Ausgabe 02/2017 - Markenkolumne

Die schmoren, die Römer!

• Die Stadt Ransbach-Baumbach, rund 25 Kilometer nordöstlich von Koblenz gelegen, ist nicht der Nabel der Welt, aber „Zentrum der Keramikindustrie“, so die Eigenwerbung. Hier, im Niederwesterwald, wird traditionell Ton abgebaut und verarbeitet. Den Frankfurter Otto Gatzke verschlug es nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre als Assistent der Geschäftsführung in ein Unternehmen der Branche. 1997 ergriff er die Gelegenheit, sich selbstständig zu machen – und mit dem Römertopf eine weltweit bekannte Marke aus der Region zu retten, wofür man ihm bis heute dankbar ist. Der 68-Jährige bereut die Entscheidung nicht: „Der Römertopf“, sagt er, „war das Filetstück der damaligen Firma.“

Er selbst isst am liebsten Hausmannskost, sein Lieblingsrezept ist „dunkles Gulasch mit Nudeln“. Für ausgefallenere Gerichte ist sein Vertriebsmann und Prokurist Michel Rouland, 53, zuständig, der sich ständig Neues für den porösen Bräter einfallen lässt und mit den Kollegen testet: von eingelegtem Rentierbraten bis zu Dampfnundeln mit Zimt-Pflaumen.

Rezepte sind das wichtigste Werbemittel der Firma – auf Neudeutsch könnte man das Content-Marketing nennen. Otto Gatzke rechnet stolz vor, dass die Jahresauflage aller Veröffentlichungen über den Römertopf in Frauen- und Kochzeitschriften bei 100 Millionen liegt. Viele Leute halten die international geschützte Marke für einen Gattungsbegriff.

Gatzke freut sich seit einigen Jahren über steigenden Absatz. Der Römertopf passt zum Trend hin zur Kulinarik. Und er ist idiotensicher – „selbst komplette Dilettanten können damit kochen“, stellte der Berliner »Tagesspiegel« einmal fest. Außerdem ist der Bräter schon für weniger als 30 Euro zu haben und damit viel billiger als gusseiserne Prestigeprodukte.

Im Prinzip ist er auch unverwüstlich, außer man lässt ihn fallen oder stellt ihn nach dem obligatorischen Wässern in den heißen Ofen, dann zerspringt er (man muss ihn langsam erhitzen). Über den Umsatz verrät Gatzke lediglich, dass er im einstelligen Millionenbereich liege und stetig wachse. In jüngster Zeit haben die Westerwälder am Sortiment gearbeitet, mittlerweile gibt es auch einen schlichten Bräter, ohne die traditionellen Schnörkel.

Außerdem bringt die Firma zum 50. Jubiläum flammfeste Grillschalen auf den Markt: „Römertopf goes Barbecue“ nennt Otto Gatzke das. Allerdings ist in Ransbach-Baumbach auch gerade ein Konkurrent mit seinem sogenannten Ur-Topf auf den Plan getreten, der, anders als der Römertopf, nicht gewässert werden muss. Gatzke mache das, so sagt er, nicht bange: „Unsere Marke ist sehr stark, da kommt so schnell niemand dran.“ ---

Als Eduard Bay, Fabrikant von Zierkeramik und Pflanzgefäßen, 1966 im Italienurlaub in einem Museum Tontöpfe sieht, kommt der Westerwälder auf die Idee, eine moderne Variante herzustellen. Der von ihm entwickelte Römertopf wird gewässert, bevor er mit Fleisch, Fisch, Gemüse oder Süßspeisen in den Backofen kommt. Dort verdunstet das vom Ton aufgesogene Wasser langsam, sodass die Speisen in einer Dunstglocke schonend ohne Zusatz von Fett im eigenen Saft garen können. Bay präsentiert seine Erfindung im April 1967 bei einer Messe in Hannover. Die Fachhändler sind zunächst skeptisch, aber das Publikum findet Gefallen am Römertopf, denn er passt in die Zeit. Die Deutschen entdecken damals die Vorzüge einer kalorienarmen und vitaminreichen Küche. Zudem ist der Bräter praktisch, weil man sich, wenn er erst mal im Ofen steht, nicht um ihn kümmern muss. Die Westerwälder kommen mit der Produktion nicht nach und müssen zusätzlich Lohnhersteller verpflichten. Eduard Bay stirbt 1972, drei Jahre später wird der zehnmillionste Römertopf verkauft. In den Neunzigern gerät die Firmengruppe Bay in die Krise, 1997 übernimmt Otto Gatzke den Römertopf aus der Insolvenz, organisiert die Produktion neu und stärkt den Vertrieb. Seit der Jahrtausendwende geht es mit dem Römertopf langsam wieder aufwärts.

Römertopf Keramik GmbH Mitarbeiter: 30
Umsatz und Gewinn: k. A
bislang produzierte Römertöpfe: rund 25 Millionen
Exportanteil: 50 – 60 Prozent

Mehr aus diesem Heft

Marketing 

„Wir erleben einen emotionalen Klimawandel“

Georg Franck hat vor knapp 20 Jahren den Begriff der Ökonomie der Aufmerksamkeit eingeführt. Heute sagt er: „Ein Großteil der öffentlichen Kommunikation wirkt und funktioniert wie Marketing.“

Lesen

Marketing 

Der letzte Brand

Christoph Keller hat in kurzer Zeit eine Destillerie aufgebaut, deren Brände weltweit gefragt sind. Jetzt hört er auf. Ein Gespräch über Perfektionismus.

Lesen

Idea
Read