Ausgabe 03/2017 - Schwerpunkt Neue Arbeit

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Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor mit hohem Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit, die sich oft gehetzt fühlen, in Prozent 52
Anteil der Beschäftigten im Dienstleistungssektor mit geringem oder keinem Spielraum in der Gestaltung ihrer Arbeitszeit, die sich oft gehetzt fühlen, in Prozent 65

• Im Büro kann viel schiefgehen. Das fängt schon mit den Schreibtischen an. Da können Blumenvasen umfallen, Wassergläser auf Computer kippen, Telefone vom Tisch stürzen. Alles schon vorgekommen. Also besser auf Nummer sicher gehen, dachte man sich bei Pentair, einem irischen Unternehmen, das in Deutschland vor allem Gehäuse für Telefonanlagen herstellt. Man markierte auf den Schreibtischen mit Farben, wo die Telefone zu stehen haben, die Bildschirme, die Computer. Alles schön vereinheitlicht. Wer sein Telefon jetzt falsch hinstellt, kriegt eine Rüge vom Chef.

Und das ist noch nicht alles:

„Wir treffen uns jetzt jeden Morgen an einem Whiteboard und müssen berichten, ob jemand einen Arbeitsunfall hatte – ob sich jemand den Daumen in der Schublade geklemmt hat, den Finger am Papier geschnitten hat oder über seinen Bürostuhl gefallen ist. Wie in der Produktionshalle ist das. Und wir haben noch eine verschärfte Form, da werden dann Beinahe-Unfälle berichtet. Also Sachen, die zu einem Arbeitsunfall hätten führen können. Und das im Büro. Ich meine, was soll hier schon passieren?“

— Eine Sachbearbeiterin in der Verwaltung bei Pentair

Der Wahnsinn in den deutschen Pentair-Büros hat Methode. In den vergangenen Jahren hat sich die Büroarbeit, gerade in großen Unternehmen in Deutschland, radikal verändert. Manchmal zum Besseren – und immer öfter zum Schlechteren. Der Münchener Soziologe Andreas Boes kommt nach 190 Interviews mit Beschäftigten zu dem Ergebnis, dass derzeit eine „Industrialisierung der Kopfarbeit“ stattfinde. Die Arbeit im Büro ähnele immer mehr der Arbeit in der Fabrik: Kleine, standardisierte Arbeitsschritte würden unter Zeitdruck wie an einem „digitalen Fließband“ am Computer abgearbeitet und von Software protokolliert. Dazu gehört dann auch, dass man die Büroräume standardisiert, unnötige Wege vermeidet und sie so sauber hält wie die Produktionshallen der großen Autobauer.

Auch in den Interviews für diesen Artikel berichten die meisten, egal ob sie Sachbearbeiter sind oder Ingenieure und Programmierer, dass ihre Arbeit immer atemloser werde. Sie geben gern Auskunft, allerdings nur anonym.

Der Wandel trägt dabei verschiedene Namen wie „lean“ oder „agile“. Immer geht es darum, die Arbeit in den Büros schneller, besser und effizienter zu machen. Ein Versprechen, das derzeit die meisten deutschen Großkonzerne machen, von den Autobauern bis hin zu Banken und Versicherungen.

Das „Lean Office“, das schlanke Büro, hat Einzug gehalten in Deutschland. Zwischen 20 bis 30 Prozent aller Tätigkeiten könnten so – das ist zumindest die Hoffnung – eingespart werden. Nur dadurch, dass man Büroarbeit anders organisiert. Davon geht zum Beispiel das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart aus. Unnötige Arbeitsschritte etwa werden gestrichen. Überhaupt alles, was keinen Wert für den Kunden schafft, kann weg. Um herauszufinden, was verzichtbar ist, wird zunächst in einer sogenannten Wertstromanalyse untersucht, was jeder Mitarbeiter in seinem Büro eigentlich den ganzen Tag so macht.

 

 

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