Schwerpunkt

Lassen wir das!

Wer klammert, verliert. Loslassen ist nicht das Ende, sondern der Anfang von allem.

„Die Schwierigkeit liegt nicht so sehr in den neuen Gedanken als in der Befreiung von den alten.“ John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936)

1. Mondsüchtig

Jedes Zeitalter hat seine Helden und Verlierer. In den späten Sechzigerjahren waren Astronauten noch eindeutig auf der Gewinnerseite. Im Juli 1969 erreichte das Wettrennen im All, das seit mehr als einem Jahrzehnt zwischen den Amerikanern und Russen lief, seinen Höhepunkt. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa hatte zwei Menschen auf den Mond und erfolgreich wieder zurückgebracht, ganz so, wie es Präsident John F. Kennedy acht Jahre zuvor angekündigt hatte.

Das war vielleicht ein Ding!
Nichts konnte sich damit messen.
Es war das größte Ereignis aller Zeiten, hieß es.
Mit anderen Worten: Von nun an ging’s bergab.

So ist das Leben, so sind die Leute. Wenn etwas Großartiges geschieht, bei dem alle Welt staunt, dann muss gleich etwas noch Großartigeres folgen, damit wir zufrieden sind. Aber was soll man machen, wenn man nur einen Mond hat und die Planeten zu weit weg sind und die Sterne zu hoch hängen, um heranzukommen?

Bis zum Mond und zurück – das reicht eben nicht mehr. Das ahnte damals auch schon der kanadische Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan, den viele für den Vordenker des Internets halten, der aber, unbestritten, schon in den Sechzigerjahren das erste Gebot der Leitkultur des Medienzeitalters formulierte: „Wenn es funktioniert, ist es überholt.“

Und so erklang schon kurze Zeit, nachdem Apollo 11 so hoch und so weit geflogen war, wie auch die Gefühle und die Sehnsucht der Menschen auf der Erde unter ihr, ein trauriger Song aus den Lautsprechern der Transistorradios. Er kam von einem jungen englischen Künstler, der sich David Bowie nannte, und sein melancholisches Lied namens „Space Oddity“ – auf Deutsch: Weltraumkuriosität – erzählte von einem depressiven Astronauten namens Major Tom. Sein Lied wurde später ein Hit und der Beginn der großen Weltkarriere David Bowies, während sich andererseits für die echten Astronauten kaum noch jemand interessierte.

Aus dem größten Abenteuer der Welt wurde bald eine trübsinnige Pflicht. Man flog, zumeist unter Ausschluss der desinteressierten Öffentlichkeit, noch ein paar Jahre hin und her und rauf und runter, aber das riss keinen mehr vom Hocker.
Eine Weltraumstation, ach so. Ja, warum denn nicht. Kannst du mal auf Fußball umschalten?

So läuft das eben, und weil es so ist, entgehen uns die wichtigsten Sachen. Wir bleiben, wo wir sind, treten auf der Stelle und kommen nicht vom Fleck – was soll schon kommen, lohnt sich eh nicht. Die meisten leben nicht, sie klammern.

Sie reden gern von den Abenteuern anderer Leute, sie finden Christoph Kolumbus und Marco Polo schon interessant, aber für den eigenen Aufbruch langt es nicht, höchstens für ein bisschen kontrollierten Thrill beim Erlebnisreisen-Anbieter Jochen Schweizer und Konsorten. Anseilen, abseilen – das ist das Motto der Zeit, alles mit doppeltem Netz, denn Sicherheit geht vor, immer. In der Ausschließlichkeit liegt das Problem. Denn wo alles sicher ist, ist alles sterbenslangweilig – und dieses Wort ist kein Zufall.

Aber ist es nicht töricht und kontraproduktiv, gerade in Zeiten wie diesen vom Loslassen zu schwärmen und den damit offensichtlich verbundenen Risiken und Nebenwirkungen? Will uns da jemand in ein Abenteuer stürzen? Haben wir nicht alle zusammen schon genug Sorgen, den Brexit, ein Dutzend wild gewordener Diktatoren, von Nordkorea bis Istanbul, dazu der gefährliche Clown im Weißen Haus, die Digitalisierung und die Dauerbaustelle EU, in der es schon als erfreulich gilt, wenn die üblichen Pleitekandidaten noch bis morgen durchhalten?

Die Menschen, die einst zum Mond flogen, leben heute längst dahinter.

Nein, der Zeitgeist ist auf Seite der Klammeräffchen, die nach einer merkwürdigen Logik leben: Sie mögen zwar das, was ist, gar nicht so gern – aber sie haben noch viel mehr Angst vor dem, was kommen könnte. Wer heute nichts will, der hat von allem genug. So sind wir alle ein wenig Apollo 11. Eine wohlhabende, hoch entwickelte Gesellschaft, die sich nicht vorstellen kann, Abschied zu nehmen von dem, woran ihr so wenig liegt – weil sie nichts Besseres kennt, was sie an diese Stelle rücken könnte. Die Erfolge von gestern haben eine magische Anziehungskraft, überall ist Retro, Schönrederei, eine rückwärtsgewandte Politik, die das Gegenteil von Entwicklungsfähigkeit zeigt.

Die Menschen, die einst zum Mond flogen, leben heute längst dahinter, auf dessen dunkler Seite, und es ist kein Wunder, dass sie ein wenig traurig sind und glauben: Da kommt nichts mehr, also lassen wir das.

2. Pascals Zimmer

Es gibt immer einen Grund, stehen zu bleiben und zu klammern. Und man sollte schon genau hinsehen, warum sich jemand bewegt – und wohin. Aktionismus zum Beispiel ist heute sehr beliebt, im Management und in der Politik, und das sieht nach Bewegung aus, ist aber in Wahrheit ein heftiges Treten auf der Stelle.

Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal meinte, „das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“. Das ist für einen wie Pascal, der als Lichtgestalt der Aufklärung – und damit der geistigen Beweglichkeit – gilt, eigentlich ein starkes Stück. Als ob es nicht schon genug Stubenhocker gäbe.

Aber vielleicht missverstehen wir ihn ja auch einfach nur. Pascals berühmter Satz hat weniger mit dem Unglück zu tun, das von einer hohen Beweglichkeit ausgeht: Der Aufklärer fand es merkwürdig, dass die Leute nicht in der Lage sind, mit sich selbst auszukommen, also, wie man heute sagen würde, sich selbst zu genügen. Auch vor 400 Jahren war es so, dass viele immer ein Außen, die anderen gebraucht haben, deren Urteil, deren Zuneigung oder auch Ablehnung, um sich selbst wahrzunehmen. Die Aufforderung, zu sich selbst zu finden, erschien damals als Drohung – und ist für viele auch heute eine geblieben. Denn ob man den Typen, den man dann vorfindet, auch wirklich aushält, ist die Frage. Das aber war für Pascal der springende Punkt: Der Mensch muss eine eigenverantwortliche Entscheidung treffen. Das geht nur, wenn er sich von Rollen und Klischees, Gruppendruck und vermeintlichen Sachzwängen so gut wie möglich befreit, bei sich, in seinem Zimmer bleibt – eine Entscheidung an und für sich treffen kann. Wo das nicht der Fall ist, werden die Leute mindestens melancholisch.

Diese Selbstfindung ist übrigens kein Selbstzweck. Sie dient der vernünftigen Sache, sich selbst zu verbessern – und damit auch anderen Menschen das Leben leichter zu machen. Das ist das schlichte Ziel. Man lässt das Alte los, um etwas Besseres zu finden. Auch wenn man sich so etwas gar nicht zutraut.

Umgekehrt gilt natürlich: Wer sich in sein Schicksal fügt, darf sich nicht wundern, wenn es ihn auch ereilt.

In kaum einem anderen Begriff spiegelt sich die Sehnsucht nach Ruhe und Routine so deutlich wider wie im scheinbar harmlosen Begriff des „Berufs“. Zu Pascals Zeiten meinte man damit das Schicksal, den Ruf Gottes, der einen in eine bestimmte Lebensrolle gesetzt hatte. Daran hatte man selbst nichts mehr zu rütteln. Martin Luthers Formel, dass „jeder in dem Beruf bleibe, in dem ihn Gottes Ruf traf“ macht klar, dass Veränderung weder wünschenswert noch möglich ist. Wer sich auf Neues einlässt, ist des Teufels.

Die Selbstfindung dient dazu, sich selbst zu verbessern – und damit anderen Menschen das Leben leichter zu machen.

Nun könnte man glauben, dass die Aufklärung, die nüchterne Moderne, mit dieser Vorstellung gründlich aufgeräumt habe. Doch das ist ein Irrtum. Wie so oft hat sich hinter der neuzeitlichen Fassade das alte Gemäuer gehalten. Luthers Berufsbild als Schicksal wird nur anders interpretiert, hat sich aber bis heute nicht verändert. Im Laufe der Zeit ist an die Stelle der alten Verpflichtung gegenüber Gott, die man in der Ausübung seines Berufes erfüllt, die sogenannte Gemeinschaft getreten, die Gesellschaft, das Große, das Ganze, die Familie, die Firma, das Team, die Kollegen. Der Mensch muss einen Beruf haben, der ihn ganz ausfüllt. Wer früher gegen diese Regel, gegen diesen höheren Dienstauftrag, verstieß, der versündigte sich gegen den Herrgott. Wer das heute tut, versündigt sich gegen die Gesellschaft. Vom Stigma her läuft das auf dasselbe hinaus.

Zu hart? Schlagen wir nach:
Unter dem Eintrag „Beruf, Identifikation und Status“ findet man in der Wikipedia folgenden Text: „Ein Berufstätiger kann sich sowohl mit seinem Arbeitgeber als auch mit seinem Beruf identifizieren. Wird eine Tätigkeit als wichtig für den Selbstwert einer Person erachtet, spricht man von der Identifikation mit dem Beruf (Job Involvement). Eine hohe Berufsidentifikation kann zu höheren Zielen bei der Arbeitsleistung beitragen.“

Der Berufsbegriff, so heißt es darin weiter, sei maßgeblich für die „soziale Integration und die daraus resultierende Identitätsfindung (…)“, ein „bedeutender Mechanismus“ und „bester Einzelindikator für den sozialen Status einer Person“. Man kann das kürzer sagen: Wir sind unser Beruf, ohne ihn sind wir nichts.

3. Duplikate

Wer Beruf immer noch als Berufung denkt, ist dabei vergleichsweise fein raus. Aber das tut kaum jemand. Der Beruf ist, in dieser Arbeitskultur, fast untrennbar mit der Organisation verwoben, in der die dazugehörige Tätigkeit ausgeübt wird. Das aber ist ein geliehenes Leben. Man merkt das schnell, wenn man entlassen wird oder kündigt, also die Leinen gekappt werden. Oder wenn man in Rente geht. Dann stellt sich heraus, was die Sicherheitsleine wirklich war: eine Kette, deren Reißen einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Der Wikipedia-Eintrag ist bestechend klar und deutlich. Er benennt, ohne zu urteilen, alle Bestandteile des Problems, die dem Satz „Du musst auch mal loslassen können“ so innewohnen. Arbeit, Beruf, Identität, das ganze Leben – alles, was man hat und was man ist – das ist verschmolzen zu einem Ganzen. Wer kann da schon loslassen, wenn das gleichbedeutend ist mit dem freiem Fall? Und wer weiß, wo der endet? Am besten also: weitermachen. Oder?

Es ist höchste Zeit, darüber gründlich nachzudenken. Was unter dem – oft hohlen – Schlagwort der Digitalisierung gerade geschieht, ist nüchtern betrachtet nicht mehr als ein weiterer, wenngleich großer Schritt in der Geschichte der Automatisierung. Diese Automatisierung hat ein klares Ziel: Sie will monotone, schwere Arbeit, die aus Routinen aller Art besteht, durch Maschinen, Systeme und Prozesse ersetzen. Das ist im Grunde eine gute Idee. Man lagert Routinen aus und konzentriert sich aufs Wesentliche: aufs Denken, auf kreative Lösungen, auf individuelles Können. Die Reproduktionsarbeit, das Duplizieren, gehört den Maschinen. Der Mensch hingegen wird zum Original.

Der Mensch wird wieder zum Original. Kann er das?

In der von Davide Calì und Claudia Palmarucci verfassten Graphic Novel „Das Duplikat“ kann man sehen, wie das auch ausgehen kann. Xavier, der Held der Geschichte, arbeitet in der Verwaltung einer großen Fabrik. Dort arbeitet er immer mehr und mehr, „schließlich sogar sowohl am Samstag als auch am Sonntag“. Xavier würde gern ins Kino gehen oder seine Mutter besuchen, aber er mag seinen Chef, Herrn Rieslinger, so gern wie einen Vater, und er bringt es nicht übers Herz, ihn zu enttäuschen. Dann fasst er sich doch ein Herz, und Rieslinger zeigt sich ganz offen dafür. Er gibt Xavier eine Adresse, die ihm helfen kann, mit seiner Zeit besser zurechtzukommen.

Das „Institut“, das dort logiert, trägt den Namen Duplex. Dort wird Xavier in eine Art „Entspannungsbad“ gelegt, in dem er einschläft, während er von Ferien am Meer träumt. Als er aufwacht, findet er im Zimmer nebenan, ebenfalls in einer Wanne, ein genaues Duplikat seiner selbst vor. Diese Kopie ist beinahe perfekt. Sie kann Xaviers Mutter zum Geburtstag gratulieren, für ihn mit seiner Freundin ins Kino gehen und all die Dinge erledigen, zu denen Xavier nicht kommt, weil er arbeiten muss. Bald kann Xavier jedoch nicht mehr unterscheiden, ob er, der nun rund um die Uhr arbeiten soll, das Duplikat ist, während das Original zu Hause sein Leben lebt. Und weil er das nicht mehr unterscheiden kann, lässt er sein altes Leben hinter sich, zieht ans Meer und fängt ein neues Leben an. Falls sein Duplikat irgendwann mal in dem Crêpes-Laden vorbeikommt, in dem Xavier nun arbeitet, wird er es, so nimmt er sich vor, behandeln wie jeden anderen auch – und sich nichts anmerken lassen.

Diese Dystopie ums Loslassen mit moderatem Happy End hat der Psychiater und Berater Fritz B. Simon ins Deutsche übersetzt. In dem Buch, sagt Simon, wird die „perverse Logik deutlich, die dazu verführt, das eigene Leben zugunsten der Arbeit aufzugeben und anderen zu überlassen“. Vor dem Hintergrund der digitalen Automatisierung, die die klassische industrielle Vollbeschäftigungsgesellschaft ablöst, ist das ein hilfreiches und kluges Buch, das den Mondsüchtigen helfen könnte, auf den richtigen Weg zu kommen. Einsicht genügt schon mal, auf allen Ebenen, ganz gleich, wo man in der vermeintlichen Hierarchie steht: „Ich erinnere mich an einen Vorstand, der mir gesagt hat: ,Wenn ich hier weg bin, dann pinkelt mich kein Hund mehr an‘“, sagt Simon. Der Mensch, der nur jemand ist, solange er für eine Organisation arbeitet, verschwindet mit ihr. Eine eigentlich banale Erkenntnis, die aber sorgfältig verdrängt wird. Kaum ein Irrtum ist so folgenschwer wie dieser. Der Verlust der Arbeit, des Berufs und der fahrlässig an sie verketteten sozialen Identität, das zeigen Einzelschicksale und Studien mit „schlafwandlerischer Sicherheit“ immer wieder, enden auch im persönlichen Zusammenbruch. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit ein Schreckgespenst, der Rentenschock eine der am weitesten verbreiteten Zivilisationskrankheiten – weit über die damit auch oft verbundenen materiellen Sorgen hinaus. Niemand kann mehr allein mit sich im Zimmer ruhig sitzen bleiben. Das haben wir uns abgewöhnt. Das ist absurd – und wird mit jedem Schritt, den die Automatisierung geht, noch absurder.

Der Zweck der Organisation ist die Austauschbarkeit ihrer Menschen.

Was tun? Wie lässt man los? Es würde schon mal genügen, sagt Fritz Simon, wenn „die Leute wüssten, in welcher Welt sie leben“. Am Beispiel des Satzes „Jeder ist ersetzbar“, den die meisten als Drohung verstehen, kann man das gut erkennen. Dieser Satz ist nüchtern betrachtet nämlich einfach richtig. Aus der Perspektive der Organisation muss, stellt Simon fest, „jeder Einzelne austauschbar sein. Das ist der Zweck der Organisation – und hat mit gut und böse nichts zu tun.“ Der Laden muss weiterlaufen, auch wenn Menschen kündigen, weggehen, krank werden, in Rente gehen oder sterben.

Die Fähigkeit, Teile des Ganzen zu ersetzen, macht die klassische Organisation erst aus. Diese einfache Wahrheit klingt in unseren Ohren kalt und herzlos, aber das liegt nicht an der Organisation, es liegt an uns. Wer sich selbst nicht ernst nimmt und mit sich nichts anzufangen weiß und stattdessen die Firma liebt, der hat sich in den Falschen verknallt – und so etwas hat bekanntlich immer Folgen.

„Die meisten Leute überidentifizieren sich mit ihrem Beruf und ihrer Firma“, sagt Simon, „wer seinen Lebenssinn in der Aufopferung für ein System sieht, das auf dieser Logik der Ersetzbarkeit beruht, der hat schon verloren.“ Klassische Organisationen brauchten „eben nicht den ganzen Menschen, immer nur einen Teil. Seine Fähigkeiten, seine Arbeitskraft, seine Zuverlässigkeit und gelegentlich auch seine Originalität.“ Wer auf diese nüchterne, pragmatische Sichtweise von Zusammenarbeit verzichtet und nicht akzeptiert, dass sie immer nur auf gegenseitig klar definierten Interessen beruht, muss sich nicht wundern, wenn die Wahlmöglichkeiten spärlich ausfällen: zwischen einem Ende mit Schrecken oder einem Schrecken ohne Ende – take your choice!

4. Umsteigen

Als probates Mittel gegen falsche Bindungen erscheint seit je der Ausstieg. Ist das die Alternative zur selbst gewählten Unmündigkeit: das Verlassen aller bekannten Umlaufbahnen? Dann bedeutete Loslassen nichts anderes, als sich vom Büro in der düsteren Organisation ans Meer zu verziehen. An dieser Stelle ist es nützlich, sich eine Wahrheit vor Augen zu führen, die den Haken an dieser Sache klarmacht: „Egal wo du hingehst, du nimmst dich immer mit.“ Ein Tapetenwechsel allein kann den Zustand eines brüchigen Gemäuers so wenig kaschieren wie die mangelnde Konsequenz seiner Bewohner. Abhängig sein kann man überall, an jedem Ort, in jeder Beziehung und Hinsicht – und das gilt auch fürs genaue Gegenteil.

Zunächst: Die Gefahr der Automatisierung, die uns zunehmend zu Duplikaten machen kann, ist zugleich auch unsere Chance. Ja, es wird kopiert werden, was man kopieren kann. Aber bei Originalen klappt das eben nicht. Wissensarbeit unterscheidet sich genau in diesem Punkt von den meisten Tätigkeitsformen der Industriegesellschaft: Sie lebt davon, dass der Träger des Wissens unverwechselbare Problemlösungen anbieten kann, etwas, das auch künstliche Intelligenz nicht zu leisten vermag – und absehbar auch nicht können wird. Dazu muss man aber mal den alten aus Routinen gebauten Arbeitsbegriff loslassen, die Scheinsicherheiten, die sich damit verbinden – und, ganz ehrlich, das Allerwichtigste: die Ausreden. Denn Routine ist gemütlicher als Probleme lösen.

Für diejenigen, die das verstanden haben, ist auf dem Mond noch lange nicht Schluss. Die Wissensgesellschaft wird jede Menge sehr guter und selbstbestimmter Tätigkeitsformen hervorbringen, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dafür weniger Talent und Neigung nötig sein werden als zuvor – im Gegenteil. Die Angstdebatte um die digitale Automatisierung erschüttert nur die Routinierten, nicht die Talentierten. Für die gibt es sowieso keine endgültige Sicherheit. Der Mond ist eben nicht die Grenze.

Fritz Simon hat einige Vorschläge, die helfen, ein Original zu sein und nicht zum Duplikat zu werden. Der erste Rat klingt erst einmal banal: „Man muss sich mit dem, was man tut, identifizieren.“ Gut, das hat jeder schon oft gehört, aber ganz ehrlich: Wie viele Kompromisse werden dabei gemacht? Was hält man alles aus, verdrängt man auf diesem Weg? Identifizieren – das heißt im Klartext, etwas gern haben, es mögen, vielleicht sogar lieben. Das braucht vor allem Entschlossenheit. Ich finde das, was ich tue, gut. Punkt. Der zweite Rat betrifft die Freiheit zur Entscheidung. Dazu passt der Satz Peter Druckers, demzufolge ein Wissensarbeiter mehr über seine Arbeit weiß als sein Vorgesetzter. Das ist heute schon fast überall die Regel – und die Grundlage jener Originalität, die die Wissensarbeit so auszeichnet. Und schließlich gehören zur Entwicklung des Originals: Herausforderungen. „Man sagt das so leicht: Man soll jeden Tag etwas dazulernen. Aber das bedeutet auch, dass ich Sachen mache, die ich noch nie getan habe, dass ich Probleme zu lösen versuche, die ich noch nie gelöst habe“, beschreibt Simon das Loslassen von der Routine-Idee. Der Idealzustand sei erreicht, wenn man jeden Tag „bei bester Laune ein wenig überfordert ist“. Und weitermacht.

5. Loslassen

In jedem Problem steckt ein Teil seiner Lösung. Diejenigen, die nichts mehr wollen, werden aus ihrer Trübsal lernen – und verstehen, dass es weitergeht, und zwar nicht irgendwie, sondern besser als zuvor. Leute, die etwas hinter sich lassen, das für sie keine Zukunft mehr hatte, erzählen fast alle dieselbe Geschichte: Das Schlimmste war, daran zu denken, wie es sein könnte, wenn man loslässt. Die Verlustangst eben. Der Akt des Loslassens selbst ist dann gar nicht mehr so schlimm. Doch der erste Tag des neuen Lebens ist einer, der diese Ängste merkwürdig aussehen lässt. Wer sich neue Ziele setzt, kann die alten Bindungen hinter sich lassen. Aber dazu muss man zu sich selbst kommen. In aller Ruhe.

Friedrich Prassl, Rektor des Collegium Canisianum in Innsbruck, weiß das. Man muss sich selbst finden, um loslassen zu können. Er ist, als Pater und Ordensmann, ein Berufener, und das noch dazu im Jesuitenorden, der für seine strenge Disziplin bekannt ist. Im Kulturkampf zwischen dem protestantischen Preußen und dem katholischen Restdeutschland wurde daraus der Propagandabegriff des „Kadavergehorsams“, der allerdings, so geht’s manchmal, auf die zurückfiel, die ihn erfanden, die preußischen Militärs, die damit die Jesuiten diskreditieren wollten.

Der erste Tag des neuen Lebens ist einer, der alte Ängste merkwürdig aussehen lässt.

Prassl jedenfalls ist keiner, der sich allzu viel befehlen lässt. Der Intellektuelle verwechselt „Gehorsam nicht mit Bedingungslosigkeit“. Selbstverantwortung gehöre, sagt er, zur Arbeit und Lebenseinstellung, und wer das nicht verstanden habe, „hat auch nicht verstanden, dass Menschen ohnehin selbst entscheiden“.

Nach den Regeln der Societas Jesu (SJ) soll jeder Ordensmann spätestens alle sechs Jahre sein Tätigkeitsfeld wechseln – auch wenn es gelegentliche Ausnahmen gibt. Die Aufgabe bestimmt der Orden. Und auch, wo sie ausgeführt wird. Das bedeutet meist den Umzug an einen anderen Ort, in ein anderes Land – den Verlust des vertrauten Umfeldes. Das klingt fast so, als hätte das irgendein hippes IT-Unternehmen erfunden, das seinen Leuten nicht gönnt, Wurzeln zu schlagen. Eine Erziehungsmaßnahme? „Eine Chance“, sagt Prassl. „Wer nicht loslassen kann, tut sich schwer.“ Der Grund für die Regel der Jesuiten sei einfach: „Menschen wagen mehr, wenn sie wechseln – sie lernen das Neue kennen und fürchten sich nicht davor.“

Für einen Orden, der gegründet wurde, um die Amtskirche angesichts der anbrechenden Moderne zu öffnen, ist das nur konsequent. Die Angst, das scheinbare Chaos, das gehört für Friedrich Prassl zur großen Auseinandersetzung dieser Zeit – zu der zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. „Wir üben alle zusammen erst, wie man loslässt, ohne sich zu verlieren. Wir ermächtigen uns gerade dazu, zu leben und nicht nur zu funktionieren“, sagt er. Und man muss natürlich sagen, wie es ist: Diese ganze Umgewöhnerei macht viel Arbeit. Das ist nicht leicht.

Das Ordensleben sichert zwar die materielle Existenz, so wie Grundsicherungen in der Gesellschaft wenigstens die finanziellen Nöte etwas kleiner machen. Das macht den Umstieg – und eben nicht Ausstieg – einfacher. Ein Umstieg bedeutet: Ich suche mir aus, was ich tue, und ich suche mir aus, wer ich bin. Niemand sonst.

„Die Weite sehen und den Leuten die Angst vor dem nehmen, was kommt.“ So fasst Prassl seinen Job zusammen, Deshalb dankt er in seinen Gebeten auch nicht dafür, was war, sondern für das, was ihn erwartet – „und ich habe keinen blassen Schimmer, was das sein wird“. Das Neue ist immer aufregender als das, was ist, sagt er, und dass er jetzt zum Beweis natürlich die Bibel zitieren könnte, da stehe das ja alles auch drin. Aber eine Freundin, eine Künstlerin, hat ihm, der bald auch seinen Job als Rektor für eine neue Aufgabe loslassen muss, ein Gedicht geschickt, das, wie er sagt, ganz wunderbar ausdrücke, wie es wirklich sei. Im Grunde sind darin alle Einsichten, die man fürs Loslassen und Neuanfangen braucht, enthalten. Es stammt von Christian Morgenstern und geht so:
„Wie süß ist alles erste Kennenlernen! Du lebst so lange nur, als du entdeckst /Doch sei getrost: Unendlich ist der Text, und seine Melodie gesetzt aus – Sternen.“
Hinterm Mond geht’s weiter.
Gute Reise. ---

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