Ausgabe 03/2017 - Schwerpunkt Neue Arbeit

André Spicer im Interview

„Arbeit ist scheiße“

brand eins: Herr Spicer, bei Google in Zürich wurden Rutschen eingebaut, damit die Angestellten mehr Spaß im Büro haben. Bei dem US-Onlinehändler Zappos kommen die Mitarbeiter schon mal verkleidet zur Arbeit. Sie auch?

André Spicer: Nein, ich habe noch nie irgendwo gearbeitet, wo es solche Dinge gibt. Wir haben noch nicht einmal eine Tischtennisplatte oder einen Kickertisch.

Dürfen Sie keinen Spaß haben?

Oh doch, sehr wohl. Aber es ist kein organisierter Spaß, man muss sich selbst darum kümmern. Wobei die Spaßkultur vieler Unternehmen auch zu uns kommt. Vor zwei Jahren machten wir einen Ausflug, um darüber zu diskutieren, wie wir die Arbeit hier im Institut angenehmer gestalten könnten. Es wurde dann beschlossen, die Kaffee-Ecke etwas aufregender zu gestalten. Drei Stunden wurde darüber diskutiert, wie das aussehen könnte. Jetzt klebt dort eine Fototapete mit Büchern, und es hängt eine Kreidetafel an der Wand. Aber machen wir uns nichts vor, den größten Spaß haben die Menschen außerhalb des Büros. Da helfen auch keine Rutschen, Kostüme oder Kickertische.

Sie haben zahlreiche Firmen untersucht, die versuchen, durch Spaß-Initiativen ihren Angestellten den Arbeitsalltag angenehmer zu gestalten. Was war das Ergebnis?

Zunächst haben wir herausgefunden, dass die neue Spaßkultur tatsächlich weit verbreitet ist. Wenn Sie beispielsweise durch die Büros von Inventionland in Pittsburgh, Pennsylvania, gehen, einem Ideen-Labor, dann könnten Sie meinen, Sie seien auf einem Kinderspielplatz. Es gibt dort ein Piratenschiff, ein Baumhaus und einen gigantischen Schuh. Das ist ernst gemeint, dort sind Arbeitsplätze eingerichtet. Andere Firmen holen sich sogenannte Funsultants, Spaßberater, ins Haus, die sich Dinge für die Angestellten ausdenken. Es werden auch Komiker angeheuert oder Ausflüge organisiert, bei denen man Dinge tut, die Spaß machen sollen. Das gibt es auch an unserer Fakultät. Wir hatten kürzlich einen Ausflug, da sollten wir Beat-Boxen. Das war bizarr. Mehrere international bekannte Professoren versuchten, Michael Jacksons Billie Jean zu imitieren. Die meisten machen bei solchen zweifelhaft lustigen Veranstaltungen mit, um nicht negativ aufzufallen.

Was ist so schlimm daran, wenn man mit den Kollegen ausgeht?

Da ist zunächst nichts dran auszusetzen. Wenn man aber anfängt, im Büro Tischtennis zu spielen oder zu kickern, kann es passieren, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit aufgehoben werden. Früher haben die Angestellten nach Feierabend Sport gemacht oder haben sich mit Freunden in der Kneipe getroffen. Heute findet das im beruflichen Alltag statt. Diese Entgrenzung führt dazu, dass die Menschen immer mehr Zeit im Büro und mit den Kollegen verbringen. Das geht auf Kosten von Freunden und der Familie. Es besteht also die Gefahr, dass das soziale Leben dieser Menschen ärmer wird. Stellen Sie sich nur vor, jemand verliert dann seinen Arbeitsplatz. Dann sind auch die sozialen Kontakte weg. Es kommt hinzu, dass es auch der Karriere schadet, so viele Stunden im Büro zu verbringen. Wir haben herausgefunden, dass es oft gerade diejenigen Leute sind, die beruflich weiterkommen, die die meisten Kontakte außerhalb der Arbeit haben.

Lässt sich Spaß überhaupt verordnen?

Das ist genau der Punkt. Es funktioniert nicht. Psychologen der Universität von Kalifornien in Berkeley haben einen interessanten Versuch unternommen: Sie haben zwei Gruppen von Testpersonen einen Film gezeigt, von dem die Zuschauer normalerweise gute Laune kriegen, weil der Protagonist einen Eistanzwettbewerb gewinnt. Der einen Gruppe wurde vor der Vorführung ein Text vorgelesen, in dem behauptet wurde, dass es sehr wichtig sei, glücklich zu sein und eine positive Grundeinstellung zu haben. Der anderen Gruppe wurde nichts vorgelesen. Nach dem Film erschien den Psychologen diejenige Gruppe als die glücklichere, der das Statement nicht vorgelesen wurde. Je mehr wir also darüber reden, wie wichtig Glück und Zufriedenheit sind, desto schwieriger wird es für uns offenbar, beides zu finden.

Wenn die Bespaßung schon den Mitarbeitern wenig bringt. Hilft sie dann wenigstens den Unternehmen dabei, erfolgreicher zu sein?

Nicht unbedingt. Rhian Silvestro von der Warwick Business School hat sogar das Gegenteil herausgefunden. Sie hat die Produktivität einzelner Filialen einer großen britischen Supermarktkette untersucht und herausgefunden: Dort, wo die Angestellten am unzufriedensten waren, wurde das beste Geschäft gemacht. Andere Studien, die versucht haben, eine Beziehung zwischen Spaß und Produktivität herzustellen, kamen zu ähnlichen Ergebnissen, nämlich dass Spaß an der Arbeit sehr wenig oder nichts mit hoher Produktivität zu tun hat. Was gut für die Produktivität ist, hat das britische Department for Business, Innovation & Skills kürzlich untersucht. Dort kamen die Forscher zu dem Schluss, dass Spaß an der Arbeit nicht durch Kickertische oder bunte Tapeten in den Fluren entsteht, sondern durch eine erfüllende Tätigkeit. Man kann sich also den ganzen Aufwand sparen. Es sind die ganz grundlegenden Dinge, die die Menschen zu glücklichen Mitarbeitern machen: Haben sie alles, was sie zur Erledigung ihrer Arbeit brauchen? Haben sie genug Urlaubstage? Hat ihre Abteilung einen kompetenten Vorgesetzten?

Aber es gibt doch auch Gegenbeispiele. Die Reiseplattform Expedia wurde vergangenes Jahr zum beliebtesten Arbeitgeber in Großbritannien gewählt. Das Büro in London ist wie ein Nachtclub gestaltet. Es gibt dort Bars, Ruhezonen, Formel-1-Simulatoren. Das scheint also zu funktionieren.

Wirklich? Oder ist es nicht genau andersherum? Um das Beispiel Google zu nehmen und die Rutschen, die in Zürich eingebaut wurden: Google ist nicht der Rutschen wegen erfolgreich, sondern wegen der Technik, die das Unternehmen hat. Weil es so profitabel ist, kann es sich Rutschen leisten.

Sie klingen ein wenig so, als sollte Arbeit keinen Spaß machen.

Langsam! Wir gehen nicht zur Arbeit, um zu lachen. Wenn Sie lachen wollen, besuchen Sie eine Comedy-Show oder treffen sich mit Freunden. Arbeit sollte angenehm sein, und wir sollten eine Bedeutung in der Tätigkeit sehen, die wir ausführen. Wir sollten das Gefühl haben, dass wir die Kontrolle über unsere Arbeit haben, zumindest ein Stück weit. Wir sollten das Gefühl haben, dass das, was wir tun, in welcher Weise auch immer, für die Gesellschaft nützlich ist. Die Arbeit sollte uns zumindest ein wenig erfüllen. Aber soll sie uns glücklich machen? Das muss nicht sein. Wenn man es mit diesem Kult übertreibt, kann das einem Unternehmen auch schaden.

Inwiefern?

Wenn es Probleme im Unternehmen gibt, und die gibt es immer, treten die Mitarbeiter nicht offen auf. Zum Beispiel bei Nokia. Dort gab es eine Kultur der Zufriedenheit. Es war wichtig, sich positiv und optimistisch zu geben. Als Apple im Jahr 2007 mit dem iPhone auf den Markt kam, war Nokia der größte Mobiltelefonhersteller der Welt. Nokia war gut darüber informiert, was Apple plante, und hätte in der Lage sein sollen, sich dagegen zu wehren. Doch das Unternehmen investierte viel Geld in ein Smartphone-Betriebssystem namens Symbian, das nie richtig funktioniert hat. Die Mittelmanager bei Nokia wussten das. Aber sie hatten Angst, die schlechte Nachricht nach oben weiterzuleiten, weil sie fürchteten, sonst negativ rüberzukommen. Sie hatten die Glückskultur des Unternehmens verinnerlicht: Sie wollten einfach nicht negativ auffallen. Als das Top-Management von Nokia von den schlechten Nachrichten erfuhr, war es zu spät. Apple und Samsung haben recht schnell Nokia überholt. Nokia stellt heute, wie wir wissen, keine Smartphones mehr her.

Was ist die Alternative zum Gute-Laune-Zwang?

Die Mitarbeiter brauchen Autonomie und das Gefühl, dass das, was sie tun, einen Sinn hat. Teresa Amabile und Steven Kramer von der Harvard Business School haben dazu in einer Studie erhellende Ergebnisse vorgelegt. Sie baten Mitarbeiter von Unternehmen, ein Tagebuch zu führen, in dem sie aufschreiben sollten, was sie an den jeweiligen Tagen gemacht haben. Die Teilnehmer der Studie sollten dann sagen, ob sie einen guten Tag hatten oder nicht. Heraus kam, dass die meisten Leute sagten, sie hätten einen guten Tag gehabt, wenn sie genug Zeit hatten, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, und Fortschritte bei ihrer Tätigkeit machen konnten.

Die Leute waren also dann am glücklichsten, wenn sie ihre Arbeit erledigen konnten.

Genau, das motiviert sie am meisten.

Ziehen Unternehmen daraus die richtigen Schlüsse?

Nein, viele haben das nicht kapiert. Und schlimmer noch, sie setzen die vollkommen falschen Anreize. Nur ein Beispiel: Viele Arbeitsplätze befinden sich heute in Großraumbüros, wo man permanent von der Arbeit abgelenkt wird. Hinzu kommen die unendlich vielen E-Mails, die man bitte beantworten soll, und wenn man einmal in Ruhe arbeiten könnte, muss man zur Happiness-Fortbildung. Viel wäre erreicht, wenn die Unternehmen den Alltag so einrichteten, dass die Angestellten sich einfach auf ihre Arbeit konzentrieren könnten. Ein guter Arbeitsalltag sieht so aus: Sie kommen morgens ins Büro, finden die Ruhe, um konzentriert ihre Aufgaben bewältigen zu können, gehen abends nach Hause und fühlen sich frei.

Wie denken die Leute generell über ihre Arbeit?

Die meisten würden sagen: Arbeit ist scheiße. Das legt zumindest eine Studie von Alex Bryson und George MacKerron von der London School of Economics and Political Science nahe. Sie haben versucht, Glück zu verorten. Mithilfe einer App auf dem Smartphone wurden die Testpersonen mehrmals am Tag gefragt, wie glücklich sie sind. Sie mussten dann noch eingeben, wo sie gerade sind und was sie gerade tun. Ergebnis: Am unglücklichsten sind die Menschen, wenn sie krank im Bett liegen. Auf dem vorletzten Platz liegt die Erwerbsarbeit. Sogar Hausarbeit wird höher bewertet als das Büro. Trotz der ganzen Versuche, die Arbeit spaßiger zu gestalten, hat sich nicht viel geändert.

Sind Sie glücklich im Büro?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Tage, an denen komme ich mit einem Aufsatz voran, oder ich habe Zeit zu lesen. An solchen Tagen gehe ich glücklich nach Hause. Tage, die mich wahnsinnig machen, sind diejenigen, an denen ich morgens um sechs Uhr aufstehe, um mich für ein nutzloses Meeting vorzubereiten, das unendlich lange dauert, bei dem alle labern. Wenn ich an solchen Tagen abends spät nach Hause komme, habe ich das Gefühl, überhaupt nichts geschafft zu haben. Da fühle ich mich dann miserabel. ---

André Spicer, 39,
ist Professor für Organisationsverhalten an der Cass Business School der City University in London und Gründer des Thinktanks Ethos. Auf Deutsch erschien zuletzt das von ihm und Carl Cederström verfasste Buch: „Das Wellness-Syndrom“, Berlin 2016 (Edition Tiamat)

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