Ausgabe 04/2017 - Was Menschen bewegt

Wolfgang Beltracchi

Echt falsch

• Im Jahr 2011 fielen zwei Männer aus ihrer Rolle. Der eine, weil er wollte, der andere, weil er musste. Sie hatten beide Millionen verdient und ihre Lebensmitte hinter sich gelassen. Der jüngere, ein Unternehmer, war 51, der ältere, ein Künstler, 60 Jahre alt. Sie kannten einander noch nicht und hatten keine Ahnung davon, dass sie in paar Jahren eine unglaubliche, ja leicht verrückte Idee gemeinsam verfolgen würden: Mitte 2015 beschließen Christian Zott und Wolfgang Beltracchi in einem Restaurant in München-Schwabing, eine Wanderausstellung über gleich 2000 Jahre Kunstgeschichte zu schaffen. Sie soll aus mehr als 30 Bildern bestehen – die aber allesamt noch zu malen sind. Gleichwohl hätten die Werke auszusehen, als wären sie alt und stammten von berühmten Künstlern verschiedener Epochen.
2011 aber brach der Unternehmer Zott erst mal zu neuen Ufern auf – und der Maler Beltracchi fuhr ein.

Der Bayer Christian Zott, ein erfolgreicher Entrepreneur, der die Lieferketten und Logistik großer Konzerne optimiert, legt damals die Macht über seine Firma MSE-GmbH in die Hände seiner Führungskräfte, zum ersten Mal seit der Unternehmensgründung im Jahr 1986. Denn Zott hat vor, allein durch Südeuropa zu wandern. Er möchte das Scheitern seiner Ehe verarbeiten, seine Seele von Ballast befreien, die Zukunft planen. Und er will herausfinden, ob er wieder jene Gefühle großer Zufriedenheit in sich wachrufen kann, die er mit Anfang 20 als junger Abenteurer empfunden hatte, als er mit Freunden monatelang in Kanadas Wildnis das Überleben übte.

Zott, gewöhnt an schöne Häuser, schmucke Autos, dienstbares Personal, aber auch an Extremsport, die ständige Expansion seiner Firma und die Verantwortung für mehr als 100 Mitarbeiter und zwei Kinder, macht sich das Vorhaben im Wortsinn leicht. Er trägt nichts weiter bei sich als eine Garnitur Wechselkleidung, Kreditkarten und sein Smartphone. Letzteres dient ihm unter anderem als Bibliothek. Auf den 5000 Kilometern Fußmarsch vom äußersten Westen Portugals bis hinüber zum Bosporus hört er an die 70 Hörbücher, darunter Klassiker der Philosophie und Bestseller von Historikern.

Während Zott sich freiläuft, steht der Maler Wolfgang Beltracchi vor Gericht. Er wird als Betrüger und Urkundenfälscher überführt und im Oktober 2011 zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Da hat er bereits 14 Monate Untersuchungshaft hinter sich und im internationalen Kunsthandel den größten Skandal der Nachkriegszeit ausgelöst.

Die unterschiedlichen Vorgeschichten der Macher Zott und Beltracchi helfen zu verstehen, wonach die Männer heute suchen und was sie durch ihr gemeinsames Ausstellungsprojekt zu finden hoffen. Es sind sehr unterschiedliche Dinge. Beltracchi sagt: „Da wird es noch Zoff geben!“

„Kairos. Der richtige Moment“ lautet, ein bisschen altgriechisch-gelehrt, der Titel für die große Schau. Im Oktober 2018 soll sie in der Nationalen Markusbibliothek in Venedig das erste Mal zu sehen sein. Der Vertrag ist unterschrieben, Christian Zott sagt, es gebe kein Zurück mehr.

Beltracchi will bis dahin 23 Bilder malen, für jede Epoche und wesentliche Strömung der Kunstgeschichte eines, darunter viele Großformate. Hinzu sollen noch etwa zehn Arbeiten kommen, die in diesem künstlichen Kunst-Kanon von der Antike bis zum Surrealismus Übergangsperioden illustrieren.

Die Idee dahinter, sagt Zott, sei es, „Leerstellen“ im Werk berühmter Künstler (und damit der Geschichte) zu finden und zu füllen, also Bilder herzustellen, die die Meister zwar nie selbst gemalt haben, aber genau so gemalt haben könnten.

Das klingt kompliziert, aber ein Beispiel für das 16. Jahrhundert mag es vereinfachen: Martin Luther beschrieb mehrfach, dass er als junger Jurist im Juli 1505 zu seiner wahren Berufung gefunden habe, als er während eines Gewitters vom Blitz, der dicht neben ihm eingeschlagen habe, verschont geblieben sei. Da habe er die Heilige Anna angerufen mit den Worten: „Ich will ein Mönch werden.“ Wenn man so will, war diese Entscheidung die Voraussetzung dafür, dass Luther später zum Reformator der Kirche werden konnte.

Doch es gibt keine zeitgenössische Darstellung der Erleuchtung. Darum lässt Beltracchi den zu Luthers Zeiten kursächsischen Hofmaler Lucas Cranach den Älteren dies durch seine Hand nachholen. Beltracchi wird im Stil Cranachs – von dem er sagt, „der war ja eigentlich ein schlechter Maler, da war sein Sohn schon besser“ – eben jene Schlüsselszene darstellen. Er wird eine Leerstelle füllen, eine von 23. Darunter sollen auch ein Max Beckmann sein, ein Kandinsky, vielleicht ein Sandro Botticelli, noch ist nicht alles klar. Es bleiben anderthalb Jahre Zeit, was aber jetzt schon heißt, zwei Bilder pro Monat schaffen zu müssen.

Warum er sich das zutraut? „Ich kann es einfach“, antwortet Beltracchi. Wofür ein Beckmann Jahre gebraucht habe, brauche er fünf bis zehn Tage, „höchstens“.

Ein teuflisch guter Maler will Anerkennung

Er muss es wissen. Über 35 Jahre hinweg hatte Beltracchi, geboren 1951 im Weserbergland als Wolfgang Fischer, Hunderte Bilder gemalt; er schaffte es, die Stile und Sujets Dutzender berühmter Maler aus mehr als vier Jahrhunderten perfekt zu imitieren. Der Sohn eines mittellosen Kirchenmalers und einer Lehrerin täuschte selbst renommierte Experten derart erfolgreich, dass einer der Desavouierten Beltracchi im Nachhinein „diabolisch“ nannte. Dabei malte er wohl nur teuflisch gut.

Ob Vermeer oder Picasso, ob Caravaggio, Cranach oder Campendonk – er führte den Pinsel genau so wie sein jeweiliges Vorbild, benutzte Materialien wie die Meister dereinst. Nur die Motive erfand er neu. Dafür versenkte er sich so in die Biografien der jeweiligen Künstler und den damaligen Zeitgeist, dass es ihm gelang, deren Werk gleichsam logisch fortzuführen.

Dann schleuste er die gefälschte Ware mithilfe zweier Kompagnons sowie seiner eloquenten, löwenmähnigen Ehefrau Helene, von der er den hübschen Nachnamen hat, auf den Kunstmarkt. Der verschlang die Werke regelrecht. Auktionshäuser und Galerien zahlten bald Millionen an jene Kunsthändler, die Beltracchis Ware allzu gern für echt befunden und in Umlauf gebracht hatten.

Die Bande erfand tolldreiste Märchen über die angebliche Herkunft der Bilder und inszenierte sie mit fingierten Dokumenten, Fotos und Galeriesiegeln. Einmal ließ sich Helene Beltracchi als ihre eigene Großmutter verkleidet ablichten. Im Hintergrund des auf alt getrimmten Fotos hängen Bilder, die dem Kunsthandel als Teile einer bis dahin unbekannten, weil frei erfundenen „Sammlung Werner Jägers“ untergejubelt werden sollten. Es gelang.

Im Modus Operandi offenbarte sich die große Kenntnis der Kunstgeschichte und ihrer Marktmechanismen, die die Beltracchis sich angeeignet hatten. Auch deswegen zollt man dem Paar im Nachhinein so viel Bewunderung für seine kriminelle Ener- gie – weil es einem nur scheinbar schöngeistigen, milliardenschweren Geschäft den Spiegel vorgehalten hat. Darin musste jeder, der in ihm mitmischt, erkennen, wie nimmersatt, oberflächlich und großkotzig es dort in Wahrheit zugeht.

Das Quartett machte mindestens 16 Millionen Euro Umsatz, hieß es vor Gericht. Aber ein Gutteil der Besitzer von Beltracchis Falschkunst – darunter angeblich manches berühmte Museum – zog es vor, die eigene Blamage für sich zu behalten und keine Ansprüche an die enttarnten Betrüger zu stellen.

Zu Fall brachte Beltracchi ein Fehler, der ihn bis heute ärgert. Denn er ist ein sehr ehrgeiziger und auch eitler Perfektionist, davon können sein rheinischer Singsang und sein graulockiger Hippie-Look nicht ablenken: Er hatte einmal seine Farbe nicht wie sonst selbst angemischt, sondern sich eine Tube „Zinkweiß“ gekauft. Die chemische Analyse eines angeblichen Heinrich-Campendonk-Bildes ergab 2010, dass in der Farbe Spuren von Titanweiß enthalten sind, ein Stoff, der zu dessen angeblichen Entstehungszeit noch nicht verwendet wurde.

Mit Beltracchis Verhaftung und Zotts langer Wanderung zu sich selbst setzt bei beiden Männern eine Art Metamorphose ein, an deren Ende sie sich neu entpuppen – Christian Zott, weil er kann, Wolfgang Beltracchi, weil er muss.

Für Zott heißt das, seinen diszipliniert erarbeiteten Wohlstand in etwas zu verwandeln, das er nicht kaufen kann – in Glück. Der kleine, muskulöse Mann mit den sehr blauen Augen zitiert sinngemäß Aristoteles, wonach wahrer Reichtum sich darin zeige, dass man ihn vernichte. Der französische Schauspieler Sacha Guitry hat 2300 Jahre später weniger sauertöpfisch gesagt: „Reich sein heißt nicht, Geld zu haben, sondern Geld auszugeben.“

Ein Unternehmer sucht Erkenntnis

So gesehen bereichert sich Zott seither vorbildlich: Er eröffnet in seiner Firmendependance in Singapur ein Edelrestaurant für alpine Küche, weil gutes Essen eine seiner Obsessionen ist. Er wandert einmal im Jahr über die Alpen. Vor allem aber verschreibt er sich der Kunst, stellt eigens Mitarbeiter dafür an, gründet einen Verlag, öffnet Galerieräume, füllt seinen Garten im heimischen Unterammergau mit Skulpturen und die Wände seiner Häuser mit zeitgenössischer Malerei und Fotografie. Er beginnt, in München Philosophie zu studieren, wo ihm auf dem Campus nun manchmal seine Tochter, eine Physikstudentin, über den Weg läuft. Seinen kleinen Sohn hat er an drei Wochentagen bei sich in München. Zott stößt Fotografieprojekte an, organisiert Ausstellungen in Singapur, Südtirol und München, unter anderem mit dem italienischen Fotografen und Kunstdozenten Mauro Fiorese, den er auf seiner Wanderung kennengelernt hatte.

Auch Fioreses Fotografien sollen in der großen Schau zu sehen sein, als dokumentarischer Gegenpol. Denn der Künstler hat über Jahre hinweg in den Depots bedeutender italienischer Museen fotografieren dürfen und dadurch sichtbar gemacht, wie viele Bilder das Publikum nie zu sehen bekommt. Im Schnitt nur zehn Prozent aller Kunst, die Museen besitzen, werden den Besuchern gezeigt, das Gros bleibt im Lager. Jedoch wird Fiorese bei der Vernissage der Wanderschau nicht mehr dabei sein können, er starb Ende vergangenen Jahres mit Mitte 40 an Krebs.

Der 57-jährige Zott macht bald seinen Bachelor. Er überlegt schon, wie danach das Thema der Masterarbeit lauten könnte. Und er baut, das auch noch, in Unterammergau ein Museum, in dem die Wanderausstellung einmal ihre Heimat finden soll.

Wolfgang Beltracchi dagegen verwendet seine Zeit in Haft, um sich als öffentliche Person neu zu erfinden, beziehungsweise: sich und seine sieben Jahre jüngere Frau als öffentliches Paar. Man bekommt die beiden eigentlich nur als symbiotische Einheit zu Gesicht.

Die hedonistischen Hippies, die jahrelang vom französischen Städtchen Mèze bei Montpellier aus unbehelligt die Kunstbranche genarrt und um viele Millionen erleichtert hatten, standen ab 2010 plötzlich im Rampenlicht. Sie nahmen ihre neue Rolle mit Chuzpe an und einem Talent, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Sie verkauften die 1000 Briefe, die sie einander in U-Haft geschrieben hatten, als Buch und schrieben dazu noch eines über seine Fälscherkarriere. Beide verkauften sich bestens.

Arne Birkenstock, der Sohn von Beltracchis Strafverteidiger, drehte 2014 einen Dokumentarfilm über ihre Geschichte. Das Ergebnis fanden die Beltracchis nicht ausschließlich gut, wie sie überhaupt wenig gut finden, was sie nicht komplett selbst in der Hand haben. „Der lässt so viele Fragen offen“, mäkelt Wolfgang Beltracchi über den Film. „Der nimmt Fäden auf und lässt sie wieder fallen“, sekundiert seine Frau.

Ein Grund für ihre beherzte Selbstvermarktung liegt auf der Hand: Im dritten Lebensabschnitt von der Justiz um ihr fleißig ergaunertes Vermögen erleichtert, brauchten die Beltracchis frisches Geld, und woher es kommen müsste, war auch klar. Seine Frau schrieb ihrem Mann „Mucky“ schon in der U-Haft im April 2011: „Ich mache mir keine Sorgen. Mit deinem Talent kannst du uns immer ernähren.“

Das Paar hatte, um die ausgehandelten Rückzahlungen an Betrugsopfer leisten und der Tochter das Studium bezahlen zu können, seine Villen in Mèze und Freiburg im Breisgau verkaufen müssen. Es lebt jetzt, bald zwei Jahre nach der vorzeitigen Entlassung aus dem offenen Vollzug, in der Nähe von Montpellier zur Miete.

Das erzählen die beiden bei einem Abendessen in Hamburg. Sein 66. Geburtstag ist wenige Tage her, er hat’s ein bisschen am Rücken, seine geschwollenen Fingergelenke zeugen von Fleiß. Am Morgen darauf wird er trotzdem die Entertainerin Ina Müller malen, ein Fernsehteam wird das für 3Sat aufzeichnen. Es soll eine weitere Folge der Reihe „Der Meisterfälscher“ entstehen, in der Beltracchi und seine Frau mit je einem Prominenten ins Gespräch kommen, während der ihm zwei Tage lang Modell sitzt.

Beltracchi malt jeden Star im Stil eines anderen berühmten Malers. Er macht legal da weiter, wo er im Illegalen aufhören musste. Harald Schmidt wurde ein Otto Dix, Christoph Waltz ein Max Beckmann, Otto Waalkes ein Van Dyck. Den Ostfriesen fanden die Beltracchis schrecklich anstrengend, weil er nicht habe stillsitzen können.

Die frühere Eiskunstlaufweltmeisterin Katarina Witt malte Beltracchi im Stil der Art-déco-Ikone Tamara de Lempicka. Als er mit ihr fertig war, sagte er, dass er sie erst nicht habe malen wollen. „Ich habe gedacht“, sagte er zu Witt kichernd und ohne Skrupel, „die ist mir nicht berühmt genug.“

„Ach, ehrlich?“, fiel sie ihm charmant ins Wort und rief in ihrem ewigen Sächsisch: „Sie Angeber, Sie!“

Das bringt es auf den Punkt. Der Maler und seine Frau haben verstanden, dass er schnell zu seiner eigenen Marke werden musste, um als zwar genialer, aber auch bloß enttarnter Fälscher in die Geschichte einzugehen. Darin berühren sich die Interessen des sinnsuchenden Zott und des talentierten Beltracchi: Sie wollen in ihrem wahren Ich erkannt werden und um ihrer selbst willen geliebt werden.

Ihre große Frage: Was will, was kann die Kunst?

Für Beltracchi bedeutet die Zott-Schau eine weitere Chance, als eigenständiger Künstler wahrgenommen zu werden, auch wenn er das so nicht sagt. Er betont dauernd, wie schnell sich seine aktuellen Bilder verkauften, wie viel Geld sie brächten und dass er sich vor Anfragen für Porträts kaum retten könne.

Der Unternehmer Zott dagegen möchte, wenn man es richtig interpretiert, Prozesse in Gang setzen und Dinge erschaffen, an die man nicht die Maßstäbe des Kapitalismus‘ legen kann. Er will herausfinden, was wahre Freundschaft, Liebe, Freiheit ausmacht oder ob sie vielleicht unmöglich sind und wenn ja, warum.

Vor Zotts Haus in Unterammergau ruht auf einem Sockel eine große Bronzeplastik seines Lieblingsbildhauers, des Südtirolers Lois Anvidalfarei. Es ist ein Männerkopf mit geschlossenen Augen und ernstem Gesicht, auf der Wange ruht eine Hand. „Man weiß nicht, ob es seine ist oder ob ihn jemand berührt, nicht wahr?“, fragt Christian Zott.

Die Bronze wirkt wie ein Gleichnis auf sein Beltracchi-Projekt: Letztlich ist es egal, wer hier wem Gutes tut. „Ich muss das einfach machen!“, sagt Zott. Allein die Vorstellung, einen leicht zugänglichen, auch für Schulklassen verständlichen Überblick davon zu erschaffen, was Kunst kann und will, beglückt ihn schon im Voraus.

Zahlt er Beltracchi viel für die Arbeit? „Ja“, antwortet Zott ungewöhnlich rasch und macht dazu ein Mein-lieber-Scholli-Gesicht, „richtig viel!“ Aber er nennt keine Summe.

Wolfgang Beltracchi wird ein paar Tage später in Hamburg sagen, beiläufig: „Viel Geld verdien‘ ich damit ja nicht.“

Echt nicht?

„Näh.“

Dankbarkeit ist nicht seine Sache. Er ist so stolz, wie sein altmeisterliches Profil mit der Hakennase wirkt. Was ihn reizt – deswegen haben er und seine Frau nicht lange überlegt und 2015 schnell den Vertrag mit Zott unterschrieben –, ist das erwartete Prestige. Es könnte Beltracchis Methode aus seinen Jahrzehnten als Fälscher womöglich in den Stand echter Kunst erheben, sie endgültig als eigenständig adeln. Auch das kann man sich nicht kaufen, man kann es nur schaffen.

Schon vor Gericht hatte er gesagt, er habe nie kopiert, sondern Bilder gemalt, die im Werk der Künstler nicht hätten fehlen dürfen.

Er hat sich ausgedacht, was noch hätte kommen können, wären die echten Maler nicht geflohen, gestrauchelt, gestorben oder am Kunstmarkt ihrer Zeit gescheitert. Die kluge Herangehensweise ließ seine falsch deklarierte Ware nachher so echt erscheinen.

Worüber aber sollte es Zoff mit Zott geben, wie Beltracchi vermutet? Darüber, sagt er, welches die richtigen 23 Motive, die zu füllenden „Leerstellen“ aus der Kunstgeschichte sind und was auf den Bildern zu sehen sein wird. Christian Zott möchte sie gern mithilfe der von ihm engagierten Wissenschaftler finden und beschreiben. Beltracchi dagegen hält sich für federführend. Vermutlich wird die schiere Masse an Arbeit, die vor ihnen liegt, alle disziplinieren. Anfang März waren erst drei Gemälde fertig und der Grundstein für das Museum in Unterammergau ist noch nicht mal gelegt.

Die Häuser, in die die Wanderausstellung eines Tages einziehen soll, nachdem sie zuvor in möglichst vielen europäischen Städten gastiert haben soll, wollte Christian Zott schon 2011 bauen. Er hatte der Gemeinde Unterammergau 1,7 Hektar Land dafür abgekauft, das man vom Waldrand seines eigenen Grundstücks aus sehen kann. Geplant waren ursprünglich ein Schulungszentrum für seine Firma, ein Gästehaus und ein Restaurant. Die Baugenehmigung lag vor. Doch dann legte Zott sein Vorhaben auf Eis, weil er die vielen Millionen Euro in Singapur besser investiert sah, wohin seine Firma damals zusammen mit einem ihrer Großkunden expandierte.

Die Enttäuschung daheim war groß, und nachdem Zott Ende vergangenen Jahres beantragt hatte, einen Teil seines geplanten Neubaus für ein privat betriebenes, aber öffentlich zugängliches Museum umzuwidmen, fiel die Abstimmung der Gemeindevertreter nur knapp dafür aus.

Vielleicht ist es gut, dass sie nicht alles wissen, was Christian Zott ausheckt. Im Mai, zum Beispiel, wird er auf seinem Landsitz die Installation „Gefallene Engel“ mit den berührenden Skulpturen des Bildhauers Anvidalfarei aufstellen lassen. Sie besteht aus sechs Bronzen, die leidende Körper darstellen und in Kuben aus Stahlrohren gefangen sind. Sie stehen für Motive, die im Neuen Testament zum Sturz der Engel führten: Willensfreiheit, Stolz, Lust, Streben nach Gottgleichheit und fehlender Respekt vor den Menschen. Es ist kein Zufall, dass Zott die religionskritische Kunst zu Hause in Unterammergau zeigt, wo alle zehn Jahre im Nachbarort bei den berühmten Passionsspielen der Leidensweg Christi von Laien stets bibeltreu aufgeführt wird.

In seiner Firma hielt Zott bald nach seiner Rückkehr von seiner Südeuropa-Wanderung wieder die Zügel in der Hand. Er blieb damals 2011 auch nur sieben Monate weg, statt eines Jahres. Dauerhaft Macht an sein „tolles Management“ abzugeben, „das schaffe ich noch nicht ganz“, gesteht er. „Aber die Arbeit macht mir ja auch Spaß.“

Es ist also nicht zu befürchten, dass er wunderlich wird. Dafür fasziniert ihn der technische Fortschritt zu sehr. Gerade, sagt er, arbeiteten seine Entwickler an einer neuartigen Virtual-Reality-Brille, die nicht geschlossen sei. Würde sie serienreif, könnte man damit, als Team und über Kontinente hinweg, im virtuellen Raum an Modellen arbeiten, ohne dabei wie ein blindes Huhn durchs eigene Büro zu stolpern. „Das wäre irre!“, ruft Christian Zott. Und irgendwie kann man nicht anders, als sich mit ihm über seine Freude zu freuen, egal was das wird, mit der Brille. Oder mit der Ausstellung. ---

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