Ausgabe 03/2017 - Editorial

Es geht um alles

• Es beginnt meist mit dem Großraumbüro. Nicht mit der mausgrauen Variante der Achtzigerjahre: Der Großraum von heute ist bunt, sieht Kuschel- und Rückzugsecken vor, auch die Kaffeeinsel darf nicht fehlen. Denn mit ihm soll nicht nur Platz gespart, sondern ein neues Zeitalter eingeläutet werden, in dem Arbeit Spaß macht, alle zusammen an einem Ziel arbeiten, Wissen geteilt und Hierarchie abgebaut wird. Soweit die Theorie.

In der Praxis verändert sich in unserer Arbeitswelt deutlich mehr als die Farbe. Schnellere Prozesse, zunehmende Automatisierung und neue Ansprüche von Kunden und Mitarbeitern krempeln nahezu jedes Unternehmen um. Ob sich ein Steuerberatungsbüro auf die digitale Steuererklärung oder der Maschinenbauer Kärcher auf Losgröße 1 einstellen muss: Überall weht der Wind der Veränderung (S. 56, 58).

Im Bundesministerium für Arbeit und Soziales allerdings scheint bisher nur ein laues Lüftchen angekommen zu sein – dieser Eindruck drängt sich jedenfalls bei der Lektüre von Andrea Nahles’ Weißbuch „Arbeiten 4.0“ auf. Wer glaubt, dass es mit kleinen Korrekturen getan sein wird und weiterhin Selbstständige jagt, weil sie unter Schmarotzer- oder Selbstausbeutungsverdacht stehen, ist nicht ganz auf der Höhe der Zeit (S. 32, 100).

Denn Selbstständigkeit ist nicht nur eine auch bei Angestellten zunehmend geforderte Tugend – sie ist auch immer öfter die einzige Beschäftigungsmöglichkeit. Die erfreulich niedrigen Arbeitslosenzahlen sollten nicht als Entwarnung missverstanden werden: Die Folgen der Automatisierung werden brutal. Zumindest wenn wir sie weiter ignorieren und weder den überfälligen Umbau des Ausbildungssystems noch die sachliche Debatte über die Grenzen und Möglichkeiten eines Grundeinkommens in Angriff nehmen (S. 84, 76).

Um die Dimension zu begreifen, reicht ein Blick auf die Automobilindustrie, die – so die Diagnose des Aachener Maschinenbau-Professors Günther Schuh – noch immer hofft, dass sich ihr Problem mit den Erfolgsrezepten von gestern lösen lässt. Oder man schaut sich an, wie Büro- und Sachbearbeiterjobs industrialisiert werden: Da wird gerade die nächste Automatisierungswelle vorbereitet (S. 42, 64).

Mit Motivationsseminaren und der allgegenwärtigen Aufforderung, mit Spaß zu arbeiten und dabei ganz authentisch zu sein, ist es da nicht getan: Die Neue Arbeit ist ein Knochenjob. Und sie verlangt von den Chefs genauso viel Bereitschaft zur Veränderung wie von jedem, der künftig nicht mehr nur mitarbeitet, sondern mitdenkt. Was am Ende dabei herauskommt, ist bisher nur schemenhaft zu erkennen: Wer sich wie Seibert Media oder Foryouandyourcustomers auf den Weg gemacht hat, lernt schnell, dass auf einen Umbau der nächste folgt. Und wer wie Jovoto versucht, die neue Freiheit zu organisieren, muss von so manchem Standard der Industriegesellschaft Abschied nehmen (S. 70, 118, 50, 92, 108).

Warum man sich dann trotzdem auf die Neue Arbeit einlassen soll? Weil es die alte nicht mehr lange gibt. Und weil es immer auch eine Chance ist, neu anzufangen. Noch ist sie eine Baustelle – aber die Arbeitswelt von morgen kann Vielfalt bieten, Abwechslung, neue Freiheiten und neue Möglichkeiten der Beteiligung. Was auf der Baustelle entsteht, entscheiden nicht Politiker, Konzernmanager oder Büroarchitekten, sondern jeder von uns. Jeden Tag. Jetzt. ---

Gabriele Fischer
Chefredakteurin

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