Ausgabe 02/2017 - Mikroökonomie

Eine Stoffhändlerin in Togo

Esther Lawson Aziablé, 52, lebt in Lomé, der Hauptstadt von Togo. Sie handelt mit Wax Hollandais, das sind Kleiderstoffe aus den Niederlanden, die in Westafrika sehr begehrt sind. Schon Aziablés Großmutter war Stoffhändlerin, von ihr hat sie den Beruf erlernt. Als Kind besuchte Aziablé ein Internat in Frankreich und machte dort Abitur. Sie ist mit einem Arzt verheiratet und hat vier Kinder, zwei studieren in Europa.

Verdienst, Grundkosten, Altersvorsorge

Über Geld spricht Aziablé nicht gern. Um derartige Fragen abzuwehren, hat sie zwei Standardantworten. Gefragt nach ihren Ausgaben für Gehälter oder Wareneinkauf, sagt sie: „Sehr, sehr viel Geld.“ Fragt man sie nach kleineren Beträgen, wie etwa nach der Höhe ihrer in Frankreich abgeschlossenen Krankenversicherung, sagt sie: „Rund 500 CFA-Franc.“ Konkreter will sie nicht werden. Auch den Beitrag ihrer in Frankreich abgeschlossenen Rentenversicherung will sie nicht verraten. Sie plane ohnehin, zu arbeiten, bis sie 70 ist. Regelmäßig spende sie der Kirche Geld, und sie bezahle ihren sechs Angestellten „sehr, sehr viel Geld“.

Was bedeutet Ihnen Arbeit?

Sie bedeutet mir Freiheit. Nur wer arbeitet, ist unabhängig.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?

Die Mode ist meine Leidenschaft. Ich liebe auch den Handel. Aber meine Familie ist mir das Wichtigste.

Was möchten Sie an Ihrem Leben verändern?

Nichts.

Was sind Ihre größten Probleme, und wie gehen Sie damit um?

Da sind zum einen die billigen Plagiate aus China, von denen immer mehr auf den Markt kommen. Dann ist da die Krise in Nigeria. Die Frauen dort waren gute Kundinnen. Aber meine Stoffe sind ihnen mittlerweile zu teuer. Und schließlich ist es ein Problem, dass sich die Frauen in Westafrika an der westlichen Mode orientieren. Aber ich beobachte die Trends genau und versuche, mich danach zu richten.

Was erwarten Sie von der Zukunft, und was tun Sie dafür?

Das Stoffgeschäft wird immer schwieriger. Aber vielleicht übernimmt meine Tochter das Unternehmen einmal. Sie wird ihm eine neue Richtung geben. Die jungen Frauen sind dynamischer und ständig im Internet.

In Togo herrschte fast 40 Jahre lang der autokratische Präsident Étienne Gnassingbé, seit 2005 ist sein Sohn an der Macht. 2012 haben togolesische Frauen durch einen Sex-Streik weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt: Sie wollten ein Gesetz verhindern, mit dem sich Gnassingbé ein weiteres Mal wählen lassen konnte. Glauben Sie, dass ein Regierungswechsel für das Land gut wäre?

Nein, die Kontinuität ist sehr gut für Togo. Wirtschaftlich kann ich mir keine Alternative vorstellen.

Ein Teil der Bevölkerung ist nicht zufrieden. Was, glauben Sie, ist der Grund dafür?

Das müssen Sie diese Leute fragen. Das Land ist bei unserem Präsidenten in sehr guten Händen. ---

Togo:
Einwohner: 7,8 Millionen
Währung: CFA-Franc (100 CFA-Franc = 0,15 Euro)
BIP pro Kopf (2013): 482 Euro
Human Development Index: Platz 162 (Deutschland: Platz 6 von 188 Ländern)

Aktuelle Durchschnittskosten:
1 Liter Benzin: 0,62 Euro
1 lebendiges Huhn: 4,35 Euro
1 Tiefkühl-Huhn (importiert): 2,20 Euro
1 Ei aus Afrika: 1,60 Euro
1 Ei aus Europa (importiert): 0,15 Euro
1 Packung Zigaretten: 1,45 Euro

Aus der aktuellen brand eins, Ausgabe 2/2017 
Schwerpunkt: Marketing 
Themen u.a.: Georg Franck über die „Ökonomie der Aufmerksamkeit“, die Imagekampagne der Berliner Verkehrsbetriebe und die übertriebene Angst vor Gluten und das Geschäft dahinter.

Alle Inhalte finden Sie hier: https://www.brandeins.de/archiv/2017/marketing/

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