Ausgabe 04/2017 - Korrespondentenbericht aus Russland

Die Angst des Kriegers vor zu harten Zahnbürsten

• Im Nachbarhaus wohnt Immanuil, ein russischer Bilderbuchrecke. Ein Riese mit einem Rumpf wie ein Eichenfass, Bizepsen wie Blasebälge und himmelblauen Augen.

Kürzlich stieß er im Hinterhof auf einen Mann, der dabei war, eine Frau zu schlagen. Immanuil überwältigte ihn und rief die Polizei. Die Stärke des Gegners ist zwar nicht überliefert, doch sollte man Immanuils Tat keinesfalls unterschätzen. Denn wer sich in Moskau einmischt, weiß nicht, ob der andere ein Messer, eine Pistole oder eine chemische Keule zückt. Oder den Dienstausweis eines der zahlreichen Sicherheits- oder Geheimdienste.

Immanuil hat sich trotzdem eingemischt. Obwohl Russen eigentlich bemüht sind, Situationen zu vermeiden, in denen sie es mit der Staatsmacht zu tun bekommen. Das Blatt kann sich schließlich schnell gegen sie wenden: Was, wenn die einzige Zeugin vor der Polizei zu ihrem Peiniger gehalten hätte? Immanuil aber hat sich eingemischt und jene Hemmschwellen überwunden, die man gemeinhin als Angst bezeichnet.

Auf Russisch heißt Mut Muschestwo. Wie im Deutschen wird Muschestwo von altmodischen Nachbartugenden flankiert, die Tapferkeit oder Kühnheit entsprechen. Das Wort hat den gleichen Wortstamm wie Mann und lässt sich auch als Mannhaftigkeit übersetzen. Für Russen ist Mut nicht nur eine Tugend, sondern ein nationaler Wesenszug. Die Medien zitieren eifrig eine aktuelle Gallup-Umfrage, nach der 59 Prozent der Russen bereit sind, ihr Vaterland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Das vierttapferste Ergebnis in Europa. Zum Vergleich: Deutschland landet mit 18 Prozent Wehrwillen auf dem vorletzten Platz. Russland aber pflegt den Todesmut seiner Krieger als traditionellen Wert – von der Schlacht um Borodino im Jahr 1812 bis zur Befreiung Berlins.

Ende 2016 gab es 644 „Helden Russlands“ und mehr als 100 000 Träger des sogenannten Mut-Ordens. Zum Großteil Militärs, meistens Männer. Millionen Russen zieren ihre Autorückspiegel oder Handtaschen mit orange-schwarzen Georgsbändchen, die an den Sieg über Hitler-Deutschland erinnern sollen. Ursprünglich dienten sie als Ordensbändchen für verwundete Soldaten, die auf dem Schlachtfeld ihr Blut für Zar und Vaterland vergossen hatten. Nach einer Umfrage der Stiftung für Öffentliche Meinung glauben 85 Prozent der Russen, die Welt fürchte sich vor ihrem Land. 75 Prozent finden das gut.

Die Bürger Russlands eint das beruhigende Gefühl, zu einer der mutigsten und mannhaftesten Nationen der Welt zu gehören. Oder wie ein guter Bekannter, der eigentlich aus Tadschikistan stammt, einmal die deutsche Mentalität kommentierte: „Wie kann ein Volk, dessen Männer im Sitzen pinkeln, überhaupt einen Krieg gewinnen?“

Dabei ziehen Tadschiken wie Russen beim Fußball gern den Fuß zurück, wenn ein deutscher Sitzpinkler zur Grätsche ansetzt. Die russische Mannhaftigkeit besitzt durchaus ihre Schwachstellen. In einem vaterländischen Supermarkt eine „harte“ Zahnbürste zu finden ist praktisch unmöglich – mangels Nachfrage. Russlands Männer wollen das eigene Zahnfleisch offenbar nicht zu starken Borsten ausliefern.

Und Mut ist in Russland keineswegs nur männlichen Geschlechts. Die Verse des Dichters Nikolai Nekrassow über die russische Bauersfrau als furchtloser Retterin, „die galoppierende Pferde anhält und brennende Holzhütten betritt“, sind längst sprichwörtlich geworden. Wo es in den Romanen von Turgenjew oder Tolstoi um Liebe geht, dort begehen Frauen oder Mädchen die eigentlichen Heldentaten, riskieren für ihre Gefühle grausame Enttäuschung, ihren guten Ruf oder gar ein blutiges Ende unter den Stahlrädern einer Lokomotive. Weiblicher Wagemut, den man bis heute auch in sibirischen Dorfklubs oder in Petersburger Kunstgalerien erleben kann.

Schießen ja – widersprechen nein

Doch diese Tapferkeit ist ziemlich privat. Der Begriff Zivilcourage oder Bürgermut wird in Russland kaum verwendet. Der Obrigkeit am Arbeitsplatz zu widersprechen gilt als Peinlichkeit, in der Öffentlichkeit gegen sie laut zu werden als Vaterlandslosigkeit, wenn nicht als Verrat. Für diese Haltung gibt es allerdings auch gute Gründe: Nicht nur politische Demos, auch kritische Internetportale und Theaterstücke werden inzwischen verboten. Oppositionelle vereinzeln wieder zu Dissidenten. Auch die Freiheit des Wortes zieht sich in die Küchen zurück, wo sie sich schon zu Sowjetzeiten versteckte. Dort schimpfen viele Russen auch heute lautstark über korrupte Beamte, marode Hochschulen oder geschlossene Krankenhäuser. Allerdings versichern die meisten, letzten Endes stünden sie doch hinter Wladimir Putins Staatsmacht. Die Russen bleiben von ihrem eigenen Mut überzeugt. Wenn sie die herrschenden Zustände zum Teufel wünschten, müssten sie als „echte Männer“ auch einen Haufen Ärger riskieren, um die Missstände zu beseitigen. Russlands Mannhaftigkeit hat nicht nur Brüche, sie hat auch Grenzen.

Immanuils Sohn hört auf den sehr russischen Namen Wolodja. Immanuil ist stolz auf seinen Erstgeborenen, er will ihn später in eine Suworow-Kadettenanstalt geben, Wolodja soll einmal Panzerkommandeur werden. Ich finde, das ist keine gute Idee. Nicht nur, weil Wolodja vielleicht ein ähnlicher Hüne wie sein Vater wird und es im Bauch eines Panzers sehr eng für ihn werden könnte. Sondern vor allem, weil mutiges, tapferes oder tollkühnes Herumfahren in Panzern eine Tätigkeit ist, die eine Gesellschaft nicht ernsthaft weiterbringt. Und im Gegenteil oft böse Folgen zeitigt. „Um ehrlich zu sein, ich bin froh, dass ich zwei Töchter habe“, sage ich zu Immanuil.

Er schweigt und richtet einen Blick auf mich, weich und kalt zugleich, ein Blick, in dem sich Mitleid mit Verachtung mischt. So sieht man in Russland Feiglinge an. ---

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