Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Cannabis-Boom in Kalifornien

Zucht und Unordnung

• Eine gute Bekannte von mir, wohnhaft in einem Szeneviertel von San Francisco, die aus Gründen, die gleich erklärt werden, anonym bleiben möchte, erlebte kürzlich einen rasanten Auszug aus dem Gebäude, in dem sie wohnt. Direkt neben ihrem Loft hatte sich eine Cannabis-Ausgabestelle etabliert. Große Tüten voller Blüten, Ölen und Harz wurden angeliefert und an Kunden mit Rezept gegen Bargeld verkauft. Alles vollkommen legal.

Bis eines Tages ein Fremder die Feuerleiter des Gebäudes erklomm, sich durch ein offenes Fenster schwang und im Flur ausgerechnet die Tür zum Cannabis-Lager öffnete. Die Grasverkäufer zögerten nicht lange, packten sofort alles ein und waren noch am selben Abend weg.

Das mag überspannt erscheinen, doch selbst wenn alles rechtens ist: Wer kiloweise Haschisch und dicke Geldbündel herumliegen hat, ist kein Freund ungebetener Besucher. Sobald die Adresse bekannt ist, unter der das kostbare Gut lagert, ist das Betriebsklima angespannt, denn beim nächsten Mal könnte der Fremde einen Überfall planen.

Das betrifft nicht nur Händler. Die gesamte Branche in Kalifornien muss jeden Tag Courage beweisen, da sie in einer rechtlichen Grauzone operiert.

Einerseits ist medizinisches Marihuana seit 1996 legal, so zumindest laut den kommunalen Richtlinien und Gesetzen Kaliforniens. Man darf Cannabis anbauen und verarbeiten sowie an Kunden mit ärztlicher Berechtigung verkaufen. Andererseits ist es illegal, da Drogenhandel in den USA grundsätzlich verboten ist und die Bundesbehörde DEA jederzeit mit einem Einsatzkommando anrücken kann. Das hat sie seit 2012 in Kalifornien zwar nicht mehr getan, doch die neue Regierung in Washington, D. C. ist einzelstaatlichen Regelungen gegenüber weit weniger tolerant.

Komplizierter wurde die Lage noch dadurch, dass im vergangenen November bei einem Volksentscheid eine klare Mehrheit der Kalifornier sich dafür aussprach, Cannabis ab 2018 für alle zu legalisieren. Im bevölkerungsreichsten Staat der USA wäre das ein Markt mit sechs bis sieben Milliarden Dollar Jahresumsatz.

Nun hat das Parlament in Kalifornien ein Dreivierteljahr Zeit, die genauen Rahmenbedingungen für die Lizenzen und Bestimmungen zu definieren. Wer sich jetzt geschickt in Position bringt, kann seine Marke etablieren, bevor die großen Genussmittelunternehmen aus der Alkohol- und Tabakbranche ins Geschäft einsteigen.

Noch bevor die Regeln für den Can-nabis-Handel ohne Rezept geschrieben sind, gibt es jede Menge Ideen, etwa high machende Limonade, lungenschonende Verdampfer mit USB-Anschluss und Vibrationsalarm, wenn man genug daran gezogen hat, sowie erfrischende Pfefferminzpastillen zur Mikrodosierung. Obendrein gibt es Cannabis-Partys für Feinschmecker, bei denen man die neuesten Kreationen als Teil eines mehrgängigen Menüs essen oder inhalieren kann.

„Wir bereiten uns darauf vor, dass der Markt binnen zwei Jahren um das Fünf- bis Siebenfache wachsen wird. Da muss man sich jetzt ranhalten, um den Vorsprung zu halten“, sagt ein Gründer, der mit fast hundert Angestellten betörende Süßigkeiten herstellt. Zurzeit sammelt er Wagniskapital, um seine Fertigung zu automatisieren. Bislang wird noch von Hand gepackt.

Vor Bestellungen kann er sich kaum retten und ist auch generell optimistisch: „Kalifornien gibt in so vielen Dingen den Trend vor, dass man eigentlich davon ausgehen kann, dass es früher oder später im ganzen Land legalisiert wird und sich die Bundesbehörden zumindest raushalten“, sagt der Unternehmer, der hier namenlos bleiben will.

Doch bis zur bundesweiten Akzeptanz kann noch viel schiefgehen. Das Unternehmen im Norden Kaliforniens liegt in einer unscheinbaren Lagerhalle in einem Industriegebiet. Draußen hängen keine Schilder oder Logos, die Scheiben sind beklebt, und die Tür wird nur geöffnet, nachdem man sich vor einer Kamera ausgewiesen hat. Hier werden jedes Jahr mehrere Tonnen Cannabis verarbeitet und einige Millionen Dollar in kleinen Scheinen umgeschlagen.

Wie zu Zeiten der Postkutsche

Die gesetzliche Grauzone zwingt fast alle Beteiligten dieser jungen Branche dazu, nur Bargeld zu verwenden. Amerikanische Banken weigern sich bis auf wenige Ausnahmen, mit den Unternehmen zusammenzuarbeiten – auch wenn die Firmen ordentlich Steuern zahlen und Bestimmungen wie dem Arbeitsrecht unterliegen. Der Umgang mit dem Drogengeld könnte eine Bank, so die Angst, irgendwann zur Zielscheibe für Bundesbehörden machen.

Deshalb werden Zulieferer in Bündeln von 20- oder 50-Dollar-Scheinen bezahlt, selbst die Angestellten erhalten ihren Lohn wie vor hundert Jahren in bar (100-Dollar-Noten will niemand haben, denn die großen Scheine gelten an sich als suspekt und werden von vielen Geschäften nicht akzeptiert). Wenn die Steuerzahlungen ans Finanzamt und die Sozialabgaben an die kalifornische Arbeitsbehörde fällig sind, muss der Chef alle 14 Tage zwei große Koffer mit Bargeld füllen und zu den örtlichen Zweigstellen der beiden Ämter fahren. „Ein bisschen mulmig ist einem schon dabei, aber man gewöhnt sich dran“, gibt der Gründer zu, der im Jahr rund 14 Millionen Dollar umsetzt.

Berge von Bargeld mit Koffern von einem Büro zum anderen zu fahren, das klingt nach den Tagen der Postkutsche, die ein Räuber nur abpassen muss. Deshalb hält sich der Unternehmer mit Adresse und anderen Details bedeckt. Ist er beim Amt angekommen, werden die Scheine unter Aufsicht von zwei Beamten gezählt und dann gemeinsam zu einer Bank gefahren, wo sie in einen Verrechnungsscheck umgewandelt werden, den die Behörde schließlich entgegennimmt.

„Es ist archaisch, aber immerhin etwas besser geworden“, sagt der Gründer. „Bis vor Kurzem hatten sie eine Geldzählmaschine im Amt, die man Banknote für Banknote füttern musste. Das dauerte so lange, dass ich an einem Tag mit dem Einzahlen nicht fertig wurde und mir ein Hotelzimmer nehmen musste.“ Abends legte er sich sein Geld buchstäblich unter die Matratze und passte darauf auf, bis der Morgen anbrach. ---

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