Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Einleitung von Wolf Lotter

Kühler Mut

1. Yes it can

Um zu wissen, was kommt, braucht man nicht immer die hellsten Köpfe. Manchmal tut’s auch ein DVD-Player, vorausgesetzt, man lässt darin eine Folge der amerikanischen Serie „The West Wing“ laufen.

Darin spielt Martin Sheen den fiktiven US-Präsidenten Josiah Bartlet. In der Episode „Gaza“ hat der, was wir alle auch gelegentlich haben, einen ganz schlechten Tag mit vielen bösen Überraschungen.

Als ihm zwischendrin ein Mitarbeiter seines Stabes – eher beiläufig – noch eine Hiobsbotschaft serviert, lächelt der Präsident angestrengt und sagt: „Das erinnert mich an den alten Witz mit dem Optimisten und dem Pessimisten. Der Pessimist sagt: ,Alles ist schrecklich. Es kann gar nicht schlimmer werden.‘ – Darauf antwortet der Optimist: ,Doch. Kann es.‘ “

Yes it can.

Wie wahr.

Es ist nicht so, dass es „The West Wing“ nun an glühendem Optimismus, Eifer, am festen Glauben an die eigene und damit naturgemäß gerechte Sache fehlte. Doch meist enden die 156 Episoden nicht im Pathos, den Hollywood, Medien und Politik gleichermaßen lieben, sondern in nüchterner Einsicht oder, wie wir auch sagen, in der Realität. In der kann man sich natürlich auch mal aufregen. Klüger aber ist es, das Beste aus der Situation zu machen. Ruhig Blut. Wird alles wieder gut. Wem das nicht reicht, der denke an die goldenen Worte des Fernsehpräsidenten: Es kann immer noch schlimmer kommen. Wenn man nur jammert – und nichts besser macht.

Widerständig ist gut. Gegenständlich ist besser. Oder anders gesagt: Wer ein Problem benennt, sollte sich auch darum bemühen, es lösen zu können. Einfach dagegen zu sein ist nicht genug. Das ist der ganze Witz. Dass der in der 109.Folge einer Fernsehserie aus dem Jahr 2004, die noch dazu im Weißen Haus spielt, gemacht wird, ist eine tolle Pointe. Man kann viel lernen. Vor allen Dingen, wie man auf etwas nicht reagiert und sich dadurch auch nicht davon treiben lässt: Wer bestimmt die Agenda? Die, die etwas besser machen? Oder die, die sich beständig über das Schlechtere aufregen?

Die dauernde Empörung ist nicht nur wohlfeil, weil ohnehin kaum jemand anderer Meinung ist, sie führt auch zur Abstumpfung. Die rituelle Aufregung ist eine Sonderform des geistigen Tiefschlafs.

Auf den ist man angewiesen, weil man eh nichts machen kann – und vor allen Dingen: will. Man hält dieses aufgeregte Nichtstun mit immer neuen Skandälchen am Leben, die die zahlreichen wirklichen Skandale in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Alltag überstrahlen. Empörung macht alles gleich, das Falsche und das Gefährliche, die Existenzbedrohung und die Geschmacksfrage.

All das führt zu jener Überreizung, die die Grenzen immer mehr ins Irrationale verschiebt. Immer wenn die Empörungswelle abzuebben beginnt, kommt ein neuer Schub, ein neuer Anlass. Wie heißt es so schön: Nur weil ich paranoid bin, bedeutet das noch lange nicht, dass ich nicht verfolgt werde.

Alarm. Alarm.

Alle klingeln wie verrückt. Aber wer macht eigentlich die Feuerwehr?

Was? Ich kann nichts hören. Ist so laut hier.

2. Die Protestanten

Auch wenn es leiser wird, wird es kaum besser. Wer nur den Mut hat, dagegen zu sein und nicht dafür, demonstriert lediglich sein Glaubensbekenntnis. Der Freiburger Agenturchef Florian Städtler stellte auf Twitter eine Frage, die dieses Dilemma bestens beschreibt: Wenn es „PROtestieren heißt, warum CONTRAtestieren eigentlich fast alle nur gegen etwas?“ Das Wort Protest bedeutet, dass man öffentlich seinen Standpunkt bezeugt, also beweisen kann, dass etwas falsch ist und man selbst richtig liegt. Dazu gehört, dass man sachlich beweisen kann, dass „die anderen“ faktisch falsch liegen und man dagegen eine Alternative stellt, die tatsächlich besser ist. Historiker wissen, dass darin das Elend aller Revolutionäre liegt. Selbst für kleine Sekten bietet sich unter für sie glücklichen Umständen die Möglichkeit, an die Macht zu kommen. Aber was machen Berufsempörer dann, die nur dagegen sein können? Die häufigste Antwort in der Geschichte lautet: Sie üben Gewalt aus.

Das kann man in der jüngeren Geschichte von der Französischen Revolution über die russischen Bolschewiki und der Machtergreifung Hitlers immer wieder beobachten, um nur mal die bekanntesten Beispiele zu nennen. Es gilt in alle politischen Richtungen, und es gilt genauso in Unternehmen, Organisationen und menschlichen Gemeinschaften aller Art. Der Königsmord ist eine Sache, die Verbesserung der Zustände eine andere. Mut und Wut, das reicht nicht aus. Man muss auch liefern.

Ab hier herrscht bei den meisten Aufgeregten in der Regel Sendepause.

Sie könnten sich, zumal im Luther-Jahr, am Reformator ein Beispiel nehmen. Dessen Protest erschöpfte sich eben nicht darin, die Korruption des Römischen Papstes anzuklagen, sondern ein Gegenmodell zu entwickeln, in dem das Kind (der christliche Glaube) nicht mit dem Bade (der katholischen Kirche) ausgeschüttet wurde. Martin Luther war nicht der einzige Widerständler in der Kirchengeschichte. Aber dass er erfolgreich war, verdankte er dem Umstand, dass er ein gutes Angebot machen konnte.

Wettbewerb ist eine coole Sache. Der aktuellen Diskussion über Widerstand, Mut und Protest würde diese protestantische Ethik nicht so schlecht stehen – nicht nur in der Politik, sondern überall, wo es um Konkurrenz geht. Wettbewerb statt Wut. Mutter Courage macht kein Theater. Sie ist gelassen.

 

 

3. Calm Down

Im äußersten Nordosten Englands, im County Northumberland, liegt die kleine Stadt Alnwick. Dort führen Stuart und Mary Manley das Antiquariat Barter Books Ltd. Vor 17 Jahren fand Stuart Manley dort eines der heute berühmtesten Plakate des 20. Jahrhunderts, ein in Rot gehaltenes Poster, das die englische Krone und darunter, in einer nüchternen weißen Typo, den Satz „Keep calm and carry on“ zeigt. Manley fand dieses alte Plakat am Grund einer Wühlkiste voll mit alten, wertlosen Büchern. Er hat es herausgeholt und der Welt wiedergeschenkt. Es ist heute millionenfach verbreitet, auf Plaketten, Kaffeetassen und Tellern, Servietten und Handtüchern. „Keep calm and carry on“ ist einer der bekanntesten Slogans unserer Zeit geworden. Daraus wiederum kann man lernen, dass nicht alles, was populär ist, auch allgemein nachvollzogen werden kann. Das wäre auch zu schön.

Der Wühlkistenfund war 1939, im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs, von der britischen Regierung gedruckt worden. Bleibt ruhig. Macht weiter. Auch wenn dieses Plakat im Verlauf des Krieges nicht mehr verbreitet wurde, drückt es eine beachtliche Einsicht aus: Wer den großen Konflikt gewinnen will, wird das nicht mit Gefühlen tun, mit Empörung und Aufregung. Dazu passten die späteren Ansprachen und Reden des britischen Kriegspremierministers Winston Churchill, der nicht nur zum wichtigsten Gegenspieler Hitlers und der Nazi-Aggressoren wurde, sondern auch zum Inbegriff des verlässlichen Staatsmannes. Ein Fels in der Brandung. Unverrückbar.

Churchills Besonnenheit war voller Leidenschaft, nicht brüllend, sondern deutlich. Damit aktivierte er in Großbritanniens schwärzesten Stunden Herz und Verstand seiner Mitbürger, während in Berlin der Diktator des Nazi-Reichs in sein Mikrofon schrie und geiferte. In London redete Winston Churchill mit seinen Leuten. Wir geben nicht auf. Wer die alten Radioreden Churchills hört, erkennt die Klarheit, mit der echter Widerstand gegen den Furor angeht. Das wirkte Wunder.

Zu lernen ist dies: Es braucht Nüchternheit, Pragmatismus, um das Schlechtere mit Besserem zu überwinden. Das ist Gleichmut. Man darf ihn nicht mit der Gleichgültigkeit verwechseln, die nichts weiter ist als Desinteresse, Abgestumpftheit und Fatalismus. Nichts davon dient der Orientierung und dem Neuanfang.

Gleichmut hingegen ist Gelassenheit.

Das Wort, so kann man bei Wikipedia nachlesen, hat eine ungeheure Bandbreite und ist dennoch klar und deutlich: Gelassenheit alias Gleichmut, das steht, so zählt die Online-Enzyklopädie auf, für „Abgeklärtheit, Bedacht, Bedachtsamkeit, Beherrschung, Beschaulichkeit, Besinnlichkeit, Besonnenheit, Contenance, Dickfelligkeit, Fassung, Gemessenheit, Geduld, Gefasstheit, Gemütsruhe, Gleichgewicht, Gleichmut, Kaltblütigkeit, Kühle, Langmut, Mäßigung, Muße, Ruhe, Seelenruhe, Selbstbeherrschung, Stille, Stoizismus, Überlegenheit, Umsicht, Zurückhaltung“.

Das liest sich wie die Liste der Gegengifte zu Populismus, Fanatismus, Arroganz, Terror und Extremismus. Gelassenheit, Gleichmut – das ist reine Coolness. Es ist der Stoff, aus dem die Vernunft gemacht ist. Und ein unschlagbarer Mix gegen die Angst.

Das wussten die klugen Alten der Antike, Platon und seine römischen Kollegen Horaz und Seneca, ganz genau. Sie sind die großen Vordenker der Gelassenheit, die ihnen gleichzeitig Weisheit, Vernunft und Handlungsfähigkeit ist. Wer entscheiden will, muss Gleichmut leben. Wer richtig handeln will, muss Gelassenheit in sich tragen. „Selbst wenn die zerborstene Welt einstürzt, werden die Trümmer einen Furchtlosen treffen“, schreibt Horaz.

Das ist die Gegenthese zur Wut und zum Widerstand gegen alles, was man nicht leiden kann, der sich heute so wohlfeil in allen politischen Lagern und Lebenslagen aneignen lässt. Wer glaubt, Probleme dadurch lösen zu können, indem er sich – ohne großen Aufwand – zu den moralisch Bessergestellten gesellt und dort dann mit den Wölfen heult, handelt fahrlässig und falsch.

Es ist heute weitaus mutiger, zu den Gelassenen zu gehören als zu den Empörten. Es gehört keine Courage dazu, sich aufzuregen und „Nein!“ zu rufen – und dann nichts mehr zu tun. Furchtlos sind diejenigen, die sagen: Es muss uns was Besseres einfallen. Lasst uns nachdenken. Vor allen Dingen dann, wenn die Alternative, wie heute, keineswegs so klar ist. Nüchterner Optimismus verzagt nicht an der Zukunft.

Der liegt heute im Trend. Und es gibt politische Reden und Appelle zum Mutmachen, aber sie haben alle einen Haken: Sie passen nur an den Sonntagvormittagen, für die sie geschrieben wurden, doch sie passen nicht zu dem Leben, das wir führen.

Unsere Kultur belohnt immer noch die unreflektierten Helden, deren Mut wenig mehr ist als ein unkontrollierter, voraufgeklärter Reflex. Aktionismus gilt als Tugend. Aber er ist immer öfter abgetrennt vom Tun und Handeln, vom praktischen Problemlösen. Keep calm and carry on? Das reicht den meisten nicht. Dabei ist das die einzige Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Aktionismus hat das noch nie geschafft, aber oft das Gegenteil erreicht.

Gelassenheit kann man lernen, und es wäre nicht schlecht, wenn das nicht nur Yoga-Kursen und anderen fernöstlichen Weisheitsseminaren vorbehalten wäre. Warum ist Gelassenheit keine gesellschaftliche Tugend? Vielleicht weil sie leicht mit Desinteresse verwechselt werden kann. Man muss genau hinsehen.

Gelassenheit ist die Voraussetzung guter Entscheidungen. Das Gegengift kann nur wirken, wenn es frühzeitig und in ausreichenden Dosen verabreicht wird. Gegen Gefühlswallungen, Wut, Zorn ist niemand immun. Aber wir müssen aufhören, im Affekt zu leben und zu denken.

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