Schwerpunkt

Seite 1: Lassen wir das!

Seite 2: Der Mensch wird wieder zum Original. Kann er das?

Seite 3: Der erste Tag des neuen Lebens

Seite 4: Gesamter Artikel

Der Mensch wird wieder zum Original.
Kann er das?

3. Duplikate

Wer Beruf immer noch als Berufung denkt, ist dabei vergleichsweise fein raus. Aber das tut kaum jemand. Der Beruf ist, in dieser Arbeitskultur, fast untrennbar mit der Organisation verwoben, in der die dazugehörige Tätigkeit ausgeübt wird. Das aber ist ein geliehenes Leben. Man merkt das schnell, wenn man entlassen wird oder kündigt, also die Leinen gekappt werden. Oder wenn man in Rente geht. Dann stellt sich heraus, was die Sicherheitsleine wirklich war: eine Kette, deren Reißen einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Der Wikipedia-Eintrag ist bestechend klar und deutlich. Er benennt, ohne zu urteilen, alle Bestandteile des Problems, die dem Satz „Du musst auch mal loslassen können“ so innewohnen. Arbeit, Beruf, Identität, das ganze Leben – alles, was man hat und was man ist – das ist verschmolzen zu einem Ganzen. Wer kann da schon loslassen, wenn das gleichbedeutend ist mit dem freiem Fall? Und wer weiß, wo der endet? Am besten also: weitermachen. Oder?

Es ist höchste Zeit, darüber gründlich nachzudenken. Was unter dem – oft hohlen – Schlagwort der Digitalisierung gerade geschieht, ist nüchtern betrachtet nicht mehr als ein weiterer, wenngleich großer Schritt in der Geschichte der Automatisierung. Diese Automatisierung hat ein klares Ziel: Sie will monotone, schwere Arbeit, die aus Routinen aller Art besteht, durch Maschinen, Systeme und Prozesse ersetzen. Das ist im Grunde eine gute Idee. Man lagert Routinen aus und konzentriert sich aufs Wesentliche: aufs Denken, auf kreative Lösungen, auf individuelles Können. Die Reproduktionsarbeit, das Duplizieren, gehört den Maschinen. Der Mensch hingegen wird zum Original.

Der Mensch wird wieder zum Original. Kann er das?

In der von Davide Calì und Claudia Palmarucci verfassten Graphic Novel „Das Duplikat“ kann man sehen, wie das auch ausgehen kann. Xavier, der Held der Geschichte, arbeitet in der Verwaltung einer großen Fabrik. Dort arbeitet er immer mehr und mehr, „schließlich sogar sowohl am Samstag als auch am Sonntag“. Xavier würde gern ins Kino gehen oder seine Mutter besuchen, aber er mag seinen Chef, Herrn Rieslinger, so gern wie einen Vater, und er bringt es nicht übers Herz, ihn zu enttäuschen. Dann fasst er sich doch ein Herz, und Rieslinger zeigt sich ganz offen dafür. Er gibt Xavier eine Adresse, die ihm helfen kann, mit seiner Zeit besser zurechtzukommen.

Das „Institut“, das dort logiert, trägt den Namen Duplex. Dort wird Xavier in eine Art „Entspannungsbad“ gelegt, in dem er einschläft, während er von Ferien am Meer träumt. Als er aufwacht, findet er im Zimmer nebenan, ebenfalls in einer Wanne, ein genaues Duplikat seiner selbst vor. Diese Kopie ist beinahe perfekt. Sie kann Xaviers Mutter zum Geburtstag gratulieren, für ihn mit seiner Freundin ins Kino gehen und all die Dinge erledigen, zu denen Xavier nicht kommt, weil er arbeiten muss. Bald kann Xavier jedoch nicht mehr unterscheiden, ob er, der nun rund um die Uhr arbeiten soll, das Duplikat ist, während das Original zu Hause sein Leben lebt. Und weil er das nicht mehr unterscheiden kann, lässt er sein altes Leben hinter sich, zieht ans Meer und fängt ein neues Leben an. Falls sein Duplikat irgendwann mal in dem Crêpes-Laden vorbeikommt, in dem Xavier nun arbeitet, wird er es, so nimmt er sich vor, behandeln wie jeden anderen auch – und sich nichts anmerken lassen.

Diese Dystopie ums Loslassen mit moderatem Happy End hat der Psychiater und Berater Fritz B. Simon ins Deutsche übersetzt. In dem Buch, sagt Simon, wird die „perverse Logik deutlich, die dazu verführt, das eigene Leben zugunsten der Arbeit aufzugeben und anderen zu überlassen“. Vor dem Hintergrund der digitalen Automatisierung, die die klassische industrielle Vollbeschäftigungsgesellschaft ablöst, ist das ein hilfreiches und kluges Buch, das den Mondsüchtigen helfen könnte, auf den richtigen Weg zu kommen. Einsicht genügt schon mal, auf allen Ebenen, ganz gleich, wo man in der vermeintlichen Hierarchie steht: „Ich erinnere mich an einen Vorstand, der mir gesagt hat: ,Wenn ich hier weg bin, dann pinkelt mich kein Hund mehr an‘“, sagt Simon. Der Mensch, der nur jemand ist, solange er für eine Organisation arbeitet, verschwindet mit ihr. Eine eigentlich banale Erkenntnis, die aber sorgfältig verdrängt wird. Kaum ein Irrtum ist so folgenschwer wie dieser. Der Verlust der Arbeit, des Berufs und der fahrlässig an sie verketteten sozialen Identität, das zeigen Einzelschicksale und Studien mit „schlafwandlerischer Sicherheit“ immer wieder, enden auch im persönlichen Zusammenbruch. Deshalb ist die Arbeitslosigkeit ein Schreckgespenst, der Rentenschock eine der am weitesten verbreiteten Zivilisationskrankheiten – weit über die damit auch oft verbundenen materiellen Sorgen hinaus. Niemand kann mehr allein mit sich im Zimmer ruhig sitzen bleiben. Das haben wir uns abgewöhnt. Das ist absurd – und wird mit jedem Schritt, den die Automatisierung geht, noch absurder.

Der Zweck der Organisation ist die Austauschbarkeit ihrer Menschen.

Was tun? Wie lässt man los? Es würde schon mal genügen, sagt Fritz Simon, wenn „die Leute wüssten, in welcher Welt sie leben“. Am Beispiel des Satzes „Jeder ist ersetzbar“, den die meisten als Drohung verstehen, kann man das gut erkennen. Dieser Satz ist nüchtern betrachtet nämlich einfach richtig. Aus der Perspektive der Organisation muss, stellt Simon fest, „jeder Einzelne austauschbar sein. Das ist der Zweck der Organisation – und hat mit gut und böse nichts zu tun.“ Der Laden muss weiterlaufen, auch wenn Menschen kündigen, weggehen, krank werden, in Rente gehen oder sterben.

Die Fähigkeit, Teile des Ganzen zu ersetzen, macht die klassische Organisation erst aus. Diese einfache Wahrheit klingt in unseren Ohren kalt und herzlos, aber das liegt nicht an der Organisation, es liegt an uns. Wer sich selbst nicht ernst nimmt und mit sich nichts anzufangen weiß und stattdessen die Firma liebt, der hat sich in den Falschen verknallt – und so etwas hat bekanntlich immer Folgen.

„Die meisten Leute überidentifizieren sich mit ihrem Beruf und ihrer Firma“, sagt Simon, „wer seinen Lebenssinn in der Aufopferung für ein System sieht, das auf dieser Logik der Ersetzbarkeit beruht, der hat schon verloren.“ Klassische Organisationen brauchten „eben nicht den ganzen Menschen, immer nur einen Teil. Seine Fähigkeiten, seine Arbeitskraft, seine Zuverlässigkeit und gelegentlich auch seine Originalität.“ Wer auf diese nüchterne, pragmatische Sichtweise von Zusammenarbeit verzichtet und nicht akzeptiert, dass sie immer nur auf gegenseitig klar definierten Interessen beruht, muss sich nicht wundern, wenn die Wahlmöglichkeiten spärlich ausfällen: zwischen einem Ende mit Schrecken oder einem Schrecken ohne Ende – take your choice!

 

 

4. Umsteigen

Als probates Mittel gegen falsche Bindungen erscheint seit je der Ausstieg. Ist das die Alternative zur selbst gewählten Unmündigkeit: das Verlassen aller bekannten Umlaufbahnen? Dann bedeutete Loslassen nichts anderes, als sich vom Büro in der düsteren Organisation ans Meer zu verziehen. An dieser Stelle ist es nützlich, sich eine Wahrheit vor Augen zu führen, die den Haken an dieser Sache klarmacht: „Egal wo du hingehst, du nimmst dich immer mit.“ Ein Tapetenwechsel allein kann den Zustand eines brüchigen Gemäuers so wenig kaschieren wie die mangelnde Konsequenz seiner Bewohner. Abhängig sein kann man überall, an jedem Ort, in jeder Beziehung und Hinsicht – und das gilt auch fürs genaue Gegenteil.

Zunächst: Die Gefahr der Automatisierung, die uns zunehmend zu Duplikaten machen kann, ist zugleich auch unsere Chance. Ja, es wird kopiert werden, was man kopieren kann. Aber bei Originalen klappt das eben nicht. Wissensarbeit unterscheidet sich genau in diesem Punkt von den meisten Tätigkeitsformen der Industriegesellschaft: Sie lebt davon, dass der Träger des Wissens unverwechselbare Problemlösungen anbieten kann, etwas, das auch künstliche Intelligenz nicht zu leisten vermag – und absehbar auch nicht können wird. Dazu muss man aber mal den alten aus Routinen gebauten Arbeitsbegriff loslassen, die Scheinsicherheiten, die sich damit verbinden – und, ganz ehrlich, das Allerwichtigste: die Ausreden. Denn Routine ist gemütlicher als Probleme lösen.

Für diejenigen, die das verstanden haben, ist auf dem Mond noch lange nicht Schluss. Die Wissensgesellschaft wird jede Menge sehr guter und selbstbestimmter Tätigkeitsformen hervorbringen, und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass dafür weniger Talent und Neigung nötig sein werden als zuvor – im Gegenteil. Die Angstdebatte um die digitale Automatisierung erschüttert nur die Routinierten, nicht die Talentierten. Für die gibt es sowieso keine endgültige Sicherheit. Der Mond ist eben nicht die Grenze.

Fritz Simon hat einige Vorschläge, die helfen, ein Original zu sein und nicht zum Duplikat zu werden. Der erste Rat klingt erst einmal banal: „Man muss sich mit dem, was man tut, identifizieren.“ Gut, das hat jeder schon oft gehört, aber ganz ehrlich: Wie viele Kompromisse werden dabei gemacht? Was hält man alles aus, verdrängt man auf diesem Weg? Identifizieren – das heißt im Klartext, etwas gern haben, es mögen, vielleicht sogar lieben. Das braucht vor allem Entschlossenheit. Ich finde das, was ich tue, gut. Punkt. Der zweite Rat betrifft die Freiheit zur Entscheidung. Dazu passt der Satz Peter Druckers, demzufolge ein Wissensarbeiter mehr über seine Arbeit weiß als sein Vorgesetzter. Das ist heute schon fast überall die Regel – und die Grundlage jener Originalität, die die Wissensarbeit so auszeichnet. Und schließlich gehören zur Entwicklung des Originals: Herausforderungen. „Man sagt das so leicht: Man soll jeden Tag etwas dazulernen. Aber das bedeutet auch, dass ich Sachen mache, die ich noch nie getan habe, dass ich Probleme zu lösen versuche, die ich noch nie gelöst habe“, beschreibt Simon das Loslassen von der Routine-Idee. Der Idealzustand sei erreicht, wenn man jeden Tag „bei bester Laune ein wenig überfordert ist“. Und weitermacht.

 

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