Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Theater als Widerstand

„Wir haben Angst, aber wir machen weiter “

Ayham Majid Agha, 36,

ist Schauspieler und Regisseur; der Syrer war bis 2012 Junior-Professor für Schauspiel an der Hochschule für Darstellende Künste in Damaskus. Seit 2013 lebt er im Exil in Deutschland; er ist am Berliner Maxim Gorki Theater engagiert.

 

 

„Ohne offizielle Erlaubnis ist es in Syrien völlig unmöglich, Theater zu spielen“
Ayham Majid Agha
Foto: © Esra Rotthoff

 

„Ich habe acht Jahre lang interaktives Theater gemacht, zusammen mit einer Theatergruppe; von 2003 bis 2011 haben wir in mehr als 200 Dörfern in ganz Syrien gespielt. Das fanden wir wichtiger und interessanter, als im Nationaltheater in Damaskus aufzutreten. Der Abstand zwischen den Verhältnissen in Damaskus und dem Leben der Bauern auf dem Land ist sehr groß. In den Dörfern gibt es oft keine Elektrizität oder Telefonanschlüsse, viele Menschen können kaum lesen. Zuerst sind wir nur in einem Bus durch das Land gefahren, um die Lage in den Dörfern besser zu verstehen. Das Wichtigste war der Kontakt mit den Menschen dort. Wir wollten mit dem Straßentheater Situationen schaffen, in denen sie sich öffnen und über ihre Probleme reden können. In den Stücken ging es um ihr Leben, um Familien mit vielen Kindern, um 14-jährige Mädchen, die verheiratet werden, um die Lage der Frauen oder um junge Männer, die nicht zur Armee wollen und sich 20 Jahre lang in einem Zimmer verstecken. Weil wir auf der Straße spielten, wussten die Leute zuerst oft gar nicht, dass wir gerade Theater machen. Nach spätestens 20 Minuten waren die Zuschauer Teil des Spiels, wir konnten mit ihnen in einen Dialog treten.

Die Entscheidung, auf der Straße Theater zu spielen, war nicht ungefährlich. Wir haben über Tabuthemen gesprochen, Sexualität und Religion zum Beispiel. Syrer sind konservativ, oft haben die Zuschauer wütend reagiert. Manchmal haben die Leute Steine auf uns geworfen oder das Spiel aggressiv unterbrochen, zum Beispiel indem sie mit Motorrädern so laut um uns herumgefahren sind, dass man nichts mehr verstanden hat, oder sie haben uns Prügel angedroht. Manchmal haben sie sich bei der Polizei oder bei einflussreichen Leuten in Damaskus über uns beschwert. Oder sie waren empört und haben gesagt, was wir spielten, stimme nicht, es würden keine 14-jährigen Mädchen verheiratet oder wenn doch, sei das kein Problem. Das war gut für uns, darauf konnten wir reagieren, das war Teil unseres Theaters. Wir haben solche Situationen regelrecht trainiert.

Syrien ist eine Diktatur, überall ist Polizei. Ohne offizielle Erlaubnis ist es in Syrien völlig unmöglich, Theater zu spielen, erst recht Straßentheater auf dem Land. Es gab nur einen Weg, so etwas zu machen: mit der Unterstützung der einzigen Nichtregierungsorganisation des Landes, die der Frau des Präsidenten gehörte. 2011 habe ich das Projekt aufgegeben, weil klar war, dass wir nicht mehr weiterarbeiten konnten. Heute gibt es in Syrien nur noch die Propaganda des Regimes. Die meisten meiner Freunde sitzen im Gefängnis, oder sie sind emigriert. An einem einzigen Tag wurden elf meiner engsten Freunde verhaftet. Ich habe mich immer wieder wochenlang versteckt. Irgendwann war klar, dass ich nicht in Syrien bleiben konnte. Wenn es die Garantie gibt, dass ich nicht verhaftet werde, und wenn die politischen Gefangenen freikommen, fahre ich sofort zurück nach Syrien und mache dort wieder Theater. Ich bin kein Held der Opposition, ich will nur meine Rechte als Bürger verteidigen und Theater zu den Themen machen, die mich interessieren.“

 

Seite I:
Ayham Majid Agha, 36, Maxim Gorki Theater, Berlin

Seite II:
Laila Soliman, 36, politisches Dokumentartheater, Kairo

Seite III:
Oliver Frlji´c, Kroatien, 41, ehemals Kroatisches Nationaltheater, Rijeka

Seite IV:
Yesim Özsoy, 45, GalataPerform, Istanbul

Seite V:
Georg Genoux, 40, Mitbegründer des Theatre of Displaced People, Kiew

Seite: VI:
Árpád Schilling, 42, Gründer des Ensemble Krétakör, Budapest

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