Ausgabe 03/2017 - Schwerpunkt Neue Arbeit

Gute Arbeit

All we have to do now
is take these lies
and make them true
somehow.

— George Michael

1. Feierabend!

Wie man gute Arbeit macht?
Man muss dranbleiben. Halbe Sachen sind doof. Sie kosten eine Menge Energie und, was noch schlimmer ist, sie nähren die Einstellung, dass eh alles sinnlos ist. Deshalb kann es sein, dass dort, wo alles halb gemacht wird, weniger herauskommt als nichts. Machen wir uns also an die Arbeit mit dem Ziel dranzubleiben, bis wir fertig sind. Bis zum Feierabend also.

Dieses schöne Wort beschreibt nicht nur das erklärte Etappenziel vieler Menschen, sondern ist auch der Titel eines neuen Buches von Volker Kitz. Der Autor schreibt „Feierabend“ mit einem „!“. Ein Ausrufezeichen bekräftigt, dass jetzt wirklich Schluss ist. Ende. Dass etwas Neues beginnt. Feierabend! Das heißt: Macht keine halben Sachen.

Kitz’ Thema ist nicht etwa das, was nach dem Feierabend passiert, sondern davor, also das, worüber heute wieder viel geredet wird: die Arbeit. Wie sie zu dem wurde, was sie heute ist. Was sie sein könnte. Und was nicht. Der Autor ist – eine Wohltat heutzutage – nicht auf einer Mission: „Warum man für seinen Job nicht brennen muss“ lautet der Untertitel der gut 90 Seiten umfassenden Streitschrift. Das ist ein guter Rat. Leute, entspannt euch. Macht mal Feierabend. Macht mal Schluss. Macht nicht immer so ein Gedöns.

Nicht? Muss es dort, wo es um die Arbeit geht, nicht auch um große Gefühle gehen? Nein. Denn das macht die Arbeit oft zur halben Sache. Man kann das an kleinen Beobachtungen gut erkennen. Kitz zitiert etwa eine Studie der Freien Universität Berlin. Dort haben Forscher vor Kurzem gut 3000 deutsche Wörter auf ihre Wirkung untersucht. Was empfinden wir, wenn wir ein bestimmtes Wort hören?

Ein Wort wie Krieg finden die Leute natürlich schrecklich, eines wie Liebe oder Freiheit ganz toll. Wenig überraschend ist es auch, schreibt Kitz, dass Verben und Substantive dabei meist dieselbe Reaktion verursachen, dass nämlich „die Sache, das Phänomen, ähnliche Gefühle auslöst wie das Tun“. Das Wort Trennung wirkt beispielsweise ebenso negativ wie „trennen“, während die „Reise“ bei den Deutschen gleich beliebt ist wie „reisen“.

Das ist meistens so, fast immer, mit ganz wenigen Ausnahmen. „Arbeit“ und „arbeiten“ ist so ein Regelbruch. Das Wort „Arbeit“, so zitiert Volker Kitz die Forscher, mögen die Leute gern, vor allen Dingen, „wenn sie eine haben“. Doch arbeiten tun die meisten nicht gern. Kitz bringt das Ergebnis auf den Punkt: „Arbeit macht glücklich, arbeiten unglücklich.“

Nach Kitz hat dieses scheinbare Paradox einen einfachen Grund: „Nicht die Arbeit macht die Menschen unglücklich, sondern die Lügen, die wir uns darüber erzählen. Arbeit existiert in unseren Köpfen als Idee, als Ideal. Die Wirklichkeit, der Arbeitsalltag, hält der Vorstellung nicht stand. Sie enttäuscht uns, wir leiden.“
Die einzige Möglichkeit, diesem Leid zu entgehen, liege darin, „Arbeit nüchtern zu betrachten. Pragmatisch.“

Doch davon kann heute keine Rede sein. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert schon beklagte der Autor Reinhard K. Sprenger den uncoolen Umgang mit Arbeit in seinem Bestseller „Mythos Motivation“, die unzähligen „Sinnbewirtschaftungsmaßnahmen“, die die Arbeit längst begleiten. In Zeiten erhöhter Unsicherheit hat sich das noch verstärkt. Alle müssten „Leidenschaft und Idealismus“ mit in den Job nehmen. Wer nicht sagt, dass die Arbeit „der Sinn des Lebens ist, wird komisch angeguckt“, sagt Kitz. Dabei werde das Arbeitsleitbild einer kleinen Elite zum Maßstab gemacht. „Das mag ja für einige Berlin-Mitte-Blogger okay sein, dieses totale Aufgehen in ihrem Thema, aber für ganz normale Leute ist das einfach absurd, für die ist Arbeit ein Mittel zum Zweck, nicht ihr einziger Lebensinhalt.“

Der Broterwerb wird zur heiligen Messe, man arbeitet nicht, man dient – einem höheren, guten Zweck. Damit wird man natürlich nie fertig. Das hört nie auf. Kein Feierabend, nirgends.

2. Der Spießercode – 4.0

Nun ist die Sinnhuberei seit jeher ein Anzeichen dafür, dass man damit etwas kaschieren will, also hübscher machen, als es ist. Wenn man über die Arbeit des 21. Jahrhunderts nachdenkt, muss man zuerst bei den populären Missverständnissen rund um den Arbeitsbegriff anfangen. Was uns beim Versuch, Arbeit neu zu denken, im Weg steht, ist die beharrliche Verwechslung von Arbeitszweck und Lebenssinn. Das ist nicht dasselbe. Und wer die neue Arbeit verstehen will, muss das auseinanderhalten können. Das wird nicht leicht, denn immer schon wurde die Arbeit als Mittel für einen ganz anderen Zweck eingesetzt: zur Machterhaltung. Wenn nun die Digitalisierung allgegenwärtig wird, die Roboter die letzten Refugien menschlicher Arbeit übernehmen, dann droht damit auch Machtverlust. Materielle Abhängigkeit ist ein starkes Band – auch ideologisch. Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’ – daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn die Vollerwerbsgesellschaft zur Wissensgesellschaft wird, wo bleibt der Sinn der Macht? Und welchen Sinn geben sich die, die nun anfangen müssen, ohne Befehl von oben zu leben? Kommen sie auf dumme Gedanken
Ach was, für uns gilt das nicht. Hier ist alles anders, nicht wahr?

Die Zahlen, die zum Jahreswechsel durch die Medien gingen, scheinen allen recht zu geben, die immer schon gewusst haben, dass die Erwerbsgesellschaft für die Ewigkeit gebaut wurde. Die Zahl der Beschäftigten hat ein Rekordniveau erreicht. Das statistische Risiko, seinen Job zu verlieren, sinkt seit Jahren beständig. Als die Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg vor fast einem Jahrzehnt damit begann, das sogenannte Zugangsrisiko zu berechnen, kam heraus, dass sich ein unselbstständig Erwerbstätiger im Schnitt alle sieben Jahre und neun Monate arbeitslos melden musste. Daraus sind im Jahr 2016 elf Jahre und sieben Monate geworden. Das alles sieht nach Kontinuität aus, nicht nach einem Ende der Arbeitsgesellschaft, wie sie von Vordenkern wie Ralf Dahrendorf und der Philosophin Hannah Arendt seit den Fünfzigerjahren prophezeit wurde. Wenn wir jetzt so tun, als ob das alles stimmte, dann wäre natürlich das „Weißbuch Arbeiten 4.0“, das Andrea Nahles (SPD), die Chefin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), Ende November 2016 in Berlin präsentierte, ein Meisterwerk an Nüchternheit und Pragmatismus. Ein großer Wurf. Gute Arbeit.

Denn das Weißbuch bedient auf nahezu jeder Seite den alten industriellen Arbeitsbegriff – zum Zweck des Eigenlobs. Die dazugehörigen Institutionen, Gewerkschaften, Verbände, Parteien sind diejenigen, die sich für die Vollbeschäftigung verantwortlich bezeichnen. Es geht also um Daseinsberechtigung, den Sinn all dieser Institutionen. Alles bleibt, wie es ist, nur mit Internetanschluss. Dafür steht das Kürzel „4.0“ wirklich, für die Illusion, dass der deutsche Industrie- und Sozialstaat auch in seinen volldigitalisierten Varianten den gleichen Gesetzen, Regeln, Sinnhubereien folgt wie ehedem. 4.0 ist das neue deutsche Wort für Systemerhaltung – ein Spießercode.

3. Automatisierung

Natürlich kennt man im Ministerium auch die einschlägigen Studien zur Entwicklung der Arbeitsmärkte im digitalen Zeitalter, dem längst laufenden Vorgang, der hinter vorgeschobenen Begriffen wie „Industrie 4.0“ steckt. Es wird automatisiert, was sich automatisieren lässt: Maschinen, Methoden, Prozesse, Büros und Fabriken, Lagerhallen und jeden beliebigen, digital vernetzbaren Ort. Routinen, der ganze Ballast an stets wiederkehrender Arbeit aller Art. Und das ist heute noch eine ganze Menge. Erledigen Maschinen diese Jobs, muss man ein bisschen nachdenken.

Die einschlägigen Studien und Prognosen dazu fasst eine zwölfseitige Dokumentation der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages zusammen, die unter dem Titel „Industrie 4.0 und Arbeitsmarktprognosen bis 2030“ auch den Weißbuchautoren um Andrea Nahles vorlag. Die dabei – wie auch in der Fachwelt und in den Medien – meistzitierte Arbeit heißt „The Future of Employment“ (Die Zukunft der Beschäftigung) der University of Oxford, wo die Forscher Carl Benedikt Frey und Michael Osborne im Jahr 2013 insgesamt 702 verschiedene Berufsgruppen untersuchten. Was von der dabei geleisteten Arbeit kann durch digitale Technik bereits jetzt oder absehbar ersetzt werden? Das Ergebnis ist eindeutig: Die digitale Transformation wird vor allen Dingen im Industrie- und Produktionsbereich zuschlagen, aber auch bei den industriellen Dienstleistungen, die in den vergangenen Jahren stark gewachsen sind. Das sind jene Jobs, die auch von der Mittelschicht gemacht werden – vom Verkäufer bis zum Sachbearbeiter, vom Buchhalter, der Sekretärin bis zum Mechaniker und Handwerker.

Das ist die bürgerliche Substanz, nicht nur in dieser Republik. Es geht um die Wurst. Deshalb wurde die Frey-Osborne-Studie auch sehr schnell an die deutschen Verhältnisse adaptiert. So erschien etwa im April 2015 eine viel beachtete Arbeit aus dem Research der Direktbank ING DiBa. Darin sehen die Forscher, vor allem wegen der starken Industrielastigkeit der deutschen Wirtschaft, aber auch ihrer Kultur, bis zu 59 Prozent der Jobs als gefährdet an.

Die Politik in Form des BMAS reagierte mit einer Studie des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, die nahezu zeitgleich mit der ING-DiBa-Studie erschien und ein etwas rosigeres Bild zeichnete: Man kommt auf „nur“ 42 Prozent Automatisierungspotenzial. Aber auch die Mannheimer im Auftrag von Andrea Nahles lassen keine Zweifel daran, wohin die Reise geht: Berufe, die auf Routine und sich wiederholende Abläufe bauen statt auf Wissen und Originalität, stehen auf der Roten Liste. Ist das so schlimm?

Nüchtern betrachtet ist diese Entwicklung Teil der technischen und kulturellen Evolution und nicht automatisch ein Problem. Wenn Systeme und Maschinen erledigen, wozu man bisher Menschen brauchte, dann bleibt denen mehr Zeit für Tätigkeiten, die nicht vorwiegend in eintöniger, stupider Wiederholung bestehen: für kreative Denkarbeit, Innovation, Tätigkeiten, die bisher nicht bezahlt wurden – etwa im sozialen und kulturellen Bereich – oder einfach für mehr Freizeit und Müßiggang. Das ist keine Sozialromantik. Es ist die kurze Inhaltsangabe von 250 Jahren intensiver Arbeitsteiligkeit und Automatenkapitalismus. Historische Tatsache ist: Je mehr automatisiert wurde, desto stärker wuchs der Wohlstand. Die Voraussetzung dafür aber ist, dass man sich auf diese Zugewinne einlässt, also nicht sämtliche Energie auf die Erhaltung der alten Arbeits- und Sozialkultur setzt, sondern die Konsequenzen aus der Realität zieht und Arbeit neu denkt.

4. Trumps Geist

Damit hat das Weißbuch Arbeit 4.0 nichts am Hut. Es reagiert auf die Veränderung mit einer geradezu anachronistisch anmutenden Forderungsliste: Arbeitnehmer sollen ein Recht auf befristete Teilzeit haben, „in betrieblichen Experimentierräumen“ sollen „bestimmte Abweichungen vom Arbeitszeitgesetz“ erprobt werden, etwa mal länger, mal weniger lange arbeiten, allerdings nur, wenn das Ganze auch sozialpartnerschaftlich beaufsichtigt und protokolliert wird. Die ursprünglich gute Idee eines Erwerbstätigenkontos, das auch mal als Starthilfe für die berufliche Selbstständigkeit gedacht war, wurde aus politischen Gründen zu einer Art Sabbatical-Ansparprogramm umgebastelt – wie immer gilt Selbstständigkeit in allen Lebenslagen als Bedrohung.

So findet sich auch die alte SPD-Forderung nach einer „Versicherungspflicht für alle Selbstständigen in der gesetzlichen Rentenversicherung“ wieder. Das ist reine Demagogie, die niemandem nützt. Dass die Rentenversicherung seit Jahrzehnten nicht mehr für eine halbwegs erträgliche materielle Absicherung im Alter sorgen kann, bestreiten – seit vielen Jahren – noch nicht mal ihre Befürworter. Der einzige Zweck einer Zwangsintegration ist also – wie immer – das kurzfristige Löcherstopfen im System. Kein Wunder, wenn einige Selbstständige das rigoros ablehnen.

Statt falscher Versprechungen wäre es sinnvoller, die Energie darauf zu verwenden, ein grundlegendes Sozialsicherungssystem für alle zu entwickeln und zu propagieren, bei dem es nicht darum geht, dass neue, zwangsverpflichtete Gruppen für die Ausgabenpolitik früherer Generationen aufkommen. Damit wären wir bei dem, was eine veränderliche, nicht mehr starre Arbeitswelt braucht: Grundsicherung, die klar auch als solche erkennbar ist. Ein Neuanfang, der nicht auf dem System von gestern beruht. Grundversicherungen für alle. Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Alles andere ist nur eine Mogelpackung, die man neu nummeriert. Nach 4.0 kommt dann Rente 5.0. Weiter so. Neue Arbeit? Nein. Hier gibt’s nichts zu sehen.

Die Umbrüche der digitalen Transformation verlangen nach einer neuen Sozialordnung. Es braucht Zeit, um sich den neuen Bedingungen anzupassen, zu überlegen, wie man aus Routinetätigkeiten in sinnvolle Arbeit kommt. Der Job besteht darin, eine Plattform zu errichten, auf der die digitale Transformation möglich ist und in der man sich wenigstens so sehr auf das konzentriert, was man gewinnen kann, als auf das, was man zu verlieren fürchtet. Denn diese Grundhaltung ist es, die die Verunsicherung wirklich fördert. Das gilt übrigens nicht nur für das BMAS, das ist auch auf der vermeintlich „anderen Seite“ so.

Der Handelsverband Deutschland HDE, das Arbeitgeber-Gegenstück bei den Tarifpartnern, kritisiert am Weißbuch nicht etwa die fehlende Perspektive oder die minimalistische Einlassung auf die neuen Zeiten, sondern: die Kosten. Der erste Satz der „Bewertung“ des Weißbuchs durch die Tarifpartner steht für den Geist ihrer Kritik im Ganzen: „Der HDE lehnt den Ausbau der Arbeitszeitsouveränität der Arbeitnehmer ab.“ – „Einen Home-Office-Anspruch lehnt der HDE ab.“ – „Eine Finanzierung zulasten der Arbeitgeber oder zukünftiger Generationen muss ausgeschlossen sein.“ Der Standpunkt der Unternehmerverbände ist schnell erklärt: Wir geben nix.

Damit wären wir wieder dort, wo Politik und ihre Organisationen ohnehin immer schon waren, bei der Beschäftigungstherapie in eigener Sache. Das kann man weitgehend ignorieren, aber manchmal muss man doch hinsehen, in diesen Zeiten, in denen im nahezu globalen Maßstab versucht wird, die offensichtlichen Herausforderungen der Zukunft mit Methoden von vorgestern zu lösen. Die Abwehr des Neuen durch Protektionismus und Paternalismus ist kein Alleinstellungsmerkmal Donald Trumps. Leider.

Die Krise der Arbeit lässt sich nicht durch ständig neue Reanimationsprogramme für alte Verhältnisse lösen. Das gilt für die amerikanische Autoindustrie ebenso wie für den industriellen Sozial- und Vollbeschäftigungsstaat. Sie verlangt nach selbstbewussten, ganzen Lösungen.

5. Geh doch arbeiten!

Machen wir einmal Zwischenbilanz. Was genau wissen wir über die neue Arbeit? Dass es in der Wissensgesellschaft keine Alternative zur selbstbestimmten Arbeit gibt. Selbstbestimmung und Selbstständigkeit sind keine Fragen des Arbeitsrechts. Sie haben mit Fakten zu tun: Wer weiß, was für die Arbeit, die er tut, am besten ist? Das ist keine Frage des Ausbildungsgrades. Die Legende, die von Leuten verbreitet wird, deren Geschäftsmodell es ist, sich um andere „zu kümmern“, lautet: Die Wissensgesellschaft schließe die weniger Gebildeten aus. Sie bedürften der Fürsorge. Ohne politischen Schutz gingen sie unter.

Man muss diese Argumente gar nicht vom Tisch fegen, sondern nur hinterfragen: Und was dann? Ist es nicht eine halbe Sache, Menschen nur vor Gefahren zu schützen und ihnen nicht dabei zu helfen, diesen Gefahren auch zu begegnen? Was könnte denn die Aufgabe moderner, aufgeklärter Politik sein, wenn nicht die Förderung von Selbstermächtigung? Und wie soll das gehen: mehr Autonomie im Job, aber immer noch Mündel eines Staates, der gern reguliert? Machen wir uns nichts vor, keine halben Sachen.

Wer arbeiten geht, weil er keine Alternative dazu hat, verkauft sein Leben, und zwar in der Regel gegen ein geringes Entgelt, das ausreicht, um so weiterzumachen, aber nicht mehr als das. Dazu kommt, dass ihm jemand sagt, wo es langgeht. Menschen, die nicht gelernt haben, selbstständig zu denken – und das heißt natürlich immer auch: an sich selbst zu denken –, erleben das als Erleichterung. Aber tatsächlich mehrt es ihre Probleme. Wer früher an die Schwächsten dachte, redete zu Recht von mehr Bildung und damit von mehr Chancen auf Selbstbestimmung. Heute ist das zur Phrase verkommen. Statt die Unmündigkeit zu bekämpfen, wird sie kultiviert. Und genau das macht es möglich, dass sich über den Eigensinn stets ein Fremdsinn legt. Nicht nur bei der Arbeit. Wie kommt das?

6. Arbeit und Gerechtigkeit

Der Systemwissenschaftler Manfred Füllsack von der Universität Graz hat in seinem Buch „Arbeit“ diesen Weg nachgezeichnet. Arbeit, so schreibt er, bezog sich früher „auf spezifische soziale und kulturelle Aspekte, in der Antike etwa auf die Bildung eines idealen Gemeinwesens und die Stärkung menschlicher Tugenden und im Mittelalter auf Gottesdienst, Buße für irdische Frevel und Abgabendienst für die gesellschaftlich Mächtigen“. Arbeit war in diesem Sinne ein Dienst an einer höheren Sache, eine moralische Verpflichtung, der man nicht entgehen konnte.

Wie hat es Volker Kitz aufgeschrieben? „Arbeit existiert in unseren Köpfen als Idee, als Ideal.“ Die Grundlagen, die Wurzeln unserer Enttäuschung sind alt, überkommene Ideologien, die uns daran hindern, die Arbeit als das zu sehen, was sie ist: ein pragmatisches, nüchternes Mittel zu einem besseren Leben. Nicht mehr, nicht weniger. Die scheinbar neue Arbeitsethik, die überall Sinn stiften will, ist also in Wahrheit von gestern.

Dass Arbeit einfach der Produktionsfaktor für mehr Wohlstand und damit ein besseres persönliches Leben und mehr Entscheidungsvielfalt sein konnte, kam kaum jemandem in den Sinn. Es ist eine Idee, die sich, siehe Sinnhuberei, bis heute nicht durchgesetzt hat. Dabei ist das geistige Fundament der nüchternen Arbeit nahezu 300 Jahre alt.

Der englische Denker Thomas Hobbes ernannte die Arbeit bereits zum Ende des 17. Jahrhunderts zur „Gottheit, die dem Menschen Wohlstand bringt“, und sein Zeitgenosse John Locke räumte mit der alten Vorstellung auf, dass Landbesitz ohne Arbeit irgendeinen Wert hat: „99,9 Prozent des Wertes eines Stücks Land“ bestünden aus der Arbeit, die man darauf leistete. Was Locke bereits im Jahr 1690 formulierte, hat zwei Konsequenzen. Es zeigt zum einen, dass menschliches Wissen – in diesem Fall: Wie bewirtschafte ich Land möglichst ertragreich und mache so etwas daraus? – der eigentliche Kern der Arbeit ist. Arbeit ist Problemlösung und dient der Erweiterung der Möglichkeiten. Denken schafft Mehrwert.

Man braucht sicher noch Pferde, Ochsen und Esel dazu, Werkzeuge und Routinen, irgendwann auch Maschinen und Prozesse. Aber sie alle sind, wie die Scholle selbst, wertlos, wenn nicht Menschen ihren Geist einsetzen, um diese Energiequellen und Werkzeuge in die von ihnen gewollte Richtung zu steuern. Wissen schafft Mehrwert. Der menschliche Geist. Nicht Maschinen, Land, Vieh. Das klingt vielleicht banal, aber in der Praxis ist heute die Kraft des Wissens – der Abstraktion – nach wie vor die unterschätzte Größe. Wir vertrauen noch immer dem, was sich anfassen lässt, was uns gegenständlich entgegentritt. So einfach darf man es sich aber nicht machen, auch weil es nicht nur um den Wohlstand geht, sondern um die Freiheit.

Locke definiert die Eigentumsrechte als Grundlage freier Bürger. Das bedeutet nichts anderes als dies: Wer sich etwas „erarbeitet“, dem soll es auch gehören. Wohlstand ist nicht durch Geburt, sondern durch Leistung erworben. Kann man sich ja mal merken.

John Locke hat vor 300 Jahren zweierlei erkannt: Man kann sich das Recht auf Selbstbestimmung, auf Eigensinn, erarbeiten. Und er definiert Wissen als wichtigste Quelle des Fortschritts und Wohlstands.

Noch klarer ist das fast 100 Jahre später bei dem schottischen Moralphilosophen Adam Smith. Ihm ging es, wie Füllsack schreibt, „primär um sozialen Wohlstand und nicht so sehr um die Gründe des Profits einzelner Wirtschaftstreibender“. Smiths Gleichnis von der „unsichtbaren Hand“ wird seit mehr als 200 Jahren – meist bewusst – falsch interpretiert. Sie gilt Protektionisten und Autokraten als Teufelswerk, das gegen vermeintlich klare und sichere Regulierung aller Lebens- und Arbeitsverhältnisse steht. Es ist das Unberechenbare, das man Smith vorwirft.

Ist das so? „Nicht weil einzelne Arbeitende ihr Wohlergehen gegenüber dem der Gesellschaft zurückstellen und für das Allgemeinwohl tätig sind, sondern im Gegenteil, weil sie ganz explizit ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse verfolgen, steige, so meinte Smith, von ,unsichtbarer Hand‘ gelenkt der Wohlstand für alle und schafft so Gemeinwohl“, fasst Manfred Füllsack zusammen. Vorsicht: Das klingt nach Egoismus! Der ist böse. Doch was, wenn das Unsinn ist, Propaganda, der wir auf den Leim gegangen sind, und etwas ganz anderes dahintersteckt?

7. Die neue Arbeit

Wer sich Adam Smith ohne Vorurteile nähert, erkennt darin die Grundfunktion von dem, was man heute Netzwerkökonomie nennt. Eine Vielzahl autonomer, selbstständiger und an und für sich operierender Knoten, deren Zweck aber nicht Nivellierung ist, sondern Differenz, in der die jeweiligen Defizite ausgeglichen werden können. Wer tut, was er wirklich will und kann, der leistet sinnvolle Arbeit – für sich und andere. Wenn jemand sein Bestes gibt, haben es alle gut. Der einzige Nachteil ist freilich, dass man weitaus weniger Leute braucht, die einem „Fürsorge“ und „Schutz“ versprechen, die also ihre Existenz auf den Ängsten und der Verunsicherung anderer Leute aufbauen.

Schade drum, echt. Aber was muss man tun, um richtig zu arbeiten? Wie sähe denn die neue Arbeit aus, wenn Politiker und Interessengruppen – vor allem aber: Jeder von uns – die Frage wirklich ernst nähme?

Würden wir uns wirklich mit einer neuen Versionsnummer zufriedengeben, einem 4.0, einem weiteren Kapitel in der alten Geschichte des Arbeitens, das man nicht leiden kann, ohne das man aber eben auch nicht existieren darf? Oder müsste man nicht ein neues Buch schreiben, das sich ohne Ballast und mit allen Freiräumen den Möglichkeiten zuwenden kann? Ist es nicht auch pragmatisch und nüchtern, dass man, wenn man etwas als falsch erkannt hat, was lange Zeit richtig gewesen sein mag, nach Neuem sucht? Oder vielleicht auch nur mal nachfragt, was sich bereits geändert hat?

Mit Sicherheit. Als Orientierungspunkt dient eine Feststellung des Management-Vordenkers Peter Drucker: „Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Tätigkeit weiß als jeder andere in der Organisation.“ Das ist in den meisten Unternehmen bereits Realität. Die Arbeitswelt ist keine große Fabrik mehr, in der jeder Griff und jede Bewegung exakt geplant war – und jede Variante des Menschen darin als Fehlgriff galt. Stattdessen wird immer klarer, dass der Einzelne nicht einfach ersetzbar ist, sondern sein Wissen wesentlich für den Erfolg ist.

Die neue Arbeit ist längst da. Wir suchen nach einem Sinn, einer Kultur, einem Rahmen für etwas, das bereits Realität geworden ist. Das ist kennzeichnend für unsere Zeit – und erklärt auch das Unbehagen und die vielen Widersprüche, die heute zwischen der Arbeit und der Art und Weise bestehen, wie sie organisiert ist und getan wird. Bei der Frage, was Arbeit im 21. Jahrhundert, in der Wissensgesellschaft, sein kann, geht es weniger um Utopien und Visionen als um eine nüchterne Analyse dessen, was ist. Die alte Arbeitskultur verdeckt den Blick auf die neue Realität. Wenn wir wüssten, was wir wissen.

8. Das neue Unternehmen

Der Wissensarbeiter wacht in einem Unternehmen und einem Staat auf, der für die Fabrik- gesellschaft entwickelt wurde, und Parteien und Institutionen, die im Schatten des Schornsteins erdacht wurden, erklären ihm die Welt.

Ein typisches Erlebnis dabei ist, dass das, was man tut, von anderen nicht oder nicht immer verstanden wird, weil man – im Wortsinn – in einem Unternehmen ganz unterschiedliche Sprachen spricht. Was braucht man, um richtig gut zu arbeiten? Was ist dafür nötig?

„Wissensarbeiter brauchen eine Organisation, in der sie ihr Know-how mit dem anderer Spezialisten verbinden, um so neues Wissen erzeugen zu können“, sagt der ehemalige IG-Metall-Berater und Informatiker Ulrich Klotz. Seit den Siebzigerjahren verfolgt er die digitale Transformation der Arbeitswelt von der Industrie- zur Wissensgesellschaft. In hierarchischen Organisationen, die den Mitarbeiter „nicht als eigenständig Handelnden sehen, sondern als Rädchen im Getriebe, geht das nicht“, ergänzt Klotz. Das Unglück ist dabei programmiert. Menschen treffen auf „Vorgesetzte, die eigentlich viel weniger wissen als ihre Mitarbeiter, ihnen aber qua Amt ständig sagen, wo es langgeht“.

Wissensarbeiter organisieren und planen ihre Arbeit weitgehend selbst. Das trifft bereits auf die meisten Menschen zu. Was dann noch „von oben“ kommt, stört dann nur noch. Ein Paradox, dem man mit Weißbüchern nicht beikommt, nur mit Nüchternheit und Verstand: Lasst die Leute ihre Arbeit machen. Sie kennen sie so gut wie ihr die eure. Man kann das Vertrauen nennen. Oder Verstand.

Der Abschied vom alten Arbeitssinn des Gutshofes und der Fabrik fiele leichter, meint Klotz, „je klarer Eigenverantwortung und Selbstorganisation gelernt und gefördert würden“. Dazu bräuchte es aber ein „radikales Umkrempeln unseres industriegeprägten Bildungssystems“.
Stimmt. Persönlichkeit vor Gleichmacherei müsste ihr Motto sein.

9. Unbekannte Vielfalt

Schulen, die nur reproduzierbares, planbares, wiederholbares Wissen pauken lassen, sind nach wie vor die Regel. Unterschiedliche Talente und Fähigkeiten gelten aber nach wie vor als arbeitsintensiver Systemfehler.

Wo es um dynamischen Wissenserwerb geht, ist die Fähigkeit des Lernens an sich, das selbstständige und kritische Beurteilen der Inhalte weitaus wichtiger als die alten Bildungsideale des Auswendiglernens.

Dass man Eigensinn, Originalität, Individualität nicht in Organisationen lernen kann, die für das Fließband und die Gleichmacherei geschaffen wurden, ist das eigentliche Problem. Da hilft keine wirre Sinnhuberei, kein Motivationsgerede, kein Beschwören der Erfolge von gestern. Da hilft nur Einsicht, Nüchternheit, Veränderung. Das Akzeptieren von Unterschieden. Das Aushalten des Eigen-Sinns der anderen. Das sind die Grundlagen, ohne die es nicht geht. Und wer sie nicht übt, wer die neue Arbeit nicht erprobt, versteht die Welt nicht mehr.

„Die Arbeitsmärkte versagen heute unübersehbar nicht deswegen, weil es zu wenig Arbeit gibt“, stellt Manfred Füllsack dazu fest, „sondern weil sie mit der Vielfalt an Arbeitsarten, die heute aus den unterschiedlichsten Perspektiven als produktiv wahrgenommen werden, nichts mehr anfangen können.“

Kurz gesagt: Die Ordnung von gestern ergibt keinen Sinn. Da hilft auch kein Durchnummerieren, sondern nur die Anerkennung von Vielfalt und Komplexität auch in der Arbeitswelt. Das wichtigste Ausbildungsfach heißt Selbstständigkeit. Statt Arbeitsplatzbesitzer könnte es dann Menschen geben, die in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ohne sich verbiegen zu müssen – und tun, was sie für richtig halten.
Viel Eigensinn macht viel Arbeit. Es ist Zeit, damit anzufangen. ---

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