Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Gefängnispolitik Niederlande

Knast zu vermieten

• Sebastian Vos wird erst in acht Tagen freigelassen, aber er hat schon mal angefangen, seine Sachen zu packen. Eine große Plastiktüte steht auf dem Zellenboden, in die stopft er seine Klamotten. In der kommenden Woche wird der 36-Jährige die Haftanstalt Leeuwarden im Norden der Niederlande verlassen. Er wird ein letztes Mal durch den Metalldetektor am Ausgang gehen, vorbei an einem Porträtfoto des niederländischen Königs und dessen Frau, und dann über den Parkplatz zum Auto seiner Mutter, die auf ihn warten wird. Elf Monate hat Vos dann hinter Gittern verbracht.

Er gehört zu der kleinen Gruppe von Menschen, die in den Niederlanden überhaupt noch ins Gefängnis müssen. Er selbst sagt: „Ich fand das ziemlich kurz für das, was ich gemacht habe. Ich bin ja auch nicht das erste Mal hier drin.“ Sein richtiger Name darf nicht genannt werden, ebenso wenig die Details seiner Tat. Das war die Bedingung der Haftanstalt für dieses Gespräch. Vos hat, so viel darf verraten werden, das niederländische Waffenrecht sehr lax ausgelegt. So lax, dass irgendwann im Jahr 2016, mitten in der Nacht, ein Sondereinsatzkommando der Polizei bei ihm vorfuhr. Männer in schusssicheren Westen und Maschinenpistolen liefen auf seine Wohnung zu, einen Rammbock in der Hand. Die Laserpointer auf den Waffen der Beamten malten Muster an die Wände seiner Wohnung, als sie durch die Fenster zielten. Sie haben ihn mit einem Stoffbeutel über dem Kopf abgeführt.

Vos war mit 17, damals wegen Drogen, zum ersten Mal im Gefängnis. Im Laufe seiner kriminellen Karriere hat sich das niederländische Justizsystem so radikal gewandelt wie kein anderes in der westlichen Welt. Noch in den Neunzigerjahren setzten die Niederlande – wie viele andere Demokratien, besonders die USA, aber auch England und Frankreich – auf Abschreckung durch Härte. Die Zahl der Häftlinge stieg von 1990 bis 2005 auf fast das Dreifache. Dann aber gelang den Niederländern etwas, das kein anderes westliches Land so hinbekommen hat: Sie drehten den Trend um.

Weniger Strafen, mehr positive Anreize

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Gefangenen fast halbiert. Im Jahr 2005 hatte das Land mit 125 Inhaftierten pro 100 000 Einwohner noch eine der höchsten Quoten in der EU. Zum Vergleich: In Schweden lag sie bei 78 Gefangenen pro 100 000 Einwohner. Heute sind es in den Niederlanden nur noch 69 pro 100 000 Einwohner. Viel weniger als in England (148), Frankreich (95) oder den USA (698). Der Wert liegt auch niedriger als in Deutschland (78).

Während in Deutschland, Frankreich und England die Gefängnisse voll sind, schloss man in den Niederlanden in den vergangenen Jahren 19 von 85 Haftanstalten, weil sie leer standen. In Deutschland hatte man zu wenige gebaut, in den Niederlanden zu viele. Mit typisch niederländischem Pragmatismus machte man aus den Gefängnissen Hotels, Büros für Start-ups, Abenteuerspielplätze oder Flüchtlingsheime. Zwei der Immobilien vermietet das Land ganz oder teilweise an Norwegen und Belgien, die zu viele Gefangene und zu wenig Gefängnisse haben.

Peter van der Laan, 62, ist Professor am Niederländischen Institut für Kriminalität und Strafverfolgung in Amsterdam, Berater des niederländischen Parlaments sowie der Regierung und einer derjenigen, die damals dabei waren, als die Entwicklung ihren Anfang nahm. Ende der Neunzigerjahre hat er am Forschungs- und Dokumentationszentrum (WODC) des Justizministeriums gearbeitet. Das Forschungsinstitut ist für die Größe des Landes phänomenal ausgestattet und in etwa doppelt so groß wie das Kriminaltechnische Institut des Bundeskriminalamts in Deutschland. Die Mitarbeiter des WODC machten sich daran, ein ganz neues Gefängnissystem zu erdenken.

Sie hatten sich unter anderem mit den Forschungsergebnissen des britischen Psychologen James McGuire beschäftigt, die den ebenso programmatischen wie einfachen Titel „What works“ tragen. McGuire analysierte 1995 mehrere Hundert Studien und kam zu dem Schluss, dass Bestrafung nicht funktioniere, und Gefängnisstrafen die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass ein Krimineller nach seiner Freilassung ein weiteres Verbrechen begeht. Sie waren – zumindest ohne weitere Maßnahmen – kontraproduktiv. Sebastian Vos ist dafür ein gutes Beispiel. Er galt als sogenannter Intensivtäter, als einer, der immer wieder im Gefängnis landete, weil man an den Kern seiner Probleme, die ihn zum Kriminellen machten, nicht herankam.

Was besser funktioniere, so McGuire in seiner Analyse, seien Bewährungshilfe und Gefängniswärter, die wie Sozialarbeiter agieren. Weniger Strafe also und mehr positive Anreize. „ ,What works‘ war enorm einflussreich in den Niederlanden“, sagt van der Laan, „vor allem, weil es enorm nützliche Forschung war. Man konnte das direkt politisch umsetzen.“ Das passierte auch. Es gibt in den Niederlanden eine lange Tradition, über Parteigrenzen hinweg zusammen mit Experten nach Lösungen zu suchen. Ausgerechnet zwei konservative Justizminister setzen in den Jahren 2001 und 2006 Gesetze durch, die die Gefängnisse leeren sollten. Die neuen Regeln erleichtern es seitdem Richtern, Gefängnisstrafen in Sozialdienst oder Bewährungsstrafen umzuwandeln, häufig verbunden mit Auflagen wie elektronischen Fußfesseln, Geldstrafen an das Opfer oder Therapien.

Inzwischen werden jedes Jahr genauso häufig Sozialdienste als Strafe verhängt wie Gefängnisstrafen – etwa 35 000-mal. Zudem sind die meisten Gefängnisstrafen in den Niederlanden sehr kurz: 60 Prozent dauern weniger als einen Monat. Die Kriminalitätsrate ist in den vergangenen zehn Jahren jährlich um rund ein Prozent gesunken. Das alles führte dazu, dass die Gefängnisse in den Niederlanden heute leerer sind als in Deutschland oder Frankreich.

Bei den Bürgern kam die neue Linie an. Sie sei „geradezu enthusiastisch“ von der Öffentlichkeit begrüßt worden, so van der Laan. „So machen die Kriminellen wenigstens etwas Nützliches – das war die Haltung.“ Anderen Kriminologen gehen die Reformen noch nicht weit genug. René Van Swaaningen von der Erasmus Universität in Rotterdam kritisiert, dass zu oft reine Strafmaßnahmen wie elektronische Fußfesseln ohne Resozialisierung verordnet würden. Das genüge nicht. „Sonst schließt man vielleicht die Gefängnisse, aber man verwandelt die Gesellschaft selbst in ein Gefängnis.“

Die, die jetzt noch einsitzen, sind eine schwierige Klientel, die oft nur schwer zu erreichen ist. 30 Prozent von ihnen landen innerhalb von zwei Jahren wieder hinter Gittern. Sie sind oft drogenabhängig (60 Prozent), psychisch krank (ebenfalls 60 Prozent), und viele (30 Prozent) gelten als geistig leicht behindert.

Umso intensiver kümmert sich die Justiz um diesen harten Kern. Und soll nun auch Sebastian Vos endlich auf den rechten Weg zurückführen. Vos hat sich in den letzten Monaten seiner Haft bis auf eine Prügelei vorbildlich verhalten. Er hat seine Aufgaben gemacht, hat geputzt, Holzarbeiten gezimmert, keine Drogen genommen oder geschmuggelt und gerade erst seinen Gabelstapler-Führerschein gemacht. Und die Prügelei habe nicht er angefangen, sagt Vos.

Der Mann, der ihn in sein neues Leben begleitet, heißt Jim Nijdam. Ein kantiger Riese, 53 Jahre alt, harter Blick, rasierter Kopf. Er betreut 36 Häftlinge in der Justizvollzugsanstalt Leeuwarden. Wenn er durch die Flure geht, dann flucht er und lacht, grinst und macht Witze. Er mag diesen rauen Umgang. Die Häftlinge auf seinem Trakt teilt er sich mit einer Kollegin: „Sie kriegt die Heulsusen, ich krieg die Psychos. Ich ertrage Geheule nicht.“

Die Wärter verstehen sich als Sozialarbeiter

Seine raue Schale täuscht, er macht seinen Job ganz anders, als das in den Niederlanden noch vor 20 Jahren üblich war und vielerorts bis heute üblich ist. „Wir spielen hier nicht mehr Cowboy und Indianer. Das hier ist kein Spiel, in dem wir ständig versuchen, die Drogen und den selbst gebrauten Alkohol der Inhaftierten zu finden. Wir arbeiten jetzt richtig an den Problemen, die diese Jungs haben. 95 Prozent von denen hatten eine richtig miese Kindheit, und ich möchte, dass sie sich mir öffnen. Häufig reicht die Zeit dafür leider nicht. Aber dann haben wir es wenigstens versucht. Wir sind hier mehr Sozialarbeiter als Wärter.“

Nijdam sorgt auch dafür, dass die Gefangenen in den wichtigen ersten 48 Stunden hinter Gittern ihren Arbeitgeber anrufen, ihren Vermieter, ihre Partner und Kinder – damit Brücken ins Leben draußen bestehen bleiben. Auch dies ist eine Erkenntnis, die aus der kriminologischen Forschung kommt: Die ersten zwei Tage im Gefängnis sind besonders wichtig für die weitere Entwicklung.

Wer etwas zu verlieren hat, bemüht sich mehr

Anna Nijstad, die Gefängnisdirektorin in Leeuwarden, möchte den Unterschied zwischen dem Leben in Freiheit und dem hinter Mauern abschwächen. So sollen die Gefangenen möglichst eigenständig bleiben, zum Beispiel morgens selbstständig aufstehen, die 200 Meter zu den Holzwerkstätten allein zurücklegen und nach der Arbeit wieder zurückkehren. Sie dürfen hier Gabelstapler fahren, Kreissägen bedienen, Messer zum Kochen benutzen. Sie haben sogar Schlüssel zu ihren Zellen, sodass sie diese abschließen können.

Die Leiterin der niederländischen Gefängnisbehörde Monique Schippers spricht von einem „personenzentrierten Ansatz“: „Die Gefangenen sollen lernen, dass es bei ihnen selbst liegt, ob sie wieder rückfällig werden oder nicht. Sie selbst müssen Verantwortung übernehmen.“ Es geht um Selbstbestimmung an einem fremdbestimmten Ort.

Und das funktioniert zumindest bei einigen Häftlingen. Nijdam ist kein Schönredner, aber bei Vos ist er vorsichtig optimistisch: „Ich habe ihn am Anfang gesehen, als er hier ankam. Er war so hektisch. Das ist viel besser geworden.“ Noch in der ersten Woche im Gefängnis hat man Vos Medikamente gegen seine Hyperaktivität verschrieben – das erste Mal in seinem Leben. Eine unspektakuläre, aber wirkungsvolle Maßnahme. Vos fühlte sich zuvor oft überfordert von seinen eigenen Gedanken. „Ich merke, dass die Medikamente das Chaos in meinem Kopf beruhigen“, sagt er. „Ich bin immer noch unruhig, aber vorher habe ich zehn Sachen auf einmal gemacht.“

Die Wissenschaft unterscheidet zwischen statischen und dynamischen Einflüssen, die dazu beitragen, dass jemand kriminell wird. Die statischen lassen sich nicht ändern. Dazu zählt vor allem die Biografie: Wenn jemand eine schlimme Kindheit hatte, lässt sich das nicht rückgängig machen. Vieles andere dagegen schon. Drogenabhängigkeit kann überwunden werden. Schulden lassen sich neu verhandeln und mithilfe eines Jobs abbezahlen. Obdachlose können mit geeigneter Unterstützung eine Wohnung finden. Auch Einstellungen sind veränderbar, und es ist zwar schwer, aber nicht unmöglich, neue Bekannte und Freunde zu finden. In Leeuwarden konzentrieren sich Nijdam und seine Kollegen auf die dynamischen Faktoren: Wohnung, Job, geistige Gesundheit, Sucht.

Das Schwierigste ist es oft, die Gefangenen dazu zu bringen, sich überhaupt einzugestehen, dass sie ein Problem haben. Nijdam hat Vos alles aufschreiben lassen. Seine Geschichte, seine Probleme, alles, was ihn hierhergeführt hat. Irgendwann sei der Groschen bei ihm gefallen, sagt Vos: „Ich habe eigentlich nicht an diesen Mist geglaubt. Dass man im Alter weiser wird. Aber ich habe mich da geändert. Ich merke auf einmal, wie viel ich zu verlieren habe.“

Er hat im Gefängnis die ganze Zeit die Miete für seine Wohnung von seinem Ersparten weiterbezahlt, damit er wieder nach Hause gehen kann, wenn er rauskommt. Und er hat auch schon einen Job, auch wenn der immer noch Teil seiner Strafe ist: Er muss für drei Monate auf einem Bauernhof arbeiten, worauf er sich schon freue. Mit Tieren komme er gut klar.

„Du bist weit gekommen“, sagt Jim Nijdam zu Sebastian Vos. „Mach es nicht wieder kaputt.“ ---

Mehr aus diesem Heft

Mut 

Zucht und Unordnung

Wer an Kaliforniens Cannabis-Boom teilhaben will, braucht starke Nerven.

Lesen

Mut 

An die Tastatur!

Mit moderner Technik soll die Welt ein besserer Ort werden, so das Versprechen. In Jordanien wird es in der Praxis überprüft: mit der Ausbildung von syrischen Flüchtlingen.

Lesen

Idea
Read