet. Dabei wird zum Beispiel aus den Transaktionsdaten beim E-Commerce und innerhalb von WeChat aus persönlichen Informationen wie Arbeitsplatz oder Familienstatus sowie aus den Daten des eigenen Freundesnetzwerks eine individuelle Bonität berechnet. Diese wird durch einen Wert zwischen 350 und 950 Punkten dargestellt und mit individuellen Einschätzungen angereichert: „Jemand, der beispielsweise zehn Stunden am Tag Videospiele spielt, wird als eher faul eingestuft. Wohingegen ­jemand, der regelmäßig Windeln kauft, vermutlich ein verantwortungsbewusster Elternteil ist“, zitiert die BBC Li Yingyun, verantwortlich für die Technik hinter Sesame-Credit.

Momentan ist eine hohe Punktzahl vor allem dabei hilfreich, bessere Konditionen bei Ratenzahlungen oder eine erhöhte Sichtbarkeit auf Chinas größtem Dating-Portal zu erhalten. Ein besonders guter Score kann jedoch auch dabei helfen, schneller an ein Auslandsvisum für einige Länder zu kommen. Doch damit nicht genug: Für die Zukunft plant die chinesische Regierung laut dem 13. Fünf-Jahres-Plan (2016–2020) ein Social-Credit-System, also eine Art Staatsbürger-Rating. Statt finanzieller Kreditwürdigkeit soll dabei durch die Auswertung von Onlineaktivitäten politisches Wohlverhalten gemessen werden. Bürgerrechtler vermuten, dass das kommerzielle Sesame-Credit-System eine Art Pilotprojekt für das politische Pendant ist und beide Systeme eines Tages verschmelzen könnten.

Die Regierung hat durch Abschottung und Zensur also dafür gesorgt, dass statt den weltweit dominanten US-Konzernen chinesische Unternehmen den dortigen Internetmarkt kontrol­lieren. Die einheimischen Firmen bedanken sich dafür bei der Regierung mit Einblicken in alle Arten von Nutzerdaten. Menschenrechtsaktivisten sehen das mit Besorgnis. Andere passen sich an die Verhältnisse an.

So empfahl Facebook-Chef Mark Zuckerberg seinen Mitarbeitern unlängst nicht nur die Lektüre der gesammelten Reden des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping, sondern arbeitet offenbar auch an einer zensierten Facebook-Version. Diese soll den Anforderungen der chinesischen Regierung entsprechen und sieben Jahre nach dem Verbot von Facebook in China eine Rückkehr auf den dortigen Markt ermöglichen. ---

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