Schwerpunkt

 

Der erste Tag des neuen Lebens

5. Loslassen

In jedem Problem steckt ein Teil seiner Lösung. Diejenigen, die nichts mehr wollen, werden aus ihrer Trübsal lernen – und verstehen, dass es weitergeht, und zwar nicht irgendwie, sondern besser als zuvor. Leute, die etwas hinter sich lassen, das für sie keine Zukunft mehr hatte, erzählen fast alle dieselbe Geschichte: Das Schlimmste war, daran zu denken, wie es sein könnte, wenn man loslässt. Die Verlustangst eben. Der Akt des Loslassens selbst ist dann gar nicht mehr so schlimm. Doch der erste Tag des neuen Lebens ist einer, der diese Ängste merkwürdig aussehen lässt. Wer sich neue Ziele setzt, kann die alten Bindungen hinter sich lassen. Aber dazu muss man zu sich selbst kommen. In aller Ruhe.

Friedrich Prassl, Rektor des Collegium Canisianum in Innsbruck, weiß das. Man muss sich selbst finden, um loslassen zu können. Er ist, als Pater und Ordensmann, ein Berufener, und das noch dazu im Jesuitenorden, der für seine strenge Disziplin bekannt ist. Im Kulturkampf zwischen dem protestantischen Preußen und dem katholischen Restdeutschland wurde daraus der Propagandabegriff des „Kadavergehorsams“, der allerdings, so geht’s manchmal, auf die zurückfiel, die ihn erfanden, die preußischen Militärs, die damit die Jesuiten diskreditieren wollten.

Der erste Tag des neuen Lebens ist einer, der alte Ängste merkwürdig aussehen lässt.

Prassl jedenfalls ist keiner, der sich allzu viel befehlen lässt. Der Intellektuelle verwechselt „Gehorsam nicht mit Bedingungslosigkeit“. Selbstverantwortung gehöre, sagt er, zur Arbeit und Lebenseinstellung, und wer das nicht verstanden habe, „hat auch nicht verstanden, dass Menschen ohnehin selbst entscheiden“.

Nach den Regeln der Societas Jesu (SJ) soll jeder Ordensmann spätestens alle sechs Jahre sein Tätigkeitsfeld wechseln – auch wenn es gelegentliche Ausnahmen gibt. Die Aufgabe bestimmt der Orden. Und auch, wo sie ausgeführt wird. Das bedeutet meist den Umzug an einen anderen Ort, in ein anderes Land – den Verlust des vertrauten Umfeldes. Das klingt fast so, als hätte das irgendein hippes IT-Unternehmen erfunden, das seinen Leuten nicht gönnt, Wurzeln zu schlagen. Eine Erziehungsmaßnahme? „Eine Chance“, sagt Prassl. „Wer nicht loslassen kann, tut sich schwer.“ Der Grund für die Regel der Jesuiten sei einfach: „Menschen wagen mehr, wenn sie wechseln – sie lernen das Neue kennen und fürchten sich nicht davor.“

Für einen Orden, der gegründet wurde, um die Amtskirche angesichts der anbrechenden Moderne zu öffnen, ist das nur konsequent. Die Angst, das scheinbare Chaos, das gehört für Friedrich Prassl zur großen Auseinandersetzung dieser Zeit – zu der zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. „Wir üben alle zusammen erst, wie man loslässt, ohne sich zu verlieren. Wir ermächtigen uns gerade dazu, zu leben und nicht nur zu funktionieren“, sagt er. Und man muss natürlich sagen, wie es ist: Diese ganze Umgewöhnerei macht viel Arbeit. Das ist nicht leicht.

Das Ordensleben sichert zwar die materielle Existenz, so wie Grundsicherungen in der Gesellschaft wenigstens die finanziellen Nöte etwas kleiner machen. Das macht den Umstieg – und eben nicht Ausstieg – einfacher. Ein Umstieg bedeutet: Ich suche mir aus, was ich tue, und ich suche mir aus, wer ich bin. Niemand sonst.

„Die Weite sehen und den Leuten die Angst vor dem nehmen, was kommt.“ So fasst Prassl seinen Job zusammen, Deshalb dankt er in seinen Gebeten auch nicht dafür, was war, sondern für das, was ihn erwartet – „und ich habe keinen blassen Schimmer, was das sein wird“. Das Neue ist immer aufregender als das, was ist, sagt er, und dass er jetzt zum Beweis natürlich die Bibel zitieren könnte, da stehe das ja alles auch drin. Aber eine Freundin, eine Künstlerin, hat ihm, der bald auch seinen Job als Rektor für eine neue Aufgabe loslassen muss, ein Gedicht geschickt, das, wie er sagt, ganz wunderbar ausdrücke, wie es wirklich sei. Im Grunde sind darin alle Einsichten, die man fürs Loslassen und Neuanfangen braucht, enthalten. Es stammt von Christian Morgenstern und geht so:
„Wie süß ist alles erste Kennenlernen! Du lebst so lange nur, als du entdeckst /Doch sei getrost: Unendlich ist der Text, und seine Melodie gesetzt aus – Sternen.“
Hinterm Mond geht’s weiter.
Gute Reise. ---

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