Ausgabe 02/2017 - Was Menschen bewegt

Albrecht Wintterlin

Wintterlins Weg

• Albrecht Wintterlins Odyssee durch mathematisches Grenzgebiet beginnt 1981. Als sein Professor ein Dreieck mit einem Kreis darin an die Tafel zeichnet, hat der Ingenieur einen Geistesblitz. Es ist früher Morgen, halb acht. Ein Hörsaal der Freien Universität in Berlin-Dahlem. Das Seminar „Diskrete Geometrie“ von Hanfried Lenz zählt drei Teilnehmer. Einer von ihnen ist Wintterlin. 40 Jahre, kurzes schwarzes Haar, forscher Blick. Diplomingenieur mit Mathematikvordiplom.

Das Dreieck an der Tafel – die Fano-Ebene – ist in Mathematikerkreisen eine berühmte geometrische Figur; die einfachste sogenannte projektive Ebene. Was nicht bedeutet, dass sie leicht zu verstehen wäre. Sie besteht aus sieben Punkten und sieben Geraden und einer Reihe von rigorosen Schnittbedingungen, die unser dreidimensionales Raumverständnis übersteigen. Was für unsereiner überirdisch anmutet, lässt Mathematiker nicht mal mit der Wimper zucken. „Die Fano-Ebene spielt in der Geometrie, der Kombinatorik und Codierungstheorie eine wichtige Rolle“, sagt Albrecht Beutelspacher, Professor für Diskrete Mathematik und Geometrie in Gießen. Außerhalb des Fachs interessiert sie niemanden.

In Wintterlin setzt die Begegnung etwas in Gang. Er stört sich an einem „Schönheitsfehler“ des Dreiecks, der von Mathematikprofessoren in Vorlesungen meist mit dem Satz „muss man sich wegdenken“ abgetan wird. Ihm schwebt eine mehrdimensionale Erweiterung der Figur vor, und er fragt sich, wie man ein räumliches Modell daraus konstruieren könnte. Was er vorhat, ist ein Design im Dienste der Mathematik.

„Lassen Sie die Finger davon“, warnt ihn Hanfried Lenz, als Wintterlin ihm von seiner Idee erzählt, „damit haben sich schon andere unglücklich gemacht.“ Man drohe sich in astronomischen Zahlenmengen zu verlieren. Was projektive Ebenen angeht, weiß Lenz, wovon er spricht. Es gibt in der Mathematik einen nach ihm benannten Satz – den „Satz von Lenz“. Doch die Warnung des Professors wirkt wie ein Ansporn. Was Mathematiker für eine irrelevante Spinnerei halten, macht Wintterlin heute hauptsächlich. „Die besten Stunden des Tages für diese Sache“, wie er sagt. So stetig, wie andere ins Büro gehen. Nur ohne Bezahlung.

Wenn er in seinem Atelier im Berliner Stadtteil Wedding von seinen Ideen spricht, halten die Hände niemals still. Immer ist da ein Werkzeug, das er dreht und wendet. Ein Blatt Papier, auf das er Linien zeichnet. Diese Dinge sind ihm ein Gegengewicht zu den gedanklichen Weiten, in denen er sich bewegt. „Die Sache ist eigentlich zu einfach, um sie zu verstehen, nicht zu kompliziert“, sagt er mit leicht süddeutschem Klang in der Stimme.

Das kurze, einst schwarze Haar ist inzwischen grau. Die Haltung aufrecht, jede Bewegung präzise. Wintterlin ist 76 Jahre alt. Im wuselnden Wedding ist sein Atelier ein Kosmos mit eigener Zeitordnung. Dritter Stock, Blick auf den Innenhof, die Wände unverputzt, heller Holzboden. Die spartanische Küche, die Vitrinen und Regale, die Holztische und Schubladenschränke, die Werkbank; fast alles hier hat er selbst entworfen und gebaut. Weil ihm vieles, das es zu kaufen gibt, nicht schlicht und schön genug ist.

Seit 1996 konstruiert der Ingenieur räumliche Modelle für endliche projektive Ebenen. Die Fano-Ebene, auf die er 1981 aufmerksam wurde, war nur der Anfang. Längst interessieren ihn Modelle höherer Ordnung. Was nach Weltall mit einem Hauch Wahnsinn klingt, basiert auf langen Zahlenkolonnen, die sein Computer für ihn errechnet. Diese Listen setzt er in seinen mathematischen Modellen um. Ihre farbigen Kreisbögen erinnern an Ellipsenbahnen von Planeten.

Das neueste Objekt soll vollkommen symmetrisch werden. Seit fünf Uhr morgens sitzt er an diesem Tag daran. „Diese ruhigen Momente am Schreibtisch haben mich oft glücklich gemacht“, sagt er. Wenn er mit Kopfschmerzen aufgewacht ist, sind die mit der Arbeit bis zur Mittagszeit verschwunden. In Pausen fühlt er sich dagegen wie ein Fußballspieler in der Halbzeit eines großen Turniers. Es kann passieren, dass er seine Mahlzeiten kniend auf dem Holzboden einnimmt. Die großen Tische braucht er zurzeit für Skizzen und Berechnungen. Den Kaffee serviert er auf einem kleinen runden Gartentisch.

Der Wert der Arbeit

Die Hingabe, mit der er über Jahrzehnte in der stillen Kammer ein völlig frei schwebendes Projekt verfolgte, ist für Außenstehende schwer zu verstehen. Seine Mutter wollte, dass er Architekturprofessor wird. Stattdessen zieht es ihn nach dem bestandenen Architekturdiplom Anfang der Siebziger – mit Gitarre und per Anhalter – von Stuttgart nach West-Berlin. Seit er denken könne, sagt er, habe er eine Sache zu Ende bringen wollen, „mit der Sorgfalt, die man als Mensch, der kindlich geblieben ist, sich wünscht“. In der Architektur hat er keinen Platz für sich gesehen.

In Berlin baut er damals mit seiner Freundin Christel Schränke aus leeren Pappkartons, die sie vom Hinterhof des KaDeWe mitnehmen. Es ist eine Zeit vieler Umzüge. Neun in zehn Jahren. Er trägt Zeitungen aus, beginnt Mathematik zu studieren, macht das Vordiplom. Als Tutor für Analysis und Lineare Algebra übt er mit Studenten aussagenlogische Verneinungen von Goethes Aphorismen. Noch Jahre nach seinem Abschluss besucht er Seminare, die ihn interessieren, wie das von Hanfried Lenz. Immer wieder nimmt er Umwege, um sich an seinem Eigensinn abzuarbeiten.

Auf einem dieser Abstecher findet er seinen Broterwerb, den er bis heute behalten hat: Wintterlin wird Scherenschneider. Mit freier Hand und ohne vorzuzeichnen schneidet er aus dünnstem Papier die Silhouette von Gesichtern. Dafür braucht er nur eine OP-Schere aus dem Jahr 1968. Und eine ruhige Hand. Nach dem Fall der Mauer wird sein Stand Anziehungspunkt des Weihnachtsmarkts am Berliner Gendarmenmarkt. 20.000 Menschen hat er nach eigener Einschätzung porträtiert. Viel Geld verdient er damit nicht. Wenn es knapp wird, isst er trockenes Brot, eine Krankenversicherung kann er sich in den Anfangsjahren nicht leisten. Später porträtiert er Gäste bei Empfängen und Abendgesellschaften. Zu seinen Kunden zählen das Finanzministerium und Chanel. Reich wird er auch damit nicht, doch für die Krankenversicherung reicht es nun. Zudem hat er in der Zwischenzeit geerbt und mit dem Verkauf des schwäbischen Elternhauses sein Atelier im Wedding bezahlt. So ist er nicht auf das Geld seiner Lebenspartnerin angewiesen, einer Psychoanalytikerin, mit der er eine 28-jährige Tochter hat.

Wintterlin schätzt die Komplementarität seiner beiden Tätigkeiten: „So viele Jahre an der einen Sache, ohne Bezahlung, und jeweils drei Minuten bei der anderen Sache, mit sofortiger Bezahlung.“ Freunde raten ihm, auch die mathematischen Modelle als Kunst zu verkaufen. Aber das will er nicht. Mathematikern sind seine Objekte zu wenig mathematisch, Künstlern zu sehr. Wintterlin aber bleibt auf seinem Weg. „Darfst du als Mensch eine derart abgehobene Geschichte betreiben?“, fragte er sich oft in Zeiten finanzieller Not. Er ist allein mit diesem Abenteuer. Einfach aufzuhören, sich zur Ruhe zu setzen kommt nicht infrage. Er hat zeitweise in die Rentenkasse einbezahlt, aber viel zu wenig – und er hat eine Aufgabe, die er zu Ende bringen will.

Der Zauber seines Vorhabens ist für ihn noch genauso frisch wie vor 36 Jahren. Er beugt sich über einen Stapel großformatiger Papierbögen mit kleinen Aquarellzeichnungen und Notizen. Mehr als 300 sind über die Jahrzehnte entstanden. Die Sprache darin ist ein innerer Monolog. „Ich habe jede Art von Wissenschaftsdeutsch vermieden“, sagt er.

Sätze wie „Junge, pass auf!“ bringen ihm sofort den Tag zurück, an dem er daran gearbeitet hat. „Da weiß ich später, aha!, da hab ich was kapiert oder nicht kapiert.“ Den Bau der Modelle, der nur ein paar Tage dauert, beschreibt er als „Tanz, bei dem mir die Dinge zuhanden sind“.

Die handwerkliche Dimension, die dahintersteckt, offenbart sich bei einem Blick in die akkurat beschrifteten Schubladenschränke. Die ihn umgebenden Dinge und die Arbeit daran sind mehr als eine Ausdrucksform für den Konstrukteur. Da sind Papierbögen, gespitzte Buntstifte, Hölzchen, Messingröhrchen und Scheren in allen Größen und Formen.

Die Holzkugeln und Kreisbögen, mit denen er die Modelle baut, gibt es nicht einfach so zu kaufen. Jedes Stück wurde eigens von ihm angefertigt oder bearbeitet. Manchmal schäme er sich fast ein bisschen für seine Akribie, aber er könne nicht anders. Um beispielsweise die Holzkügelchen, die im geometrischen Modell die Punkte symbolisieren, auf den Zehntelmillimeter genau zu durchbohren, baute er ein eigenes feinmechanisches Gerät. „Wenn man anfinge, die Kügelchen unter eine Bohrmaschine zu legen, würde man alt aussehen“, sagt er und muss über sich selbst lachen. Sobald es um die Erleichterung bei etwas Handwerklichem gehe, könne der Luxus nicht groß genug sein.

Es ist ihm in all den Jahren darum gegangen, die Sache als etwas Schönes zu betreiben, schon allein, um nicht die Lust daran zu verlieren. „Hannah Arendt hat gesagt ‚Ich will verstehen‘, ich sage ‚Ich will es schön machen‘.“ Dieser Satz könnte über seinem Leben stehen. Die Arbeit an den Modellen ist für Wintterlin ein Gegenpol zum „Murks“, den das alltägliche Leben so mit sich bringt.

Die Bedeutung der Bahnen

Sein Architekturstudium ist für den Diplomingenieur die Voraussetzung für seine Idee. „Ohne diese Vorbereitung hätte da nichts gezündet.“ Das erste mehrdimensionale Modell konstruierte er während einer Forschungsarbeit zu Studienzeiten: das Dach des Olympiastadions in München. Der Architekt Frei Otto, einer der Vordenker zeitgenössischer Baukunst, suchte damals nach ausgefallenen Ideen für die senkrechten Stützglieder. „Wir konstruierten gefaltete Blechkörper, die wie Plätzchenausstecher aussahen, aber in lang“, sagt Wintterlin. Wir, das waren er und sein Freund Hans Dehlinger, der später Karriere als Designwissenschaftler machte und heute emeritierter Professor ist. Sie bekamen eine Eins plus für die Arbeit, obwohl Frei Otto die darin enthaltene Morphologie „bescheuert“ fand und sagte: „Ich bin Ingenieur, nicht Philosoph.“ Wintterlin ließ sich nicht abbringen. Die Arbeit sei dann sofort geklaut worden, sagt er, „das Heft mit den Ergebnissen lag eine Woche im Institut, und dann war es weg“. Dieses Erlebnis prägt ihn bis heute. Er hat das Gefühl, seine Sache schützen zu müssen.

Nur wenige Wegbegleiter kennen seine Arbeiten. Übertragen könne er sie niemandem. Alle Zwischenergebnisse und Versuche hielt er über die Jahre unter Verschluss. Am ehesten verstehe noch seine Partnerin, woran er arbeite. Sie leben in getrennten Wohnungen, jeder verfolgt seine Projekte und lässt dem anderen die nötige Freiheit.

Anfang 2016 hat Wintterlin im Eigenverlag eine kleine Schrift herausgegeben, „Fünf Varianten der Fano-Ebene“. Darin beschreibt er seinen Weg zur Lösung eines Problems, das für Mathematiker keines ist. Weil Designfragen für den Fortschritt des Fachs nebensächlich sind. Für Wintterlin, den ewig Außenstehenden, stellen sich aber noch ganz andere als mathematische Fragen: die der Perspektive, der Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Sein großer Wunsch ist es, den Punkten und Geraden der Modelle eine Bedeutung zuzuweisen. In den Kreisbögen sieht Wintterlin zum Beispiel Lebensbahnen. „Die sind wahnsinnig unterschiedlich. Eine macht einen riesigen Umweg, eine wunderschöne Schnecke, um von A nach B zu kommen, eine andere nimmt den direkten Weg.“ Einem Mathematiker wird er das kaum erklären können. Der semantische Gehalt der projektiven Strukturen ist womöglich die Blaue Blume, die er tatsächlich sucht. Er sorge sich manchmal, dass es ihm damit so ergehen könnte wie Immanuel Kant, „der ja eigentlich eine Philosophie vorbereiten wollte mit seinen Prolegomena, und dann ist er aber tot gewesen“.

Auf der renommierten Bridges-Konferenz, die sich der Schnittstelle von Kunst und Mathematik widmet, bekam Albrecht Wintterlin für sein symmetrisches Modell im vergangenen Jahr den Preis in der Kategorie Innovation. Es ist die erste öffentliche Präsentation und Anerkennung seiner Arbeit. Im finnischen Jyväskylä, einer Universitätsstadt nördlich von Helsinki, sprach er zum ersten Mal mit Gleichgesinnten. Er war überrascht von der Offenheit der Wissenschaftler. Plötzlich stand er mittendrin. Eine Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Geometrie und Grafik sprach von einer Einladung zu einem Vortrag. Ein Mathematik-Dekan aus Moskau interessierte sich für sein Projekt.
„Was“, fragt sich Wintterlin, „wird das alles für meine kleine Bastelwelt bedeuten?“ ---

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