Ausgabe 04/2017 - Schwerpunkt Mut

Ärztemangel Veddel

„Du bist nicht allein“

• Auf den Fensterbänken im Wartezimmer stapeln sich noch immer die Geschenke, liegen noch immer die Blumen. Anwohner haben sie vorbeigebracht, ein paar Wochen ist das schon her. Es war ein großes Ereignis, das mehrere Hundert Bewohner der Veddel Mitte Februar mit ihren Willkommens-Präsenten in die lange Zeit leer stehende Polizeikaserne nahe des Hamburger Zollhafens führte: Die Menschen in dem Hamburger Stadtteil südlich der Elbe feierten die Eröffnung der neuen Poliklinik und begrüßten den Allgemeinmediziner Ole Bonnemeier.

In anderen Vierteln wäre so etwas nicht Besonderes, auf der Veddel hingegen gab es bis zu diesem Zeitpunkt nur eine einzige niedergelassene Hausärztin, die für 4704 Menschen zuständig war. In den vergangenen Jahren hatten fast alle ihre Kollegen die Veddel verlassen in Richtung reicherer Stadtteile wie etwa Eppendorf. Dort gibt es mehr Privatpatienten. Und dort versorgt ein Arzt durchschnittlich gerade mal 164 Patienten.

Bonnemeier wird nicht der einzige Arzt der neuen Poliklinik bleiben: Schon bald sollen hier fünf weitere Kollegen anfangen. Und nicht nur das: Das insgesamt 20-köpfige Team rund um Bonnemeier hat große Pläne. Denn es besteht nicht nur aus Ärzten, sondern unter anderem auch aus Sozialarbeitern, Pädagogen und Handwerkern. „Wir wollen mit der Poliklinik einen Ort schaffen, wie es früher die Arbeiterclubs und Sportvereine der SPD waren“, sagt Milli Schroeder. Die 35-jährige Politologin ist so etwas wie die Sprecherin der Klinik und schwärmt von einem „Laboratorium der Zukunft“, mit dem man das „Gesundheitssystem von unten umkrempeln“ wolle.

Bevor es so weit ist, soll die Poliklinik zunächst einmal ein sozialmedizinisches Stadtteilzentrum werden, das Ärzte verschiedener Fachrichtungen unter einem Dach vereint und in das Patienten nicht nur kommen, weil sie krank sind, sondern auch, um sich zu treffen, Kaffee zu trinken und miteinander über große und kleine Probleme zu reden.

Und von denen gibt es auf der Veddel jede Menge: 25,4 Prozent der Einwohner sind Empfänger von Arbeitslosengeld II; und wer in diesem Stadtteil mit einem Migrantenanteil von 71 Prozent einen Job hat, der verdient durchschnittlich im Jahr gerade mal 14 633 Euro – rund ein Viertel der Summe eines durchschnittlichen Eppendorfers. Was die Reiseführer gern als Multikulti-Geheimtipp anpreisen und von Boulevardmedien oftmals als Problemstadtteil beschrieben wird, ist für Milli Schroeder eher ein „klassisches Beispiel für medizinische Unterversorgung“, die sie und ihre Kollegen Anfang des Jahres dorthin führte.

Die Idee dazu entstand vor vier Jahren. Damals arbeiteten Schroeder und die Gruppe aus Ärzten und Aktivisten bereits seit 2005 zusammen in der Hamburger Initiative Medibüro, das Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge ohne Papiere organisierte. Ein Engagement im juristischen Graubereich, dem die Helfer wegen möglicher strafrechtlicher Konsequenzen im Geheimen nachgingen. Nach der Klarstellung durch das Bundesinnenministerium im Jahr 2007, dass medizinische Notfallhilfe nicht als Beihilfe zum illegalen Aufenthalt anzusehen sei, werden Helfer nun sogar von staatlichen Stellen gelobt und mit Preisen ausgezeichnet.

Da fragte man sich im Medibüro: Werden wir als kostenlose Sozialdienstleister instrumentalisiert? Wäh- rend sich an den Zuständen im Gesundheitssystem, in dem Hunderttausende hinten runterfallen, nichts ändert? Die Antwort gaben sie sich selbst: Ja. Daraus folgerten sie, mit ihrem Engagement einen Schritt weitergehen zu müssen: Hinein in einen medizinisch unterversorgten Stadtteil, um von unten etwas zu ändern; in die Veddel, wo laut Gesundheitsatlas mehr Kranke leben als in den meisten Vierteln der Hansestadt. Vor allem Leiden wie Diabetes und Herzkrankheiten sind hier besonders stark verbreitet, ebenso wie andere chronische Beschwerden. Auf der Veddel sind auch mehr Kinder und Jugendliche krank als anderswo in der Stadt, und sie haben in ihrer Nachbarschaft keinen Kinderarzt.

Die Poliklinik will es anders machen: Bereits an der Praxistür soll hier der Arzt, darauf wird Wert gelegt, die Patienten persönlich in Empfang nehmen; Jugendliche sollen hier auch bald in Stadtteilprojekten mit den Handwerkern aus Milli Schroeders Gruppe tischlern, sägen und zimmern lernen.

Hier ist Medizin politisch

Finanziert wird das Projekt mit einem Kredit, den der Trägerverein eigens aufgenommen hat, um die Poliklinik anzumieten und betreiben zu können. Auf einer Fläche von 140 Quadratmetern arbeitet nun der Arzt Ole Bonnemeier mit seinen Kollegen, die Menschen aus dem Viertel beraten, wenn etwa der Vermieter nichts gegen feuchte Wände unternimmt, die Miete stark steigt oder die Arbeitsagentur die Zahlungen kürzt.

Milli Schroeder arbeitet 20 Stunden in der Woche unbezahlt in der Poliklinik. Stiftungsgelder und Drittmittelanträge sollen helfen, aus diesem Ehrenamt schon bald eine Lohnarbeit zu machen. Die Politologin führt durch die weiß getünchten Räume des Flachbaus, die noch nach frischer Farbe riechen, und sagt: „Eigentlich ist das hier zu klein für uns.“ Aber klein, das sei ja erst einmal besser als nichts, und sie hoffe, dass der Flachbau für ihr Projekt zu dem wird, was „die Garage einst für Microsoft war“.

Doch bei aller Anfangseuphorie, die Schroeder und ihre Mitstreiter verspüren: Sie wissen, dass sie vor einer schwierigen Aufgabe stehen. „Das aktuell vorherrschende Verständnis von Prävention zielt hauptsächlich auf Eigenverantwortung ab. Die gesellschaftlichen Faktoren werden dabei nicht thematisiert, obwohl sie unter Umständen sehr viel wichtiger als das individuelle Verhalten sein können.“

Schroeder sieht es ähnlich wie die Weltgesundheits- organisation (WHO) der Vereinten Nationen, die den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Gesundheit jahrelang mit einer Expertenkommission untersucht hat. Kernbotschaft: „Soziale Ungerechtigkeit tötet Menschen in großem Maßstab.“ Eine viel zitierte Studie des Robert-Koch-Instituts hilft, diesen Pathos in Zahlen zu übersetzen: So sterben etwa Männer der niedrigsten Einkommensstufe hierzulande durchschnittlich rund elf Jahre früher als jene oberer Einkommensklassen – und so profitieren Ärmere kaum von ihren eigenen Einzahlungen in die Rentenkasse.

„Wir wollen ein Modell etablieren, das die Balance hält zwischen konkreter medizinischer Versorgung einerseits und einem Angebot an Patienten und Anwohnern andererseits, sich auch außerhalb des Behandlungszimmers mit Problemen an uns wenden zu können“, sagt Schroeder.

Laut WHO ist eines der Probleme die schlechte Wohnsituation armer Menschen. Auf der Veddel heißt das konkret: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person liegt bei 26,4 Quadratmetern – der Durchschnitt in Hamburg bei 38,6 Quadratmetern. Viele der Wohnungen auf der Veddel befinden sich zudem in einem schlechten Zustand.

Als weiteren mittelbaren Krankheitsfaktor benennt die WHO die Arbeitsstelle. Wer keinen Job hat, dem setzen Perspektivlosigkeit und Existenzängste zu, die sich häufig auf die Gesundheit auswirken. Wer schlechte Arbeit hat, wird ebenfalls überdurchschnittlich oft krank. Auf der Veddel heißt einen Job zu haben in der Regel, einer schlecht bezahlten Arbeit nachzugehen. Die Gruppe der Poliklinik will diese Gesundheitsgefahren mit den Veddelern, die in ihre Beratungsstellen kommen, besprechen und ihnen dabei helfen, ihre Rechte als Arbeitnehmer gegenüber ihren Chefs besser durchzusetzen. Hier wolle die Poliklinik ansetzen. „Es ist doch so“, sagt Schroeder, „wenn ich merke, ich kann mir selber helfen, geht es mir am besten.“

Wöchentlich kommen inzwischen Empfänger von Arbeits-losengeld II in der Klinik zu Gesprächsrunden zusammen und reden darüber, wie man mit unhöflichen Sachbearbeitern klarkommt, aber auch, wie es ihnen emotional mit ihrer Situation geht. „Die Leute merken: Ich bin nicht allein, und bereits das ist Prävention“, sagt Milli Schroeder.

Solidarität statt Charity

Neu ist die Idee der Poliklinik nicht: In der DDR war sie fester Bestandteil des Gesundheitssystems. Nach dem Fall der Mauer wurde das Modell abgeschafft, doch schon 2004 mit der Gesundheitsreform in abgewandelter Form als Medizinische Versorgungs- zentren (MVZ) wiedereingeführt. Das sollte eine integrierte Gesundheitsversorgung aus einem Guss ermöglichen, doch bereits zwei Jahre später beklagte der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, dass viele MVZ nicht von Ärzten geführt würden, sondern von profitorientierten Unternehmen.

Die Veddeler Poliklinik dagegen möchte ein genossenschaftliches Gegenmodell entwerfen, das mit Partnergruppen aus anderen Städten ein Syndikat bildet. Demnächst eröffnet mit dem Gesundheitskollektiv Berlin der Hauptstadtableger seine Praxis: 400 Quadratmeter im Stadtteil Neukölln, wo es, wie auf der Veddel, dramatisch an Ärzten mangelt. Gefördert wird das Gesundheitskollektiv durch die Robert Bosch Stiftung als eine von bundesweit acht Initiativen im Rahmen des Pilotprojekts PORT (Patientenorientierte Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung).

In der Poliklinik möchten Schroeder und ihre Gruppe im Kollektiv arbeiten, in dem jeder, ob Arzt oder Gesundheitsberater, gleiches Gehalt und gleiches Mitspracherecht erhält. Für manche aus der Gruppe ist es auch eine Flucht aus ihren aktuellen Jobs. Der Krankenpfleger Milo Fersch etwa arbeitet bislang bei einem ambulanten Pflegedienst: „Ich habe eine festgelegte Anzahl an Patienten, die ich versorgen muss. Bei jedem einzelnen habe ich etwa zehn Minuten Zeit zum Duschen, zwei Minuten für den Toilettengang, zwei Minuten für das Gespräch.“ Wenn er länger brauche, müsse er unbezahlte Überstunden machen, bis er sein Soll geschafft habe. „Manche Patienten wollen lieber gar nicht geduscht werden und stattdessen lieber reden.“

Mit der Poliklinik wolle die Gruppe eine Abkehr von dieser „Rationalisierung der Mensch-zu-Mensch-Beziehung“, wie Milo Fersch es nennt. Doch wie soll sich das rechnen? Regelmäßig diskutiert die Gruppe über mögliche Finanzierungsmodelle, über Stiftungen und Spenden. Darüber, auch Unversicherte angemessen behandeln zu können. Gern sähe es die Gruppe, wenn sie mit ihrem Syndikat Gewinne direkt reinvestieren könnte in neue bundesweite Niederlassungen. Doch: Dafür müssen sie erst einmal Gewinn machen. Ein langer Weg, doch Schroeder findet, dass – hätten sie nicht den ersten Schritt gemacht – doch so oder so alles beim Alten geblieben wäre. ---

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