Ausgabe 02/2017 - Was Wirtschaft treibt

Drohnen

Startklar

In der zivilen Nutzung als Spielzeuge sind Drohnen beliebt. Als Paketlieferanten sind sie Vision. Gutes Geld verdienen die Hersteller aber mit anderen Dingen. Ein Report über eine noch junge Branche.

 

 

• Es war eine Ansage. Schon im Jahr 2017, spätestens aber 2018, werde Amazon den Kunden Pakete per Drohne liefern. So hatte es Amazon-Gründer Jeff Bezos vor vier Jahren in einer Fernsehshow angekündigt. Um zu beweisen, dass das möglich ist, zeigte er ein Video. Darin greift eine Drohne in einem Amazon-Lager eine Box, fliegt selbstständig zum Haus einer Familie und setzt die Ladung auf der Terrasse ab. Mit diesem Auftritt begann ein Wettbewerb unter den Logistikunternehmen, wer als Erster diese neue Form der Luftpost einsetzen würde.

Visionäre Videos scheinen dabei besonders wichtig zu sein. DHL ist auf Youtube mit gelben Paket-Coptern unterwegs, die wahlweise eine Alm in Berchtesgaden oder die Insel Juist ansteuern, um dort eine Paketstation zu befüllen. Der amerikanische Zusteller UPS wirft Blutkonserven und Medikamente per Mini-Fallschirm in der Savanne von Ruanda ab. Der Daimler-Konzern schickt einen Kleintransporter ins Rennen, von dessen Dach aus Drohnen starten, um dem Paketboten die letzten Meter abzunehmen. Und das Google-Projekt Wing zeigt das Video eines Fast-Food-Lieferservices. Die Drohne lässt angeblich noch heiße Burritos per Seilwinde auf die Picknickdecke hungriger Studenten hinunter.

Jeff Bezos hatte in der Fernsehshow 2013 gesagt: „Das sieht nur so aus wie Science-Fiction.“ Dann meldete Amazon vor zwei Jahren ein Patent auf Prime Air an, mit Drohnenschwärmen und mit Umschlagplätzen, an denen sich die Copter gegenseitig Pakete übergeben und die leeren Akkus wieder laden können. Auch gibt es immer wieder PR-Meldungen von erfolgreichen Betatests von Lieferungen an Kunden. Doch trotz des offensiv vorgetragenen Optimismus wird immer offenkundiger: Dieses oder kommendes Jahr wird es ganz gewiss nichts mit der Paketzustellung per Drohne, weder in den USA noch in Europa. „Zehn Jahre sind ein deutlich realistischeres Szenario“, sagt Uwe Meinberg, Professor für Industrielle Informationstechnik an der Technischen Hochschule Cottbus und Gründer des Innovationsforums Zivile Nutzung Unbemannter Flugsysteme.

Konsens unter den Experten ist: Es müssen noch viele Probleme gelöst werden, bevor Drohnen in der Paketlogistik wirklich zupacken können. Die Reichweiten sind kurz, die automatische Navigation in dicht besiedelten Städten mit vielen Funkmasten schwierig, das sichere Absetzen der Ladung funktioniert nur im Videoclip reibungslos. Und selbst wenn die Techniker sehr rasch vorankämen, wären die Luftfahrtbehörden ganz gewiss noch nicht so weit, Luftkorridore für sich selbst steuernde Flugobjekte freizugeben. Beinahe-Zusammenstöße von Hobbydrohnen mit Passagiermaschinen zeigen, dass es noch viel Regelungsbedarf gibt. Bei den rechtlichen Fragen kommt hierzulande erschwerend hinzu, dass Verwaltungsvorschriften auf Landesebene, Bundesgesetzgebung und europäische Vorgaben miteinander in Einklang gebracht werden müssen. Das wird dauern.

Jederzeit einsatzbereit

Das heißt nicht, dass das alles ein reiner Marketing-Gag von Amazon & Co ist. Die Technik wird sich über Nischen-Anwendungen weiterentwickeln. Wenn auch deutlich langsamer als angekündigt. Meinberg nennt als Beispiel den Transport von Laborproben auf einem großen Krankenhaus-Campus, unter Umständen auch mit mehreren Standorten in einer Stadt. Auch auf Fabrikgeländen und in Fertigungshallen werden künftig mehr Drohnen umherschwirren und kleinere Teile oder Werkzeuge herbeischaffen. Größere Testflüge machen einige Automobilhersteller. „Das ist technisch spannend. Aber wirtschaftlich erfolgreich sind Drohnen bislang in Bereichen, die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden“, sagt Meinberg. Vermessung und Inspektion zählen dazu.

So sind schon seit Jahren batteriegetriebene Copter mit Wärmebildkameras über großen Solarparks unterwegs und erkennen, welches Panel ausgefallen ist. Betreiber von Windrädern müssen ihre Anlagen regelmäßig nach Rissen absuchen. Drohnen mit HD-Kameras können das nicht nur viel schneller als Industriekletterer, die Auswertung am Rechner ist auch deutlich präziser und wird zudem mit automatischen Bilderkennungsverfahren beschleunigt. Ebenso kommen Drohnen bei den technischen Kontrollen von Brücken, Staudämmen oder Türmen zum Einsatz. Einige Fluglinien, darunter Easyjet, inspizieren mit Drohnen und Laserscan-Technik zentimetergenau die Außenhäute ihrer Flugzeuge.

Wenn bei Industrieanlagen in einigen Bereichen viel Hitze entsteht, können Drohnen aus der Nähe hinschauen, wo es für Menschen gefährlich wird. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die Wartung der Rohre auf Bohrinseln, an deren Spitze überschüssiges Fördergas abgefackelt wird. Bis dato mussten die Plattformen über Tage stillgelegt werden, bis die Rohre abgekühlt waren und Ingenieure sie untersuchen konnten. Für Drohnen der britischen Firma Sky Futures reicht auf Bohrinseln des norwegischen Staatskonzerns Statoil eine Abkühlzeit von wenigen Minuten.

Das Geschäft mit Film-, Werbe- und Live-Event-Aufnahmen aus der Luft boomt, seit kein Hubschrauberpilot und spezialisierter Kameramann mehr für die Vogelperspektive nötig ist. Die Technik nutzen inzwischen auch Porträt- und Hochzeitsfotografen. Branchenexperten gehen davon aus, dass mehr als die Hälfte der kommerziell fliegenden Kameras für Medien- und Event-Dokumentationen unterwegs sind.

Auch die Feuerwehr und der Katastrophenschutz nutzen Drohnen. Bei größeren Bränden suchen die Einsatzkräfte aus der Luft nach Zufahrtswegen für die Löschfahrzeuge. Bei Deponiebränden helfen fliegende Wärmebildkameras, schwelende Brandherde zu entdecken. Katastrophenschützer erkunden nach Erdbeben einsturzgefährdete Gebäude und kartografieren verwüstete Landstriche für den Wiederaufbau, wie etwa in Nepal im Jahr 2015.

Überwachung und Objektschutz sind ein weiteres wachsendes Geschäftsfeld. Das deutsch-kalifornische Start-up Nightingale Security hat ein System entwickelt, bei dem Copter die regelmäßigen Rundgänge von Wachpersonal übernehmen oder aufsteigen, wenn ein Eindringling auf einem Gelände vermutet wird. Die Drohnen können dann Verdächtige automatisch verfolgen und ihre Bilder live in die Sicherheitszentrale funken. Arnd Schröter, Mitgründer der Firma, macht dabei folgende Rechnung auf. „Je nach Land kostet ein Wachmann im Drei-Schicht-Betrieb zwischen 15.000 und 25.000 Dollar pro Monat. Ein Drohnensystem von Nightingale gibt es inklusive aller Servicedienste für rund 5000 Dollar.“

Menschliche Arbeitsplätze werden nicht nur in der Sicherheitsbranche durch fliegende Roboter ersetzt. Auch die traditionellen Vermesser im Hoch- und Tiefbau trifft es. „Um eine Großbaustelle von 16 Hektar zu vermessen, braucht ein klassischer Vermessungstrupp rund eine Woche. Unsere Drohne erledigt dies in einem vollautomatischen Flug innerhalb von acht Minuten“, sagt Benjamin Federmann von Aibotix aus Kassel. Mit einem kleinen Unterschied: „Die Drohne vermisst in ihrem programmierten Flug deutlich exakter, als es Menschen mit Nivelliergeräten und Messlatten können.“

Die Geschichte dieser Firma ist typisch für die Branche. Sie wurde 2010 gegründet und wuchs binnen vier Jahren auf 75 Mitarbeiter. Dann kaufte der schwedische Messtechnikkonzern Hexagon A. B. das Start-up für eine nicht genannte Summe. Unter dem Dach der Hexagon-Tochter Leica Geosystems befassen sich laut Federmann heute rund 150 Mitarbeiter mit dem Bau der Spezial-Copter, dem Vertrieb fliegender Vermessungsdienstleistungen und mit dem Auswerten der aus der Luft gesammelten Daten. Wichtige Kunden von Aibotix sind Bergwerksbetreiber in aller Welt und europäische Energieunternehmen, darunter RWE und Eon. Umsatzzahlen für die Drohnensparte veröffentlicht das Unternehmen nicht. Federmann verrät nur, dass in der sechsjährigen Firmengeschichte zwischen 1000 und 1500 Drohnen gebaut wurden. Das Einsteigermodell für einfache Anwendungen kostet 20.000 Euro, Drohnen mit besonders guten Erfassungskameras bis zu 130.000 Euro.

Die Vermessung der Welt

So verschlossen sind viele der Drohnenunternehmen. „Die meisten sind noch eigentümergeführt und lassen sich ungern in die Karten schauen“, sagt Kay Wackwitz. Der Analyst und Gründer von Drone Industry Insights sammelt Daten über die Branche. Er beobachtet seit einiger Zeit „eine starke Konsolidierung im Markt und auch Spezialisierung entlang der Wertschöpfungskette“. Will heißen: Die Zeit der kleinen Technikbuden ist vorbei.

Vier große Trends zeichnen sich in dem jungen Markt ab:
— Großunternehmen übernehmen zunehmend erfolgreiche Spezialhersteller oder Drohnen-Software-Anbieter, um das eigene Angebot zu ergänzen. Aibotix ist nur ein Beispiel von vielen. So hat zum Beispiel der Softwarehersteller Autodesk in den vergangenen zwölf Monaten mit Skycatch and 3-D-Robotics gleich in zwei aufstrebende Drohnenspezialisten für die Bauindustrie investiert.

— Es fließt viel Wagniskapital in die Branche, besonders in den USA und in China. Laut Analysten war es 2015 knapp eine Milliarde Dollar. Für 2016 liegen noch keine seriösen Zahlen vor, aber die Summe dürfte höher sein. Der größte Hersteller, DJI aus Chinas Hightech-Region Shenzhen, wurde bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit acht Milliarden Dollar bewertet.

— Es wiederholt sich, was schon in der IT-Industrie zu beobachten war: Die Hardware wird immer besser und billiger. DJI wurde in der Branche einst als Spielzeughersteller belächelt. Doch mit jeder neuen Drohnengeneration arbeiten sich die Chinesen weiter ins professionelle Segment vor. Eine Hobbydrohne für 500 bis 1000 Euro fliegt heute oft stabiler und macht bessere Bilder als ein drei Jahre alter Profi-Copter, der damals 25.000 Euro gekostet hat.

— Gleichzeitig standardisieren sich die Betriebssysteme, zum Teil auf Open-Source-Basis. Darauf aufbauend entstehen Software-Unternehmen, die alle möglichen Daten- und Spezialanwendungen entwickeln. Auch kommen die ersten Datensammler auf den Markt. Sie wollen in Google-Manier wertvolle Informationen aus den Datenströmen filtern, die zahlreiche vernetzte Drohnen permanent an die dazugehörigen Server funken. So soll einst eine permanente Nahaufnahme der Erde aus der Luft möglich sein – in viel höherer Auflösung, als Satelliten sie liefern können.

In Deutschland fliegen nach Recherche von Drone Industry Insights zurzeit rund 400.000 Drohnen. Rund 20 Prozent davon werden wohl kommerziell genutzt. Das weltweite Marktpotenzial für drohnenbasierte Geschäftsanwendungen beträgt derzeit rund 130 Milliarden Dollar. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der kürzlich gegründeten Drohnensparte des Beratungshauses PricewaterhouseCoopers (PwC).

Allein in den Bereichen Infrastruktur und in der Bauindustrie ließen sich mit Drohnen nach Berechnungen der Berater rund 45 Milliarden Dollar verdienen. In der Landwirtschaft wären es mehr als 32 Milliarden, bei ziviler Sicherheit mehr als 10 Milliarden, bei Medien und Unterhaltung knapp 9 Milliarden. Zur Unterhaltung zählen zum Beispiel kommerzielle Drohnenwettflüge. Anfang des Jahres gab es ein erstes Groß-Event in Dubai mit einem Preisgeld von einer Million Dollar. In den USA startet gerade eine Profi-Liga nach dem Vorbild von Autorennserien.

Als vollkommen neues Geschäftsfeld sieht PwC die Versicherungsbranche. Diese habe nicht nur Bedarf an allen möglichen Informationen aus der Luft, sondern könne Versicherungen für Drohnenbetreiber anbieten. Das Potenzial im Bereich Transport schätzen auch die PwC-Berater zurzeit als eher niedrig ein. Für Luftpaketpost sehen sie vor allem Chancen in Entwicklungsländern mit schlechter Infrastruktur und niedrigen rechtlichen Hürden durch Flugsicherung und Luftverkehrsämter. In der Summe kommen sie trotz der oben beschriebenen technischen und juristischen Herausforderungen aber immerhin auf 13 Milliarden Dollar weltweit.

Schwierige Verkehrsregeln

Die Zahlen des Reports wurden in der Branche mit Begeisterung aufgenommen, und sie fehlen in kaum einem Vortrag zum Thema. Oft werden die Schätzungen zum Marktpotenzial und Umsatz der kommenden drei bis fünf Jahre übertrieben. Frank Wernecke mahnt: „Ein etwas realistischeres Erwartungsmanagement täte den meisten von uns ganz gut.“ Er hat vergangenes Jahr in Berlin die Dronemasters gegründet, ein Branchennetzwerk, das eine Lobbyplattform ist und Drohnenrennen organisiert.

Wernecke hat auf der einen Seite keine Zweifel daran, dass sich die Technik in hohem Tempo weiterentwickeln wird. Aber er fürchtet, dass auf zu große Erwartungen Enttäuschungen bei Anwendern und Investoren folgen könnten. Bei Drohnen kommt erschwerend hinzu: Sie sind cyber-physische Systeme, also Roboter-Hybride aus Hardware und Software, denen gern das Label „künstliche Intelligenz“ angeheftet wird. Kaum eine weitere Technik-Kategorie beflügelt die Rendite-Fantasien der Investoren derzeit stärker.

Dabei gibt es noch viel zu regeln. Der Luftraum ist juristisch kompliziert. Verantwortungslose Hobbypiloten, die ihre Drohnen in der Nähe von Flughäfen steigen lassen, sorgen schon lange für öffentlichen Druck auf den Gesetzgeber, die zivile Nutzung von Drohnen eher einzuschränken als auszuweiten. Ende Januar hat das Bundeskabinett dann schärfere Regeln für den privaten Einsatz von Drohnen beschlossen. Dazu gehören eine Art Führerschein für Fluggeräte ab zwei Kilo Gewicht und eine Kennzeichnungspflicht.

Aber es wurden auch Vorschriften gelockert. So fallen bestimmte Genehmigungen für gewerbliche Nutzer weg, und auch beim sogenannten Sichtflug ist der Gesetzgeber nicht mehr ganz so streng. Bisher mussten Drohnenpiloten ihr Luftfahrzeug stets sehen können, eine Regelung aus Modellfliegerzeiten. Der große wirtschaftliche Entwicklungssprung bei Drohnen wird aber erst dann kommen, wenn sie vollautomatisch fliegen dürfen und allenfalls noch ein Mensch in einer Schaltzentrale sie kontrolliert.

„Disruptive Regulierung“, das wissen freilich auch die Gründer, wird es in der Luftfahrt nicht geben. Im Übrigen sind die gesetzlichen Anforderungen im digitalen Gründerparadies USA eher strenger als in Europa. Zügige Antragsbearbeitung und pragmatische Auslegung der Regelungen, besonders auf der Ebene von Landesbehörden, würden vielen Anbietern und Anwendern von fliegender Inspektionstechnik mehr helfen als ein visionärer Rechtsrahmen für die Lieferung von Burritos.

Und wenn schon Vision, dann bitte ganz groß. Das Karlsruher Unternehmen E-volo hat eine Drohne entwickelt, die nicht Pakete, sondern Menschen transportieren kann. Der Prototyp darf offiziell als Leichtflugzeug geflogen werden. Bis zu 100 Stundenkilometer schnell ist das Fluggerät mit 18 Rotoren. Es erinnert vom Aufbau noch an einen klassischen Helikopter.

Der chinesische Hersteller Ehang hat das Konzept fortgeführt und daraus ein Luftfahrzeug gebaut, das wie eine Kreuzung aus einem Smart und einer übergroßen Drohne aussieht. Angeblich soll es in der brasilianischen Metropole São Paulo Leute geben, die über einen vollautomatischen Taxidienst mit Personendrohnen nachdenken. ---

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