Ausgabe 02/2017 - Kolumne

Bodenhaftung

Aus wenigen Bauteilen entsteht ein ganzes Netz

• Pünktlich zum „Tatort“ fiel der Strom aus, Bäume knackten, die Feuerwehr stand vor der Tür: Zehn Minuten Zeit, um das Haus zu räumen – der Berg kommt runter. Die Bewohner von Öschingen im Landkreis Tübingen erlebten im Juni 2013 eine Katastrophe. Am Rossberg wälzte sich eine halbe Million Kubikmeter Erde und Felsen ins Tal hinab. Weitere, teilweise verheerende Erdrutsche gab es in diesem Jahr in China, Indonesien, Brasilien und Mexiko. Für den Südkoreaner Jeongdae Kim, der damals an der Hochschule der Künste in Bremen Integriertes Design studierte, waren die Katastrophen Anlass für ein freies Projekt: Er entwarf ein Gitter, das die Bodenoberfläche an Hängen festhalten und so Erosionen verhindern soll.

Das Gitter wird aus simplen Einzelteilen zusammengesteckt. Diese bestehen aus natürlichen Abfallmaterialien wie Stroh, Dung, Haaren, Kaffeesatz oder Laub, die zusammen mit biologischen Bindemitteln gepresst und danach an der Luft getrocknet werden. Ähnlich wie Lehmziegel. In der Mitte jedes Moduls befindet sich ein kleines Pflanzgefäß mit Samen von passenden Schnellwurzlern wie Bambus oder Akazien. Während das Gitter den Boden hält, kann die Pflanze in Ruhe wachsen, festigt mit ihren Wurzeln den Untergrund und bekommt Nährstoffe aus den sich zersetzenden Modulen.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass etwa 23 Prozent der bewachsenen Fläche auf der Erde von Erosion geschädigt ist. Weltweit gehen dadurch mehr als 24 Milliarden Tonnen fruchtbarer Boden pro Jahr verloren.

Die Ursachen der Erosion sind Kahlschlag, Starkregen infolge des Klimawandels, landwirtschaftliche Nutzungen an eigentlich ungeeigneten Stellen und starke Winde. Die größten Probleme bestehen heute in Afrika und Asien. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Methoden, den Boden mit Stahlnetzen oder Betonschwellen zu halten, plante Jeongdae Kim seine Module so einfach wie möglich. Seine Idee, MLKL genannt (was für „Moleküle“ steht und auf die Art der Verkettung anspielt), ist von Anfang an als Non-Profit-Projekt geplant gewesen. Friederike Lang, Professorin für Bodenökologie in Freiburg, sagt: „Das könnte ein tolles Produkt werden.“ Sofern das Gitter keine Auswirkung auf die Bodentemperatur und das Wachstum kleinerer Pflanzen habe. Um das großflächig zu testen, sucht Jeongdae Kim einen Investor, der mit ihm zusammen die Gussformen herstellt und vertreibt. ---

MLKL
Ein Projekt von Jeongdae Kim Hochschule der Künste Bremen
Kontakt: jeongdaekim2014(at)gmail.com

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