Ausgabe 04/2017 - Das geht

mystipendium.de

Gesucht: Freidenker aus Nürnberg

Mira Meier: „Viele denken, sie können sich nur bewerben, wenn sie zwei Schulklassen übersprungen haben. Das ist falsch.“

• Du hast es verdient, du weißt es nur noch nicht. So könnte das Credo von Mira Maier lauten. Und die Vermutung nahelegen, dass es sich um eine Frau handelt, die Ratgeberbücher schreibt, in denen sie Allgemeinplätze mit Küchenpsychologie vermengt und das Ganze mit ein bisschen Esoterik emulgiert.

Das tut sie aber nicht, sondern etwas Nützliches. Die 31-jährige promovierte Betriebswirtin ist die Gründerin von Mystipendium.de, einer Plattform, die Studenten und Stipendien zusammenbringt. Das Herz des gemeinnützigen Unternehmens ist die Datenbank mit knapp 2300 Förderprogrammen im Gesamtwert von 610 Millionen Euro. Die Website zählt rund 500.000 Besucher jeden Monat.

Dort legen Interessierte ein Profil an, indem sie 34 Fragen beantworten, etwa nach Alter, Geschlecht, Studiengang, Hochschule, Geburtsort, soziales Engagement, finanzielle Lage. Mithilfe der Daten filtert die Suchmaschine passende Stipendien heraus, um die sich der Nutzer bewerben kann. Sogar der Beruf der Eltern kann ausschlaggebend sein, etwa wenn man sich bei der Stiftung bewirbt, die ausschließlich bedürftige Kinder bayerischer Beamten fördert. Es gebe kaum ein Profil, mit dem man keine Angebote bekomme, sagt die Gründerin. Laut einer Studie der Stiftung Mercator steigt die Chance auf Förderung durch die Plattform enorm.

Mira Maier arbeitet mit zehn Angestellten in einem Coworking Space in Berlin. Bei Bedarf werden sie von bis zu 40 freien Mitarbeitern unterstützt. Mystipendium.de ging im Mai 2011 online, später wurde das Angebot mit EU-Geldern ausgebaut. Auf European-funding-guide.eu kann man in weiteren 16 Ländern nach passenden Stipendien suchen. Im vergangenen Jahr hat die Plattform europaweit 5,1 Millionen jungen Leuten bei der Suche nach Förderung geholfen und 370.000 Stipendien vermittelt.

Hinter der Website, die ähnlich funktioniert wie Jobportale, steckt aber auch eine ganze Menge Sendungsbewusstsein. Mira Maier und ihr Mitgründer Alexander Gassner wollen das Stipendium aus der Nische holen. Das Ziel der beiden lautet: Niemand soll sich gegen ein Studium entscheiden, nur weil er nicht weiß, wie er es bezahlen soll. Oder weil ihm die notwendigen Informationen fehlen, um an Geldtöpfe zu gelangen. „Viele denken, sie können sich nur um ein Stipendium bewerben, wenn sie zwei Schulklassen übersprungen haben und auch noch bedürftig sind“, sagt Maier. „Das ist falsch.“

Während ihrer Promotion an der Universität Witten /Herdecke hat Maier selbst von einem Stipendium profitiert, vergeben von einer regionalen Stiftung, die Naturwissenschaftler in Nordrhein-Westfalen unterstützt. Allerdings habe es sie Monate gekostet, das Stipendium überhaupt zu finden. Damals dachte sie zum ersten Mal über eine Datenbank nach, um die Suche abzukürzen.

Ihre Plattform leistet mittlerweile noch mehr: Sie ermutigt Leute, sich um ein Stipendium zu bewerben; zwei Drittel aller Studenten in Deutschland haben das noch nie getan. Außerdem macht die Plattform Stiftungen sichtbar, die nur eine ganz bestimmte Zielgruppe im Auge haben: Frauen, die feministische Forschung betreiben beispielsweise, oder Kinder von Ärzten und Tierärzten in wirtschaftlicher Notlage. Speziell ist auch die Förderung männlicher Freidenker aus Nürnberg sowie das Reisestipendium für Studenten aus Ober-, Mittel- und Unterfranken.

Hierzulande gibt es viele solcher Nischenstipendien, die kaum jemand kennt, weil kaum jemand danach sucht. So kommt es, dass sich mehr als 90 Prozent der Studenten bei weniger als 1 Prozent der Stiftungen bewerben. Auf der anderen Seite, das legt eine Schätzung nahe, kann jede fünfte Stiftung ihr Geld nicht vollständig ausgeben, weil geeignete Bewerber fehlen.

Um auf ihre Plattform aufmerksam zu machen, erweitert Mira Maier das Spektrum noch mit unkonventionellen Programmen, die sie gemeinsam mit Sponsoren kreiert hat. Bislang sind es 37 mit einem Gesamtwert von 470.000 Euro. Es gibt welche für Durchschnittsstudenten und solche für Menschen mit Prüfungsangst. Auf das Stipendium für Leute, die anders sind und nicht immer den geraden Weg durchs Leben nehmen, bewarben sich kürzlich mehr als 1000 Menschen. Gemeinsam ist diesen Angeboten: Es geht nicht um Leistung im engeren Sinn.

Gerade läuft die Suche nach dem sparsamsten Studenten. Bewerber sollen in einem kurzen Video oder Text erklären, warum sie besonders knauserig sind. Der Gewinner erhält ein Jahr lang 300 Euro im Monat und ein bezahltes Praktikum beim Kooperationspartner, einem Gutscheinportal. ---

Mehr aus diesem Heft

Mut 

Zucht und Unordnung

Wer an Kaliforniens Cannabis-Boom teilhaben will, braucht starke Nerven.

Lesen

Mut 

Die Eisbrecher

Der Ton zwischen Norwegen und Russland ist frostig. Nur an der Grenze in Kirkenes nicht. Dort setzt man auf Kooperation.

Lesen

Idea
Read