Ausgabe 02/2017 - Wirtschaftsgeschichte

Alaska

Für eine Handvoll Dollar

• William Seward wollte Amerika groß machen, ganz groß. Er war dafür sogar bereit, eher abgelegene Regionen einzugemeinden. Der Außenminister im Kabinett von US-Präsident Andrew Johnson (1865–1869) träumte von einem Großreich, das sich über den ganzen Kontinent erstreckt. Und keine Kolonialmacht sollte darauf auch nur eine Parzelle besitzen.

„Die Leidenschaft des Volkes für territoriale Ausdehnung ist unwiderstehlich“, hatte er bereits 1846 geschrieben. „Die Monarchen von Europa sollen keine Ruhe haben, solange sie noch eine Kolonie auf diesem Kontinent haben. Frankreich hat sich zurückgezogen. Spanien hat sich zurückgezogen. Wir werden sehen, wie lange England noch durchhält, ehe es diesen Beispielen folgen wird.“

Und noch eine Kolonialmacht störte ihn: Russland, das in Russisch-Amerika, dem heutigen Alaska, Häfen, Städte und Kasernen baute. 1784 hatten russische Pelzhändler dort die erste Siedlung errichtet. Die Russen, so forderte Seward, sollten sich zurückziehen.

Um das zu erreichen, musste er einen guten Moment abpassen. Der kam nach dem Ende des Krimkrieges (1853 –1856) von ganz allein. Russland hatte den Krieg gegen Frankreich und Großbritannien verloren, brauchte Geld und wollte nun die Kolonie loswerden.

Also beauftragte Kaiser Alexander II. den russischen Botschafter in Washington D. C., Eduard Stoeckl, der US-Regierung mitzuteilen, man sei bereit, Alaska zu verkaufen. Stoeckl wurde sogleich bei Seward vorstellig. Der Gesandte war schon lange der Ansicht, dass es für Russland das Beste sei, Alaska abzugeben. Er wusste nur zu gut, dass Russland nicht viel von der Kolonie hatte. Hinzu kam, dass sie schwer zu verteidigen war. Daher fürchtete nicht nur Stoeckl, die Briten könnten das Gebiet erobern. Es sei daher besser, Alaska zu verkaufen, solange man noch etwas dafür bekommen würde.

Entsprechend billig bot er die Kolonie an, Seward musste nicht lange überlegen. In den frühen Morgenstunden des 30. März 1867 unterzeichneten die beiden den Kaufvertrag. Lediglich 7,2 Millionen Dollar – rund 110 Millionen Dollar nach heutigem Wert – bezahlten die USA für das neue Territorium.

Und trotzdem machten sich viele Amerikaner über das Geschäft lustig. In den Zeitungen war von einer „Torheit“ die Rede. Man mokierte sich über „Sewards Kühltruhe“ oder bezeichnete Alaska, das fast doppelt so groß ist wie der Bundesstaat Texas, als „Andrew Johnsons Eisbärgarten“. Selbstverständlich fehlten auch jene nicht, die das Motiv der Regierung für den Kauf bereits zu kennen glaubten: Der Präsident und seine Minister wollten neue Beschäftigungsmöglichkeiten für Beamte schaffen. Etwa ein „Büro für Eisbärangelegenheiten“. Oder den Posten des „Aufsehers für Walrösser“.

Tatsächlich gab es in Alaska zunächst wenig zu holen. 1868 eröffnete dort die erste Fabrik für Lachskonserven, die Fischerei wurde der wichtigste Wirtschaftszweig. Doch die Stimmung änderte sich abrupt im Jahr 1880. In jenem Jahr wurde in Alaska Gold gefunden. Ein regelrechter Rausch setzte ein, Abenteurer, Glücksritter und Unternehmer zogen in Scharen in den Norden, um die dortigen Ressourcen auszubeuten. Der Bergbau ersetzte die Fischerei als wichtigste Einnahmequelle. Doch schon bald kam eine weitere hinzu: Seit 1902 wird in Alaska Erdöl gefördert.

Der einst belächelte Kauf hat sich für die USA gelohnt. Rund ein Fünftel des US-Erdöls wird gegenwärtig in Alaska produziert, die Hälfte des amerikanischen Fisches wird dort gefangen. Die wirtschaftliche Bedeutung von Alaska für die USA hat auch das Verhältnis zu dem damaligen Außenminister Seward verändert. In Alaska wird jährlich ein besonderer Feiertag begangen: Am Seward’s Day, dem letzten Montag im März, wird der Unterzeichnung des Kaufvertrags vom 30. März 1867 gedacht.

In Russland erinnert man sich offenbar auch an diesen Tag, Alaska liegt ja sehr nah. Vier Kilometer trennen die russische Große Diomedes-Insel von der amerikanischen Kleinen Diomedes-Insel in der Beringstraße. Als „Eis-Vorhang“ wurde diese Enge während des Kalten Krieges bezeichnet. Daher ist es kein Wunder, dass so mancher in Russland davon träumt, sich Alaska zurückzuholen.

Im Jahr 2014 – also im selben Jahr, als Russland die Krim annektierte – wandten sich 37.000 Unterzeichner in einer Petition an den US-Präsidenten und forderten die Rückgabe des Staates. Der Ursprung des Schreibens ist mysteriös. Die Autorenschaft für das Papier soll laut Medienberichten bei einer PR-Plattform des Kremls liegen. Aber dabei blieb es nicht. In einem Fernsehinterview warnte der russische Botschafter bei der Europäischen Union, Wladimir Tschischow, die USA sollten „auf Alaska aufpassen“. Denn: „Es war mal russisch.“ Kurz darauf wandte er aber ein: „Ich mache nur Spaß.“ ---

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