Ausgabe 02/2017 - Blick in die Bilanz

Blick in die Bilanz: Ev.-luth. Landeskirche Hannover

Schäfchen im Nassen

• Mehr als 2,8 Millionen Mitglieder zählt die Landeskirche Hannover. Sie ist damit die größte hierzulande, lässt sogar ihr mitgliederstärkstes katholisches Pendant, das Erzbistum Köln, hinter sich (zwei Millionen Mitglieder). Dank der guten Konjunktur und damit hoher Beschäftigung sprudeln die Kirchensteuern, die die Hannoveraner einnehmen. Mehr als 546 Millionen Euro waren es 2015, gut zwei Prozent mehr als im Vorjahr und über 40 Prozent mehr als 2006. Eine schöne Summe, wenn auch deutlich weniger als die Einnahmen der Kölner, deren Anhänger offenbar besser verdienen. Sie lieferten beim Erzbistum 628 Millionen Euro ab (die Kirchensteuer beträgt zwischen acht und neun Prozent der persönlichen Einkommensteuer). Für beide Institutionen ist die Kirchensteuer die mit weitem Abstand wichtigste Einnahmequelle; bei den Hannoveranern macht sie 87 Prozent der Gesamterträge aus.

Die Niedersachsen erhielten außerdem staatliche Zuschüsse in Höhe von 23,7 Millionen Euro, unter anderem für die Bezahlung der rund 1800 beamteten Pfarrer. Außerdem kamen 53,8 Millionen Euro an sonstigen Erträgen zusammen, Zinseinkünfte aus der Anlage des Kirchenvermögens etwa (vor allem des Rücklagen- und Darlehensfonds von rund einer Milliarde Euro, aus dem unter anderem die Pensionen bezahlt werden) oder staatliche Erstattungen für Dienste, die Kirchenmitarbeiter an öffentlichen Einrichtungen erbringen, etwa Religionsunterricht an Schulen oder Betreuung in Kindergärten. Kollekten und Spenden brachten vergleichsweise bescheidene 870 000 Euro ein, dennoch verfügt die Landeskirche alles in allem über Erträge in Höhe von stattlichen 625 Millionen Euro.

Damit kommt die Kirche allerdings nicht aus. Schon von 1993 bis 2011 rutschte sie, vor allem wegen geringerer Kirchensteuereinnahmen, in die roten Zahlen, häufte Haushaltsdefizite von insgesamt 300 Millionen Euro an. In der Folge entstand eine erhebliche Versorgungslücke: Es waren zu wenig Rückstellungen für die Pensionen von Pfarrern und Kirchenbeamten gebildet worden. Um sie aufzufüllen, waren allein 2015 Jahr 169,5 Millionen Euro zusätzlich nötig – um diesen Betrag stiegen die sonstigen ordentlichen Aufwendungen. Nun sind die Rückstellungen mit rund 486 Millionen Euro ausreichend dotiert. Dafür steht trotz Steuereinnahmen in Rekordhöhe unterm Strich ein erneuter Jahresverlust von 95 Millionen Euro.

Dazu trug auch bei, dass die Hannoveraner ihren größten Ausgabenposten, die Zuweisungen an ihre Gemeinden und Kreise, 2015 um 13 Prozent – rund 30 Millionen Euro – erhöhten. Die zusätzlichen Gelder flossen vor allem in die Flüchtlingsarbeit, finanzierten Deutschkurse oder die Betreuung von Familien. Es sind in erster Linie Ausgaben für Personal, die dabei anfallen; rund 28 000 haupt- und nebenberufliche Mitarbeiter stehen in Diensten der Landeskirche. Ob das so bleiben kann, ist fraglich, denn trotz ihres sozialen Engagements verlieren die Hannoveraner bei vielen Menschen an Attraktivität, verlieren Mitglieder. Zum einen durch Todesfälle, zum anderen durch Austritte, die 2014 erstmals die Zahl der Eintritte und Taufen überstiegen. Zwischen 2004 und 2014 sank so die Zahl der Kirchensteuerzahler um 11 Prozent (Erzbistum Köln: minus 7,3 Prozent). Noch sorgt die gute Wirtschaftslage für hohe Einnahmen, doch ab 2018 rechnet die Landeskirche aufgrund des Mitgliederschwundes mit Verlusten, ab 2020 sogar in zweistelliger Millionenhöhe. Wie sie die auf Dauer auffangen will, ist unklar. Sparen steht jedenfalls nicht auf dem Programm. Ein 2004 von der Landessynode verordnetes Kostensenkungsprogramm wurde Ende 2014 aufgehoben. ---

Die evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers ist eine von 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Ihr Einzugsgebiet umfasst weitgehend das ehemalige Königreich Hannover. An der Spitze steht Landesbischof Ralf Meister. Die Landeskirche umfasst 1270 Gemeinden, 1666 Gotteshäuser und beschäftigt rund 28 000 Mitarbeiter. Sie unterstützt das Diakonische Werk e. V. Kirchen in Niedersachsen, das Krankenhäuser, Pflegeheime und andere soziale Einrichtungen betreibt.

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