Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Re-Boot Kamp

An die Tastatur!

• Fatema Hammami sieht nicht so aus, wie man sich im Westen gemeinhin Computerfreaks vorstellt. Die 26-jährige Syrerin trägt im Büro einen Hidschab und einen weiten Mantel, der bis zu den Knöcheln reicht. Aber Computer sind ihr Leben, ihr neues Leben. Ohne ihre Arbeit in einem einzigartigen IT-Projekt könnte ihre neunköpfige Familie nicht überleben. Vor fünf Jahren ist Hammami mit ihrer Mutter und sieben Geschwistern aus dem syrischen Aleppo ins Nachbarland Jordanien geflohen. Einer ihrer Brüder arbeitet als Grafikdesigner, doch Hammami verdient doppelt so viel. „Es ist immer noch schwierig“, sagt sie, „aber dank meines Gehalts ist unsere Lage jetzt stabil.“

Alles ist relativ, auch Flüchtlingskrisen sind es: 656 000 Syrer haben die Vereinten Nationen in Jordanien registriert, die Regierung schätzt, dass es in Wahrheit sogar 1,3 Millionen sind. Damit wäre jeder fünfte Einwohner des Königreichs ein Flüchtling – das ist so, als hätte Deutschland 17 Millionen Menschen aufgenommen. Das kleine, ressourcenarme Land ist mit der Versorgung überfordert. Es ist chronisch abhängig von Entwicklungshilfe, der öffentliche Sektor ist aufgebläht, der private gehemmt von Korruption und Vetternwirtschaft. Internationale Hilfsorganisationen und lokale Nichtregierungsorganisationen (NGOs) lindern die größte Not, dennoch leben 80 Prozent der Syrer in Jordanien laut Amnesty International unterhalb der Armutsgrenze.

Diese Situation hat die lokale und internationale Tech-Szene auf den Plan gerufen. Die Flüchtlingskrise könnte die Gelegenheit bieten, ihr tausendfach wiederholtes Versprechen einzulösen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Einigermaßen machbar ist das an Orten wie San Francisco oder Berlin, an denen die Welt auch vor der neuesten Taxi-App schon recht gut war. In der rauen Realität des Nahen Ostens aber, in den staubigen Flüchtlingscamps und Armenvierteln, muss dieses Versprechen noch eingelöst werden.

Nur 18 Wochen Zeit

Ein Wintermorgen im Februar in Amman, Jordaniens Hauptstadt. Der King Hussein Business Park im Nordwesten der Stadt döst noch in der schwachen Sonne vor sich hin, es sind kaum Menschen zu sehen. Mit den Grünflächen, Bänken und Coffeeshops zwischen den Bürogebäuden erinnert der Park an einen modernen Campus, und er ist tatsächlich das Herz des Hightech-Sektors des Landes: Internationale Unternehmen wie Cisco und Microsoft haben hier ihren Sitz, ebenso wie etliche jordanische IT-Firmen und ein Start-up-Inkubator. In einer Halle im Gebäude Nummer 23 starren an diesem Morgen 31 junge Männer und Frauen auf Laptops. Es gibt eine Küchenzeile, bunte Sitzsäcke und einen Kickertisch, doch die jungen Menschen bewegen ihre Augen nicht von den Bildschirmen weg, sie sind hochkonzentriert.

Die Frauen und Männer werden in einem 18-wöchigen Intensivkurs zu Softwareentwicklern ausgebildet. Re-Boot Kamp, kurz RBK, heißt das Projekt, das Motto: „Hacking a Better Future“. Hier wurde auch Fatema Hammami ausgebildet, hier arbeitet sie heute als Mentorin. Das Konzept stammt aus den USA, wo sogenannte Coding-Bootcamps seit einigen Jahren regen Zulauf haben. Der Lehrplan ist effizient: Vermittelt werden jene Programmierfähigkeiten, die die Industrie am stärksten nachfragt, für Theorie bleibt keine Zeit. Kritiker bemängeln zwar fehlende Tiefe im Vergleich zum Informatikstudium. Dennoch findet der Großteil der Bootcamp-Absolventen gut bezahlte Jobs als Entwickler. Mit dem RBK in Amman dringt das Konzept zum ersten Mal in die arabische Welt vor – mit einem besonderen Auftrag: Die Mehrheit der Teilnehmer sind Flüchtlinge, 15 Syrer, zwei Iraker, zwei Jemeniten, die übrigen stammen aus Jordanien.

Die Idee, das Konzept aus dem Silicon Valley in den Nahen Osten zu exportieren, stammt von Hugh Bosely, einem 55-jährigen Amerikaner. Bosely sitzt in Cordjackett und Wollmütze ein wenig abseits und beobachtet seine Auszubildenden. Mr Hugh nennen sie ihn hier, mit einer Mischung aus Respekt und Zutraulichkeit.

25 Jahre lang arbeitete er als Architekt in San Francisco, bis 2013 eine syrische Freundin an seiner Tür klingelte. Sie hatte in ihrer Heimat Proteste gegen das Assad-Regime organisiert, war verhaftet, gefoltert und vergewaltigt worden. „Sie tauchte bei mir auf mit gebrochenem Rücken und Füßen, die keine Ähnlichkeit mehr mit menschlichen Füßen hatten“, erzählt Bosely. „Ich verbrachte die folgenden anderthalb Jahre damit, sie wieder zusammenzusetzen. In dieser Zeit lernte ich einiges über diesen Teil der Welt.“

Er beschloss, sich zu engagieren. 2014 besuchte er das Zaatari-Camp im Norden Jordaniens, mit 80 000 Bewohnern die viertgrößte Stadt des Landes. „Ich sah all das intellektuelle Potenzial, das in den Camps brachlag, dachte an die große Nachfrage für Softwareentwickler und zählte eins und eins zusammen.“ Er nutzte seine Kontakte im Silicon Valley, gewann Hack Reactor, einen der Bootcamp-Pioniere in den USA, für eine Zusammenarbeit, und trieb 50 000 US-Dollar von Investoren ein. Im Mai 2016 startete er in Amman den ersten Versuch mit 40 Teilnehmern, ausgewählt aus Hunderten von Bewerbern. Nur 17 von ihnen schlossen den Kurs ab: Vier tauchten gar nicht erst auf, andere brachen ab. Das Programm ist hart: Offiziell haben die Teilnehmer 13 Stunden täglich Unterricht, de facto sitzen sie oft bis tief in die Nacht an den Aufgaben.

Jordaniens Verband für Informations- und Kommunikationstechnik klagt seit Jahren über hohe Arbeitslosenzahlen unter den jährlich rund 6000 Informatikabsolventen der Universitäten. Doch die Ursache des Problems scheint eher in der Ausbildung als in der Nachfrage zu liegen: Drei Viertel aller IT-Unternehmen haben Schwierigkeiten, passende Bewerber zu finden, sie kritisieren sowohl mangelnde technische Fähigkeiten als auch fehlende Englischkenntnisse und Teamfähigkeit. In diese Lücke stößt Re-Boot Kamp: Der Unterricht findet auf Englisch statt, die Teilnehmer arbeiten in wechselnden Gruppen. Auch daran mag es liegen, dass alle 17 Absolventen einen Job gefunden haben.

Eine von ihnen ist die 30-jährige Rana Kelani aus Hama im Westen Syriens. Vor ihrer Ausbildung schlug sie sich mit Aushilfsjobs durch. Heute arbeitet sie als Web-Entwicklerin für ein jordanisches Start-up namens ArabiaWeather, das Wettervorhersagen und Apps für die arabische Welt produziert. 700 jordanische Dinar verdient Kelani im Monat, 935 Euro. Eine bescheidene Summe aus westlicher Sicht, jedoch doppelt so hoch wie ihr früheres Gehalt. „RBK hat mein Leben verändert“, sagt Kelani. Sie gehört zu den wenigen Menschen, die diesen Satz aussprechen können, ohne dass er wie eine Floskel klingt. Von sechs Geschwistern ist sie das einzige, das in Amman einen Job gefunden hat.

Im November 2016 begann die zweite Runde mit 40 Teilnehmern, neun von ihnen hat Hugh Bosely seitdem nach Hause geschickt, „um das Niveau hochzuhalten“. Zwar ist RBK eine Non-Profit-Organisation, trotzdem sagt Bosely: „Wir schenken diesen Kids nichts.“ Er berechnet eine Kursgebühr von mehr als 6500 Euro, die die Teilnehmer später von ihrem Einkommen abbezahlen. Von Unternehmen, die sie einstellen, verlangt er außerdem eine Vermittlungsgebühr. In zwei Jahren soll sich das RBK selbst finanzieren. Bis dahin hängt es von Geldgebern ab. Die Vereinten Nationen unterstützen das Projekt, das jordanische Königshaus stellt die Halle im Business Park kostenlos zur Verfügung. Doch Bosely sucht zusätzliche Förderer, um weitere Re-Boot Kamps zu gründen, im Libanon und in der Türkei.

Wirtschaftsfaktor Selbsthilfe

RBK ist ein westliches Projekt: Der Gründer, die Methode und die meisten freiwilligen Helfer stammen aus den USA. Doch auch die jordanische Tech-Szene reagiert auf die Flüchtlingskrise. Im selben Gebäude, nur ein paar Eingänge weiter, hat 3D-Mena seinen Sitz, ein jordanisches Start-up, das sich auf 3-D-Druck spezialisiert hat. Der Gründer, Loay Malahmeh, vertritt die Firma gerade auf einer Konferenz in Barcelona, deshalb führt Nadine Tuhaimer durch das kleine Labor, eine junge Informatikerin mit Hidschab und dunklem Lippenstift. Auf zusammengerückten Tischen liegen allerlei Plastikteile und Kabel herum, an der Wand stehen mehrere 3-D-Drucker.

Die Firma erlangte international Aufmerksamkeit, als sie im Jahr 2014 in einer Art Pilotprojekt 3-D-Druck-Prothesen für Flüchtlinge herstellte. Ein Prototyp liegt noch im Labor: eine kleine graue Hand, bedruckt mit dem Logo des amerikanischen Comic-Helden Ben 10, entwickelt für einen Jungen aus dem Jemen. Die Prothese, ausgestattet mit simpler Elektronik, habe nur 75 US-Dollar gekostet, sagt Tuhaimer, einen Bruchteil der sonst üblichen Kosten für ein solches Produkt.

Derzeit stellt die Firma keine Prothesen her; das Projekt habe den Jordaniern lediglich die Möglichkeiten des 3-D-Drucks vor Augen führen sollen. Nun berät 3D-Mena ein Krankenhaus der jordanischen Streitkräfte beim Aufbau eines eigenen 3-D-Druck-Labors. Zudem beteiligt sich die Firma an Shamal Start, einem von der Europäischen Union geförderten Zusammenschluss mehrerer Firmen und NGOs. Im Norden Jordaniens baut Shamal Start einen Start-up-Inkubator. Das Projekt soll die lokale Wirtschaft stärken und Jobs für in der Region lebende Syrer schaffen. Außerdem bietet die Firma 3-D-Druck-Workshops für syrische Jugendliche an, in denen sie Gegenstände produzieren können, die ihnen fehlen: vom Brillenbügel bis zum Ersatzteil für den Rollstuhl. „Wir wollen aus Konsumenten Produzenten machen“, sagt Nadine Tuhaimer.

3D-Mena war eine der ersten jordanischen Firmen, die sich gezielt an Flüchtlinge richtete. Inzwischen hat sich in der Tech-Szene ein regelrechter Trend entwickelt: Ein zweites 3-D-Druck-Start-up namens Mixed Dimensions will einen Wettbewerb unter Studenten ausrichten, um technische Lösungen für die dringendsten Bedürfnisse von Flüchtlingen zu entwickeln; Firmen wie Salasil, das Nachhilfe-Apps für Schüler entwickelt, versuchen die großen Hilfsorganisationen zu überzeugen, ihre Produkte in Flüchtlingslagern einzusetzen.

Auch die ganz Großen haben registriert, dass sich mit dem Flüchtlingsthema Sympathiepunkte sammeln lassen. Beobachten ließ sich das auf einer Konferenz mit dem Titel „No Lost Generation EdTech“ Anfang März in Amman, organisiert von Hilfsorganisationen wie World Vision und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF). Unternehmen, NGOs und staatliche Akteure kamen in einer Kongresshalle im Zentrum von Amman zusammen, um die Chancen IT-basierter Bildungsangebote für Flüchtlinge auszuloten und neue Kooperationen zu beginnen. Für vielversprechende Ideen wurden mehr als 210 000 US-Dollar Startkapital ausgelobt.

Vision und Wirklichkeit

In einer Diskussionsrunde zum Beitrag des Privatsektors saß ein lokaler Cisco-Repräsentant neben zwei Google-Mitarbeitern, die aus Dublin eingeflogen waren. Während der Vertreter von Cisco für die kostenlosen Onlineprogrammierkurse seiner Firma warb, versprachen die Google-Gesandten, innovative Lösungen für NGOs zu entwickeln. „Wir haben die Tools, um euch zu helfen“, sagte die Google-Mitarbeiterin. Und ein finnischer Gründer sagte: „Erst wollen wir alle Konflikte in dieser Region lösen, dann kümmern wir uns um die ernsten Probleme.“

Als man diese jungen, gut frisierten Technikbotschafter so hörte, mochte man sich fast wundern, warum es überhaupt noch einen Flüchtling gibt, der nicht längst Softwareentwickler geworden ist. Doch die Realität sieht anders aus. Das beginnt bei der Bildung: Wegen Krieg und Flucht haben etliche Syrer seit Jahren keine Schule oder Universität besucht. Viele sprechen kein Englisch, können also mit den meisten Onlinekursen wenig anfangen.

Dazu kommen ökonomische Zwänge: Viele, die in Syrien ihr Studium abbrechen mussten, schuften nun in schlecht bezahlten Aushilfsjobs. Hilfsorganisationen wie UNICEF berichten von einem starken Anstieg von Kinderehen unter Syrern in Jordanien, wobei die Mädchen die Schule abbrechen, sofern sie überhaupt eine besucht haben. Dies sind nur einige Probleme, willkürlich herausgegriffen. Aber sie geben eine Ahnung von den Hindernissen, die viele Syrer von Onlinekursen, Bildungs-Apps und Inkubator-Programmen trennen.

Sicher, es gibt Menschen wie Rana Kelani, die von den neuen Angeboten profitieren, deren Leben sie sogar verändern. Manche Produkte wie E-Learning-Apps oder günstige Prothesen können kurzfristig Probleme lösen und die Arbeit humanitärer Helfer erleichtern. Viele der Tech-Projekte zielen jedoch auf eine junge, privilegierte Minderheit mit schneller Auffassungsgabe, Englischkenntnissen und, im Falle junger Frauen, mit Eltern, die ihrer Tochter eine Karriere erlauben. Um die vielen Syrer zu erreichen, ihre Nöte zu lindern und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, werden keine App und kein Inkubator reichen. 38 Prozent aller Jordanier zwischen 15 und 24 Jahren sind arbeitslos. Um Hunderttausende Syrer in einen Arbeitsmarkt zu integrieren, der schon Einheimischen wenig zu bieten hat, müsste das Land sich erst aus seinem wirtschaftlichen Siechtum befreien.

Hugh Bosely hofft, dass seine Absolventen eines Tages dazu beitragen werden: „Tausend solcher Software-Ingenieure können das Bruttoinlandsprodukt von Jordanien um Milliarden Dollar in die Höhe treiben.“ Vielleicht hat er recht. Doch bis es so weit ist, liegt die größte Errungenschaft der Tech-Initiativen vermutlich woanders: Sie geben den Menschen ein Stück Unabhängigkeit zurück. ---

Mehr aus diesem Heft

Mut 

Zimmer frei

Hoteliers ächzen unter den Konditionen der großen Buchungsportale. Kathrin Fuchshuber will sie mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Lesen

Mut 

„Du bist nicht allein“

Keine Apotheke, nur eine Arztpraxis für fast 5000 Menschen: Der Hamburger Stadtteil Veddel ist arm und medizinisch unterversorgt. Eine Gruppe will das nun ändern.

Lesen