Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Die Eisbrecher

• 14 Grad unter null. Im Februar sei das normal, sagen sie in Kirkenes, einem arktischen Städtchen, 15 Kilometer vor der norwegischen Grenze zu Russland. So normal wie der Schlitten, mit dem mancher hier zur Arbeit fährt. So normal wie die Russen, die hier täglich die Grenze nach Norwegen passieren und allein schon deshalb freundlich empfangen werden, weil der Einzelhandel mit ihnen ein Viertel seines Geschäfts macht.

Überhaupt ist das Verhältnis zwischen Norwegen und Russland am nordöstlichen Zipfel Europas verhältnismäßig entspannt. Andernorts ist der Ton zwischen den Ländern scharf wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Norwegen ist Mitglied der Nato und hat sich den westlichen Sanktionen nach der Krim-Annexion angeschlossen. Russland lässt seitdem keinen norwegischen Fisch mehr ins Land. Und spielt selbst im demilitarisierten Spitzbergen mit den Muskeln, wo Fallschirmjäger 2016 auf dem Weg zum Nordpol zwischenlandeten.

In der Region Kirkenes setzt man hingegen auf Kooperation. Es sei doch selbstverständlich, sich für gute Beziehungen zu seinen Nachbarn einzusetzen, sagen Grenzbewohner wie Rune Rafaelsen, der den Norden Norwegens und den Nordwesten Russlands seit den Neunzigerjahren zu mehr Zusammenarbeit zu bewegen versucht.

Wenn Bär und Löwe miteinander tanzen

Rafaelsen ist der Bürgermeister der 10 000 Einwohner zählenden Kommune Sør-Varanger, deren Mittelpunkt Kirkenes ist. Die Straßennamen sind zweisprachig, einige Geschäfte werben auf Russisch. Im Eingang des Rathauses, das sich direkt neben dem russischen Generalkonsulat befindet, steht eine Holzskulptur. Sie zeigt den „Freundschaftstanz“ eines Bären und eines Löwen, symbolisch für Russland und Norwegen. In einer Glasvitrine daneben liegen russische Gastgeschenke.

Eigentlich sei der freundliche Umgang mit den Russen schon aus historischen Gründen nicht weiter verwunderlich, sagt Rune Rafaelsen. Es war die Rote Armee, die einst die deutschen Besatzer vertrieb. Doch je weiter man sich von Kirkenes entfernt, desto seltener versteht man die gute Nachbarschaft. Im 1800 Kilometer entfernten Oslo schüttelt man nur den Kopf darüber. Rafaelsen: „Und wenn ich in Ländern wie denen des Baltikums über Kooperationsprojekte mit Russland und die positiven Auswirkungen zwischenmenschlicher Brückenschläge rede, gelte ich als naiv.“

Im Norden Norwegen ist das anders. Hier schätzt man „Barents-Rune“, so sein Spitzname, als einen Mann, der sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion für grenzüberschreitende Projekte einsetzt. Manche sagen ihm sogar nach, den Optimismus in eine Region zurückgebracht zu haben, die in den Neunzigerjahren den Niedergang der örtlichen Eisenerzmine erlebte. Dass Rafaelsen 2015 zum Bürgermeister von Sør-Varanger gewählt wurde, hängt auch damit zusammen, dass er sagt, was viele in Kirkenes denken: Die Hauptstadt verstehe Nordnorwegen nicht. Er sagt, die Helden der norwegisch-russischen Geschichte seien „ganz normale Menschen auf beiden Seiten der Grenze“. Zum Beispiel jener Trainer aus der Region, der schon während des Kalten Krieges mit russischen Sportlern Kontakt aufnahm.

Einige große Namen nennt Rafaelsen dennoch: Einer ist Michail Gorbatschow, der 1987 in Murmansk von der Arktis als möglicher Zone des Friedens, der Öffnung der Nordostpassage und Zusammenarbeit im Norden sprach; daraufhin trafen sich Vertreter der nordnorwegischen Provinzen mit einem Kollegen aus Murmansk. Der zweite ist der frühere Außenminister Thorvald Stoltenberg. Er stieß die 1993 unterzeichnete Kirkenes-Erklärung zur Barents-Kooperation an, die 13 Regionen im Norden Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands umfasst. Ihr Ziel ist die politische Entspannung und die Entwicklung einer abgeschiedenen, auf russischer Seite mit großen Umweltproblemen kämpfenden Region. Dabei geht es auch um die Rohstoffe in der Barentssee. Die Grundlage sei auch hier die „Mensch-zu-Mensch-Diplomatie“, so Rafaelsen.

Um zu verstehen, was er damit meint, muss man zum „norwegischen Barents-Sekretariat“ gehen. Das ist ein kleines Büro mit Dependancen in Murmansk, Archangelsk und Naryan-Mar, das sich seit 1999 im Besitz der drei nördlichen Provinzen Norwegens befindet. Von 2003 bis 2014 wurde es von Rafaelsen geleitet, der als Schüler in den Sechzigerjahren eine Reise in die Sowjetunion unternahm, die ihn prägte. Das Barents-Sekretariat fördert jedes Jahr zwischen 200 und 300 Projekte in der Region und erreichte damit im vergangenen Jahr 30 000 Menschen.

Zu den Teilnehmern gehören zum Beispiel Schüler, die sich im Rahmen eines Geschichtsworkshops gegenseitig besuchen, oder Chöre, die gemeinsame Konzerte aufführen. Aber auch Unternehmer, die über Zoll- und Logistikprobleme nachdenken, oder Küstenschützer, die gemeinsame Bereitschaftspläne für etwaige Ölunfälle erarbeiten.

Das Geld stammt vom norwegischen Außenministerium. Es stellt jährlich 3,3 Millionen Euro zur Verfügung und hat den Sinn der Unternehmung damit vielleicht doch besser erfasst, als Rune Rafaelsen meint. Die Förderung setzt voraus, dass der Antrag von der norwegischen Projekthälfte gestellt wird. Und dass die Partner mindestens 30, bei Wirtschaftsprojekten mindestens 50 Prozent der Kosten selbst aufbringen.

Die Projekte hätten heute schon aufgrund der Sprachkenntnisse eine andere Qualität als in den Anfangsjahren, in denen es erst einmal um den Kontakt an sich ging. Viele Russen könnten jetzt Englisch. Das helfe, wenn es sich bei den Teilnehmern nicht gerade um eine Russisch-Klasse aus Tromsø oder Schüler der 2008 eingeweihten norwegisch-russischen Schule in Murmansk handelt. So könnten sich die Teilnehmer tatsächlich kennenlernen, vielleicht ist das später sogar einmal hilfreich.

Rune Rafaelsen, der 1991 umweltpolitische Heißluftballon-Festivals organisierte und anschließend ein Tourismusunternehmen namens Grenseland aufbaute, lernte zum Beispiel in den Neunzigerjahren eine Tourismusbeauftragte kennen, die heute Gouverneurin des Verwaltungsbezirks Murmansk ist.

Er schätzt, dass über die Projekte kulturelles und soziales Wissen über den anderen vermittelt wird. Das komme langfristig auch der Wirtschaft zugute – obwohl die Russland-Euphorie dort bereits in den Neunzigerjahren erlahmte und Wirtschaftsprojekte des Barents-Sekretariats nur einen kleinen Teil der Arbeit ausmachen. In erster Linie aber seien die fast 5000 Projekte, die das Sekretariat bislang gefördert habe, „Norwegens wichtigstes Friedensprojekt“, sagt Rafaelsen.

Manchmal gibt es auch Rückschläge beim Projekt gute Nachbarschaft. Davon weiß Thomas Nilsen zu berichten, der bis vor Kurzem für die renommierte zweisprachige Nachrichtenplattform »Barents Observer« arbeitete, die das Sekretariat viele Jahre betrieb. Doch im Jahr 2015 kam es zum Eklat. Nilsen führt ihn auf einen russlandkritischen Kommentar nach der Krim-Annexion zurück. Die regionalen Eigentümer des Barents-Sekretariats drängten auf einen Kurs, der die Zusammenarbeit nicht gefährdete, Nilsen pochte auf journalistische Unabhängigkeit. Das Ganze endete damit, dass Nilsen die Onlinezeitung »Independent Barents Observer« gründete, deren Artikel auf Englisch und Russisch erscheinen.

Umso kritischer kommt Nilsen auf die innere Entwicklung in Russland zu sprechen. Manche Projekte seien heute nicht mehr so möglich wie früher: „Das russische Agentengesetz betrachtet derzeit, wenn ich richtig gezählt habe, sieben Organisationen in der Barentsregion als ausländische Agenten. Umwelt- und Schwulenrechtler zum Beispiel oder eine Gruppe, die sich für die Rechte von Urvölkern starkmacht.“

Als Reaktion darauf stieß das Sekretariat eine öffentliche Diskussionsrunde zum Thema an: „Ausländische Agenten oder Aufbauhelfer für Gemeinden? Wie man zusammenarbeitet, wenn Organisationen ausländische Agenten sind.“ Heute betont man aber eher die erfreuliche Gesamtsituation. Das russische Interesse an der Zusammenarbeit sei weiterhin groß, und zu den vielen geförderten Projekten gehörten auch weiterhin zivilgesellschaftliche und Umweltprojekte. Dass es 2016 weniger als 200 waren, findet man nicht so dramatisch.

Erfreulich sei auch, dass es den „Grenseboerbevis“ weiterhin gibt, der allen Bewohnern im Umkreis von 30 Kilometern um die Grenze einen 15-tägigen Aufenthalt ohne Visum bei den Nachbarn erlaubt. Seit der Einführung 2012 haben sich 3000 von 40 000 Russen in der Region und jeder zweite Bewohner von Sør-Varanger die Genehmigung ausstellen lassen.

Das tröstet allerdings kaum darüber hinweg, dass die Russen neulich einen Unternehmer an der Grenze festhielten. Der Norweger, der in Murmansk ein Betonwerk betreibt, wird der Spionage verdächtigt und darf zehn Jahre nicht mehr nach Russland einreisen. Auch der Journalist Thomas Nilsen vom »Independent Barents Observer« erhielt kürzlich ein fünfjähriges Einreiseverbot.

Der kleine Grenzverkehr ist ein großer Schritt

Der neue Leiter des Barents-Sekretariats, Lars Georg Fordal, fährt bei klirrender Kälte zur Grenze. Sein Werdegang unterscheidet sich stark von dem seines Vorgängers Rune Rafaelsen, einem ehemaligen Lehrer. Fordal ist Diplomat und war zuletzt als OSZE-Beobachter in der Ukraine.

Der Weg führt an der Baustelle einer neuen Brücke und einem zugefrorenen Gewässer entlang: Die Hügel am anderen Ufer gehören zu Russland. Plötzlich ein Schild: „Schengen Border, Restricted Area“. Dahinter die Holzhäuschen der norwegischen Grenzkontrolle, hinter der wiederum die Kontrolle der Russen. Und dahinter? Wenn man Richtung Murmansk fährt, werde es mitunter recht militärisch, heißt es. Allerdings gibt es auch auf norwegischer Seite militärisches Gebiet. An der Grenze in Storskog trafen einst Nato und Warschauer Pakt unmittelbar aufeinander. Fordal stoppt den Wagen und lächelt. Er ist davon angetan, dass hier trotz allem ein kleines Stück Visafreiheit zwischen einem Schengenland und Russland möglich ist. Eine ähnliche Regelung zwischen dem russischen Kaliningrad und Polen gibt es seit 2016 nicht mehr.

Russen, die den Grenzübergang passieren, kommen häufig mit Windeln, Vitaminprodukten oder Kleidung zurück; wenn sie noch einmal mit einem Grenzerstempel zum Geschäft zurückfahren, wird ihnen dort die Mehrwertsteuer ausgezahlt. Die Einwohner von Kirkenes hingegen fahren nach Nikel oder Sapoljarny, um billig zu trinken und zu tanken.

Die Zahl der Grenzübertritte war zwar schon höher als 2016, was unter anderem auf den Rubelkurs zurückgeführt wird, aber sie lag zuletzt immer noch bei rund 37 000 norwegischen und 20 000 russischen Grenseboerbevis-Touren im Jahr. Auch die Gesamtstatistik für die Grenze liegt deutlich über den Zahlen vor dem Jahr 2009, in dem es mit „Pomor-Visa“ für die Bewohner von Murmansk eine erste Reiseerleichterung gab. Man gewöhnt sich aneinander.

Nur auf die 5000 Flüchtlinge, die hier im Herbst 2015 mit Fahrrädern über die Grenze rollten, war man nicht vorbereitet. Nordnorwegen begrüßte sie herzlich. Oslo hingegen ließ an der Grenze in Storskog, die auf norwegischer Seite nur mit einem Rentierzaun gesichert ist, ein 200 Meter langes und 3,5 Meter hohes Zaunstück bauen, um ein Zeichen zu setzen. Für Rafaelsen das denkbar schlimmste Zeichen.

Es reicht nicht, auf besseres Wetter zu warten

Zurück im Rathaus. Rafaelsen zeigt eine norwegisch-russische Werbebroschüre: „Kirkenes – in Pole Position“. Sie enthält eine Übersicht über die lokale Wirtschaft, die russischen Kunden im maritimen Bereich knapp die Hälfte und im Einzelhandel ein Viertel des Umsatzes verdankt. Abgebildet sind Betriebe wie die Werft Kimek, die viele russische Kunden hat, oder das mittelständische Elektronikunternehmen Barel, das vor vielen Jahren die Produktionsmöglichkeiten in Murmansk entdeckte. Gleichzeitig verweist die Broschüre auf Kindergärten, Schulen oder das Krankenhaus, das gerade gebaut wird, auf die visafreie Zone und die Ressourcen im Meer. Eine Region mit Potenzial, soll das heißen.

Von der Angst, die große Politik könne kaputtmachen, was über viele Jahre aufgebaut worden ist, steht nichts darin. Auch nichts von der Verärgerung örtlicher Fischereibetriebe über die Russland-Sanktionen, die Putin mit einem Boykott norwegischer Waren beantwortet hat.

Rafaelsens Traum wäre es, die visafreie Zone auf die gesamten Verwaltungsbezirke Finnmark und Murmansk auszuweiten: „Man muss die Grenze nicht als Grenze sehen, sondern als Möglichkeit.“ Aber wie soll das gehen? Rafaelsen antwortet mit einer Gegenfrage: „Muss man nicht gerade jetzt auf Kooperation setzen?“ Das schrieb er auch schon 2014 in einem seiner letzten Artikel als Leiter des Barents-Sekretariats. Dabei verschwieg er nicht die völkerrechtswidrige Annexion der Krim und die Schwächung demokratischer Rechte in Putins Russland.

Rune Rafaelsen sagt: „Die norwegisch-russische Grenze hat alle Elemente eines klassischen Konflikts. Enorme Ressourcen. Enorme politische Unterschiede. Enorme kulturelle und soziale Unterschiede. Dazu die höchste Konzentration von Atomwaffen in Europa.“

Neulich traf er den Bürgermeister der benachbarten Großstadt Murmansk. Sie unterschrieben eine Absichtserklärung zur Kooperation. Rafaelsen will nicht warten, bis sich die politischen Verhältnisse verbessern. Im Gegenteil: „Wenn wir ein echtes Interesse an Olga und Vladmir haben“, sagt er, „dann haben die auch ein echtes Interesse an Kari und Per.“ ---

In Kirkenes werden gern historische Beispiele für die Nähe zwischen Nordnorwegen und Russland angeführt. Man betont, dass es die Grenze erst seit 1826 gibt – und dass man auf die Idee der Trennung nur in fernen Machtzentren kommen konnte. Man erzählt vom „Pomor-Handel“ entlang der norwegisch-russischen Küste zwischen Bodø und Archangelsk, der bis zur russischen Revolution möglich war. Man gedenkt der Roten Armee, die 1944 die deutschen Besatzer vertrieb, die wiederum die ganze Stadt niedergebrannt hatten. Auch die norwegischen und russischen Wasserkraftwerke am Grenzfluss Pasvikelva, die trotz des Kalten Krieges gebaut werden konnten, werden immer wieder genannt, ebenso wie die gemeinsame Verwaltung der Fischbestände in der Barentssee seit 1975 und das grenzüberschreitende Siedlungsgebiet der Sami. Im Ergebnis ist es eine Erfolgsgeschichte. Ihr bisheriger Höhepunkt ist ein norwegisch-russischer Vertrag, mit dem sich beide Länder 2010 über den genauen Verlauf ihrer Grenze in der Barentssee einigten. In ihr werden gewaltige Öl- und Gasvorkommen vermutet, ein Umstand, der skeptische Beobachter – allen schönen Beispielen zum Trotz – vor erheblichem Konfliktpotenzial warnen lässt.

Kirkenes ist von Oslo aus in zwei Flugstunden zu erreichen. Es hat 3000 Bewohner, die Kommune Sør-Varanger 10 000 und die benachbarte russische Grenzregion rund 40 000. In der Barentsregion, die neben Nordnorwegen und Nordrussland auch Teile Nordfinnlands und Nordschwedens umfasst, wohnen insgesamt 5 000 000 Menschen.

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