Ausgabe 03/2017 - Schwerpunkt Neue Arbeit

Goldman Sachs Moritz Baier im Interview

„Ich bin in Tech!“

Moriz Baier

• Moritz Baier, 29, deutscher Informatiker mit zwei Abschlüssen von der Stanford University, hätte sich viele Jobs aussuchen können, nachdem er 2015 sein Master-Studium beendet hatte. Eine politische Karriere wäre denkbar gewesen, fürs Weiße Haus hatte er als Assistent von Ex-US-Außenministerin Condoleezza Rice schon einmal gearbeitet; die Unternehmensberatung McKinsey rief und das Silicon Valley sowieso.
Doch Baier entschied sich für die Investmentbank Goldman Sachs. Ausgerechnet.

„Vampire Squid“, so nannte das US-Magazin »Rolling Stone« das Finanzhaus – eine Institution, die sich „über das Antlitz der Menschheit“ gelegt habe und deren Blut aussauge. Das war 2009, und der »Rolling-Stone«-Artikel war nur einer von vielen, die sich kritisch mit dem Geldhaus auseinandersetzten. Auch brand eins berichtete von der Parallelwelt, die die Goldman-Banker offenbarten, als sie vor einem US-Untersuchungsausschuss zu unsauberen Geschäften mit Kunden Stellung nehmen mussten (siehe brand eins 06/2010, „Die Schrott-Händler“), von der Gier, von den zahllosen Interessenkonflikten, in die die Bank immer wieder geriet (siehe brand eins 01/2012, „Bohren ohne Betäubung“).

Goldman Sachs hat die Quittung bekommen, das Geschäftsmodell ist bedroht. Zum Beispiel durch die Bankenregulierung, die einen Riegel vor viele lukrative Geschäfte, vor allem den Eigenhandel, schob und damit die Profitabilität der gesamten Branche und auch Goldmans drastisch reduzierte (siehe Grafik auf Seite 81). Zwar plant der neue US-Finanzminister Steven Mnuchin, einer von mehreren Ex-Goldman-Bankern in Diensten der Trump-Regierung, Erleichterungen. Doch ist ihr Umfang ungewiss, und die Umsetzung kann dauern. Zudem zwingt aber auch die Digitalisierung die einst so verschlossenen Banken zu mehr Offenheit – eröffnet ihnen allerdings auch neue Geschäftschancen und versetzt sie in die Lage, durch Automatisierung in großem Stil Kosten zu sparen.

Goldman Sachs hat auf diese Entwicklungen entschlossener reagiert als so mancher Wettbewerber – und das hat sich herumgesprochen. Nach der Finanzkrise war die Zahl der Bewerber von Elite-Universitäten deutlich zurückgegangen, sei aber, so die Verantwortlichen von Goldman, mittlerweile „mehr als überkompensiert“. Knapp 40 Prozent der Berufsanfänger bei Goldman Sachs haben mittlerweile einen naturwissenschaftlichen oder technischen Universitätsabschluss.

Moritz Baier berät bei Goldman in New York das Top-Management von IT-Konzernen wie Dell Technologies und IBM bei Fusionen, Übernahmen und Kapitalmaßnahmen, aber auch Unternehmen wie den Elektroauto-Hersteller Tesla und das Raumfahrtunternehmen SpaceX mitsamt ihrem schillernden Gründer Elon Musk. Im Doppelinterview mit Wolfgang Fink, 50, Co-Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs in Deutschland, erklärt Baier, wie die Arbeitswelt bei der Bank heute aussieht – und warum er sich am richtigen Platz glaubt.

brand eins: Herr Baier, junge Menschen haben Träume. Welcher ist Ihrer?

Moritz Baier: Meine große Leidenschaft ist die Technologie-Branche, deswegen habe ich Wirtschaftsinformatik studiert und vor meinem MBA in Stanford für IBM gearbeitet. Ich will die Industrie mit verändern.

Inwiefern?

Baier: Ich bin überzeugt davon, dass neue Technologien den Wohlstand mehren, ihn besser verteilen, die Menschheit insgesamt voranbringen. Sie stellen uns als Gesellschaft auch vor eine Neubewertung unserer Grenzen und Wertvorstellungen. Ich berate Firmen, die den Mars besiedeln wollen, das würde für die Menschheit einen ungeheuren Sprung nach vorn bedeuten.

Warum haben Sie nicht direkt bei SpaceX angeheuert, die genau das beabsichtigen?

Baier: Dort dürfen nur Amerikaner arbeiten, weil das Unternehmen unter die Regelungen für internationalen Waffenhandel fällt, die für alle Firmen gelten, die Militärgüter herstellen oder es zumindest könnten. Das wäre sonst vielleicht wirklich eine Alternative gewesen. Immerhin haben wir Elon Musk vergangenes Jahr bei der Kapitalerhöhung von Tesla beraten. Das Spannende ist: Wir unterstützen Firmen in Momenten, in denen sie vor wichtigen Ereignissen stehen, einem Börsengang oder einer großen Übernahme. Wenn solche Transaktionen erfolgreich verlaufen, haben wir tatsächlich dabei geholfen, dass es vorangeht.

Goldman berät Firmen in komplexen Finanzfragen. Haben IT-ler dafür das nötige Wissen?

Wolfgang Fink: Technologie und vor allem die Veränderungen, die sie bewirkt, also die berühmte Disruption, spiegeln sich in den Zahlen wider, in internen Kennziffern und Marktpreisen. Warum sind beispielsweise die klassischen Automobilhersteller mit ihren immer noch hohen Absatzzahlen schlechter bewertet als Tesla? Solche Fragen müssen wir als Bank erklären können, sowohl Firmen gegenüber, die frisches Kapital benötigen, als auch bei Investoren, die Geld anlegen wollen. Ein Verständnis dieser Zusammenhänge ist eine der Bedingungen für funktionierende Kapitalmärkte.

Baier: Viele Tech-Firmen machen heute noch keinen Gewinn. Trotzdem gehen sie an die Börse, was gut ist, denn sie brauchen Kapital, um zu wachsen. Aber wie bewertet man sie? Eigentlich müsste man Geld bekommen, wenn man ihre Aktien kauft. Sie sind ja, negativ formuliert, Geldverbrennungsanlagen. Und doch können sie einen Wert haben. Um den einschätzen zu können, muss man das Potenzial der Technologie verstehen.

Beraten IT-ler von Goldman Sachs ihre Kunden auch in technischen Fragen?

Baier: Das kommt immer häufiger vor. Mit vielen unserer Kunden, auch namhaften Tech-Konzernen, stehen wir mittlerweile im regelmäßigen Austausch zu Trends: Wir teilen unsere firmeneigenen Entwicklungen für die Blockchain und Cybersecurity oder diskutieren unsere Sicht auf bevorstehende Durchbrüche in Feldern wie künstliche Intelligenz, Drohnen und Virtual Reality.

Die IT-Industrie boomt, das Investmentbanking schrumpft. Wären Sie nicht doch lieber in einer Wachstumsbranche tätig?

Baier: Ich bin in Tech! Goldman ist für mich ein Technologie-Unternehmen.

Richtig ist, dass Sie überdurchschnittlich viel in Technologie investieren. Sie sind an Start-ups wie Uber, Spotify oder Pinterest beteiligt. Daneben geben Sie in Ihrem Kerngeschäft mehr als 800 Millionen Dollar jährlich für neue Soft- und Hardware aus. Ein Viertel Ihrer Mitarbeiter arbeitet im IT-Bereich. Was treibt Sie an?

Fink: Technologie war schon immer ein großes Thema für uns, weil wir ja ständig Informationen verarbeiten. In dem Bereich ist auch die Automatisierung schon sehr weit gediehen. Das Gleiche gilt für das Börsengeschäft. Dort brauchen wir immer weniger Händler und immer mehr Software-Experten. Die technische Entwicklung eröffnet uns außerdem neue Geschäftsfelder, die Kreditvergabe an Verbraucher etwa, die für uns früher uninteressant war. Da man das jetzt online über eine Plattform anbieten kann …

… und solche Plattformen in den USA eine deutlich höhere Eigenkapitalrendite erwirtschaften als Ihre Bank …

Fink: … sind wir mit dem Aufbau der Online-Kreditplattform Marcus in dieses Geschäft eingestiegen. Wir versuchen, kontinuierlich das Feedback der Kunden einzuholen.

Noch verdienen Sie mit Marcus und Ihren anderen Investments offenbar kein Geld. Ihr Umsatz im vergangenen Jahr sank um 9 Prozent, Ihr Gewinn ist nur deshalb gestiegen, weil Sie die operativen Kosten um fast 20 Prozent gesenkt haben. Hilft die Automatisierung beim Sparen?

Fink: Ja, dabei spielt die Technologie eine wesentliche Rolle.

 

 

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