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Dass der Lean-Ansatz aus der industriellen Arbeitsorganisation kommt, merkt man. Toyota hat ihn in den Achtzigerjahren entwickelt, um mehr Autos in höherer Qualität zu produzieren. Nur: Bei Toyota gab es einen Rahmen, der den erhöhten Arbeitsdruck auf die Mitarbeiter am Fließband erträglich machte. Es war harte Arbeit, aber man wurde dafür auch belohnt: Den Arbeitern am Fließband wurde garantiert, dass sie ihren Job nicht verlieren; dass man ihre Verbesserungsvorschläge also nicht nutzen würde, um ihre Arbeitsplätze abzuschaffen. Es gab eine Kultur, in der man sich für Fehler bedankte – um sie fortan zu vermeiden. Die Arbeiter bekamen relativ sichere Aufstiegschancen, in der fast jeder irgendwann vom Band wegkam und eine untere Führungsposition einnehmen konnte.

Eine Forschungsgruppe am Massachusetts Institute of Technology (MIT) hat Ende der Achtzigerjahre das Toyota-Modell untersucht und daraus das Modell des „Lean Managements“ abgeleitet. Ulrich Jürgens, Professor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), hat damals an dem MIT-Projekt teilgenommen:

„Das Ganze wurde durch den Kontext überhaupt erst erträglich gemacht: die lebenslangen Beschäftigungsgarantien, die Aufstiegschancen. Und die Mitarbeiter wurden dazu ermuntert, das System als Ganzes zu sehen und zu verstehen. Sie sollten in Alternativen denken. Wenn aber der Ablauf in einem Unternehmen zur Blackbox wird, in der man nur noch mit irgendwelchen Daten konfrontiert wird, die man nicht mehr nachvollziehen kann, dann funktioniert das nicht. Es ist ein sehr fragiler Weg, Arbeit zu organisieren. Man kann viel falsch machen.“ Genau das passiert gerade in der mittleren Verwaltung, bei den Sachbearbeitern, teilweise auch in der IT-Entwicklung und den Entwicklungsabteilungen.

„Bei uns ist die ganze Verwaltung betroffen. Die Personalabteilungen, der Einkauf, die Buchhaltung. Da fallen Arbeitsschritte raus, die Arbeit wird kleinteiliger, man verliert den Überblick über das große Ganze. Das hat auch Auswirkungen auf die Bezahlung. Je einfacher der Job ist, desto weniger wird bezahlt. Bei uns werden inzwischen etwa die Zeugnisse zentral geschrieben. Früher hat das die Personalabteilung vor Ort gemacht. Jetzt gibt es Leute, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als Zeugnisse zu schreiben. Vorher geben Führungskräfte online ein paar Infos ein, wie der Mitarbeiter so war. Und dann werden Textbausteine zusammengeschustert. Dabei kennen sie die Leute überhaupt nicht.“

— Eine Sachbearbeiterin bei Siemens

„Noch vor fünf Jahren waren wir Programmierer relativ eigenständig. Heute wird unsere Arbeit in kleine Features aufgeteilt, die man relativ schnell fertig hat. Es gibt diese Treffen, wo man sich morgens einmal zusammenstellen muss und sagt, was man am Vortag gemacht hat. Das ist wie im Kindergarten der Stuhlkreis, nur für Erwachsene. Das war ja auch ein Ausdruck des Vertrauens, dass man mir eine komplexe Aufgabe gibt und mich damit erst mal allein lässt. Jetzt wird dieses Kontrollnetz über uns gelegt. Und diese kleinen Aufgaben arbeitet man in ein, zwei Tagen ab, und dann gibt es die nächste. Und so weiter und weiter und weiter.“

— Ein Programmierer bei SAP

Tatsächlich ist das, was derzeit in deutschen Büros geschieht, nicht ganz neu. In den Zwanzigerjahren wurden Büros bereits einmal nach dem Vorbild der tayloristischen Fabriken umgestaltet. Die Aufgaben wurden in kleine Schritte zerlegt. Es gab Angestellte, die den ganzen Tag nur Briefe öffneten, nur tippten, nur archivierten oder die als Kuriere nur Unterlagen von einem Schreibtisch zum anderen brachten. Die Standardisierung machte es einfach, die Leistung der Angestellten zu messen und zu vergleichen: Man musste nur prüfen, wie viele Briefe jemand geschrieben, wie viele Unterlagen er archiviert oder wie viele Botengänge er hinter sich hatte.

Die Büros waren offen, ohne Raumteiler, so ließen sich die Schreibtische besser überwachen. Die Arbeit wurde, im Unterschied zu heute, schweigend verrichtet – Gespräche kosteten nur unnötig Zeit. Es war stressige, monotone, entfremdende Arbeit. Ein junger Versicherungsangestellter namens Franz Kafka schrieb damals: „Die Fesseln der gequälten Menschheit sind aus Kanzleipapier.“

 

 

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