Ausgabe 03/2017 - Schwerpunkt Neue Arbeit

Bastian Unterberg im Interview Jovoto

„Ein alternatives Karrieremodell“

• In seinem letzten Semester an der Universität der Künste in Berlin machte sich Bastian Unterberg Gedanken über seine Zukunft. Er hatte erst Informatik und dann Design studiert, wollte kreativ tätig sein, aber keinesfalls als Angestellter. Vielmehr träumte er davon, in Portugal als Freelancer von Aufträgen zu leben, die sich vollständig über das Internet abwickeln ließen.

Den Traum hat er sich nicht erfüllt, stattdessen in der Heimat die Plattform Jovoto aufgebaut, die freies Arbeiten aus der Ferne erleichtern sollte. Im Jahr 2007 war das. Bastian Unterberg ahnte nicht, dass er Jahre später Teil eines Trends sein wird, der die Frage aufwirft, ob wir, getrieben durch die Digitalisierung, auf eine Arbeitswelt unsicherer und schlecht bezahlter Kurzzeitjobs zusteuern. Die Rede ist von der Gig Economy.

Das Grundprinzip: Eine Internet-Plattform schafft für Auftraggeber den Zugang zu einem Heer von Arbeitern auf Abruf.

Bislang nutzen das vor allem Leute, die sich ein Zubrot verdienen wollen. Was aber passiert, wenn die Gig Economy, die weder Mindestlohn noch Sozialabgaben kennt, bald aus ihrer Nische herauswachsen und die herkömmliche Festanstellung unter Druck setzen wird, wie es viele Experten vermuten?

Rund 80 000 Freelancer sind bei Jovoto registriert. Die Plattform bringt nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz das Wissen und die Ideen von vielen zusammen. Konzerne wie Audi oder die Deutsche Bank nutzen sie für neue Produktdesigns oder Werbekonzepte. Sie versprechen sich von der Crowd bessere Ergebnisse und bessere Preise als von einer einzelnen Agentur.

Es gibt drei Formate:
— offene Wettbewerbe für alle Registrierten
— geschlossene Wettbewerbe, bei dem der Teilnehmerkreis auf die 8000 qualifiziertesten Leute beschränkt ist
— kleine private Zirkel, in denen nur die Besten der Besten gegen ein festes Honorar Projekte gemeinsam stemmen

Die Kreativen entscheiden selbst, wo, wie viel und für wen sie arbeiten. Bei den Wettbewerben ist jeder eingereichte Entwurf für alle sichtbar. Die Teilnehmer kommentieren die Arbeit der anderen – und bestimmen über einen Teil des Preisgeldes.

Der Mineralölkonzern Total etwa lobte bei einem offenen Wettbewerb mehr als 20 000 Euro aus. Die Aufgabe bestand darin, die Tankstelle der Zukunft zu entwerfen. 89 Konzepte wurden eingereicht. Drei davon prämierte eine Expertenjury mit 2500 Euro, einen mit 1000 Euro. Weitere 10 000 Euro wurden unter jenem Dutzend Teilnehmer verteilt, die der Community zufolge die beste Arbeit geleistet hatten. Darüber hinaus kaufte Total die Nutzungsrechte an einer Idee für 3000 Euro.

Viele Jahre hat Jovoto dank mehrerer Kleininvestoren gerade so überlebt. Heute ist am Firmensitz in Berlin-Kreuzberg der Aufwärtstrend spürbar. Es gehört zum Wesen von Internet-Platt-formen, dass sie exponentiell wachsen können, ohne dass die Betriebskosten entsprechend steigen. Da will es etwas heißen, dass sich die Belegschaft 2016 auf 40 Personen verdoppelt hat.

Der Umsatz, erklärt der Gründer, sei im gleichen Zeitraum um 130 Prozent gestiegen, liege aber noch unter fünf Millionen Euro. Von den Einnahmen pro Projekt reiche Jovoto zwischen 35 und 70 Prozent an die Kreativen weiter. Die Firma habe im Jahr 2016 erstmals einen kleinen Profit erwirtschaftet, den sie vollständig reinvestiert habe, um sich in der aufkeimenden Gig Economy zu positionieren.

brand eins: Herr Unterberg, eigentlich wollten Sie selbstbestimmtes Arbeiten fördern und gehören nun zu den Treibern einer Ökonomie, der man vorwirft, massenhaft unterbezahlte Solo-Selbstständige hervorzubringen. Wird Ihnen nicht mulmig?

Bastian Unterberg: Überhaupt nicht. Man wird plattformbasiertes Arbeiten nicht aufhalten können, darum hat es keinen Sinn, es generell zu verdammen. Unser Anliegen ist es, ein Beispiel zu schaffen, das nicht darauf aus ist, Arbeitskräfte auszubeuten. Auf der von der IG Metall initiierten Website Faircrowdwork stehen wir im Experten-Ranking oben.

Inwiefern ist Jovoto fairer als andere?

Plattformen wie Amazon Mechanical Turks oder 99 Designs lösen Aufgaben niedriger Komplexität und sind als Marktplatz angelegt, der Angebot und Nachfrage regelt. Die Menschen, die dort ihre Arbeit anbieten, stehen in einem globalen Wettbewerb und sind total austauschbar. Das führt dazu, dass der Preis für Arbeit sinkt. Wir haben einen ganz anderen Ansatz. Wir verstehen Jovoto als Innovationsplattform, die auf einer Community basiert. Unsere Wettbewerbe sind gekoppelt an offene Arbeitsprozesse, Kollaboration und gegenseitiges Feedback. Das hilft, ein Netzwerk und Reputation aufzubauen, und führt zu einem Lerneffekt für alle, die bei uns mitmachen.

Geld verdienen aber nur wenige. Die weitaus meisten gehen bei den Wettbewerben leer aus, obwohl sie Arbeit investiert haben. Was ist daran fair?

Das ist nicht ganz korrekt, wir bieten auch andere Arbeitsräume, die nicht auf Wettbewerben basieren. Geld ist aber nicht der Hauptgrund, warum die Leute mitmachen. Wir fragen das einmal im Jahr ab, und immer ist das mit Abstand am meisten genannte Motiv: das Lernen im Arbeitsprozess. Man darf dessen Wert nicht unterschätzen. Alles ist transparent: die Entwürfe aller Beteiligten, die Kritik daran, die Gewinnerentwürfe. Jovoto bietet eine anregende Umgebung, aus der man viel für sich ziehen kann.

Eine Art dauerhaftes Praktikum also, für das man mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Geld kriegt.

Für so manchen ist es vermutlich wie ein Praktikum. Aber es ist unser Anspruch, ein alternatives Karrieremodell zu bieten. In der traditionellen Kreativwirtschaft macht man zuerst drei, vier Agentur-Praktika, schrubbt unter Umständen zehn Stunden am Tag langweilige Prospekte. Dann kriegt man vielleicht seine erste Junior-Stelle, leistet harte Arbeit, für die jemand anderes die Anerkennung bekommt, und muss sich irgendwie durchboxen, um selbst in eine Machtposition zu kommen, von der aus man andere kleinhalten kann.

Jovoto ist der Gegenentwurf zu dieser Art von Karriere: Ich fange als Teilnehmer an offenen Wettbewerben an, investiere vielleicht 10 bis 15 Stunden im Monat und darf von der ersten Sekunde an ein reizvolles Projekt bearbeiten. Ich bekomme Anerkennung für meine Arbeit, zudem eine große Bühne. Wenn ich gut bin und mich als Teamplayer engagiere, werde ich zu geschlossenen Wettbewerben eingeladen, bei denen ich eine deutlich professionellere Umgebung vorfinde und größere Gewinnchancen habe. Die Allerbesten können zudem auf Basis von festen Tagessätzen zwischen 400 und 1200 Euro an Traumprojekten arbeiten.

Allerdings schaffen es nur 800 von 80 000 in den erlauchten Zirkel, in dem man für seine Arbeit auch angemessen bezahlt wird.

So gerne wir es täten – es ist schlichtweg nicht möglich, für alle, die sich bei uns anmelden, die perfekte Arbeit zu bieten. Deshalb sind wir total transparent: Jeder kann berechnen, welchen Benefit er für seinen Arbeitseinsatz bekommt. Der Nutzen unserer Plattform ist bewusst vielseitig. Für viele ist es ein Spaß, den sie sich ein paar Stunden im Monat gönnen, um etwa bei der Entwicklung eines Logos für Menschenrechte dabei zu sein. Die halten sich nicht unbedingt an das Briefing, erwarten auch keine Bezahlung. Andere wissen, dass sich der Aufbau ihres Netzwerks und einer Reputation langfristig auszahlt. Würde sich der Aufwand für sie nicht lohnen, wären sie nicht bei uns.

Die Weltbank beziffert den globalen Umsatz von Crowdwork-Plattformen auf 4,3 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2020, schätzt sie, wird sich die Summe verfünffachen. Das wird die klassische Festanstellung zunehmend unter Druck setzen.

Crowdwork wird sich schnell entwickeln, dem stimme ich zu, jedoch bin ich nicht der Ansicht, dass die Festanstellung primär durch Plattformen bedroht wird. Was passiert mit all den Menschen, die durch technischen Fortschritt in ihrem Beruf nicht mehr gefragt sind? Nun wenden wir uns mit Jovoto an Menschen, die ohnehin zunehmend die Festanstellung ablehnen und bereits heute ein unternehmerisches Selbstverständnis haben. In fünf Jahren, bin ich überzeugt, wird jede mittelgroße Agentur Aufträge über Plattformen im Internet abwickeln. Denn die sind eine Antwort auf den wachsenden Kostendruck und auf den Wunsch, mit Top-Talenten zusammenzuarbeiten, die sie sonst nicht erreichen.

Nur jeder fünfte Crowdworker bestreitet damit seinen Unterhalt. Die anderen verdienen ihr Geld auf herkömmliche Weise. Wovon sollen sie leben, wenn massenhaft Festanstellungen wegfallen?

Als Plattformbetreiber können wir nur so gut sein wie die besten Köpfe, die bei uns Aufgaben lösen – das wissen wir. Deshalb sind wir gefordert, eine nachhaltige Umgebung für diejenigen zu bieten, die von Jovoto leben wollen. Doch ungeachtet dessen steht außer Frage, dass die Arbeitswelt von morgen wesentlich flexibler sein wird als die heutige. Und sehr wahrscheinlich wird es längst nicht genug Erwerbsarbeit für alle geben. Also müssen wir als Gesellschaft darüber nachdenken, wie sie den Menschen Einkommen verschafft, wie sie Wert umverteilt oder ob sie ein bedingungsloses Grundeinkommen einführt.

Sie sehen sich als Plattform-Betreiber, der den Wandel mit herbeiführt, also nicht selbst in der Verantwortung?

Doch. Darum stehen wir auch mit Verdi und der IG Metall im Austausch darüber, wie man neue Arbeitskonzepte möglichst fair gestaltet. Erstens wollen wir die offenen Wettbewerbe zunehmend auf gesellschaftliches Engagement ausrichten. Arbeit hat einen sozialen Aspekt, die Menschen wollen etwas leisten. Bei uns können sie zum Beispiel ihre Ideen für eine Kampagne von Unicef einbringen. Dafür bekommen sie möglicherweise kein Geld, aber Teilhabe, Anerkennung, Stolz.

Zweitens wollen wir den Lerneffekt auf unserer Plattform durch Bildungsangebote und Coachings noch vergrößern. Und drittens wollen wir innerhalb der Gig Economy die beste Adresse für Top-Talente sein. Hier sind wir auch wirtschaftlich am erfolgreichsten, denn wir ermöglichen Unternehmen, mit den besten Köpfen weltweit Produkte und Services zu innovieren. Wir arbeiten daran, für diese Leute ein sicherer Hafen zu werden und ihnen trotzdem die Flexibilität zu gewähren, die sie einfordern.

Inwiefern sicherer Hafen?

Schon heute arbeitet bei uns etwa ein Prozent der Registrierten auf Honorarbasis. Das sind die Top-Talente, von denen wir gern mehr hätten und für die wir noch relevanter sein wollen. Dazu müssen wir als Unternehmen weiter wachsen. Zudem arbeiten wir an Formaten der Mitbestimmung und anderen Maßnahmen, um Talente stärker an uns zu binden. Wir planen spezielle Pools, in denen es um Innovationen etwa zum Thema Internet der Dinge geht. So ein Pool könnte aus 100 Designern bestehen, die aus 500 Aufträgen im Jahr die für sie interessantesten auswählen. Sie würden feste Tagessätze beziehen. Wir denken sogar über Modelle mit festem Grundeinkommen oder einer Erfolgsbeteiligung nach. So etwas ist in der Gig Economy, die bislang Talent wenig wertschätzt, sondern nur mit Kosteneffizienz wirbt, einmalig.

Nutzen die Auftraggeber Jovoto nicht auch vor allem dafür, möglichst billig Kreativität einzukaufen? 20 000 Euro Preisgeld von einem Konzern wie Total sind nicht gerade üppig.

Für viele Konzerne ist Jovoto heute noch Neuland. Der Wert der Leistungen ist deutlich höher als der dafür gezahlte Preis. Dennoch ist es uns gelungen, in den vergangenen Jahren die ausgeschriebenen Summen stetig zu steigern. Wir verstehen uns als Anwalt der Kreativen und werden uns mit zunehmendem Wachstum für eine bessere Vergütung ihrer Arbeit einsetzen.

Warum brauchen Sie, wenn Sie sich doch vor allem für die Besten interessieren, die Masse an Leuten, die an den Wettbewerben teilnimmt?

Die öffentlichen Wettbewerbe sind ein sehr effektives Assessmentcenter und helfen uns, die besten Leute zu entdecken. Wir erfahren in einer reellen Situation, was die Teilnehmer können und wie sie sich in der Gemeinschaft verhalten.

Würde Jovoto, wenn Sie die Plattform wie geplant weiterentwickeln, nicht zu einer Art Leiharbeitsfirma, und wären die Top-Talente, die Sie stärker binden wollen, dann nicht scheinselbstständig?

Wir stehen als Gesellschaft gerade am Anfang einer Entwicklung, in der die Arbeitsstrukturen aufbrechen und etwas völlig Neues entsteht. Viele Konzerne sagen, dass sie in den kommenden Jahren wesentlich mehr Arbeit an Crowdwork-Plattformen auslagern werden – weil sie Innovationsanreize in hoher Geschwindigkeit von draußen brauchen. Wir sollten uns also Gedanken machen, wie wir die Gig Economy gestalten können. Der Kampf gegen Scheinselbstständigkeit ist da nicht mehr als das Kleben eines Pflasters auf eine infektiöse Wunde. ---

Die Gig Economy

Gigwork

In den Vereinigten Staaten wurde der Name Gig Economy geprägt als Oberbegriff für eine Ökonomie, in der es statt Jobs mit festen Gehältern nur noch Kurzeinsätze (Gigs) gibt. Die bekanntesten Plattformen sind Airbnb und Uber. Charakteristisch für sie ist, dass sie in ihre Wertschöpfungskette nicht nur die Arbeitskraft der Auftragnehmer integrieren, sondern auch deren Kapital in Form von Wohnungen oder Autos. So macht etwa Uber Taxiunternehmen Konkurrenz, ohne selbst Fahrer einzustellen und zu bezahlen, ohne Fahrzeuge zu kaufen und instand zu halten und ohne für die Sicherheit der Fahrgäste zu haften. Der Vermittler bestimmt, je nach Verkehrslage in spezifischen Stadtteilen, wie viel eine Fahrt die Gäste kostet. 25 Prozent behält er als Gebühr ein, den Rest bekommt der Fahrer.

Cloudwork

Arbeitsplattformen im Internet bewirken niedrige Einstiegsbarrieren und hohe Flexibilität. Für Cloudwork gilt das in besonderem Maße. Sie bietet auch Menschen in abgelegenen Regionen Zugang zu Arbeit und digitalen Nomaden die Chance, von jedem Ort der Welt tätig zu werden – vorausgesetzt, sie haben stabilen Anschluss ins Internet. Plattformen wie Upwork (früher Elance-oDesk) vermitteln Freelancer aus der ganzen Welt und sorgen so dafür, dass eine globale Konkurrenz entsteht. Die Auftraggeber wählen für eine bestimmte Aufgabe den passenden Auftragnehmer aus. Das Honorar wird individuell verhandelt. Zwischen 10 und 20 Prozent seines Honorars führt der Auftragnehmer als Gebühr an den Plattformbetreiber ab.

Crowdwork

Das sind Aufträge, die nicht an Individuen vergeben werden, sondern an eine unspezifische Gruppe. In aller Regel ist Crowdwork ortsunabhängig und damit eine Variante von Cloudwork. Es gibt zwei Grundtypen: Kreativwettbewerbe, wie sie etwa Jovoto veranstaltet, um das innovative Potenzial der Masse zu nutzen, sowie Microtasking. Bei Letzterem zerlegen Unternehmen Arbeit in kleinstmögliche Einheiten und lagern sie auf Plattformen wie Clickworker oder Amazon Mechanical Turk aus. Es handelt sich um einfachste Aufgaben wie das Prüfen von Datensätzen, das Zusammentragen von Adressen oder das Erstellen von Produktbeschreibungen. Die Auftragnehmer haben die Freiheit, aus einem Aufgaben-Pool Jobs eigenmächtig anzunehmen und, ohne Nennung von Gründen, wieder aufzugeben. Die Abnahme erfolgt automatisch. Plattform-Gebühren fallen für die Arbeitnehmer keine an, die zahlen die Auftraggeber.

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